Hansgrohe-Werk in Songjiang

Seit 2003 werden Brausensysteme und Armaturen in China gefertigt.

(Foto: Hansgrohe SE)

Produktionskosten Von wegen billig – die Löhne in China steigen rasant

Die steigenden Löhne werden zu einem immer größeren Kostenfaktor für deutsche Firmen in China. Gleichzeitig lockt das Land jedoch als Absatzmarkt.
Kommentieren

SchanghaiProduktentwicklungsmanager Chen Jiaoyi lächelt verschmitzt. Der Vorstand des Bad- und Armaturenherstellers Hansgrohe, Hans-Jürgen Kalmbach, hat ihn gerade gelobt. Man müsse Mitarbeiter wie ihn fördern, sagt Kalmbach. Denn Chen hat Produktionstechnik an der HAW Hamburg studiert, spricht fließend Deutsch und kennt sich mit dem gesamten Herstellungsprozess des Unternehmens bestens aus. Wie gut, das hat er gerade auf einer Führung durch das 18.000 Quadratmeter große Werk zur Schau gestellt. Hier in Songjiang, einem südwestlichen Stadtteil Schanghais, fertigt das Schwarzwälder Unternehmen seit 2003 Brausensysteme und Armaturen der Marke Hansgrohe für China und den weltweiten Markt an

Förderung bedeutet in diesem Falle, Chen Aufstiegsoptionen anzubieten und ihn entsprechend zu bezahlen. In einer Umfrage der Deutschen Handelskammer zum Geschäftsklima in China wurden Gehaltserhöhung und Boni als die zwei effektivsten Methoden zur Mitarbeiterbindung genannt. Doch der Preis für diese Maßnahmen ist hoch. Denn in China sind die Gehälter von 2012 bis 2017 durchschnittlich um 9,8 Prozent pro Jahr gestiegen.

Erhöhen die Arbeitgeber den Lohn jedoch nicht, laufen sie Gefahr, ihre Angestellten schnell zu verlieren. Laut einer LinkedIn-Studie wechselten chinesische Arbeitnehmer 2017 im Durchschnitt alle 22 Monate ihren Arbeitsplatz. Besonders die Millennials, so besagt es ein Bericht der staatlichen Zeitung „China Youth Daily“, halten es nicht lange in einem Betrieb aus: Sie betreiben „Jobhopping“ – da erfolgt der Jobwechsel schon meist nach eineinhalb Jahren. Chen, der direkt nach seinem Studium 2011 bei Hansgrohe eingestiegen ist, gilt als eine Ausnahme.

Dabei macht es Sinn, sich immer wieder umzuschauen. „Wer treu bleibt, bekommt vielleicht eine Lohnerhöhung von zehn Prozent pro Jahr, in den letzten Jahren eher weniger mit sechs bis sieben Prozent. Wer wechselt, kommt auf rund 25 Prozent“, erzählt Miriam Wickertsheim, die seit mehr als zwölf Jahren in China lebt und nun als Managerin bei der Personalberatungsfirma Direct HR Group in Schanghai arbeitet. Unzufriedenheit mit dem Arbeitgeber sei aber meist nicht die Hauptursache, erklärt sie.

Die Gründe für die Unbeständigkeit und die hohen Forderungen seien vielfältig. Da gibt es einmal das generelle wirtschaftliche Umfeld. Seit den Marktreformen von 1978 wuchs Chinas Bruttosozialprodukt im Durchschnitt um fast zehn Prozent im Jahr, so die Weltbank. In der Dekade zwischen 2006 bis 2016 hat sich das Durchschnittsvermögen eines Chinesen mehr als verdoppelt.

„Die chinesischen Mitarbeiter sind häufig einem immensen sozialen und familiären Druck ausgesetzt, viel zu verdienen und in ihrer Karriere schnell voranzukommen“, fügt Wickertsheim hinzu. Als Beispiel nennt sie die landläufige Erwartung, dass Männer nur dann um die Hand einer Frau anhalten können, wenn sie Besitzer einer Immobilie sind. Die werden jedoch immer teurer: Zwischen 2011 und 2016 wuchs der Durchschnittspreis einer Immobilie in Schanghai um 91 Prozent und in Peking um 84 Prozent.

Außerdem verdienen chinesische Hochschulabsolventen zum Berufsstart in der Regel vergleichsweise wenig. So erzählt der Geschäftsführer eines im südchinesischen Guangdong ansässigen Mittelständlers, dass ein chinesischer Ingenieur im ersten Jahr circa 1.300 Euro bekommt, während man dem deutschen Hochschulabgänger für die gleiche Arbeit 3 500 Euro brutto zahlt. „Denn im Grunde muss man den chinesischen Berufsanfänger erst einmal zwei, drei Jahre ausbilden“, erklärt er. Nachdem die Ingenieure jedoch Erfahrungen gesammelt hätten, würden sich die Löhne angleichen. Für die gleiche Arbeit, so rechnet er vor, käme der Chinese auf circa 3000 Euro und der Deutsche auf 5000 Euro.

Angleichung an deutsche Standards

Je höher man die Geschäftsebene hinaufgeht, desto mehr gleichen sich die Löhne an. Längst gibt es sogar Bereiche, wo chinesische Mitarbeiter ebenso viel oder sogar mehr als ihre deutschen Kollegen verdienen. „Ich kenne Fälle, wo der chinesische Geschäftsführer mehr als der deutsche Vorstand kriegt“, sagt Wickertsheim. Erstere hätten vor ungefähr zehn Jahren angefangen, mehr zu fordern, erzählt auch der Mittelständler aus Guangdong. „Das war nämlich das erste Mal, dass sie die gleiche nötige Ausbildung und Erfahrung mitbrachten.“ 

Vor allem gute Englischkenntnisse seien ein Preistreiber, berichtet Wickertsheim. So schätzt Direct HR, dass vor allem chinesische Kandidaten mit guten technischen Fähigkeiten und Englischkenntnissen auch weiterhin 25 Prozent Gehaltsanstieg bei einem Firmenwechsel verbuchen können. Daher geht Wickertsheim davon aus, dass mittelfristig auch die Gehälter des mittleren Managements mit deutschen Standards gleichziehen werden.

Im Management des Vertriebs und im Marketing ist es bei Hansgrohe schon so weit, so Kalmbach. Denn neben den 700 Werkarbeitern beschäftigt Hansgrohe inzwischen auch mehr also 100 Angestellte vor Ort, die für Werbung und Verkauf zuständig sind. Das Unternehmen hatte sich früh zur Lokalisierung entschieden, in Songjiang gibt es nur noch zwei eigens aus Deutschland entsandte Fachkräfte.

So ist es auch nicht verwunderlich, dass laut Umfrage der Deutschen Handelskammer zum Geschäftsklima in China 78,1 Prozent der befragten Unternehmen angaben, steigende Lohnkosten seien ein Problem für sie. Schließlich macht der Personalaufwand durchschnittlich ungefähr ein Drittel der Ausgaben deutscher Firmen in China aus. Auf Platz eins lag auch ein Personalthema: die Suche nach qualifizierten Mitarbeitern. Die Frage der Mitarbeiterbindung kam mit 65,8 Prozent auf Platz vier

Bei diesem wachsenden Kostendruck müssen Firmen zunehmend Geld in die Hand nehmen und in die Automatisierung investieren. In Songjiang gibt es inzwischen mehrere Roboter im Hansgrohe-Werk, die gemeinsam mit den Schleifern die Armaturen bearbeiten. Der neu angeschaffte Sandschüttler, mit dem der Sand aus der Form geholt wird, ersetzt zwar keine konkrete Stelle, entlastet jedoch den Gießer von einem Arbeitsschritt. „Wir versuchen, die jährlichen Lohnkostensteigerungen durch Investitionen in die Automation wieder auszugleichen“, erklärt Kalmbach.

Kleine Firmen sind pessimistisch

Bisher kann Hansgrohe sich die Investitionen leisten. 2017 machte das Unternehmen einen Gesamtumsatz von über eine Milliarde Euro. China hat die USA als zweitwichtigsten Markt letztes Jahr abgelöst, sein Anteil am Gesamtumsatz hat sich in der vergangenen Dekade vervierfacht. Während Hansgrohes Gesamtumsatz um 5,8 Prozent gestiegen ist, legte der chinesische Anteil um 25,2 Prozent zu. Auch die Premiummarke des Hauses, Axor, die das Unternehmen nur im Schwarzwald fertigen lässt und dann ins Ausland exportiert, wächst in China über dem Branchendurchschnitt.

Jedoch glaubt ein Fünftel der deutschen Unternehmen, dass Produktivität die steigenden Lohnkosten nicht auffangen kann. Vor allem die kleineren Firmen sind da pessimistisch. Eine andere Lösung ist es daher, entweder in den kostengünstigeren Westen Chinas zu ziehen oder seine Produktion gleich in ein anders Land zu verlagern.

So hat der Mittelständler in Guangdong inzwischen ein weiteres Werk in Südostasien eröffnet und wird dieses Jahr seine chinesische Zentrale in eine preiswertere Nachbarstadt verlagern. „Viel weiter hätten wir uns nicht bewegen können“, sagt der Geschäftsführer, „wenn wir nicht unser Personal verlieren möchten.“

Seine Erfahrungen sind beispielhaft. „Zwar winken im chinesischen Landesinneren zum Beispiel kostenfreies Bauland und Steuervorzüge, aber man sucht dort vergeblich nach qualifizierten Mitarbeitern“, erzählt Wickertsheim. Drei Viertel der Talente für die Automatisierungsindustrie sind noch immer in den teuren Ballungszentren um Peking, Schanghai und im Perlenflussdelta zu finden.

Und so stecken die Unternehmen in einem Dilemma. Auf der einen Seite wollen 87 Prozent der deutschen Firmen in China bleiben, denn schließlich laufen die Geschäfte dort gut. Auf der anderen Seite müssen sie daher immer wieder neue Gehaltserhöhungen genehmigen, die deutschen Vorständen häufig als zu hoch erscheinen.

Seit Jahren müsse sie dann immer den aktuellen Arbeitsmarkt- und Lohnbericht der Deutschen Handelskammer vorlegen, um zu zeigen, dass die jährlichen Forderungen nach acht bis zehn Prozent Gehaltserhöhungen nicht überzogen seien, sagt Wickertsheim. „Dabei müssten die deutschen Chefs schon längst verstanden haben, dass China schon lange kein billiges Fertigungsland mehr ist.“

Startseite

Mehr zu: Produktionskosten - Von wegen billig – die Löhne in China steigen rasant

0 Kommentare zu "Produktionskosten: Von wegen billig – die Löhne in China steigen rasant"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%