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Michael Fäßler Warum ein bayerischer Top-Hotelier nach 40 Jahren die CSU verlässt

Der Eigentümer des Luxus-Resorts Sonnenalp wirft der Politik Chaos und Planlosigkeit vor. Im Kampf gegen Corona erlebt er seine Branche als „Bauernopfer“. Die Anatomie eines Protests.
13.12.2020 - 09:19 Uhr 1 Kommentar
Jährlich kommen rund 20.000 Gäste in das Luxushotel. Quelle: PR
Winterliche Sonnenalp

Jährlich kommen rund 20.000 Gäste in das Luxushotel.

(Foto: PR)

Düsseldorf Normalerweise ist jetzt Hauptsaison für die Allgäuer Hotelier-Familie von Michael Fäßler und ihre Sonnenalp: volles Haus, Wintersportler, internationaler Weltcup-Skizirkus. Zwischen Weihnachten und dem Dreikönigstag füllen dann auch noch Kindergeschrei und vermögende Großfamilien das vielleicht schönste und luxuriöseste Familienhotel Deutschlands.

Das größte privat geführte Resort der Republik glänzt mit Sterne-Restaurant, riesigen Spa-Bereichen, Pools und Sauna-Landschaften, Tennishalle und eigenem Golfplatz. Flirrende Geschäftigkeit für jährlich rund 20.000 Gäste, die in normalen Zeiten durchschnittlich sechs Nächte bleiben. Aber was ist schon normal in Corona-Zeiten?

Jetzt steht Fäßler morgens mit seiner Frau Anna-Maria auf, „und schon zum Frühstück gibt es Verluste in fünfstelliger Höhe“. Die vielfach prämierte Sonnenalp ist ein „Geisterschloss“ geworden, sagt Fäßler selbst. 2019 lag der Umsatz noch bei 40 Millionen Euro. Dieses Jahr sind schon bis zum zweiten Lockdown im November zwölf Millionen Euro Umsatzverluste aufgelaufen.

Seither geht es weiter bergab. Ob von dieser Wintersaison überhaupt was bleiben wird, wissen sie hier ebenso wenig wie in Garmisch oder im Harz, in Österreich oder der Schweiz.

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    Normalerweise kümmert sich Fäßler in dieser Zeit um seine dicht bevölkerten Speisesäle, inspiziert die Büfetts, begrüßt und verabschiedet Stammgäste, die 80 Prozent des Geschäfts ausmachen. In den vergangenen Wochen stand er da ganz allein mit seiner Frau. Beide hatten Tränen in den Augen.

    „Es ist jeden Tag ein Seelenschmerz für uns“, sagt er. Denn jetzt teilt er nur noch seine verbliebenen Azubis und ein paar altgediente Profis ein, die den Stillstand verwalten und das weitläufige Hotel-Areal sichern und bewachen. Allenfalls schlägt sich der Chef mal mit einem Sachverständigen herum, weil in einem der leeren Zimmer eine Wasserleitung geplatzt ist. Ein Ferienresort in der Größe der Sonnenalp ist im Alltagsbetrieb einfacher zu verwalten als im Leerlauf.

    „Maßstäbe und Verhältnismäßigkeit stimmen nicht mehr“

    Der Grund seiner immensen Sorgen ist für Fäßler schnell ausgemacht: Es ist weniger Corona selbst als das Chaos, mit dem die Politik dem Virus Paroli bieten will. Der Unternehmer ist so empört, so erschüttert in den Grundfesten seines demokratischen Fundaments, dass er vor wenigen Wochen zu ungewöhnlichen Protestmitteln griff: Nach 40 Jahren trat der Oberallgäuer Bundesverdienstkreuzträger aus seiner Partei, der CSU, aus und gab auch sein Amt als Kreistagsmitglied auf.

    „Was wir in München oder Berlin erleben, ist kein Krisenmanagement, sondern ein Durcheinander mit sich laufend widersprechenden Maßnahmen. Das war’s für mich mit der Politik“, sagt der 62-Jährige. „Ich bin der CSU mal beigetreten, weil sie sich für die Wirtschaft eingesetzt hat und Verständnis für die Basis mitbrachte. Wir Hoteliers und Gastronomen waren immer Teil der Lösung, nicht des Problems. Und dann werden wir auf einmal für die Versäumnisse anderer abgestraft.“

    Was ihm außerdem „wahnsinnig“ wehtut: „Dass nur noch Corona-Kranke zählen. Als gäbe es keine anderen schweren Erkrankungen mehr. Ganz abgesehen von all den psychischen Folgeschäden und den Leuten, die schon jetzt vor den Trümmern ihrer Existenz stehen.“ Fäßlers Fazit: „Da stimmen Maßstäbe und Verhältnismäßigkeit nicht mehr.“

    Doch mit seinem Abschied aus der CSU begann es erst. Denn seither erreichten ihn Hunderte von Mails von Bürgern mit weiteren Austrittsankündigungen. Von Unions-Politikern, die ihn entweder zurückholen oder ihm ein gewisses Verständnis für seinen Protest beichten wollten. Von Branchenkollegen, die ihm dankten. Und von Stammgästen, die sogar Unterstützungsangebote unterbreiteten.

    „Es ist jeden Tag ein Seelenschmerz für uns.“ Quelle: PR
    Anna-Maria und Michael Fäßler

    „Es ist jeden Tag ein Seelenschmerz für uns.“

    (Foto: PR)

    Fäßler ist auch der Schritt des Dorint-Chefs Dirk Iserlohe bekannt, der beim Bundesverfassungsgericht Klage eingereicht hat, weil er die November-Hilfen für unausgegoren hält. Im Fall Sonnenalp stehen den herben Einbußen seit März keinerlei Hilfen entgegen. Nur zwei kleine Tochtergesellschaften haben vom Staat insgesamt 50.000 Euro erhalten, sagt Fäßler.

    „Wenn nun große Hoteliers Millionen verlieren und im Gegenzug eine Abschlagszahlung von 10.000 Euro bekommen, dann ist das ein Witz“, flankiert der Branchenkenner und Hotelier Carsten K. Rath. „Wir mögen als Branche keine Lobby haben wie die Autoindustrie, wir mögen nicht systemrelevant sein, aber am Ende der Pandemie wird man feststellen, wie sozial relevant wir waren. Möglicherweise ist es dann aber zu spät.“

    Der Ärger staut sich auf

    Fäßler ist keiner, der im Zorn zu Kurzschlüssen neigt. Wer ihn in seiner Sonnenalp erlebt, trifft einen ruhigen, besonnenen Unternehmer, der als vierte Generation der Familie früh wusste, dass er mal in den Betrieb einsteigen würde. Schon seine Schulferien verbrachte er mit Kellnerjobs in Irland und sogar auf den Bermudas.

    Nach dem Wirtschaftsabitur ging er nach Paris, auch um Französisch zu lernen für die anschließende Ausbildung an der renommierten Hotelfachschule in Lausanne. Es folgten Aufenthalte zwischen Saudi-Arabien und den USA, wo sein Bruder heute in Colorado ebenfalls ein großes Hotel führt. 1984 kehrte er ins Allgäu zurück, zwölf Jahre später übernahm er eigenverantwortlich die Sonnenalp.

    Allein in den vergangenen zehn Jahren hat Michael Fäßler gemeinsam mit seiner Frau Anna-Maria 30 Millionen Euro investiert. Auf dem Hotelareal entstand ein völlig neuer Wellnesspark; die gesamte Fassade, alle Zimmer und Restaurants wurden modernisiert. Im vergangenen Jahr feierten sie hier in Ofterschwang bei Sonthofen den 100. Geburtstag der Sonnenalp.

    Fäßlers Ärger hat sich langsam aufgebaut, seit der erste Lockdown das Land lahmlegte und die Anlage zum ersten Mal und für drei Monate schließen musste. Schon im Frühjahr machte er sich darüber Gedanken, wie die Politik mit dem Virus umging.

    „Es wurde von Anfang an nicht diskutiert, sondern durchregiert“, sagt er. „Abwägende Meinungen oder andere Strategie-Empfehlungen wurden verlacht oder ignoriert. Man hat uns auch als Branche gar nicht zuhören wollen, sondern stur Dinge durchgesetzt, die sich im Nachhinein vielfach als zumindest fragwürdig herausstellten.“

    In der Sonnenalp ist bislang kein einziger Corona-Fall aufgetreten, weder bei den Gästen noch in der Belegschaft. Fäßlers Sohn Jakob wurde mittlerweile geschult, selber Antigentests zur Sicherheit der Mitarbeiter durchzuführen. Vom maßgeschneiderten Hygienekonzept ganz abgesehen.

    Optimismus und Mut vermisst

    Was ihn erst irritierte, dann verstörte: „Da wird selbst in Grundrechte eingegriffen. Da wird die Gewaltenteilung ausgehebelt. Und während die Gastronomie sich den ganzen Sommer über vorbereitet hat, geschah in der Politik kaum etwas, was man Langfriststrategie nennen könnte“, klagt Fäßler, der sich und seine Branche als „völlig sinnloses Bauernopfer“ empfindet.

    Er versteht es einfach nicht mehr: das dichte Gedrängel in den Einkaufsstraßen, weil der Handel zumindest bislang offen bleiben durfte. Und Hotels wie sein Fünf-Sterne-Traum werden zum Wachkoma verdammt. „Es ist grotesk“, mahnt er. „Die vielen gegenläufigen Ansagen versteht doch niemand mehr.“

    Unternehmer wie er hätten gar keine Zeit für angemessene Reaktionen bekommen oder gar eine Perspektive, wie es nach dem Lockdown weitergehen soll. Die erste Wiedereröffnung im Sommer sei noch schwieriger gewesen als der Stillstand selbst, „denn auch bei uns waren ja alle Lieferketten unterbrochen“.

    Noch hat er niemandem seiner rund 700 Beschäftigten kündigen müssen. Noch hilft das Instrument der Kurzarbeit. Aber seine Leute hätten ja auch ihre finanziellen Verpflichtungen und Familien zu ernähren. Und dann liest er in der Zeitung, dass Mitarbeiter von Bundestagsabgeordneten für Jobs, die nicht existenz- oder risikobehaftet sind, neuerdings Corona-Prämien bekommen.

    Fäßler fehlt es nicht nur da an Verständnis. Er vermisst überall im Land mittlerweile auch an jenem Optimismus und Mut, der eine Gesellschaft erst stark macht: „Das ganze Volk wurde inzwischen derart in Angst und Schrecken versetzt, als gäbe es nichts anderes mehr als Corona.“

    Da ist der CSU-Renegat auch mit seinem Landesvater Markus Söder im Zwiespalt: „Er ist rhetorisch geschickt, und es zählt nur seine Sichtweise.“ Wer gut regieren will, müsse aber „auch etwas Risiken eingehen, indem er in seine Bürger hineinhört und sich in die Sorgen und Nöte einfühlt“.

    Wirtschaft, Bürgerinteressen, Gesundheitssystem - das müsste natürlich alles zusammenpassen. „Zurzeit ist das aber aus dem Gleichgewicht geraten“, auch wenn er selbst manchmal zweifle, ob nun er falschliegt oder die anderen. Aber dann muss er sich nur seine Zahlen, sein Hotel oder die Mails anschauen, die er täglich bekommt, dann fühlt er sich zumindest nicht mehr so allein.

    An Heiligabend mag Fäßler derzeit noch nicht denken. Mit seiner Frau und den beiden Kindern will er selber was kochen, aber sicher nicht im Hotel. Das würde keiner von ihnen aushalten: „Ich habe noch nie in meinem Leben ein Weihnachten ohne Gäste erlebt. Das müssen wir also erst mal üben.“

    Mehr: Handel befürchtet Milliardenverluste durch Lockdown – Bund verspricht Hilfe.

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    1 Kommentar zu "Michael Fäßler : Warum ein bayerischer Top-Hotelier nach 40 Jahren die CSU verlässt"

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    • Dieser Artikel trifft des Pudels Kern. Sehr gut.

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