Nach dem Ende von Allkauf Wie aus dem Unternehmer Eugen Viehof ein Kunstsammler wurde

Seit dem Ende des Einzelhändlers Allkauf sammelt die Unternehmerfamilie Viehof leidenschaftlich Kunst. Ihre Sammlung hat eine bewegende Geschichte.
Kommentieren
Der frühere Unternehmer und seine zwei Brüder sind erst spät an die Kunst herangeführt worden. Quelle: Rudolf Wichert für Handelsblatt
Eugen Viehof

Der frühere Unternehmer und seine zwei Brüder sind erst spät an die Kunst herangeführt worden.

(Foto: Rudolf Wichert für Handelsblatt)

NeussNeulich wäre beinahe ein Kunstwerk aus der Sammlung von Eugen Viehof explodiert. Es ist heiß in Neuss. Viehof, 69, graublaues Jackett, passendes Hemd, steht im Frühsommerlicht in der Langen Foundation, einem filigranen Glasbau in der niederrheinischen Ackerlandschaft, der ein wenig so aussieht als hätte man eine Raumstation zum Schweigekloster umfunktioniert. Viehof präsentiert hier in der Ausstellung „Polyphon“ Kunst, die er mit seinen Brüdern gesammelt hat.

In dem Glasbau, der den Betonriegel der puristischen Museumsarchitektur umgibt, schaukeln bunte Heliumballons an Getränkedosen vor sich hin. „Untitled 1994“ heißt die Installation der niederländischen Künstlerin Marijke van Warmerdam. Es ist eins von Viehofs Lieblingsstücken.

Doch zusammen mit der Sonne wirkten die Räume in den vergangenen Tagen wie ein Brennglas. Die Dosen am Fuße der fragilen Installation drohten in der Hitze zu zerbersten. „Die sahen wirklich bombastisch aus“, sagt Viehof, der die Behälter kurzerhand austauschen ließ.

Viehof ist alles andere als ein typischer Sammler. Er und seine zwei Brüder – sein dritter Bruder Bernd ist 2016 verstorben – sind erst spät an die Kunst herangeführt worden. Eugen Viehof ist ihr Sprecher. „Meine Brüder haben irgendwann einmal entschieden, dass ich das am besten kann“, sagt er.

Interviews gibt er trotzdem selten. Für die Kunst macht er in letzter Zeit aber immer wieder Ausnahmen. „Eine Sammlung soll öffentlich sein“, sagt Viehof. „Sonst könnten wir die Kunst ja auch nur lagern.“

Die Sammlung Viehof blickt auf eine bewegte Geschichte zurück. Es geht um das Ende eines großen Familienunternehmens, um Vertrauen, das im Gegensatz zur Kunst nicht nur fast, sondern tatsächlich zerstört wurde. Und um einen Betrugsfall, der die ganze Republik – und die Viehofs beschäftigte. Lange Zeit verband man mit dem Namen Viehof vor allem ein Unternehmen: Allkauf.

Etwa 100 SB-Warenhäuser, die meisten davon in Nordrhein-Westfalen und im Osten Deutschlands, dazu noch Reisebüros, Fotofachgeschäfte und eine Fertighaus-Firma – so sah jahrelang der unternehmerische Alltag der Viehof-Brüder und ihres Vaters aus, der Allkauf einst aufgebaut hatte. 1998 kam für das Familienunternehmen aus Mönchengladbach dann der Schnitt: Die Viehofs verkauften an den Metro-Konzern. Zu mickrig waren schon damals die Margen im Lebensmitteleinzelhandel, zu mächtig die Konkurrenz.

Kurz vor dem Metro-Deal hatte sich der große US-Konkurrent Walmart den deutschen Allkauf-Konkurrenten Wertkauf einverleibt. Um nicht der nächste Übernahmekandidat zu sein, entschied der Senior damals mit seinen Söhnen, die Firma zu verkaufen. „Man muss seine Grenzen kennen“, sagt Viehof heute rückblickend.

Bruder Michael, seinerzeit geschäftsführender Gesellschafter bei Allkauf, zitterte die Stimme, als er vor die Belegschaft trat, um persönlich zu verkünden, dass Allkauf verkauft wird. „Natürlich war das eine Zäsur. Die habe ich genauso emotional erlebt, wie der Rest der Familie auch“, erinnert sich Eugen Viehof.

Bei allem Schmerz: Der Verkauf hat die ohnehin wohlhabende Familie vom Niederrhein reich gemacht. Das US-Magazin „Forbes“ hat ihr Vermögen vor gut zehn Jahren einmal auf mehr als zwei Milliarden US-Dollar geschätzt, jüngere Rankings gehen von rund 750 Millionen Euro aus.

Trotzdem trägt Viehof keine Attitüde vor sich her, wie manch anderer Kunstsammler. Man kann ihn sich schwer vorstellen bei glamourösem Champagner-Gedrängel mit Hollywood-Stars auf den VIP-Previews der Art Basel oder bei elitären Vernissagen der Galerie-Giganten. Das Auffälligste an Eugen Viehof ist, dass es kaum Auffälligkeiten an ihm gibt.

Gründung der Sammlung „Rheingold“

In den ersten Jahren nach dem Verkauf waren die Viehofs auf der Suche nach neuen Anlagemöglichkeiten. Zusammen mit dem Kunstberater Helge Achenbach planten sie zunächst ein Immobilienprojekt in Düsseldorf, aus dem nichts wurde. 2002 gründete die Familie zusammen mit Achenbach und der Unternehmerin Hedda im Brahm-Droege die Sammlung „Rheingold“.

Von Beginn an konzentrierte sich die Sammlung auf Künstlerinnen und Künstler, die einen Bezug zum Rheinland haben. Mit der intensiven Beschäftigung mit der Kunst wuchs bei den Neu-Sammlern Viehof zunehmend die Begeisterung. 2008 etwa kauften die vier Brüder – unabhängig von Rheingold — einen Großteil der bekannten Sammlung des Kölner Arztes und Marcel-Proust-Experten Reiner Speck, die heute noch immer Teil der Sammlung Viehof ist.

Was nach einem Best-Practice-Modell für kluges Mäzenatentum und regionaler Verwurzelung klingt, endete 2014 im Desaster. In dieser Zeit flog auf, dass Helge Achenbach Rechnungen für Kunstwerke fingierte, um sie teurer an seine Klienten zu verkaufen.

Neben den Viehofs und Rheingold waren auch die Aldi-Erben von dem Betrug betroffen. Der Fall machte Schlagzeilen, am Ende wurde Achenbach zu sechs Jahren Haft verurteilt, vor Kurzem ist er vorzeitig aus der Haft entlassen worden.

Die Viehofs und im Brahm-Droege zogen sich damals zurück, Rheingold wurde in sechs gleiche Teile aufgeteilt – ein Teil bleib bei Achenbach und wurde versteigert, ein anderer ging an im Brahm-Droege und ihren Mann. Vier Anteile gingen an die damals noch vier Brüder. Seither firmiert das Konvolut unter dem Namen „Sammlung Viehof“.

„Das Kapitel ist für mich abgehakt“, sagt Viehof kurz und knapp über den „Kladderadatsch“, wie er den Betrugsfall gerne nennt. Ob er heute vorsichtiger mit Beratern umgeht? „Zum Leben gehört es, anderen Menschen zu vertrauen. Wenn dieses Vertrauen gestört ist, muss man sich trennen. Das haben wir bei Herrn Achenbach konsequent getan. Ich ziehe mich deshalb aber nicht zurück. Dann müsste ich Einsiedler werden.“

Ob er Achenbach je verziehen hat? „Herr Achenbach hat viele gute Seiten“, sagt Viehof. Und: „Er hat uns an die Kunst rangeführt – dafür sind wir ihm auch dankbar. Aber er hat leider auch eine schlechte Seite und die lässt sich nicht wegdiskutieren.“

Vor zwei Jahren präsentierten die Viehofs in zwei Museen in Hamburg – den Deichtorhallen und den Phoenix-Werken in Harburg — etwa 550 Werke aus ihrem Bestand, der mehr als 1000 Werke umfasst. Damals waren unter anderem Werke von Joseph Beuys, Sigmar Polke und Georg Baselitz zu sehen.

„Wir waren bisher eher männlich geprägt“

Eine vergleichbare Star-Parade ist nun in Neuss nicht aufgefahren. Die Schau in der Langen Foundation schließt zur Gegenwart auf und versucht Schaffenslücken einzelner Künstler und der Sammlung als Ganzes zu schließen. Dazu gehören vor allem Künstlerinnen, die die Viehofs in den vergangenen Jahren dazugekauft haben. „Wir waren bisher eher männlich geprägt – das hatte sich über die Jahre so ergeben“, sagt Viehof.

Die aktuelle Ausstellung zeigt nun neben der Holländerin Marijke van Warmerdam und ihrer Ballon-Installation auch Arbeiten der deutschen Malerin Corinne Wasmuht und der koreanischen Künstlerin Kimsooja.

Um sich nicht zu verzetteln, bleiben die Viehofs dem Rheingold-Prinzip treu und kaufen nur Kunst, die einen Bezug zum Rheinland hat. „Wir sind nun einmal Rheinländer“, sagt Viehof. „Unsere Familie ist seit 250 Jahren hier.“

Ulrike Groos, heute Chefin des Kunstmuseums in Stuttgart und zu „Rheingold“-Zeiten im Beirat der Sammlung, erinnert sich gern an die Diskussionen mit den Viehofs. Eugen Viehof sei ein „offener, neugieriger und schnell zu begeisternder Sammler“, der „ein gutes Auge“ habe, sagt sie. „Mir gefiel damals schon die Ausrichtung der Sammlung, die Konzentration auf Künstler mit Bezug zum Rheinland.“

„Eugen Viehof ist ein Mann, der sich zu seiner Heimat bekennt“, sagt auch Rolf A. Königs, CEO des Autozulieferers Aunde und Präsident von Borussia Mönchengladbach. Er kennt die Viehof-Familie seit den 1980er-Jahren. Viehof und Königs sind Mitglied im Initiativkreis Mönchengladbach, einer Vereinigung mehrerer Unternehmer, die in den vergangenen Jahren unter anderem mehrere Nobelpreisträger als Redner an den Niederrhein geholt hat.

Bis heute sind die „Viehof-Brothers“, die sich Vibro abkürzen, als Familie unternehmerisch aktiv. Mit ihrer Beteiligungsgesellschaft halten die Rheinländer unter anderem Anteile an einem Fahrradhändler, einer Indoor-Skihalle und einer Druckerei.

Letztere hat laut Bundesanzeiger zuletzt 186 Millionen Euro Umsatz und gut drei Millionen Euro Gewinn gemacht. Es sind kleine Firmen. Unscheinbar, aber erfolgreich. „Man muss lernen, kurzfristigen Trends zu widerstehen – in der Kunst und im Unternehmertum“, sagt Eugen Viehof.

Startseite

Mehr zu: Nach dem Ende von Allkauf - Wie aus dem Unternehmer Eugen Viehof ein Kunstsammler wurde

0 Kommentare zu "Nach dem Ende von Allkauf: Wie aus dem Unternehmer Eugen Viehof ein Kunstsammler wurde"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%