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Medizintechnik-Hersteller Drägerwerk nutzt die Coronakrise für den finanziellen Befreiungsschlag

Die Corona-Pandemie beschert der Medizintechnikfirma Dräger einen Auftragsboom. Unternehmenschef Stefan Dräger sieht große Chancen für neue Geschäftsideen.
07.05.2020 - 19:41 Uhr Kommentieren
Der Chef des Medizintechnikherstellers Drägerwerk ist in der Coronakrise ein gefragter Mann. Quelle: Drägerwerk
Stefan Dräger

Der Chef des Medizintechnikherstellers Drägerwerk ist in der Coronakrise ein gefragter Mann.

(Foto: Drägerwerk)

Düssledorf, Frankfurt Stefan Dräger kriegt in diesen Tagen viele Anrufe, doch einer war dann schon besonders. Es war Samstag, er kochte gerade mit seinen Töchtern, als sein Handy klingelte. Am anderen Ende der Leitung war Willem-Alexander, König der Niederlande. Sie diskutierten länger über die Situation im Nachbarland in der Coronakrise, aber der Ingenieur konnte dem König nicht in dem Maße helfen, wie er gern gewollt hätte. Er kennt das. Leider.

Denn es geht in den meisten Gesprächen um die größte Herausforderung in dieser Pandemie: den Nachschub mit dringend benötigter medizinischer Ausrüstung. Für viele Staatsoberhäupter, Politiker und Klinikchefs war Stefan Dräger, Vorstandsvorsitzender und Hauptgesellschafter der gleichnamigen Medizintechnikfirma in den vergangenen Wochen so etwas wie die letzte Hoffnung.

Sie riefen ihn persönlich an, wenn sie schnell Beatmungsgeräte und Atemschutzmasken brauchten. Er selbst fühlt sich nicht als Retter in der Not, sondern eher als „Diener des Landes, der mithilft zu organisieren, dass den Menschen geholfen wird“, sagt der 57-Jährige.

Den Boom an Aufträgen, den die Verbreitung des neuen Coronavirus dem Lübecker Familienunternehmen beschert hat, kann die Drägerwerk AG & Co. KGaA nach einem schwierigen Jahr 2019 gut gebrauchen. Stefan Dräger bleibt trotzdem bescheiden, schlägt nachdenkliche Töne an, wenn er die aktuelle Lage beschreibt.

„Es wird geschätzt, was wir tun. Das macht mich stolz – und alle Mitarbeiter“, sagt er. Von Kollegen in der Produktion hat er erfahren, dass sie in diesen Tagen in der Schlange beim Bäcker gern vorgelassen werden, weil sie wichtig seien. „Wir tun einfach nur unsere Pflicht“, sagt Stefan Dräger dazu.

Die Coronakrise schärft das Selbstverständnis bei Dräger. „Sie hat gezeigt, dass wir wichtige Arbeit leisten und dass wir für Verlässlichkeit und Beständigkeit stehen“, sagt der Firmenchef. Er sei zuversichtlich, dass die Gesellschaft nach dieser Krise „eine höhere Wertschätzung für ein funktionierendes Gesundheitswesen, die Unternehmen der Branche und deren Mitarbeiter haben wird.“

Der Ingenieur steht seit bald 15 Jahren und in fünfter Generation an der Spitze des börsennotierten Unternehmens, das er über das Konstrukt einer Kommanditgesellschaft auf Aktien kontrolliert. Die mehr als 130 Jahre alte Firma mit zuletzt 2,78 Milliarden Umsatz baut Beatmungstechnik und Überwachungssysteme für Kliniken, aber auch für Feuerwehr und Industriebetriebe.

Seit 2017 sinken die Gewinne wieder, nachdem schon 2016 ein Sparprogramm aufgelegt werden musste. Vergangenen August kündigte Stefan Dräger an, dass zur Sicherung der Liquidität die Personalkosten gesenkt werden müssten. In Verhandlungen mit Betriebsrat und Gewerkschaften wurde dann ein Kompromiss gefunden: Bis Ende Juni 2023 verzichten die Beschäftigten auf Tariferhöhungen, das Unternehmen dafür auf betriebsbedingte Kündigungen.

„Stefan Dräger entspricht nicht dem Klischee eines Managers, der einen weltumspannenden Konzern nach Gutsherrenart führt. Es gibt sicher Firmenlenker, die in der Situation im vergangenen Jahr, als die Liquidität knapp wurde, kurzfristig und radikal Personal entlassen hätten“, sagt Thomas Schießle, Geschäftsführer der Researchfirma Equits, der das Unternehmen seit Jahren kennt.

Betrüger wollen guten Ruf ausnutzen

„Aus Aktionärssicht ist er vielleicht nicht konsequent genug an das Kostenthema herangegangen. Aber da ihm und der Familie das Unternehmen gehört und er letztlich die Entscheidungen trifft, kann er sich so ein Vorgehen leisten“, sagt Schießle weiter.

Im Nachhinein war es wohl eine gute Entscheidung, kein Personal abzubauen, denn jetzt wird bei Dräger jeder Mitarbeiter gebraucht – und sogar neue gesucht. Die Vereinbarung aus dem vergangenen Jahr ist erst einmal bis zum Jahresende ausgesetzt.

Vor allem die Produktion von Atemschutzmasken und Beatmungsgeräten läuft auf Hochtouren. Am Standort Lübeck etwa werden mittlerweile im Schichtbetrieb Beatmungsgeräte gebaut, die Produktionsmenge soll in diesem Jahr vervierfacht werden. Und doch kann das Unternehmen den Bedarf nicht decken.

„Ich verspreche meinen Kunden nur das, was ich auch halten kann“, sagt Dräger – ganz hanseatischer Kaufmann. „Auch wenn das in der jetzigen Situation natürlich dazu führt, dass ich vielen Anrufern nur eine geringere Menge an Geräten anbieten kann, als sie benötigen.“

Ein Auftragsplus von 117 Prozent hat die Coronakrise dem Unternehmen in den ersten drei Monaten beschert, darunter einen Auftrag über 10.000 Beatmungsgeräte für die Bundesregierung. Die Abarbeitung der Order wird Monate dauern. „Bei den Intensivbeatmungsgeräten sind wir bis auf ein Jahr ausgebucht“, beschreibt Dräger die aktuelle Lage.

„Das führt dazu, dass jetzt mancher nicht mehr bestellt. Aber der Bedarf ist noch lange nicht gedeckt“, sagt er. Zumal Dräger in Deutschland eine zweite Infektionswelle im Herbst für gut möglich hält.

Die hohe Nachfrage an Medizintechnik hat mittlerweile sogar zahlreiche Kriminelle auf den Plan gerufen. „Es gibt Betrüger, die über eine unechte Draeger-E-Mail-Adresse versuchen, Geräte von minderer Qualität aus irgendwelchen Beständen unter unserem Namen zu verkaufen. Das schadet vor allem dem Käufer, aber indirekt auch uns, weil unser Ruf beschädigt wird“, erzählt der Firmenchef.

Die Fälle würden sich mittlerweile auf eine hohe zweistellige Zahl summieren, viele davon seien schon bei der Staatsanwaltschaft oder dem FBI angekommen. Die Weltgesundheitsorganisation etwa konnte Dräger in letzter Minute davor bewahren, bei einem ägyptischen Zwischenhändler ohne Lizenz Beatmungsgeräte, die in den Iran gehen, zu kaufen. Dräger vermittelte die WHO zum autorisierten Händler.

Auch wenn die Aussichten für das Unternehmen viel besser sind als noch zu Jahresbeginn, hätte eine Rezession auch für Dräger negative Folgen. „Etwa, wenn die Ölindustrie weniger fördert, zu niedrigerem Preis, denn dahin liefern wir Ausrüstung für die Sicherheit auf Bohrinseln. Oder auch allgemein: wenn die Volkswirtschaften in aller Welt leiden, weil das Konsumverhalten leidet und überall weniger Geld in den Gesundheitssystemen für die Ausrüstung zur Verfügung steht, sagt der Firmenchef.

Eine Gefahr sei auch, wenn Lieferketten reißen. „Beispielsweise wenn es eine zweite Infektionswelle gäbe, die dann nationale Alleingänge oder Exportbeschränkungen auslöst“, sagt er. Aktuell gäbe es einen Fall in China, dort würden Zulieferprodukte nicht an Dräger ausgeliefert. Grund sei eine Verfügung der chinesischen Regierung, dass Medizingüter nicht mehr exportiert werden dürften.

„Die gilt aber nur für Produkte mit chinesischer Zulassung, die unsere Produkte gar nicht haben, weil sie für den Export bestimmt sind.“ Mittlerweile sind einige deutsche Ministerien involviert, was Dräger sehr schätzt. „Da muss ich schon sagen: Das ist echt große Klasse, wie die vielen Beteiligten selbst abends und am Wochenende mithelfen, das Problem zu lösen.“

Atemschutzmasken im Abo

Die Coronakrise bietet nach Ansicht von Dräger aber auch viele Chancen für neue Geschäftsideen. Für sein Unternehmen etwa kann er sich vorstellen, das bestehende Ortungssystem für Medizingeräte herstellerübergreifend auszubauen. Das System ermittelt, wo welche Geräte im Einsatz sind. „Gerade in dem Durcheinander einer Krisensituation wäre es für Anbieter oder auch Behörden sehr hilfreich, wenn sie sehen könnten, wo es etwa nicht genutzte Geräte gibt“, sagt Dräger.

Auch ein Abomodell für Atemschutzmasken etwa für Pflegeheime kann er sich vorstellen; ebenso wie ein Serviceangebot für Staaten, die sich einen Vorrat anlegen wollen. „Da die Masken ein Verfallsdatum haben, riskiert man, dass sie irgendwann nicht mehr nutzbar sind. Wir könnten eine Lösung anbieten, die sicherstellt, dass die Bestände so gemanagt werden, dass im Bedarfsfall immer gebrauchsfähige Masken vorhanden sind“, sagt Dräger.

Eine Möglichkeit, die das Unternehmen durch die Coronakrise bekommen hat, hat Stefan Dräger bereits genutzt. In Aussicht auf deutlich bessere Geschäfte hat er im März und April alle ausstehenden Genussscheine des Unternehmens gekündigt, was Dräger knapp 500 Millionen Euro kostet. Die Genussscheine waren in den 80er- und 90er-Jahren ausgegeben worden, um dem Unternehmen mehr Finanzierungsspielraum zu geben.

Mit der Einführung des neuen Bilanzierungsstandards IFRS verloren die Genussscheine ihre Bedeutung als Eigenkapitalinstrument. Was blieb, waren hohe Dividendenzahlungen an die Genussschein-Inhaber, die Jahr für Jahr rund 40 Prozent der Ausschüttungssumme bekamen.

Auch die Arbeitnehmer und Gewerkschaftsvertreter im Aufsichtsrat haben dieser Entscheidung zugestimmt. Das sei ihm persönlich sehr wichtig gewesen, sagt Dräger mit Verweis auf die Lohnvereinbarung des vergangenen Jahres.

„Es ist uns als Familienunternehmen bis heute immer gelungen, einerseits unser Wachstum zu finanzieren und auf der anderen Seite nicht die Kontrolle abzugeben“, sagt der Firmenchef: „Der eigentliche Wert der Kündigung der Genussscheine ist, dass die Aktie nun attraktiver für Investoren ist und wir die zukünftigen Finanzierungsmöglichkeiten des Unternehmens verbessern.“

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