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Martin Buck und Michael Marhofer Zwei Chefs, zwei Standorte: Warum das Familienunternehmen IFM doppelt arbeitet

In 50 Jahren stieg IFM mit einer Milliarde Euro Umsatz zum Weltmarktführer in der Sensorik auf. Das Unternehmen wirtschaftet vom Bodensee und vom Ruhrgebiet aus.
10.12.2019 - 04:11 Uhr Kommentieren
„Manchmal ist es ganz gut, dass wir 600 Kilometer auseinander sind.“ Quelle: IFM
Martin Buck (links) und Michael Marhofer

„Manchmal ist es ganz gut, dass wir 600 Kilometer auseinander sind.“

(Foto: IFM)

Tettnang Tettnang liegt malerisch im Bodenseegebiet. Die Obstplantagen reichen fast bis ans Firmengelände. Tradition wird bei IFM gepflegt. Das alte Brennhäusle ragt bis in den Parkplatz. Anderswo hätte es den Autos schon längst Platz machen müssen. Aber wer Rechte zum Schnapsbrennen in dieser Region hat, versucht, sie zu erhalten. Das ist Ehrensache.

Aber dann ist auch schon Schluss mit Folklore. In dem ländlichen Idyll versteckt sich ein Champion. Die Ingenieurgemeinschaft für Messtechnik gehört als IFM Electronic zu den Weltmarktführern in der induktiven Sensorik.

Aber IFM ist auch noch aus anderem Grund ein ganz spezielles, besser gesagt doppeltes Familienunternehmen. Wer einen Beweis sucht, dass sich Unternehmer-Gene doch vererben lassen, wird bei dem gerade 50 Jahre alt gewordenen Unternehmen gleich zweimal fündig. Martin Buck, 49, führt die technischen Geschäfte und Michael Marhofer, 50, die in Essen angesiedelte Zentrale mit dem Vertrieb.

„Manchmal ist es ganz gut, dass wir 600 Kilometer auseinander sind“, witzeln die beiden weder verwandt noch verschwägerten Unternehmenschefs. Beide üben in der zweiten Unternehmergeneration exakt die gleiche Funktion wie die beiden Gründerväter aus. Der eine tüftelt im Schwäbischen am Bodensee, und oben im Ruhrgebiet pflegt der andere die Kontakte zu den weltweiten Kunden.

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    Auch der Begriff Garagen-Unternehmen muss für die Unternehmensanfänge von IFM leicht umgeschrieben werden. Denn alles begann im Schlafzimmer einer Wohnung mit 80 Quadratmetern in Tettnang. Es war der einzige ruhige Ort in der beengten Wohnung, wo Elektroingenieur Robert Buck 1967 an der Entwicklung des ersten berührungslosen Endschalters tüftelte.

    Die Küche als Werkstatt musste Buck allerdings aufgeben, nachdem Gießharz beim Aushärten den Ofen verunreinigte. „Kuchenbacken, Elektronik und Gießharz passen einfach nicht zusammen“, erinnerte sich der inzwischen verstorbene Unternehmensgründer einmal an die Anfänge.

    Schlüssellieferant für Industrie 4.0

    Die Anregung zum induktiven Sensor für 220-Volt-Netzspannung hatte sein Arbeitskollege und späterer Miteigentümer Gerd Marhofer. Beide hatten sich im Elsass bei der Inbetriebnahme einer Anlage kennen gelernt. Buck gelang die Sensorentwicklung, und 1969 erfolgte die Gründung mit 21 000 D-Mark Stammkapital in Essen, wo bis heute die Zentrale sitzt.

    Fünfzig Jahre später ist die Unternehmensgruppe als internationaler Konzern mit mehr als 7 000 Mitarbeitern in 85 Ländern aktiv und einer der Schlüssellieferanten für die vernetzte Industrie 4.0. Drehzahl-, Sicherheits-, Druck-, oder Strömungssensoren von IFM sind ebenso in Molkereien, Aufzügen, Windkraftanlagen und Müllfahrzeugen im Einsatz wie in Autoproduktionsanlagen und Schiffsschleusen. In diesem Jahr ist erstmals über eine Milliarde Euro Umsatz geplant.

    „Wir können nicht nur Sensoren, sondern auch Systeme für die industrielle Automatisierung und individuelle Lösungen für spezielle Anforderungen unserer Kunden jenseits des Standards“, sagt Martin Buck. Das Unternehmen will künftig mehr Systeme statt nur einzelne Komponenten verkaufen.

    Tüfteln individuell für den Kunden gilt in der Branche als Stärke von IFM. „Wir hatten eine sehr schwierige technische Herausforderung, die nicht viele Unternehmen auf der Welt hätten lösen können“, sagt Michael Liu vom Kunden Pasco Systems, einem Automationsspezialisten aus den USA. Dafür braucht es einen erfahrenen Mitarbeiterstamm.

    Auch das ist ein Grund dafür, dass IFM mit der Entwicklung und der Produktion immer der Bodenseeregion treu blieb. Dort sind mehrere Entwicklungs- und Produktionswerke beheimatet, rund 70 Prozent der Produkte werden in Deutschland gefertigt. Weitere Werke stehen in den USA, Singapur, Polen und Rumänien.

    „Die Weltwirtschaft gerät derzeit nicht in Schwierigkeiten, weil die Nachfrage abnimmt, sondern weil politisch so viele Fehler gemacht werden und die Firmen erst mal abwarten und sich in den sicheren Hafen zurückziehen“, sagt Marhofer. Deshalb ist IFM mit seinen Planungen vorsichtig. Aber die großen Linien stimmen, da die Vernetzung der Industrie erst am Anfang steht und deshalb Sensorik immer wichtiger wird.

    Das gilt zwar nicht ausschließlich für IFM, sondern genauso für den südbadischen Konkurrenten Sick und die gesamte Branche. Keinesfalls sparen wollen die Eigentümer bei Forschung und Entwicklung. Der Mittelständler arbeitet eng mit Forschungseinrichtungen und Universitäten zusammen und hält 880 Patente. „Wir müssen den Kundenbedürfnissen nach der Industrie 4.0 nachkommen, das sichert unser Wachstum“, sagt Marhofer.

    Analoge Anfänge

    Der 50-jährige Familienvater kam 1997 ins Unternehmen, Buck erst vier Jahre später, nachdem der Ingenieur zuvor bei der Halbleitersparte von Siemens und beim Chiphersteller AMD gearbeitet hatte. „Die Welt meines Vaters waren analoge Schaltungen“, erinnert sich Buck. Das klingt in der Digitalisierung schon wie aus einer anderen Zeit. Aber Gründer Robert Buck war der Erste, der es schaffte, starre Leiterplatten auf biegsamen Filmen abzubilden, die dann gefaltet oder gerollt Elektronik auf kleinstem Raum unterbringen konnten.

    Martin Buck ist nicht so ein genialer Erfinder wie sein Vater, aber er organisiert die Innovationen und sorgt dafür, dass die besten Köpfe an den Bodensee kommen. Und da braucht es wie bei vielen Mittelständlern vor allem Softwareingenieure. Denn nur der Sprung zum Systemanbieter garantiert Wachstumsschübe in der Digitalisierung zur Industrie 4.0.

    An der Entwicklung des Kommunikationsstandards IO-Link, der die Grundlage für Industrie 4.0 bildet, war IFM bereits beteiligt. „It’s a brave new world“, sagte der damalige US-Präsident Barack Obama, als er auf der Hannover Messe 2016 zusammen mit Angela Merkel den Stand von IFM besuchte und fünf Minuten länger blieb als geplant. Ein unvergessenes Highlight in den Annalen des Unternehmens.

    Anerkennung gibt es aber auch vor Ort von Tettnangs Bürgermeister Bruno Walter. „Ohne IFM wäre Tettnang nicht das, was es heute ist“, bedankte er sich zum Firmenjubiläum bei Martin Buck als Hauptarbeitgeber der Stadt. 3500 Menschen beschäftigt IFM in der Region. Und der leidenschaftliche Segler Buck, der in diesem Jahr sogar in einer wenn auch wenig bekannten Bootsklasse Segeleuropameister wurde, wird mit Sicherheit dem See treu bleiben.

    Eine Umwandlung in eine AG wie beim Konkurrenten Sick ist jedenfalls nicht geplant. Die beiden Chefs setzen auf ihr Duopol und denken noch nicht ans Aufhören. Vielleicht „wenn wir drei Milliarden Euro Umsatz haben“. Dann könnten die beiden in zehn Jahren aufhören, denn in der Vergangenheit hat sich der Umsatz immer so alle sieben bis acht Jahre verdoppelt.

    Mehr: Wirtschaftsminister Altmaier begrüßt die Idee: Unternehmen sollen in die Hand von Mitarbeitern und Gesellschaft. Dafür hat sich die Stiftung Verantwortungseigentum gegründet.

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