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Pharmakonzern Traditions- und selbstbewusst: Wie Gabriel Baertschi Grünenthal in die Zukunft führt

Mit einem Schmerzmittel gegen Kniearthrose will der Schweizer die führende Position weiter ausbauen. Dafür wirkt er auch auf die Unternehmenseigner ein – mit Erfolg.
29.06.2021 - 12:39 Uhr Kommentieren
Der 48-Jährige hat Grünenthal deutlich profitabler aufgestellt. Quelle: Grünenthal
Gabriel Baertschi

Der 48-Jährige hat Grünenthal deutlich profitabler aufgestellt.

(Foto: Grünenthal)

Frankfurt Die Aussichten sind lukrativ – sie belaufen sich auf etwa zwei Milliarden Dollar. Seit April gehört der Medikamentenkandidat MTX-071 mit dem Wirkstoff Resiniferatoxin zum Aachener Familienunternehmen Grünenthal.

Der Pharmakonzern hat den Wirkstoff, der Schmerzen im Zusammenhang mit einer Kniearthrose lindern soll, mit dem Kauf des Schweizer Biotechunternehmens Mestex erworben. Ende dieses Jahres sollen die zulassungsrelevanten Studien der dritten klinischen Erprobungsphase starten.

Grünenthal-CEO Gabriel Baertschi erhofft sich, so den weltweiten Osteoarthritis-Markt zu erschließen: „In den USA und der EU sind über 50 Millionen Menschen von einer Kniearthrose betroffen.“ Das neue Mittel könnte ihnen eine nicht opioide Therapieoption bieten, die eine lang anhaltende Schmerzlinderung ermöglicht und eine Operation hinauszögert, sagt Baertschi.

Klappt alles wie geplant, könnte das Mittel 2024 oder 2025 auf den Markt kommen. Das Profil des Familienunternehmens mit zuletzt 1,3 Milliarden Euro Umsatz dürfte sich dann noch einmal deutlich verändern: Der traditionelle Fokus auf den Bereich Schmerz würde maßgeblich um sich anschließende Therapiebereiche ergänzt.

„Pain and beyond“ lautet das Motto der Strategie, die Baertschi bereits seit seinem Amtsantritt im Oktober 2016 verfolgt. Das Schmerzpflaster Qutenza, dessen globale Rechte Grünenthal 2018 erworben und mit dem das Unternehmen auch den Sprung in die USA geschafft hat, passt ebenfalls zu diesem Ansatz.

Baertschi hat Grünenthal deutlich transformiert

Ohnehin hat der 48-jährige Biologe und ehemalige Astra-Zeneca-Manager Baertschi in den vergangenen fünf Jahren einiges verändert: Nicht nur hat er das Portfolio des Traditionsunternehmens durch Zukäufe in Höhe von rund 1,3 Milliarden Euro erweitert und die Medikamentenpipeline stark ausgebaut. Baertschi restrukturierte auch, trennte sich von weniger profitablen Marken wie dem vor Jahren einlizenzierten Schmerzmittel Arcoxia von Merck & Co. und lastete die Produktionsanlagen besser aus.

Dabei geht der gebürtige Schweizer pragmatisch vor. Ein Beispiel: Das einstige Astra-Zeneca-Mittel Crestor – ein Cholesterinsenker, der so gar nicht zu einem Schmerzportfolio zu passen scheint. Grünenthal erwarb das Produkt dennoch im Februar dieses Jahres: „Ich versuche, jeden Bereich möglichst effizient aufzustellen“, sagt Baertschi. Mit Crestor konnten zusätzliche Kapazitäten in der Produktion ausgelastet werden. „Insofern macht die Transaktion für uns Sinn.“

Skandal um das Mittel Contergan in den 1950er-Jahren

Die 1946 von der Unternehmerfamilie Wirtz gegründete Chemie Grünenthal GmbH in Stolberg bei Aachen hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich. 1947 war sie das erste Unternehmen, das Penicillin in Deutschland herstellte.

1957 brachte der Konzern Contergan auf den Markt. Das Schlaf- und Beruhigungsmittel sorgte für einen der größten Arzneimittelskandale der Geschichte. Etwa 10.000 schwangere Frauen brachten nach der Einnahme des Mittels Babys mit schweren Missbildungen auf die Welt. 1961 stellt Grünenthal das Mittel ein.

Ab Ende der 1960er-Jahre startete das Unternehmen seine internationale Expansion. Nachkommen der Gründerfamilie Wirtz, die auch den Kosmetikhersteller Mäurer & Wirtz und die Waschmittelfabrik Dalli-Werke gegründet haben, führten Grünenthal noch bis 2008.

Die Firma gehört zur Gruppe der größten deutschen Pharmaunternehmen. Quelle: Grünenthal
Grünenthal-Campus in Aachen

Die Firma gehört zur Gruppe der größten deutschen Pharmaunternehmen.

(Foto: Grünenthal)

Gabriel Baertschi ist der dritte externe Manager an der Spitze des Pharmaunternehmens, das nach wie vor zu 100 Prozent der Familie Wirtz gehört. In den viereinhalb Jahren seiner Amtszeit hat er Grünenthal deutlich profitabler aufgestellt. Die Ebitda-Marge hat sich seit 2017 von 17 auf 32 Prozent nahezu verdoppelt, ebenso der Unternehmenswert.

Mit 1,3 Milliarden Euro Umsatz und einem bereinigten Ebitda von 338 Millionen Euro gehört Grünenthal zur Gruppe der größten deutschen Pharmaunternehmen nach Bayer, Boehringer Ingelheim, Merck, Stada und neuerdings auch Biontech, die durch den Covid-19-Impfstoff Milliardenumsätze erwarten. Größtes Produkt von Grünenthal ist das Schmerzmittel Palexia, das mit etwas mehr als 300 Millionen Euro zum Jahresumsatz beiträgt. Im Corona-Jahr 2020 büßte Grünenthal leicht an Umsatz und Gewinn ein, was laut Baertschi aber vor allem an der Abwertung der Währungen in Lateinamerika lag.

Baertschi will die auf zwei Säulen basierende Strategie des Unternehmens weiter vorantreiben: Einerseits innovative Medikamente in der Schmerzmedizin zu entwickeln, wo Grünenthal in Europa und Lateinamerika laut Marktforschungsdaten die Nummer eins ist. Und andererseits etablierte Marken weitervermarkten, die das Unternehmen kauft.

Investoren zeigen großes Interesse an Grünenthal-Anleihe

Für diese Strategie braucht es auch die nötigen finanziellen Mittel. Der Manager hat es geschafft, dass sich die Unternehmenseigner dem Kapitalmarkt öffnen. Ende April hatte das Unternehmen seine erste Anleihe mit einem Volumen von insgesamt 650 Millionen Euro aufgelegt. Aufgrund der starken Investorennachfrage wurde das ursprüngliche Angebotsvolumen noch um weitere 150 Millionen Euro aufgestockt.

„Wir sind Schritt für Schritt in Richtung Kapitalmarkt gegangen: Zunächst mit einem Schuldschein, dann mit einem Bankenkredit und kürzlich mit einem Bond“, sagt Baertschi. Als mögliche Vorstufe, um irgendwann auch externe Kapitalgeber in das Unternehmen zu holen, sieht der CEO die Anleihe definitiv nicht: „Mein Eindruck ist, dass die Gesellschafter das Unternehmen in Familienbesitz halten möchten.“

Die Ratingagentur Moody’s, die Grünenthal mit einem „B1“-Rating mit Non-Investmentgrade-Status bewertet, lobt das diversifizierte Portfolio, sieht allerdings wegen der Unternehmensgröße nur begrenztes Potenzial, um von Größenvorteilen zu profitieren.

Standard & Poor’s, die Grünenthal mit „B+“ vergleichbar bewerten, sehen kurzfristig gute Wachstumschancen durch das Schmerzpflaster Qutenza und den Cholesterinsenker Crestor, in den kommenden Jahren jedoch Risiken durch den Patentablauf des Schmerzmittels Palexia, der möglichweise schon 2022 Generikakonkurrenz auf den Plan rufen könnte.

Baertschi selbst hat sich vorgenommen, Umsatz und Gewinnmarge des Unternehmens weiter zu steigern. Die neuen Produkte wie Qutenza und später auch das Mestex-Mittel gegen Kniearthrose sollen dabei eine entscheidende Rolle spielen. „Wir haben bei Grünenthal in sehr kurzer Zeit eine Transformationsstrategie umgesetzt und das Unternehmen massiv verändert. Der kulturelle Wandel war sehr stark“, sagt er.

Grünenthal sei ein traditionsstarkes Unternehmen gewesen, auch mit dem Eintritt in den US-Markt habe man sich heute zu einer internationalen Firma entwickelt. „Diesen Weg wollen wir auch in den nächsten Jahren weiter gehen“, sagt Baertschi.

Mehr: Zweiteilung in der Pharmaindustrie – Wer von Covid-19 profitiert und wer nicht

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