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Reisemobil-Markt Bei Thor und Hymer prallen die Kulturen aufeinander

Familie Hymer verkaufte ihren Reisemobilbauer an Thor. Bei Qualität und Arbeitstempo gibt es nun Differenzen. Die Chefs wollen voneinander lernen.
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Der amerikanische Wohnwagenhersteller Thor hatte die baden-württembergische Firma Hymer im Februar gekauft. Quelle: dpa
Martin Brandt (l.) und Bob Martin

Der amerikanische Wohnwagenhersteller Thor hatte die baden-württembergische Firma Hymer im Februar gekauft.

(Foto: dpa)

Düsseldorf Vor einem Jahr noch waren sie Konkurrenten: Martin Brandt und Bob Martin. Der eine Chef des Reisemobilbauers Erwin Hymer Group aus Bad Waldsee, Marktführer in Europa. Der andere CEO von Wohnwagenhersteller Thor Industries aus Elkhart in Indiana, die Nummer eins in Nordamerika.

Heute präsentieren sich beide auf dem Caravan-Salon in Düsseldorf einträchtig an einem Stand: der quirlige Oberschwabe und der unaufgeregte amerikanische Hüne. Denn Bob Martin ist jetzt der Chef von Martin Brandt. Der Amerikaner, der zuletzt 15 Millionen Dollar Jahresgehalt bekam – und damit doppelt so viel wie ein Dax-30-Chef im Schnitt – gibt sich tiefenentspannt und bodenständig. „Es war eine freundliche Übernahme“, versichert der 49-jährige.

Im Frühjahr verkauften die Erben des 2013 verstorbenen Gründers Erwin Hymer ihr Familienunternehmen an Thor. „Das war eine Gelegenheit, wie sie sich nur einmal im Leben bietet“, betont Martin. Zusammen bilden sie den neuen Weltmarkführer für Freizeitfahrzeuge – mit 25.000 Mitarbeitern und rund zehn Milliarden Dollar Umsatz.

In Europa ist die französische Trigano stark, in den USA etwa Winnebago. Das schwäbische Familienunternehmen, das der charismatische Tüftler Hymer 1957 gründete, ist nun Teil eines US-Börsenkonzerns, der an der Wall Street notiert. Ein Kulturbruch im beschaulichen Bad Waldsee.

Nach Familie Wirtgen, die ihr Baumaschinen-Imperium 2017 für 4,4 Milliarden Dollar an US-Konkurrent John Deere veräußerte, ist mit der Hymer Gruppe erneut ein deutsches Familienunternehmen von Weltruf an Amerikaner verkauft worden.

„Die Belegschaft von Hymer hätte nie für möglich gehalten, dass die Familie die Firma verkauft“, sagt Enzo Savarino von der IG Metall Friedrichshafen. „Und dann noch an börsennotierte Amerikaner, die gemeinhin kein gutes Image haben.“ Da flossen schon einige Tränen, erzählt Gesamtbetriebsratschef Janusz Eichendorff.

Die Beweggründe von Gründerwitwe Gerda Hymer und den erwachsenen Kindern Christian und Carolin kann Brandt indes nachvollziehen. Das Unternehmen sei extrem schnell gewachsen. „Als ich vor vier Jahren anfing, hatten wir 900 Millionen Euro Umsatz, heute sind es mehr als zwei Milliarden Euro“, sagt Brandt. „Wir werden internationaler, gehen nach China“, sagt der 59-jährige Wirtschaftsingenieur, der zuvor als COO beim Leuchttechnik-Hersteller Zumtobel arbeitete.

Den Hymer-Erben, die nie operativ tätig waren, wurde alles zu groß, erzählt Brandt. Gleichzeitig wollten sie Wachstum und Internationalisierung nicht im Wege stehen. Zunächst sollten nur 20 Prozent an einen strategischen Investor gehen – möglichst an ein anderes Familienunternehmen. So wollte die Familie fachlichen Rat hereinholen, um etwa einen Zukauf im Ausland besser einschätzen zu können. 20 Interessenten meldeten sich.

Zuletzt blieben drei Kandidaten übrig, zwei Finanzinvestoren und Thor – ebenfalls ein Familienunternehmen, wenn auch börsennotiert. Aber Thor wollte die Hymer-Gruppe, die aus 20 Marken wie Dethleffs, Bürstner, Eriba oder Carado besteht, ganz – oder gar nicht. Bob Martin: „Thor hat schon viele Marken aufgekauft wie Airstream, Keystone oder Jayco. Anders als Finanzinvestoren, die auf schnellen Profit aus sind, halten wir Firmen normalerweise für immer.“

„Das war ein harter Prozess für die Familie“, betont Brandt. Doch dann trafen sie Peter Orthwein, der mit Wade Thompson die Firma 1980 gegründet hatte. Der Name Thor ergibt sich aus den Anfangsbuchstaben beider Gründer. „Der Funke sprang gleich über“, beobachtete Brandt. Gerda Hymer raunte ihm zu: „Peter ist wie mein Erwin. Beide sind Gründer und haben denselben Unternehmergeist.“

Familie Hymer war nun bereit, komplett zu verkaufen. Dafür sollten sie 2,1 Milliarden Euro in bar und in Thor-Aktien bekommen. Doch beinahe wäre der Deal noch geplatzt. „Das war ein Alptraum“, erzählt Brandt ganz offen. Eine Whistleblowerin aus Kanada behauptete, die Umsätze der dortigen Hymer-Tochter seien massiv manipuliert. Die Firma Roadtrek hatte Brandt erst drei Jahre zuvor zugekauft.

Am zweiten Weihnachtsfeiertag flog der Deutsche nach Toronto zum Krisentreffen mit dem Thor-Chef . „Das waren alles andere als fröhliche Weihnachten“, resümiert Martin.

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