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Pharmaunternehmen Von Alzheimer zur Ästhetik: So will Philip Burchard Merz neu ausrichten

Nach dem Umbau des Produktprogramms gibt sich der Pharma-Mittelständler nun eine neue Holdingstruktur mit drei eigenständigen Geschäftsbereichen.
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Merz: So will Philip Burchard das Pharmaunternehmen neu ausrichten Quelle: Merz
Philip Burchard

Der Merz-Chef will mit neuer Unternehmensstruktur wachsen.

(Foto: Merz)

Frankfurt Als Philip Burchard 2012 vom britischen Pharmariesen Astra Zeneca an die Spitze des unscheinbaren Pharma-Mittelständlers Merz wechselte, war der Kontrast in vielerlei Hinsicht groß. Die strategischen Herausforderungen, die in Frankfurt auf ihn warteten, hatten indessen auch Ähnlichkeit mit denen von Big Pharma.

Denn auch für das 111 Jahre alte Traditionsunternehmen, das einst mit seinen „Spezial-Dragees“ bekannt wurde, galt es damals, die Abhängigkeit von einem Blockbuster-Produkt zu überwinden. In diesem Fall war es das Alzheimer-Medikament Memantine, das Merz damals noch Hunderte von Millionen an Umsätzen und Lizenzeinnahmen in die Kassen spülte, aber bereits kurz vor dem Patentablauf stand.

Die nötige Neuausrichtung umfasste etliche Zukäufe, den Rückzug aus einigen Randbereichen, eine Neuorientierung der Pharmaforschung und den Aufbau eines neuen großen Geschäftsfelds in der medizinischen Ästhetik mit Produkten wie Neurotoxinen zur Faltenglättung. Das alles verlief keineswegs immer reibungslos. Doch inzwischen gilt der Umbau als bewältigt.

„Wir haben das Memantine-Patent-Kliff überwunden“, zeigt sich Burchard heute überzeugt. „Unsere verbliebenen und neuen Geschäftsfelder haben sich in Umsatz und Profitabilität sehr gut entwickelt und stehen jetzt auf eigenen Beinen.“

In dem Ende Juni abgeschlossenen Geschäftsjahr 2018/19 steigerte das Unternehmen mit 3150 Mitarbeitern den Umsatz um 6,8 Prozent auf 1,09 Milliarden Euro und nähert sich damit wieder dem einstigen Spitzenwert von 1,2 Milliarden Euro an. Und das, obwohl das Memantine-Geschäft inzwischen von 350 auf weniger als 50 Millionen Euro geschrumpft ist.

Für den Merz-Chef ist damit nun der richtige Zeitpunkt gekommen, den nächsten Schritt in der Transformation der Merz-Gruppe anzugehen: Ab Anfang 2020 will Merz eine Holdingstruktur mit drei komplett eigenständigen Geschäftsbereichen Aesthetics, Therapeutics und Consumer Care einführen.

Primäres Ziel dabei: Die drei Segmente sollen deutlich größere Beweglichkeit und mehr Verantwortung erhalten, mit jeweils eigener Geschäftsführung, Forschung und Organisation. Sie können damit, so Burchard, „künftig näher am Kunden operieren und Marktchancen besser nutzen“.

Größere Dynamik

Dass die neue Struktur im Prinzip auch Voraussetzungen schafft, um sich gegebenenfalls von einzelnen Teilen zu trennen, räumt Burchard ein. Aber dafür gebe es keinerlei Pläne. „Es geht vor allem darum, die Geschäftsfelder erfolgreicher zu machen.“ Mögliche Zusatzkosten nehme man daher bewusst in Kauf, „weil wir glauben, dass die Dynamik der Selbstständigkeit größer ist als mögliche negative Synergien“.

Auch für Burchard selbst geht der Umbau mit Veränderungen einher. Als künftiger Chef der Holding zieht er sich ein Stück weit aus dem operativen Geschäft zurück. Gleichzeitig wurde er Anfang November zusätzlich zum Vorsitzenden im vierköpfigen Gesellschafterrat berufen, in dem die Gründerfamilie in vierter Generation mit Christian Baatz und Andreas Meyer vertreten ist.

Dass die Rolle des 61-jährigen damit aufgewertet wird, spricht für eine gute Chemie zwischen Gesellschaftern und Management. Burchard selbst lobt unterdessen die langfristige Perspektive der Eigner. „Das hat uns hier bei den strategischen Veränderungen enorm geholfen.“

Ihm kam aber auch die eigene internationale Erfahrung zugute. Burchard wurde als Sohn eines Hoechst-Managers in der Schweiz geboren und ist in Brasilien aufgewachsen. Seine berufliche Laufbahn indessen begann er mit einer kaufmännischen Lehre bei Hoechst in Frankfurt. Dort habe er auch gelernt, Hessisch zu verstehen.

Dem anschließenden BWL-Studium an der European Business School folgten internationale Vertriebs- und Führungsfunktionen bei Hoechst, Aventis und ab 2001 bei Astra Zeneca. Die dabei gewonnenen Erfahrungen konnte Burchard bei der Globalisierung des Mittelständlers bestens nutzen.

Diesen globalen Kurs will Burchard fortsetzen. Der Schwerpunkt liege klar auf organischem Wachstum, auch wenn die Finanzkraft durchaus Spielraum für weitere Zukäufe biete. Mitte 2018 verfügte Merz über gut 250 Millionen Euro an Cashreserven bei einer schuldenfreien Bilanz. Das habe sich seither weiter gut entwickelt, sagt Burchard. Gleiches gelte für den Betriebsgewinn, der nach einer zweijährigen Delle 2018/19 wieder deutlich von 93 auf 137 Millionen Euro zulegte.

Größte und wichtigste Einheit in der neuen Struktur wird die Ästhetiksparte mit einem Umsatzanteil von deutlich mehr als 50 Prozent und 17 Prozent Wachstum. Mit einem Botulinumtoxin zur Faltenglättung ist Merz hier Hauptkonkurrent des US-Konzerns Allergan mit seinem bekannten Bestseller Botox. Zum Sortiment gehören ferner sogenannte Filler sowie Ultraschallgeräte zur Faltenbehandlung. Das Geschäft soll künftig Bob Rhatigan als CEO der Sparte von Raleigh, North Carolina, aus leiten.

Die künftig von Stefan Brinkmann geführte Merz Therapeutics ist vor allem auf das verschreibungspflichtige Medikament Xeomin für die Behandlung von neurologisch bedingten Bewegungsstörungen konzentriert. Es handelt sich dabei ebenfalls um ein Botulinumtoxin, das Merz biotechnisch in einer Anlage in Dessau produziert. Für dieses Mittel wolle man weitere Einsatzfelder und Märkte erschließen, so etwa auch den japanischen Markt, so Burchard.

Dritter und kleinster Geschäftsbereich ist die Consumer-Sparte mit Marken wie Tetesept und Merz Spezial und einem Umsatz im höheren zweistelligen Millionenbereich. Deren Leitung soll Frank Baldauf übernehmen. Ziel ist es hier, die bisher nur auf Deutschland, Österreich und die Schweiz konzentrierten Marken nach und nach auch in anderen europäischen Märkten zu etablieren.

Wachstumsstarke Ästhetik

Externe Beobachter sehen Merz mit dem Fokus auf Ästhetik auf einem soliden Weg. „Das Unternehmen war in der Vergangenheit offenbar noch zu verkrustet, um aus dem Memantine-Erfolg heraus ein größeres innovatives Pharmageschäft aufzubauen.

Der Fokus auf Ästhetik macht insofern Sinn“, sagt ein erfahrener Investor aus der Branche. Zudem gilt das Marktpotenzial auf diesem Feld als ausgesprochen attraktiv. Marktforscher wie Meticulous Market Research gehen davon aus, dass die Umsätze in der medizinischen Ästhetik bis 2025 um jährlich um elf Prozent auf mehr als 22 Milliarden Dollar wachsen werden.

Gleichzeitig ist die Branche heftig in Bewegung. Marktführer Allergan steht vor der Übernahme durch den US-Pharmakonzern Abbvie, der Branchenzweite, die bisherige Nestlé-Tochter Galderma, wurde von der Private Equity Gruppe EQT übernommen. In diesem Umfeld, glaubt Burchard, sei die eigenständigere Ausrichtung der Ästhetiksparte besonders vorteilhaft. „Wenn die Konkurrenten durcheinandergewirbelt werden, bietet das für uns als fokussierten Anbieter zusätzliche Chancen.“

Mehr: China hat sich zum größten Wachstumsmarkt für westliche Pharmakonzerne entwickelt. Die versuchen nun, ihre Position auch durch Zukäufe auszubauen.

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