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Paul Gauselmann im Interview So will der Glücksspiel-Patriarch auch im Internet Nummer eins werden

Paul Gauselmann ist das 85-jährige Urgestein der deutschen Automatenindustrie – und führt seinen milliardenschweren Konzern selbst. Der Patriarch hat klare Forderungen an die Politik.
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„Ich kann mich ja nicht selbst bedauern, wenn ich nicht mehr da bin.“ Quelle: dpa
Paul Gauselmann in seinem Büro in Espelkamp

„Ich kann mich ja nicht selbst bedauern, wenn ich nicht mehr da bin.“

(Foto: dpa)

Espelkamp Die Automatenindustrie und Paul Gauselmann – das waren für mehr als ein halbes Jahrhundert Synonyme. 52 Jahre lang saß der Unternehmer im Vorstand des VDAI, 38 Jahre davon führte er den Verband der Deutschen Automatenindustrie. Umso überraschender war dann der Rückzug von einem Tag auf den anderen.

Für die Branche gab es auf ihrem Treffen im Sommer kein wichtigeres Gesprächsthema als das Ende der „Ära PG“. „Der Schritt war längst überfällig“, meinten Industrievertreter. Natürlich hätten sie dem „ewigen Paul“ viel zu verdanken: Er habe die Automatenwirtschaft groß gemacht, sie mit seinen Spielotheken aus der Schmuddelecke geholt. „Aber irgendwann müssen auch mal jüngere Leute nachfolgen.“

In dieser Woche ist Gauselmann 85 geworden. Unweigerlich stellt sich die Frage: Wie lange wird er noch sein Unternehmen führen, die Gauselmann-Gruppe aus Ostwestfalen? Jenes Konglomerat aus Spielhallen, Spielbanken und Automatenfabrik, das er aus dem Nichts aufgebaut und zu einem der größten Glücksspiel-Konzerne Europas geformt hat – ein Imperium mit zuletzt 13.300 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von rund 2,4 Milliarden Euro.

Kurz vor seinem Geburtstag empfängt der ewige Patriarch, der laut Forbes-Liste vier Milliarden Dollar besitzen soll, das Handelsblatt in seiner Firmenzentrale in Espelkamp, Ostwestfalen. Im Hintergrund blubbert der Zimmerbrunnen, Gauselmann erscheint wie immer herausgeputzt im Dreiteiler und steckt sich während des Gesprächs eine Zigarre an.

Herr Gauselmann, warum haben Sie sich aus dem Vorstand des Industrieverbands zurückgezogen?
Nach 32 Jahren ist der Geschäftsführer des Verbands ausgeschieden. Soll ich mich jetzt nochmal mit einer neuen, jungen Kraft auseinandersetzen? Ich habe das ja auch lange überlegt – und schon seit einiger Zeit drauf hingearbeitet. Mit Nachdruck habe ich vor Jahren den Dachverband der Automatenwirtschaft initiiert. Der Sprecher des Dachverbandes ist jetzt das, was ich als VDAI-Vorsitzender früher war, nämlich die Stimme unserer gesamten Branche. Ich kann mich also beruhigt zurückziehen. Unsere Industrieinteressen werden auch weiterhin gut vertreten.

Die Branche hat der Schritt trotzdem überrascht…
Weiß ich nicht. Tatsache ist, ich bin weiterhin voll präsent. Ganz ehrlich: So lange ich tätig bin, ist es immer aufwärts gegangen. In 53 Jahren Vorstandsarbeit hat sich der Umsatz mehr als verzwanzigfacht. Jetzt geht es erstmals in Spielhallen und Gaststätten zehn bis 20 Prozent zurück, weil die Politik das Glücksspiel stark reguliert, und das in jedem Bundesland anders. Dabei wird außerdem vergessen, dass das noch illegale Glücksspiel im Internet gleichzeitig viel schneller wächst. Nach einer Delle kommt bekanntlich wieder ein Berg.

Spüren Sie denn jetzt schon eine Arbeitsentlastung?
Ich habe nicht mehr die Verantwortung, muss nicht mehr alles lesen. Aber ich bin nach wie vor genauso gut informiert. Mir war es auf Dauer einfach zu schade, mehrmals im Jahr zwei bis drei Tage in Berlin zu diskutieren. Stattdessen blieb hier in der Firma immer was liegen. Die Fäden in der Hand zu halten, das braucht schon viel Zeit. Zwei bis drei Stunden lese ich jeden Tag die ganzen Berichte, dann Besprechungen mit den wichtigen Leuten.

Die Zeit, die Sie beim Verband einsparen, haben Sie also in die Firma investiert?
Ja, voll. Insgesamt habe ich aber schon ein bisschen Entlastung. Was früher liegen geblieben ist, muss ich jetzt nicht mehr nachholen.

Also nur noch eine 40-Stunden-Woche?
Früher, am Anfang meiner Karriere, habe ich oft 80 Stunden gearbeitet. Heute sind es so um die 40.

Wann wird das weniger?
Wenn die Natur es verlangt.

Und das tut sie noch nicht?
Noch nicht, oder merken Sie was? Ich bin froh, dass die Gesundheit gut hält, das ist ganz wichtig. Ich mache eine Menge Sport, spiele zweimal die Woche drei Stunden Tennis, im Doppel klappt das noch einigermaßen. Dann schwimme ich ein paar Mal die Woche. Ich würde aufhören, wenn ich merke, dass ich nicht mehr mithalten kann. 

Die Nachfolge im Unternehmen haben Sie doch längst geregelt.
Ja, durch die Stiftung, die wir gegründet haben, ist schon alles für die nachkommenden Generationen geregelt. In der Stiftung bestimmen alle vier Familienstämme mehrheitlich zusammen mit drei Beiräten. Und in den Aufsichtsrat ist gerade unsere älteste Enkeltochter reingekommen. Und ich freue mich auf einige Urenkel. Der Familienbetrieb scheint also gut weiterzulaufen.

Was sagt Ihre Frau zu dem Teil-Rückzug?
Meine Frau und ich sind immer auf Augenhöhe, seit 52 Jahren. Wenn man älter wird, ist man nicht mehr so gern allein. Es kann immer was passieren. Daher war sie schon länger nicht mehr dafür, dass ich immer wieder nach Berlin fahre.

Fragt Sie denn nicht auch nach, wann Sie in der Firma kürzertreten?
Ja, das hat sie. Aber nur zuhause haben möchte sie mich auch nicht. Dort herrscht sie. Andererseits möchte sie mich immer wieder mal bremsen. Sie kriegt natürlich auch die Belastung bei mir mit, Frauen merken das ja viel schneller als man selbst.

Warum tun Sie sich die Arbeit denn überhaupt noch an?
Weil es zu 50 Prozent Spaß macht und zu 50 Prozent Pflichtbewusstsein ist. Wer gibt denn schon sein Hobby auf?

Können Sie vielleicht nicht aufhören, weil der deutsche Markt gerade so rückläufig ist?
In Deutschland ist meine Devise: So gut es geht den Marktanteil halten oder vielleicht noch erhöhen. Aber letztlich das tun, was machbar ist. Damit unser Unternehmen so stark bleiben kann, geht viel Kraft aufs Ausland, wo wir schon 60 Prozent des Umsatzes machen, und auf neue Medien.

In Deutschland sind etwa 70 Prozent Ihrer Spielhallen bedroht.
Bei uns sind es besonders viele, weil wir Vielfachhallen haben. Ich hoffe immer noch, dass die Politik den Glücksspielstaatsvertrag ändert. Man kann nicht einfach eine Branche mit 70.000 Arbeitsplätzen auslöschen, man muss auf die wirtschaftlichen Gegebenheiten Rücksicht nehmen. Momentan haben wir schon 20 Prozent am Umsatz in der Branche an der Basis verloren. Da 2018 alle Spielgeräte aufgrund der neuen Spielverordnung ausgetauscht oder umgebaut werden mussten, ist der Umsatz in der Fabrikation in dieser Zeit aber stark gestiegen, ebenso hat der Export die Produktion positiv beeinflusst, da wir alles vor Ort in Lübbecke fertigen.

Aber in die Spielhallen kommen weniger Gäste?
Durch die Spieleverordnung ist die Bedienung der Spiele schlechter geworden. Die Spieler weichen dorthin aus, wo es leicht ist: ins noch illegale Internet, rund um die Uhr. Ich finde das ungerecht: Das Thema Spielsucht haben uns die Länder beschert. Sie mussten ihr rechtlich wackeliges Lottomonopol nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts aus 2006 damit begründen, dass nur der Staat die Spielsucht beim Lotto wirksam bekämpfen könne. Seitdem ist die Bekämpfung der Spielsucht der Maßstab für alle Regelungen. Und dann wurde das Thema Spielsucht einfach auf den größten Umsatzträger, auf unser Automatenspiel, abgeladen. Obwohl wir doch das harmloseste und preiswerteste Spiel haben. Ein Fünf-Sekunden-Spiel kostest im Durchschnitt nur ein bis zwei Cent.

Naja, es spielen ja auch Süchtige an Ihren Automaten. Das harmloseste Spiel ist doch wohl eher Lotto…
Ja, von der Spielsucht ist Lotto sicher das harmloseste. Aber von den Summen, die man ausgeben kann, ist Lotto schon viel höher. Wenn der Jackpot hochschießt, gibt es schon einige Verrückte, die da einige tausend Euro ausgeben. Das kann bei uns nicht passieren. Bei uns kann man maximal in einer einzelnen Stunde 60 Euro und im Durchschnitt maximal 20 Euro aufwenden und maximal 400 Euro gewinnen. Natürlich spielen auch bei uns einige Menschen über ihre Verhältnisse, das will ich gar nicht bestreiten. Aber es ist ein ganz kleiner Prozentsatz von unseren Besuchern. In Spielbanken, welche zu ungefähr 50 Prozent vom Staat und zu 50 Prozent von privaten Anbietern betrieben werden, kann ich im Extremfall „Haus und Hof“ an einem Abend verlieren.

Neuerdings machen Sie auch in Spielbanken. Läuft das gut?
Wir haben insgesamt zehn Spielbanken und Beteiligungen. Ich habe da null Ärger, null Probleme. Die Umsätze steigen, die Leute sehen uns dadurch positiver. Und es lohnt sich – für uns und besonders auch für den Staat. Beispiel Sachsen-Anhalt: Neun Jahre lang haben die Casinos dort immer drei bis fünf Millionen Euro Umsatz gemacht – und jedes Jahr ein bis zwei Millionen Verlust. In meinem ersten Jahr habe ich auch meine fünf Millionen Umsatz mit einer Million Verlust gemacht. Dann habe ich alles geändert. In vier Jahren haben wir den Umsatz jetzt verfünffacht. Die Besucherzahl mehr als verdoppelt und die Verweildauer der Gäste ebenfalls mehr als verdoppelt. Der Erfolg ist entsprechend.

Wird online denn die Zukunft sein?
Ja, da bin ich zutiefst überzeugt von. Wir sind mit dem Online-Spiel schon sehr erfolgreich in anderen Ländern, etwa in Großbritannien oder Spanien. Nur in Deutschland dürfen wir noch nicht.

Wenn irgendwann die Legalisierung für Online kommt, sind Sie also schon startklar?
Wir wären sofort die Nummer eins. Auf 140.000 Automaten zeigen wir täglich den Kunden überall, wie toll unsere Spiele sind. An vielen Stellen ist unser Land durch falsche Gesetze Letzter bei modernen Entwicklungen, etwa beim Breitbandausbau. Und eben auch beim Online-Glücksspiel. In Großbritannien, Spanien, Italien, Osteuropa oder Schweden läuft das schon lange sehr gut.

Expandieren Sie denn auch im Ausland weiter?
Amerika und Südamerika sollten noch besser werden. Wir haben dafür jetzt auch unsere eigene Entwicklung in Las Vegas. Die nächste Generation muss den asiatischen Raum erobern, das haben wir bislang noch gar nicht gemacht.

Was wollen Sie unbedingt noch anschieben?
Was ich noch etablieren möchte: Mehr Umsatz und Gewinn im Ausland und besonders wichtig – die neuen Medien. Da werde ich mit meiner jahrzehntelangen unternehmerischen Erfahrung gebraucht, um hier schnell und vor allen Dingen nachhaltig auf die Erfolgsspur zu kommen.

Wie stolz sind sie auf die Merkur Spiel-Arena in Düsseldorf, in der der Fußball-Bundesligist Fortuna spielt?
Das war nicht meine Idee, ich musste mich überzeugen lassen. Mir war das anfangs zu teuer. Ich konnte den Preis aber noch drücken und wollte den Namen Merkur Spiel-Arena durchsetzen, nicht Merkur-Arena.

Warum war Ihnen das so wichtig?
Da ist so ein schönes Wortspiel. In einer Spiel-Arena kann man spielen. Damit kann man unser Spiel meinen, aber auch Fußball oder andere Sportarten.

Wer über Düsseldorf einfliegt, sieht jetzt sofort Ihre Merkur-Sonne…
Ist das nicht toll? Die Wirkung war ein Grund, der Preis ein anderer.

Nehmen Sie sich eigentlich Zeit für Urlaub?
Einen Tag nach meinem Geburtstag fahren wir zehn Tage nach Bayern. Für nächstes Jahr haben wir schon wieder eine Schiffsreise gebucht. Die alte MS Deutschland: Unsere Jungfernfahrt von 1999 wiederholen wir dann noch einmal. Wir haben die ganze Welt per Schiff kennen gelernt in den vergangenen 35 Jahren. Man ist in allen Städten und Ländern, tolle Sache. Meine Frau und ich sind nur zweimal seekrank geworden.

Gibt es Dinge, die Sie in Ihrem Leben bereuen?
Es gibt eine Sache in der Jugend, die ich falsch gemacht habe. Das war aber im privaten Bereich, dazu möchte ich nichts sagen. Aber geschäftlich? Da war nichts total falsch. Ich habe mal nachgerechnet: Neun von zehn Entscheidungen waren richtig. In Italien habe ich viel Geld verloren. Aber das bedauere ich nicht, das war lehrreich. Ich werde dort niemals wieder investieren.

Beschäftigen Sie sich mit dem Tod?
Wenn man in einer Partnerschaft ist, in der beide fast 85 sind, wäre man ja dumm, sich nicht damit zu beschäftigen. Man schaut in die Todesanzeigen rein und ist froh über jedes Datum, das vor 1934 ist. Gibt ja doch viele noch Ältere. Wir haben unser Testament gut vorbereitet, was soll ich sonst noch machen? Ich kann mich ja nicht selbst bedauern, wenn ich nicht mehr da bin.

Glauben Sie, dass danach was kommt?
Ich bin Katholik, war Messdiener. Was bleibt ist Staub und Asche. Aber der Geist bleibt am Leben. Und über das, was wir geschaffen haben, werden sich noch ein paar Generationen der Familie freuen und auch ein paar andere werden es wegen der Stiftung noch merken. Die Stiftung wird zu dem jetzigen zweistelligen Millionenbetrag über 50 Prozent des privaten Vermögens meiner Frau und mir, einschließlich des Schlosses Benkhausen, erben und damit weiterhin viel Gutes tun können. Alles hat einen Anfang und ein Ende. Ich zögere das raus, solange es geht.

Herr Gauselmann, vielen Dank für das Gespräch.

Mehr: Warum Fußball-Weltmeister Bastian Schweinsteiger für die Automatenbranche Werbung gemacht hat.

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