Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Lothar Schmidt Wie sich eine Uhrenfirma aus Frankfurt auf dem Luxusmarkt behauptet

Das Unternehmen von Lothar Schmidt dürfte es in der Branche eigentlich gar nicht geben. Der Eigentümer hat trotzdem ein Erfolgsmodell daraus gemacht.
1 Kommentar
Wie sich Sinn Spezialuhren auf dem Luxusmarkt behauptet Quelle: Sinn Spezialuhren GmbH
Sinn-Modell EZM 12

Das Modell wurde gerade mit einem Designpreis ausgezeichnet.

(Foto: Sinn Spezialuhren GmbH)

Frankfurt Lothar Schmidt hat ein Herz für Uhrenfreunde – sogar eines aus Vollmilchschokolade. In seiner neuen Firmenzentrale liegen die Süßigkeiten überall schälchenweise herum. Die Idee zu den rot verpackten Herzchen hat er sich woanders abgeguckt: Als es Air Berlin noch gab, fand der Unternehmer die süßen Abschiedsgeschenke der Stewardessen einfach nett. Sie versöhnten verärgerte Passagiere, wenn der Flug wieder Verspätung hatte.

Seither glaubt auch Schmidt an die segensreiche Kraft der Kohlenhydrate, wenngleich er seine Kunden gar nicht besänftigen muss.

Die sind nämlich durchaus zufrieden mit seiner Firma, Sinn Spezialuhren, was sich schon an den Preisen und Jubiläen ablesen lässt, die Schmidt aktuell feiern kann: Gerade erst bekam er den Red Dot Product Design Award für die Armbanduhr EZM 12 (Abkürzung für Einsatzzeitmesser), die sich vor allem an Luftrettungsprofis richtet.

Anfang September feiert seine „Finanzplatzuhr“, die er einst eigens für Frankfurt entwarf, ihren 20. Geburtstag. Und für Schmidt selbst jährt sich dann zum 25. Mal sein Einstieg bei Sinn.

Nicht schlecht für ein Unternehmen, das es in dieser Branche eigentlich gar nicht geben dürfte. Uhren werden nun mal vor allem in der Schweiz produziert. Und wenn sie überhaupt aus Deutschland kommen, dann doch eher aus dem Schwarzwald (Junghans) oder Glashütte, wo neben ein paar unabhängigen Marken wie Nomos und Tutima mittlerweile auch die großen Schweizer Konzerne vertreten sind – von Richemont (A. Lange & Söhne) bis zur Swatch Group (Glashütte Original, Union Glashütte). Aber hochwertige mechanische Armbanduhren aus dem Frankfurter Stadtteil Sossenheim – ohne Konzern im Rücken?

Und das ist nicht die einzige Besonderheit von Sinn Spezialuhren: Schmidt verkauft seine Zeitmesser obendrein auch noch via Direktvertrieb, der in der feinen Uhrenindustrie in etwa so beliebt ist wie Hautausschlag. Zwar kooperiert er auch mit 80 stationären Händlern, bei Schmidt „Depots“ genannt.

Aber das Gros des Geschäfts läuft in Eigenregie, ganz analog und zum Anfassen in der Zentrale in Frankfurt oder digital im eigenen Onlineshop sowie über die Uhren-Plattform Chronext. Wichtig sei Preisstabilität. Und die sei gewährleistet.

Strategie hat Sinn

Schmidt verkauft rund 14.000 Uhren jährlich zu Preisen zwischen knapp 1000 und 14950 Euro für das Spitzenmodell seiner „Frankfurter Finanzplatzuhren“ (mit drei Zeitzonen für jene Banker, die sich solche Geschäftsreisen und die Uhr dazu noch leisten können). Die Gewinne fließen konstant. Vor allem habe er noch nie ein Jahr gehabt, in dem die Firma Verluste schrieb oder einen Umsatzrückgang verzeichnete, versichert der Chef.

Die Strategie hat bei ihm buchstäblich Sinn. Das Geschäft läuft so gut, dass sich Schmidt vor knapp zwei Jahren für deutlich über zehn Millionen Euro eine völlig neue Firmenzentrale leisten konnte, die bei Bedarf auch noch um zwei Etagen aufstockbar wäre.

Im benachbarten Eschborn, wo auch die Deutsche Börse heute sitzt, wäre es sicher billiger gewesen, aber Schmidt ist als Wahlfrankfurter auch Lokalpatriot. Und die Auftragsbücher sind voll. Seine rund 120 Beschäftigten „kommen von den Kapazitäten her kaum nach“.

„Selbständig machen wollte ich mich immer.“ Quelle: Bert Bostelmann für Handelsblatt
Lothar Schmidt

„Selbständig machen wollte ich mich immer.“

(Foto: Bert Bostelmann für Handelsblatt)

Und das ist dann auch schon wieder überraschend, wenn man Schmidts Erinnerungen an die Startphase hört: „Wenn ich gewusst hätte, was mit der Selbstständigkeit alles auf mich zukommt, hätte ich den Schritt wohl nie gewagt.“ Schmidt stammt aus dem Saarland, hatte dort Werkzeugmacher gelernt und in Saarbrücken Maschinenbau studiert.

So kam er Mitte der Siebzigerjahre nach La Chaux-de-Fonds, einem jener Schweizer Bergdörfer, wo vor allem die Uhrenindustrie zu Hause ist (TAG Heuer, Ebel, Corum). Bei einem Gehäuse-Hersteller brachte er es bis zum Produktionsleiter, bevor er etliche Jahre auf wechselnden Posten bei IWC in Schaffhausen wirkte. „Selbständig machen wollte ich mich schon immer“, erzählt er, „aber eigentlich im Maschinen- oder Anlagenbau.“

Dass es dann doch die ungleich filigranere Mechanik von Armbanduhren wurde, hatte schlicht damit zu tun, dass er von einem gewissen Helmut Sinn erfuhr, der die von ihm 1961 gegründete Uhrenfirma in Frankfurt altershalber abgeben wollte. Sinn war Kampfpilot gewesen und verdiente nach dem Zweiten Weltkrieg sein erstes Geld damit, den amerikanischen Besatzern Kuckucksuhren zu verkaufen. Ein echtes „Uhr-Gestein“.

Am Anfang schlaflose Nächte

So begann dank Sinn dann Schmidts Unternehmerkarriere, und sie begann schlecht: Der damals 78-jährige Sinn machte nach dem Verkauf einfach noch mal eine neue Firma auf, die unter seinem Namen weiter Uhren verkaufte. Schmidt musste klagen, gewann, hatte aber einen neuen Gegner, der sich den Kaufpreis – anders, als ursprünglich vereinbart – auf einen Schlag auszahlen ließ. Schmidt musste Millionenschulden aufnehmen und konnte „erst nach drei Jahren wieder durchschlafen“.

Zwar baut Sinn keine eigenen Manufakturwerke, sondern kauft sich die fertigen Kaliber von den Schweizer Fachfirmen Eta und Selitta. Dafür punkten die Frankfurter mit technischen Innovationen wie einer speziellen Trockenhalte-Technik für Taucheruhren.

Sinn bietet überhaupt jede Menge technische Spielereien wie Zeitmesser aus deutschem U-Boot-Stahl, Chronografen oder Fliegeruhren, auch wenn wohl die wenigsten seiner Kunden Piloten, Feuerwehrmänner oder Kampfschwimmer sind. Andererseits: Welcher SUV-Fahrer war mit seinem Geländewagen jemals in der Natur jenseits des Golfplatzes? Eben.

„Mehr und mehr Eigenentwicklungen beispielsweise auf dem Sektor der Gehäusematerialien, der Uhrentechnologie und hilfreicher Zusatzfunktionen für bestimmte Berufsgruppen“ – das hält auch der Branchenexperte Gisbert Brunner für „den richtigen Weg“. Auf diese Weise werde Sinn dem Zusatz „Spezialuhren“ im eigenen Namen „voll und ganz gerecht“.

Der Direktvertrieb spare zudem Kosten, was „letzten Endes den Kunden zugute kommt“, findet die Uhren-Koryphäe Brunner. Und das „Made in Germany“ erleichtere vielen Uhrenliebhabern erst recht den Weg zu Sinn. „Unter diesen Vorzeichen lässt es sich trefflich in die Zukunft blicken.“

Kein Wunder, dass immer mal wieder Beteiligungsgesellschaften fragen, ob Schmidt nicht verkaufen will. Will er nicht, auch wenn die Nachfolge des umtriebigen Frankfurter „Zeit-Arbeiters“ ungewiss ist. Lothar Schmidt ist Anfang des Jahres 70 geworden. Andererseits scheint die Branche die Unternehmenslenker jung zu halten: Firmengründer Sinn wurde 101 Jahre alt. Auch ohne Schokoherzen.

Mehr: Der Chef der Luxusmarke A. Lange & Söhne spricht über neue Uhrenmodelle, Wachstum in Zeiten unwägbarer Weltpolitik und neue Kommunikationswege.

Startseite

1 Kommentar zu "Lothar Schmidt: Wie sich eine Uhrenfirma aus Frankfurt auf dem Luxusmarkt behauptet"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Leider dauern Service- und Reparaturleistungen viele Monate (bei Einsendung an die Zentrale).

Serviceangebote