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Matthias Harsch So will der Leica-Chef den Firmenumbau meistern

Der Kamerabauer hat die digitale Wende erfolgreich gemeistert. Doch nun muss der Vorstandschef umbauen, um den Anschluss zu behalten. Dabei fallen auch Stellen weg.
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Der Leica-Vorstandschef sagt: „Wir stehen vor der zweiten digitalen Revolution im Kamerageschäft.“ Quelle: Leica
Matthias Harsch

Der Leica-Vorstandschef sagt: „Wir stehen vor der zweiten digitalen Revolution im Kamerageschäft.“

(Foto: Leica)

DüsseldorfDie vergangenen beiden Monate waren unruhig für Matthias Harsch, seit September 2017 Vorstandschef von Kamerahersteller Leica. Die Traditionsmarke aus Wetzlar rückte ungeahnt in den Fokus der Weltöffentlichkeit. Nicht etwa durch die Fotoausstellung von Lenny Kravitz, die der Sänger und Leica-Fan persönlich im Mai am Stammsitz eröffnete. Auch nicht durch die stolze Summe von rund einer Million Euro, die eine „Leica MP-2 Black Paint“ aus den 1950er Jahren bei einer Versteigerung erlöste.

Vielmehr geriet der erfolgsverwöhnte hessische Mittelständler in die Mühlen der Weltpolitik. Da war zunächst der Shitstorm, ausgelöst durch den Rückruf eines verunglückten Werbefilms. Der warb mit dem legendären „Tank Man“, der sich 1989 den Panzern in Peking entgegenstellte, fälschlicherweise für Leica. Dann verlor der chinesische Partner Huawei, der Leica-Kameras in seinen Smartphones verbaut, durch die US-Sanktionspolitik seine Android-Lizenz. Das drückt die Verkäufe.

Und nun sollen auch noch bis zu 100 von mehr als 800 Stellen am Stammsitz wegfallen, wie die „Wetzlarer Neue Zeitung“ erfuhr. „Das ist kein Abbau-, sondern ein Umbauprogramm“, betont der 53-Jährige mit der markanten Hornbrille. Mit den Unsicherheiten beim Partner Huawei habe das nichts zu tun, versichert Harsch. Man müsse ohnehin erst einmal abwarten, wie sich das entwickle.

Vielmehr sei der Umbau Folge tief greifender Veränderungen im Markt: „Wir stehen vor der zweiten digitalen Revolution im Kamerageschäft.“ Leica müsse sich schnell darauf einstellen, um Innovationsführerschaft und Standort zu sichern, sagt Harsch.

Die erste digitale Revolution hatte Leica zunächst verschlafen. Digitalfotografie sei „nur ein Intermezzo“, war der damalige Leica-Chef Hanns-Peter Cohn 2004 überzeugt. Der Irrtum führte die Traditionsfirma von 1849 fast in die Pleite. Dann stieg Investor und Kamera-Enthusiast Andreas Kaufmann ein. Der Ex-Waldorf-Lehrer führte Leica zurück auf die Erfolgsspur, indem er geschickt Tradition, Marke und Digitales verband.

Huawei ist wichtiger Partner

Kaufmann scheute nicht die Liaison der Premiummarke mit dem disruptiven Rivalen Smartphone. Allein in Deutschland haben sich die Verkäufe von Digitalkameras seit 2014 auf 2,3 Millionen Stück halbiert, so der Photoindustrie-Verband (PIV). Leica reüssierte in der Premiumnische und als Ausrüster von Handys.

„Leica ist eine bemerkenswerte Erfolgsgeschichte“, meint Harsch. 2008 lag der Umsatz bei 100 Millionen Euro, heute beträgt er mehr als 400 Millionen. „Nun aber steht Leica vor ähnlichen Herausforderungen wie beim Aufkommen der Digitalkameras.“ Die Zukunft liegt laut Harsch in der Optimierung der Bilder durch Algorithmen, genannt Computational Imaging. „Künstliche Intelligenz ist definitiv ein sehr heißes Thema, welches die Branche lange begleiten und beeinflussen wird“, meint auch der PIV.

Leica habe laut Harsch in den vier Jahren Zusammenarbeit mit Huawei – die technisch wie finanziell erfolgreich sei – schon viel gelernt. Das Smartphone Huawei P30 etwa ist mit vier Leica-Kameras bestückt, eine Software errechnet das ideale Bild.

„Diese Erfahrungen lassen sich für die Weiterentwicklung unserer klassischen Kameras nutzen“, sagt Harsch. Künftig werde es etwa nicht nur einen, sondern mehrere Sensoren an klassischen Objektiven geben, um Bilder zu optimieren. „Man muss heute kein Profi mehr sein, um gute Fotos zu machen“, sagt Harsch, der selbst gern mit der „Leica Q“ Porträtfotos macht. Er vergleicht das mit dem Porsche 911: Den Sportwagen beherrschten in den 70ern nur versierte Fahrer, dank der Assistenzsysteme heute jeder Durchschnittsfahrer.

Vorbild ist für ihn Apple. Die Amerikaner haben ein Ökosystem um ihre Geräte gebaut von iClouds über Apple Music bis Apple Pay. „Leica will das digitale Ökosystem der Fotografie prägen“, meint Harsch. Software und Services würden wichtiger. Der Schritt vom optomechanischen zum optodigitalen Unternehmen erfordere neue Kompetenzen. Neben dem Abbau von 100 der global rund 1 200 Stellen will Leica bis zu 40 Digitalexperten einstellen. Ein zweistelliger Millionenbetrag wird investiert.

Der Umbau werde auch von Anteilseigner Blackstone voll mitgetragen. Der US-Investor hält seit 2012 rund 45 Prozent an Leica und will seit 2017 eigentlich verkaufen. Aufsichtsratschef Kaufmann schloss auch einen erneuten Börsengang nicht aus. Bei der jetzigen Konstellation soll es aber vorerst bleiben. In Zeiten des Umbruchs lässt sich ohnehin kein guter Preis erzielen.

Neue Impulse durch eine Leica-Uhr

Milan Huhn von der IG Metall Mittelhessen hat Verständnis, dass sich Leica neu ausrichtet, wenn sich der Markt wandelt: „Wir fürchten aber, dass Arbeitsplätze unter dem Deckmantel der Digitalisierung gestrichen werden, um den Profit zu maximieren.“ Einen Stellenabbau in der Höhe sei nicht nachvollziehbar, Leica arbeite ja profitabel. Der Gewinn lag im Geschäftsjahr 2018 zwischen 30 und 40 Millionen Euro. Die Zeiten, in denen es für Leica rasant aufwärtsging, sind aber vorbei. „Die Innovationszyklen werden gefühlt immer kürzer“, sagt Harsch.

Der Gewerkschafter beschreibt den Leica-Chef – der siebte seit dem Einstieg von Kaufmann – als zupackenden Typ, der Entscheidungen auch gegen Widerstände umsetzt. Er habe einen Ruf als kompetenter Manager, der aber stark auf Zahlen schaue, sagt er. Die strategischen Weichen stelle weiter Andreas Kaufmann.

Mit Firmen im disruptiven Umfeld hat Harsch Erfahrung. Der Diplomkaufmann, der fast zehn Jahre Waagenspezialist Bizerba leitete, nennt sich auf LinkedIn „CEO mit Restrukturierungsexpertise“. Bis Februar 2015 war er Chef des angeschlagenen Fernsehgerätebauers Loewe. In der Zeit ging Loewe erstmals in die Insolvenz, fand aber einen Investor. Als Chef von Loewe baute Harsch, den Wegbegleiter als „ganzheitlich denkend und gut vernetzt“ beschreiben, enge Kontakte nach China auf.

Das Reich der Mitte ist auch für Leicas Zukunft entscheidend. Ein Drittel des Geschäfts kommt bereits aus Asien. Umso unangenehmer war für Leica der Werbefilm mit dem „Tank Man“. „Das Video einer brasilianischen Agentur war unautorisiert und wurde ohne unsere Kenntnis veröffentlicht“, sagt Harsch.

In den sozialen Medien wurde Leica für den Rückzug des Films hart kritisiert. „Das löste einen erheblichen Shitstorm aus“, erzählt Harsch. Viele warfen Leica einen Kotau vor Chinas Regime vor. Das berühmte Foto wurde jedoch damals gar nicht mit einer Leica gemacht, so Harsch, sondern mit einer Nikon. Der Film wurde von den Produzenten zurückgezogen.

Leica ist seit 1936 in Schanghai vertreten. In China haben die Wetzlarer fünf eigene Läden, geplant waren 20 bis 30. Weltweit hat Leica mehr als 100 eigene Geschäfte. Denn der Fotofachhandel schrumpft mit dem Markt für klassische Kameras. „Die Lücke füllen wir mit Leica Stores, um weiter optimalen Service zu bieten“, sagt Harsch. „In absehbarer Zeit“ gibt es dort auch die erste Leica-Uhr. Die mechanische „L1“, die Harsch bereits probeträgt, war eigentlich schon im Herbst erwartet worden.

Auch ein eigenes „Leica Phone“, von dem Leica-Aufsichtsratschef Kaufmann schon länger träumt, ist laut Harsch denkbar. „Die Kamerafunktion mit Smartphones ist ein Kerngeschäft unserer Zukunft“, sagt der Leica-Chef. Gerade die jüngere Generation entdecke das Fotografieren über das Handy und wechsele dann leichter zu höherwertigen Systemkameras. Wenn die Kunden schon mit der Marke Leica vertraut seien, schaffe das Bindung, sagt Harsch. „Schließlich haben die Menschen dank ihrer Smartphones noch nie so viel fotografiert wie heute.“

Mehr: Leica betreibt meinungsstarke Werbung – das geht nicht immer gut. Was Unternehmen zu beachten haben, lesen Sie hier.

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