Neue Allianzen Was Familienunternehmen von Start-ups lernen können – und umgekehrt

Die einen bringen Geld und Erfahrung mit, die anderen frische Ideen: Fast jedes zweite Familienunternehmen kooperiert mit Start-ups. Doch zu eng sollte es nicht werden.
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Pool statt Prämien – „Wer bei einem Start-up anfängt, verdient deutlich weniger“

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DüsseldorfDie Geschichte von Oetker beginnt, als Start-up-Unternehmer noch Tüftler oder Erfinder heißen. Im Jahr 1891 tüftelt der junge August Oetker in der Hinterstube einer Bielefelder Apotheke nächtelang an einem haltbaren Backpulver. Sein „Backin“ revolutionierte das Backen.

127 Jahre später kehrt der heutige Weltkonzern Dr. Oetker zurück zu seinen Wurzeln und arbeitet mit innovativen Jungfirmen zusammen. Im Februar investierte das Bielefelder Familienunternehmen in das Start-Up DeineTorte.de, das Torten individualisiert.

Ebenso ist die Dr. August Oetker KG beteiligt an Food Tracks, das in Bäckereien die Verschwendung von Waren minimieren soll. Zudem gibt es mit regionalen Start-up-Hubs wie der Founders Foundation und der Garage 33 einen wachsenden Austausch.

„Von Start-ups können wir lernen, dass sie offen sind und Veränderungen in ihrem Umfeld antizipieren“, sagte Oetker-Chef Albert Christmann kürzlich dem Handelsblatt. „Wir helfen Start-ups mit unserem Ingenieurwissen und dabei, ihr Geschäftsmodell zu skalieren. Eine schöne Symbiose.“

Diese digitalen Überflieger sollten Sie kennen
Wichtiger Faktor für die Finanzierung
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Schnelles Wachstum: Das ist für viele Start-ups besonders in der Anfangsphase wichtig und auch ein entscheidender Faktor für die Bewertung und damit die Finanzierung. Hohe Wachstumsraten können die Chance auf Investments erhöhen, die in dieser Phase oft dringend benötigt werden, weil sie eine Grundlage für weiteres forciertes Wachstum schaffen.

Die schnellstwachsenden Gründer
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Mit dem Wachstums-Ranking, das Ende November zum vierten Mal veröffentlicht wird, wollen die Macher von „Gründerszene“ das Bewusstsein für den Erfolg deutscher Digitalunternehmen erhöhen. Dabei wird anhand von vergleichbaren Daten eine Übersicht über die Digitalszene erstellt, die Erfolgs-Start-ups und Hidden Champions identifiziert. Die Rangfolge der teilnehmenden Unternehmen wird anhand der durchschnittlichen, jährlichen Wachstumsrate (CAGR) der letzten drei abgeschlossenen Geschäftsjahre festgelegt.

Hilfreiche Hitliste
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„Unser Ranking hat Transparenz in die Szene gebracht”, sagt Frank Schmiechen, Chefredakteur „Gründerszene“. „Kein Start-up redet gern über Zahlen. Das erfahren wir als Journalisten jeden Tag. Aber alle wollen natürlich trotzdem wissen, wie es bei der Konkurrenz läuft und wie sich das Marktumfeld entwickelt.” Noch läuft die Bewerbungsphase für das Ranking 2018. Aber wir werfen heute einen Blick auf die Gewinner des letzten Jahres, die es auch heute noch lohnt, im Auge zu behalten...

Platz 20: Campanda
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Schätzungen zufolge befinden sich 450.000 Wohnmobile in Deutschland in Privatbesitz. Viel zu oft stehen sie allerdings herum - genau das will das Start-up Campanda ändern.

Wachstumsrate: 250 Prozent.
Gründungsjahr: 2013.
Firmensitz: Berlin.
Branche: Suchmaschine/Vermittlung.

(Foto: PR Campanda.de)

Platz 19: finstreet
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Finstreet hilft Banken, Sparkassen und Versicherungen bei ihren digitalen Produkten auf die Sprünge.

Wachstumsrate: 251 Prozent.
Gründungsjahr: 2014.
Firmensitz: Emsdetten.
Branche: Fintech.

(Foto: finstreet.de)

Platz 18: Makerist
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Ob Kochen oder Nähen: Auf der Online-Plattform Makerist können kreative Köpfe lernen, wie sie ihre Ideen in die Tat umsetzen.

Wachstumsrate: 284 Prozent.
Gründungsjahr: 2013.
Firmensitz: Berlin.
Branche: E-Commerce.

(Foto: PR Makerist.de)

Platz 17: foodspring
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Die Macher von Foodspring wollen Sportlernahrung zum Lifestyle-Produkt machen.

Wachstumsrate: 290 Prozent.
Gründungsjahr: 2013.
Firmensitz: Berlin.
Branche: E-Commerce.

(Foto: PR foodspring.de)

Dr. Oetker ist damit nicht alleine: Fast die Hälfte der größten Familienunternehmen in Deutschland kooperiert bereits mit Start-ups. Je größer das Unternehmen, desto häufiger arbeitet es mit Start-ups zusammen: Fast 70 Prozent von Familienfirmen mit mehr als 250 Millionen Euro Jahresumsatz sind offen für die Newcomer.

Das zeigt eine Studie, die der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) und die Deutsche Bank gemeinsam mit dem Institut für Mittelstandsforschung (IfM) Bonn am Mittwoch veröffentlicht hat. An der Umfrage nahmen rund 250 der 4.700 größten Familienunternehmen in Deutschland teil, die mindestens 50 Millionen Euro im Jahr umsetzen.

Hauptbeweggrund für die Zusammenarbeit mit jungen Firmen: 54 Prozent der befragten Unternehmen wollen so neue Technologien erschließen. Weitere Motive für rund die Hälfte der Unternehmen: die digitale Transformation meistern, und Produkte und Dienstleistungen weiterentwickeln. Aber auch der Zugang zu neuen Märkten und talentierten Fachkräften bewegen etablierte Familienunternehmen dazu, die Nähe zu Newcomern zu suchen.

„Immer häufiger werden heute jahrzehntelang bewährte Geschäftsmodelle angegriffen und sicher geglaubte Marktanteile radikal neu verteilt. Familienunternehmen müssen ihre Geschäftsmodelle bei immer kürzeren Produktzyklen und Entwicklungen infolge der Digitalisierung oft schnell anpassen oder neu erfinden“, sagt Stefan Bender, Leiter Firmenkunden Deutschland bei der Deutschen Bank. Um bei der Entwicklung mithalten zu können, sei die Zusammenarbeit mit Start-ups ein guter Weg.

Das sieht auch Haushaltsgerätehersteller Miele so: „Junge Unternehmen sind schnell, agil und oft unkonventionell. Von dieser kreativen Kraft und Vielfalt kann das gesamte Unternehmen profitieren.“ Die Zusammenarbeit mit Start-ups helfe Miele, sich auf disruptive Veränderungen der Industrie vorzubereiten oder diese selbst mit anzustoßen.

Am häufigsten arbeiten Traditionsunternehmen projektweise mit Jungfirmen zusammen, fast jedes Dritte. Für Philipp Depiereux, Chef der Digitalberatung Etventure, ist das richtige Ansatz: Unternehmen sollten am besten ein gemeinsames Pilotprojekt mit einem passenden Start-up angehen – ganz locker und unverbindlich, ohne die sonst üblichen dicken Absicherungsverträge.

Mittelständler und Konzerne sollten wegkommen von der Idee, sich in ausschließlich in Start-ups einzukaufen. Jedes siebte Familienunternehmen ist laut Studie an einem Start-up beteiligt oder hat eines übernommen. „Digitalen Wandel kann man nicht kaufen – etwa indem man in ein Start-up investiert“, betont Berater Depiereux.

Jedes vierte Familienunternehmen hat ganz normale Geschäftsbeziehungen zu einem Start-up – als Kunde oder Lieferant. Jedes neunte Unternehmen kooperiert über ein Joint Venture mit jungen Firmen. Fast sieben Prozent der großen Familienunternehmen betreiben sogar eigene Inkubatoren oder Acceleratoren, um Start-ups zu fördern. Das geht quer durch alle Branchen vom Medienhaus Axel Springer, Orthopädiespezialist Otto Bock, Heizungsbauer Viessmann bis zum Pharmaunternehmen B. Braun Melsungen.

Entscheidend für die Auswahl der Start-ups, mit denen die etablierten Häuser kooperieren, sind die Branchenerfahrung der Gründer (73 Prozent der Befragten) und ein sofortiger Mehrwert der Kooperation (66 Prozent). Die regionale Nähe des Start-ups zum eigenen Unternehmen ist 37 Prozent der Befragten wichtig.

Größtes Problem bei der Zusammenarbeit: die unterschiedlichen Unternehmenskulturen. Das betont rund die Hälfte der Unternehmen, die mit Start-ups zusammenarbeiten. Interessant: Firmen ohne Kooperationserfahrung sehen das weniger dramatisch, nur ein Drittel befürchtet Konflikte durch unterschiedliche Kulturen.

Das sind Deutschlands reichste Unternehmer-Clans
Platz 10: Familie Röchling
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Es ist Georg Duffner zu verdanken, dass die Röchling SE & Co. KG heute so sicher und breit im globalen Markt etabliert ist. Der bis zum Mai amtierende Geschäftsführer sorgte maßgeblich für den Umbau vom Mischkonzern zum Kunststoffverarbeiter. Das Unternehmen meldete zuletzt einen Umsatz von rund 1,7 Milliarden Euro. Der Gewinn des Betriebs, der rund 8.800 Mitarbeiter beschäftigt, beläuft sich auf rund 150 Millionen Euro. Das Vermögen der Familie Röchling wird auf 3,75 Milliarden Euro geschätzt – 350 Millionen mehr als im vergangenen Jahr.

Quellen: Bilanz, Unternehmen

Platz 9: Familie Werhahn
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Vom „Bilanz“-Magazin als „rheinisches Syndikat“ betitelt, befinden sich rund 200 Unternehmen im Besitz der Wilh. Werhahn KG. Zu den stärksten Mitgliedern der Gruppe zählen der Baustoffkonzern Basalt AG , der Finanzdienstleister Abcfinance und der Messerhersteller Zwilling J. A. Henckels, der auch die Hersteller für Friseurbedarf Jaguar und Tondeo in sich vereint. Mit Anton Werhahn steht seit 2005 als Vorstandssprecher wieder ein Repräsentant der drei Werhahn-Stämme an der Spitze des Mischkonzerns. Das Vermögen der 420 Werhahns legte im Vergleich zum vergangenen Jahr um etwa 250 Millionen Euro zu und steht nun bei circa 4,75 Milliarden Euro.

Platz 8: Familie Haniel
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Nicht nur dem Aufsichtsratsvorsitzenden Franz Markus Haniel (rechts), sondern der gesamten Franz Haniel & Cie. GmbH, fehlt seit Jahren die zündende Idee. Die Investmentholding befindet sich auf dem absteigenden Ast, das Vermögen der Großfamilie schmälerte sich seit 2007 um rund 10 Milliarden Euro auf heute 5 Milliarden Euro. Das liegt vor allem an der geplanten Ausrichtung zum Handels- und Dienstleistungskonzern, an der bis heute festgehalten wird und durch welche man sich 2007 endgültig aus dem produzierenden Geschäftsbereich zurückzog.

Platz 7: Familie Heraeus
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Der Technologiekonzern Heraeus erwirtschaftete im vergangenen Jahr einen Umsatz ohne Edelmetalle von 2 Milliarden Euro. An der Spitze des Konzerns steht Jan Rinnert, der Schwiegersohn vom Aufsichtsratsvorsitzenden und Unicef-Deutschland-Vorsitzenden Jürgen Heraeus (im Bild). Zusammen mit seinen beiden Geschwistern hält der 80-Jährige 25 Prozent der Anteile. Das Vermögen der 200 Köpfe umfassenden Familie beläuft sich wie schon im Vorjahr auf 6,3 Milliarden Euro.

Platz 6: Familie Freudenberg
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Die einstige Handelsgesellschaft und Gerberei ist heute unter dem Namen Freudenberg & Co. KG vor allem für ihre Dichtungs- und Schwingungstechnik sowie für die Produktion von Vliesstoffen und Filtrationen bekannt und beliefert vornehmlich die Automobilindustrie. Von den 8,6 Milliarden Euro Umsatz bleiben nach allen Abzügen immer noch 1,1 Milliarden Euro Gewinn. Ein gutes Fünftel davon beansprucht die 320-köpfige Gesellschafterfamilie für sich, deren Vermögen bei 7,95 Milliarden Euro steht – ein Plus von 800 Millionen Euro zum Vorjahr.

Platz 5: Familie Siemens
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Die Großfamilie Siemens umfasst mittlerweile zwar 300 Mitglieder, sie ist trotz ihres geschätzten Vermögens von rund 8 Milliarden Euro (plus 1,8 Mrd. Euro im Vergleich zum Vorjahr) aber eher zurückhaltend und medienscheu. Einzig Nathalie von Siemens scheint den Weg in die Öffentlichkeit für sich entdeckt zu haben. Die Ururenkelin des Begründers der modernen Elektrotechnik und Gründers der heutigen Siemens AG, Werner von Siemens, ist seit 2015 Mitglied des Aufsichtsrates des Technologiekonzerns und wird bereits als Kandidatin für die leitende Position gehandelt.

Platz 4: Familie Porsche
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Für Wolfgang Porsche (r.), seines Zeichens Aufsichtsratsvorsitzender der Porsche AG und Porsche SE sowie Aufsichtsratsmitglied bei Volkswagen und Audi, liegen turbulente Zeiten zurück. Aufgrund des Diesel-Betrugsskandal verlor die Volkswagen AG rund ein Drittel ihres Börsenwertes. Eine Katastrophe für den Porsche-Clan, der zusammen mit den Piëchs 52,2 Prozent der Anteile an VW hält. In der Folge legte auch das Vermögen der 80-köpfigen Verwandtschaft in den vergangenen beiden Jahren einen Sinkflug hin: Um neun Milliarden Euro schmälerte sich die Summe auf nunmehr 18 Milliarden Euro.

Depiereux von Etventure kennt die Vorurteile, wenn Tech-Start-ups auf etablierte Unternehmen stoßen: Digitalleute schlafen bis 10 Uhr, müssen nicht stempeln, essen immer Pizza, tragen Hoodies und dürfen machen, was sie wollen. „Wir sind 20 Jahre im Geschäft, die haben doch keine Ahnung von der Branche“, heiße es dann oft bei den Mitarbeitern etablierter Häuser. Über Widerstände im eigenen Unternehmen gegenüber Start-ups berichten auch 29 Prozent der Befragten.

Depiereux warnt deshalb auch davor, Jungfirmen aufzukaufen: „Die Stärken der Start-ups wie Schnelligkeit in der Produktentwicklung, das Unkonventionelle und der Erfolgshunger werden durch die unterschiedlichen Kulturen ausgebremst.“

Auch unterschiedliche Arbeitsauffassungen erzeugen im Alltag schon mal Konflikte. 23 Prozent der Familienunternehmen klagen, Gründer seien unzuverlässig. Fazit: In der Praxis treten deutlich mehr Probleme auf als sie Firmen vor einer Kooperation befürchtet hatten.

Trotzdem sind rund 70 Prozent der Unternehmen, die bereits mit einem Start-up zusammenarbeiten, mit der Kooperation zufrieden oder sehr zufrieden. Jedes zweite von ihnen plant in den kommenden drei Jahren, mit weiteren Start-ups zu interagieren.

Allerdings sehen die meisten Familienunternehmen, die bisher keine Kontakte mit Jungfirmen hatten, weiterhin keinen Bedarf für eine Zusammenarbeit. Nur jedes elfte plant in den nächsten drei Jahren eine Kooperation. Sie haben noch nicht erkannt, wie wichtig frische und disruptive Ideen von Start-ups für ihr etabliertes Geschäft sein können.

Letztlich seien Mittelständler gar nicht so weit weg von Start-ups, resümiert Christmann. Zur industriellen Revolution war Dr. Oetker einer der ersten Markenartikler. Was heute Content- oder Influencer-Marketing heißt, das habe schon der Gründer von Dr. Oetker gemacht.

Worum er Jungunternehmen allerdings beneidet, ist deren Aufbruchstimmung. „Der Schlüssel ist, diese Aufbruchstimmung in größere Unternehmen hineinzutragen“, glaubt Oetker-Chef Christmann. „Dann sind wir auch wieder Start-up.“

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