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Philipp zu Guttenberg Der Waldpräsident

Gegen romantische Verklärung und ideologische Verblendung des Waldes: Wie Freiherr Philipp zu Guttenberg, Bruder des Ex-Ministers Karl-Theodor, als Unternehmer und Lobbyist für die Belange der Forstwirtschaft streitet.
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„Unter dem Deckmantel des Umweltschutzes“. Quelle: AGDW
Philipp Franz Freiherr von und zu Guttenberg

„Unter dem Deckmantel des Umweltschutzes“.

Wenn es darum geht, die Bedeutung seiner Branche mit Zahlen zu belegen, dann hat Philipp Freiherr von und zu Guttenberg, 44, leichtes Spiel: 180 Milliarden Euro Umsatz hängen in Deutschland direkt und indirekt von der Forstwirtschaft ab. Jedes Jahr werden hierzulande 57 Millionen Kubikmeter Holz geerntet, wobei der Vorrat in den vergangenen 15 Jahren um 6,6 Prozent zugenommen hat, wie es der Waldinventurbericht des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft ausweist. Was anders ausgedrückt bedeutet: Es wächst mehr Holz in Deutschlands Wäldern nach, als gefällt wird. Außerdem finden 1,2 Millionen Menschen in den 130.000 Betrieben der Branche eine Beschäftigung.

So weit, so eindrucksvoll. Dass die Branche gleichwohl nicht nach den Regeln der Marktwirtschaft funktioniert, treibt Guttenberg gleich doppelt um. Denn der jüngere Bruder des ehemaligen Verteidigungs- und Wirtschaftsministers Karl-Theodor zu Guttenberg amtiert nicht nur als Präsident und Chef der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Waldeigentümer (AGDW), eines eher kleinen Lobbyverbands mit elf Mitarbeitern, sondern er führt als Zweitgeborener auch die familieneigenen Unternehmungen.

Wie so oft beim deutschen Adel verfügen auch die Guttenbergs über reichhaltigen Waldbesitz. Insgesamt mehr als 6.000 Hektar, vorwiegend in Bayern und Österreich, gehören der Familie, deren Stammsitz samt mittelalterlichem Schloss im nördlichen Oberfranken zu finden ist. Dort aber ist der Freiherr nicht mehr allzu oft anzutreffen, was ihn zu der Aussage verleitet: „Das eigentliche Geschäft, das ohnehin kaum mehr als ein Prozent Rendite einbringt, leidet manchmal, weil ich in Hochzeiten der Verbandsarbeit zu wenig Zeit habe, mich um unsere Firmen daheim zu kümmern.“

Größeres Mitleid wegen der darbenden Geschäfte muss nun nicht unbedingt aufkommen, haben die Guttenbergs doch 2002 ein umfassendes Aktienpaket an den Rhön-Kliniken für rund 260 Millionen Euro verkauft. In der Liste der reichsten Deutschen des Wirtschaftsmagazins „Bilanz“ liegt die Familie mit einem geschätzten Vermögen von über 400 Millionen Euro unter den Top 500.

Tatsächlich bewegt sich der Mann mit den dunklen Haaren, dem breiten, ansteckenden Lachen und den wachen Augen vorwiegend in den politischen Zirkeln der (Lobbyisten-) Hauptstädte Berlin und Brüssel. Hier ist er jetzt zu Hause, um mit Studien, Zahlen und Fakten gegen die Dauerverklärung des deutschen Waldes zu argumentieren. Ohnehin mythisch umrankt durch die Erzählungen der klassischen Literatur aus Goethes und Schillers Zeiten, erlebt der heimische Wald in den stürmischen Jahren zunehmender globaler Spannungen gerade seine Wiederentdeckung als Symbol für Stille und Achtsamkeit. Oder anders ausgedrückt: Die Menschen lieben und schätzen ihren Wald derart, dass immer mehr Bürger die 90 Milliarden Bäume in deutschen Wäldern am liebsten für unberührbar erklären würden, um sie so vollständig dem Wirtschaftskreislauf zu entziehen.

Dass das den vielen Hunderttausend Waldbesitzern in Deutschland ökonomisch wenig sinnvoll erscheint, leuchtet schnell ein. Dass es in vielen Fällen auch ökologisch widersinnig ist – genau das einem breiten und manchmal ideologisch verklärten Publikum klarzumachen, so laute seine „zentrale Aufgabe“, sagt Guttenberg.

Ein anderer hochrangiger Lobbyist in Berlin drückt es so aus: „Kollege Guttenberg hat wahrlich keinen leichten Job. Den Leuten zu verdeutlichen, dass es sogar geboten ist, einen Wald zu bewirtschaften, weil eine vernünftige Nutzung des Rohstoffs Holz den Umweltschutz nicht torpediert, sondern sogar fördert, das ist extrem schwer vermittelbar. Das wollen viele aus ideologischen Gründen gar nicht verstehen.“

Und so rast, Pardon, reist der studierte Forstwirt und Ökologe Guttenberg häufig hin und her zwischen Brüssel und Berlin, wo er mit seiner Frau, einer schottischen Adligen, und drei Kindern lebt. In der EU-Metropole Brüssel wiederum, Guttenberg ist auch Vizepräsident des europäischen Waldbesitzerverbands CEPF, muss er allein sieben Generaldirektionen (Agrar, Umwelt, Klima, Energie und so weiter) bespielen, die alle mit Waldbelangen befasst sind.

In Berlin ist es gerade während der Findungsphase einer neuen Regierung fast noch unübersichtlicher. Alte Ansprechpartner sind nicht mehr auf Posten, neue Positionen noch nicht definiert. Allerdings schwant Guttenberg mit Blick auf eine mögliche Jamaika-Koalition nichts Gutes. „Eine Bundesregierung mit grüner Beteiligung – sie ahnen schon, was das für die Ökonomie des Waldes bedeutet“, sagt er im warmen Tonfall seiner fränkischen Heimat und lässt den Satz unvollendet. Um sich aber nach einem Moment der Stille wieder in Erregung zu reden: „Sie werden ihn totlieben unter dem Deckmantel des Umweltschutzes.“

Und das mit dem „Totlieben“ meint er sehr ernst und durchaus doppeldeutig. Dass der Wald auch Einschlag respektive Ernte braucht, damit junges Gehölz nachwachsen kann – das komme bei den meisten Gegnern als Argument noch irgendwie an. Dass hierzulande schon seit 2002 Jahr für Jahr mehr Holz nachwächst, als Bäume gefällt werden – das wollten viele Aktivisten schon nicht mehr wirklich zur Kenntnis nehmen. Und dass die Nachfrage nach Holz in Deutschland deutlich höher ist als das Angebot und dass dieser Umstand bei Verzicht auf heimisches Holz sogar dazu führt, dass womöglich noch mehr besonders schützenswertes Tropenholz importiert werden muss – „da schließen sich dann in der Regel alle Ohren“, sagt Guttenberg.

Für das penetrante Wiederholen dieser weithin wissenschaftlich belegten Weisheiten hat ihm der Naturschutzbund vor Jahren den zweifelhaften Ehrentitel „Umwelt-Dinosaurier“ verliehen. Darüber kann er inzwischen lachen, wie er überhaupt viel Sinn für Humor hat. Als seinem Bruder 2011 in Aachen der Karnevalsorden „Wider den tierischen Ernst“ verliehen wurde, Karl-Theodor aber nicht zum Festakt kommen konnte, sprang kurzerhand Philipp stellvertretend ein und hielt in Smoking und mit Fliege eine umjubelte Festrede, die er mit den Worten begann: „Es geht heute Abend hier nicht um mich. Denn ich bin lediglich das Plagiat.“ Tusch. Klatschmarsch. Tosender Applaus. Aber das ist eine andere Geschichte. Sie wissen schon …

Deutlich weniger amüsieren ihn als Waldbesitzer die Einmischungen der Umweltbürokratie, die mitunter so weit gehen, dass Ämter und Behörden vorschreiben, welche Bäume im deutschen Wald nachwachsen dürfen und welche nicht – wie etwa die nordamerikanische Douglasie, ein schnell wachsender, gegen Schädlinge besonders resistenter und damit sehr ertragreicher Nadelbaum, der aber im Verdacht steht, heimische Baumarten zu verdrängen. „Ohne Not wird so supranational in funktionierende Abläufe eingegriffen“, kritisiert Guttenberg. Und sagt: „Leider wird dabei nicht berücksichtigt, dass es heimische Baumarten bei weiter steigenden Durchschnittstemperaturen hier künftig schwer haben werden. Das wird auch negative Auswirkungen auf die CO2-Bilanz haben und auf die Holzernte. Aber das wird in der verklärten Debatte gern auch alles ausgeblendet.

Guttenberg weiß, dass es schwer ist, die Kritiker mit rein rationalen Argumenten zu überzeugen. Und so versucht er es mitunter auch emotional. Und sagt: „Waldbesitzer lieben ihren Wald. Viele Familien besitzen ihre Waldflächen schon über viele Generationen. Da wird seit jeher auch aus ökologischer Sicht vorsichtig gewirtschaftet.“

Doch auch mit den Emotionen ist das so eine Sache. Sie lassen sich bei vielen Waldbesitzern nicht leicht entfesseln – ganz anders etwa als bei den Bauern. Wenn der Bauernpräsident zur Sternfahrt nach Berlin aufruft, weil die Milchpreise vielleicht mal wieder sinken, dann blockieren binnen Stunden Traktoren die Autobahnen. Guttenberg, der Waldpräsident, sagt: „Die Bauern leben davon. Die Waldbesitzer bewirtschaften ihren Forst oft nebenher und lassen deshalb vieles über sich ergehen.“

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