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Purpose-Stiftung Diese vier Unternehmer wollen das Verantwortungseigentum fördern

Vier junge Unternehmer wollen die Idee des Familienunternehmens weiterentwickeln. Mit ihrer Stiftung Purpose – und der Gründung eines Verbands.
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Die Unternehmer sehen sich als Pioniere im Sinne des Verantwortungseigentums. Quelle: Stiftung Purpose
Armin Steuernagel (hinten rechts), Alexander Kühl (vorne links), Adrian und Achim Hensen (hinten links)

Die Unternehmer sehen sich als Pioniere im Sinne des Verantwortungseigentums.

(Foto: Stiftung Purpose)

Berlin, Frankfurt Es sind zwei Pärchen, die sich zu einem Quartett ergänzt haben. Armin Steuernagel, 29 Jahre jung und Alexander Kühl, 30, haben sich beim Ökonomie-Studium in Oxford kennen gelernt. Achim und Adrian Hensen, 35, sind eineiige Zwillinge und haben beide Wirtschaftspsychologie studiert.
Alle vier haben also fundierte Kenntnisse erworben, wie Mikro- und Makroökonomie gewöhnlich funktionieren. Und alle vier haben zunächst auch gearbeitet, wie es sich für ordentliche Volks- oder Betriebswirte gehört: Steuernagel hat eine Firma gegründet, die biologische Lebensmittel für Kinder vertreibt.

Kühl hat sich als Berater bei Oliver Wyman verdingt, und die Brüder Hensen waren für einen Airbnb-Konkurrenten (Achim) tätig und bei einer Jobbörse für junge Akademiker (Adrian). Zusammengebracht hat die beiden Pärchen ein spezieller Ansatz, der weltweit immer mehr Anhänger findet: Unternehmen in Verantwortungseigentum, die Eigenständigkeit und Werteorientierung in ihrer Unternehmensverfassung verankern.

Was vielleicht etwas sperrig klingt, lässt sich mit anderen Worten im Kern so umschreiben: Es geht um eine Erweiterung der Idee des Familienunternehmens. Die Unternehmensverantwortung wird dabei nicht automatisch an die (genetische) Familie gebunden, sondern an eine Werteverwandtschaft.

Um genau das zu gewährleisten, benötigen diese Firmen eine spezielle Eigentümerstruktur, die dafür sorgt, dass die Kontrolle über das Unternehmen dauerhaft bei jenen Menschen verbleibt, die sich mit diesen innerlich verbunden fühlen, und dass das Vermögen des Unternehmens gebunden ist und nicht personalisiert werden kann. Das Unternehmen gehört im besten Sinne „sich selbst“.

200 Unternehmen in Verantwortungseigentum

„Es gibt dann keine automatische Vererbung der Firma mehr, und das Unternehmen kann auch nicht als Spekulationsobjekt verkauft werden“, sagt Armin Steuernagel. „Jeder Mitarbeiter, jeder Kunde eines solchen Unternehmens ist sicher: Das, was wir gemeinsam erarbeiten haben, wird reinvestiert, gespendet oder genutzt, um externe Investoren auszuzahlen.“

Damit unterscheidet sich dieser Ansatz maßgeblich von den in Deutschland typischen Familienstiftungsunternehmen. Denn in den allermeisten dieser Fälle dienen diese nicht gemeinnützigen Stiftungen, sondern weiter dem Familienvermögen. Das Unternehmen bleibt demnach im Vermögenseigentum der Familie und der Erbfolge.

Achim Hensen ergänzt: „Die entscheidenden Fragen lauten für uns: Wie kann sichergestellt werden, dass Unternehmen langfristig unabhängig bleiben? Und wie kann das dazu beitragen, dass sich eine Wirtschaft entwickelt, die den Sinn und nicht den Shareholder-Value maximiert?“

Wir wollen sehen, wie ein Investment funktioniert, das nicht der kurzfristig orientierten Kapitalmarktlogik folgt. Frank Niederländer, BMW-Stiftung

Wem das jetzt zu esoterisch oder sehr idealistisch klingt, dem liefert Hensens Zwillingsbruder Adrian die Zahlen: „Es gibt in Deutschland bereits über 200 Unternehmen in Verantwortungseigentum, die 1,2 Millionen Menschen beschäftigen und einen Umsatz von 270 Milliarden Euro erreichen.“

Tatsächlich sind in dieser speziellen Rechtsform Konzerne wie der weltgrößte Autozulieferer Bosch, aber auch Firmen wie Mahle, Zeiss, Alnatura und Globus organisiert. Und es werden stetig mehr. Denn immer öfter würden selbst Start-up-Unternehmer nicht mehr an einen finanziell lukrativen Exit denken – also an einen späteren Börsengang oder einen möglichen Verkauf an eine Beteiligungsgesellschaft - sondern wollten etwas Dauerhaftes schaffen. Sagen Steuernagel und Hensen.

Als Beispiel nennen sie das Plattformökonomie-Unternehmen Ecosia.org, die einzige unabhängige europäische Suchmaschine, oder das nachhaltige Kondom-Start-up Einhorn. Waldemar Zeiler von Einhorn betont: „Das ist für uns nicht nur eine Eigentumsform, die langfristig unsere Werteorientierung ermöglicht, sondern sie gibt auch ein wirklich rechtlich bindendes Versprechen an alle Kundinnen und Kunden ab – dieses Unternehmen dient nicht unserem persönlichen Vermögen, sondern wirklich einem Sinn.“

Klassische Lobbyarbeit gefragt

Ökonomisch ausgedrückt, handelt es sich um einen stark wachsenden Markt. Von dem auch das Gründerquartett profitieren möchte. Wobei das Wort Profit von den vier Gründern gern vermieden wird.

Steuernagel: „Natürlich müssen wir auch unseren Lebensunterhalt verdienen. Aber es geht uns wirklich darum, diese spezielle Organisationsform von Firmen, die beispielsweise in Dänemark schon für 60 Prozent des dortigen Aktienindexes steht, zu fördern – und zwar deshalb, weil es für uns die bestmögliche Form einer nachhaltigen Unternehmensführung ist.“

Eine Ansicht, die etwa Franz Fehrenbach, der Aufsichtsratsvorsitzende von Bosch, ausdrücklich teilt: „Mir gehört nichts von Bosch. Die Firma gehört in weiten Teilen einer gemeinnützigen Stiftung. Dennoch fühle ich mich in der vollen Verantwortung für das Unternehmen.“ Man könnte auch sagen: Bosch hat Sinnorientierung und Eigenständigkeit für immer in der DNA der Firma verankert.

Um jungen, aber auch alteingesessenen Firmen, die am Verantwortungseigentum Interesse haben, bei der Umwandlung ihrer Struktur zu helfen, hat das Gründerquartett zusammen mit anderen Unternehmern die Purpose-Stiftung aufgebaut. Purpose bietet Hilfe bei allen Rechts- und Transformationsprozessen und investiert über zwei eigene Beteiligungsgesellschaften selbst in entsprechende Unternehmen.

Vom Investment in Start-ups bis zum Auskauf von Altinvestoren sieht sich Purpose als Pionier in diesem Metier. 50 Millionen Euro haben Steuernagel und Co. bei Geldgebern wie der BMW-Stiftung, der niederländischen Lottogesellschaft und privaten Investoren wie dem renommierten Fondsmanager Albert Wenger, der sonst für Union Square Ventures in New York arbeitet, eingesammelt.

Frank Niederländer von der BMW-Stiftung sagt: „Wir wollen sehen, wie ein Investment funktioniert, das nicht der kurzfristig orientierten Kapitalmarktlogik folgt.“ Damit haben das Quartett und die über 20 Purpose-Mitarbeiter aber noch nicht genug.

Jetzt wollen die vier jungen, sportlichen Unternehmer, die auch im Geschäftsleben vorwiegend Jeans und Pullover tragen und kein festes Büro unterhalten, zusammen mit 30 weiteren Unternehmen einen Verband gründen, der die Interessen der Verantwortungsunternehmer in politischen Fragen vertritt.

Vor allem braucht es neue verbindliche „Rechtskleider“, wie es Steuernagel ausdrückt, um den Übergang zu vereinfachen. Anders ausgedrückt: Es ist klassische Lobbyarbeit vonnöten, um die Politik auch praktisch zu überzeugen.

Zum feierlichen Festakt der Verbandsgründung am Montag haben etliche ökonomische und politische Größen zugesagt: Die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer wird ebenso in der Berliner Kalkscheune erwartet wie Wirtschaftsminister Peter Altmaier und die Topökonomen Michael Hüther und Marcel Fratzscher.

Mehr: Erstmals geben Gründerenkel Christof Bosch, Konzernchef Volkmar Denner und Chefaufseher Franz Fehrenbach in einem gemeinsamen Interview Einblicke in das Wertegerüst von Bosch.

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