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Röhrenspezialist Schulz Buffetts 800-Millionen-Euro-Kauf in Krefeld gerät zum Desaster

Warren Buffetts Manager klagen, sie seien bei einem Investment in Krefeld um Hunderte Millionen Euro betrogen worden. Die Staatsanwaltschaft ermittelt.
04.05.2020 Update: 04.05.2020 - 13:13 Uhr 1 Kommentar
Der Star-Investor hielt am Samstag die Hauptversammlung von Berkshire Hathaway virtuell ab. Quelle: Reuters
Warren Buffett

Der Star-Investor hielt am Samstag die Hauptversammlung von Berkshire Hathaway virtuell ab.

(Foto: Reuters)

Denver, Düsseldorf Vertrauen, das sei das Wichtigste, sagte Ted Weschler. Der Investmentchef von Warren Buffetts legendärer Unternehmensgruppe Berkshire Hathaway sprach im Mai 2017 mit dem Handelsblatt über die Widrigkeiten, in Deutschland auf Einkaufstour zu gehen. Eine fremde Sprache, eine fremde Rechtskultur. Aber diese Umstände seien auch eine Chance.

„Das bedeutet, dass es noch mehr auf Vertrauen ankommt, diese Schwelle ist dann besonders hoch“, erklärte Weschler. „Man sitzt vor einer Übernahme viele Stunden in Gesprächen zusammen. Da muss man beurteilen können, wie ehrlich die Absichten der Verhandlungspartner sind.“

Weschler war gut gelaunt. Drei Monate zuvor hatte eine Tochtergesellschaft von Berkshire Hathaway, die Precision Castparts Corporation (PCC), den Röhrenspezialisten Schulz übernommen, jahrzehntelang geleitet vom Patriarchen Wolfgang Schulz. Ein „genialer Deal“ war das, hieß es aus Branchenkreisen – und offenbar zu vorteilhaften Konditionen. Weschler verriet keine Zahlen, sagte aber: „Warren legt ja immer extremen Wert auf Preisdisziplin. Genau solche Deals würden wir gern öfter abschließen.“

Es ist ein Satz, der ihm heute nicht mehr über die Lippen käme. Gegen Wolfgang Schulz, bekannt als lokale Unternehmergröße und Mäzen des Eishockeyklubs Krefeld Pinguine, ermittelt die Düsseldorfer Schwerpunktstaatsanwaltschaft für Wirtschaftskriminalität. Auch sieben ehemalige Manager sind beschuldigt. Es bestehe der Verdacht des „gemeinschaftlichen Betrugs im besonders schweren Fall, der Urkunden- und Bilanzfälschung“, so ein Behördensprecher. Die Deutschen machten Buffetts Investmentexperten offenbar ein X für ein U vor.

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    Nach Informationen des Handelsblatts lief die Schulz-Scharade schon seit 2016. Die Commerzbank hatte der Unternehmensgruppe einen Kredit von 325 Millionen Euro gegeben, und Schulz konnte nicht zahlen. Im April verlangte die Commerzbank ein Sanierungsgutachten. Am 8. Juni 2016 wurde Andreas Ringstmeier mandatiert, ein Fachanwalt für Insolvenzrecht. Am 21. Juni empfahl Ringstmeier, die Geschäftsführung solle einen Insolvenzantrag stellen.

    Ein weiterer Kredit der Commerzbank verhinderte die Zahlungsunfähigkeit. Kurz darauf, am 4. Juli 2016, erhielt die PCC-Gruppe eine Anfrage aus München. Die auf den Mittelstand spezialisierte Investmentbank FCF Fox Corporate Finance wollte wissen, ob die Amerikaner an der Schulz-Gruppe interessiert seien. Der Röhrenspezialist befände sich in einem Wachstumsmarkt und würde 2016 bei 258,4 Millionen Euro Umsatz voraussichtlich ein Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) von 96 Millionen Euro erwirtschaften – 25 Prozent mehr als im Vorjahr. Als Kaufpreis sei an 850 bis 900 Millionen Euro gedacht.

    Scheinbestellungen und Scheinrechnungen?

    Die Buffett-Männer waren interessiert. Es sei schwer, in Deutschland Firmen zu kaufen, weil das deutsche Erbrecht den Familien so viel Spielraum lasse, klagten die Amerikaner oft. Hier sahen sie eine Gelegenheit.

    Es war wohl nur ein Köder. Die Schulz-Seite bestreitet einen Betrug. Doch interne Unterlagen legen nahe, dass Umsätze und Gewinne systematisch mit der Bildbearbeitungssoftware Photoshop aufgepeppt wurden. Demnach scannten Manager das Briefpapier von Drittfirmen und fertigten Scheinbestellungen, für die dann Scheinrechnungen erfolgten.

    Als im Sommer 2016 ein Käufer für die desolate Schulz-Gruppe auftauchte, brach dort Hektik aus. Am 14. September schrieb ein Manager aus dem Controlling an einen IT-Spezialisten, er solle „alles stehen und liegen lassen“, um „Aufträge für Auftragsbestätigungen zu machen“. Eine Woche später bat der IT-Mann einen Kollegen um Hilfe. Wenn das ginge, würde er „mit Photoshop weitermachen“.

    Es ging. Am 22. Oktober 2016 wandte sich der Manager aus dem Controlling an einen Vorgesetzten. Es müsse „für einige Umsätze noch entschieden werden, wer Kunde sei“. Am Tag darauf folgte die Bitte, für Oktober bis Dezember noch „Aufträge anzulegen“. Am 21. November ein weiterer Hilferuf: Für die Fabrikation von Scheinaufträgen bedürfe es noch „Original-PDF“. Die gescannten Kopien seien „schon zu oft benutzt worden“.

    All dies geschah während der Verkaufsgespräche mit PCC. Bei der üblichen Due Diligence, der genauen Prüfung aller Geschäftszahlen, wurden die Amerikaner im Oktober 2016 von einem fünftägigen Ausfall des Buchhaltungssystems überrascht. Heute argwöhnt PCC: Das war kein Zufall.

    Commerzbank erhielt mehr als 350 Millionen Euro

    Ende Dezember 2016 schlossen die Parteien einen Kaufvertrag, Mitte Februar 2017 wurde die Übernahme vollzogen. Nachdem die Deutschen offenbar monatelang die Buchhaltung frisiert hatten, zahlten ihnen die Amerikaner das 9,1-Fache des angeblichen Ebitda: 800 Millionen Euro. Die Verkäufer bekamen davon 280 Millionen Euro, 53 Millionen gingen auf ein Treuhandkonto, der Rest ging an die Kreditgeber von Schulz, vor allem die Commerzbank. Sie erhielt 361 Millionen Euro.

    Die Commerzbank freut sich vermutlich noch heute, aber sonst kaum jemand. Im Mai, als Buffetts Investmentchef Weschler öffentlich über den deutschen Mittelstand schwärmte, war bei PCC schon eine anonyme Mail eingegangen. Sie las sich verheerend: „Seit Oktober bucht ein kleines Team gefälschte Kundenbestellungen in unser INFOR-System, um die Gesamtzahl der Aufträge zu manipulieren und unser Unternehmen damit viel besser darzustellen, als es ist. Ich werte das als kriminellen Akt und möchte nicht länger für eine Firma arbeiten, die sich solcher Methoden bedient. Ich hoffe, Sie untersuchen das und beenden diesen kriminellen Blödsinn.“

    PCC leitete eine Untersuchung ein. Das üble Spiel, sagen die Amerikaner, habe aber nicht aufgehört. Ein Merkmal von Buffetts Philosophie bei Übernahmen ist die personelle Kontinuität. „Wir tauschen das Management nicht aus. Wir legen Wert darauf, dass die Kultur erhalten bleibt“, sagte Weschler im Mai 2017. Er wusste nicht, welche Schwierigkeiten das in Krefeld bringen würde.

    Auf die Bitte, Belege für als fragwürdig identifizierte Bestellungen vorzubringen, reagierten die Beteiligten ohne Reue. Am 1. September 2017 erhielt ein Mitarbeiter die Anweisung, neue Scheinbestellungen an einen Vorgesetzten weiterzureichen. Der Mitarbeiter tat dies, fotografierte aber die Dokumente ab. Es war derselbe Mann, der zuvor die anonyme Mail geschrieben hatte. Im Oktober wurden die ersten Manager entlassen.

    US-Schiedsgericht: „Fall von klarem und allumfassendem Betrug“

    Ende 2017 sahen die Amerikaner das ganze Ausmaß des Schlamassels. Forensische Experten der Beratungsgesellschaft Alvarez & Marsal hatten die Schulz-Buchhaltung durchkämmt. 47 Geschäfte, die zu den angeblichen Traumzahlen beitrugen, waren demnach reine Erfindung. Für 2016 war das Ebitda-Ergebnis bei der Wilhelm Schulz GmbH um 31,1 Millionen Euro zu hoch angesetzt, bei der US-Tochter SXP Schulz Xtruded Products waren es 56,5 Millionen Euro zu viel.

    Im April 2019 trafen sich Käufer und Verkäufer vor einem Schiedsgericht in New York. Bei einem privaten Schiedsverfahren ist die Öffentlichkeit ausgeschlossen – ein Umstand, den viele Streitparteien bevorzugen. Am 9. April 2020 erfolgte der Schiedsspruch: „Dies ist ein Fall von klarem und allumfassendem Betrug. Dabei sind den Beteiligten nicht versehentlich Fehler unterlaufen. Sie haben die Kläger vielmehr systematisch in die Irre geführt und anschließend versucht, ihre Spuren zu verwischen.“ PCC solle 643 Millionen Euro zurückerhalten. Plus Zinsen.

    Die mutmaßlichen Betrüger befinden sich damit in einer äußerst kniffligen Lage. Ihre erste Antwort: Protest. Am Mittwoch legten sie vor einem Bundesgericht in New York Einspruch gegen den Schiedsspruch ein. „Wir sind der Auffassung, dass das Schiedsgericht seine Entscheidung unter Missachtung des Rechts des Staates Delaware erlassen hat, welches dem Unternehmenskaufvertrag zugrunde lag“, sagt ein Sprecher.

    Die Schuld an der schlechten Lage der Schulz-Gruppe geben die Deutschen den Amerikanern. Diese hätten „das Erfolgskonzept“ von Schulz „nicht verstanden und abgeschafft. Wichtige Manager in Schlüsselpositionen wurden aus dem Unternehmen gedrängt.“

    Die Hauptmotivation für den Erwerb der Schulz Gruppe seien die „hohen Synergiepotenziale, die von PCC selbst identifiziert wurden.“ Diese Potenziale auch zu nutzen sei allein Sache der Amerikaner. Außerdem sei Schulz weiterhin „eine strahlkräftige Marke, mit der sich PCC noch heute als weltweiter Technologieführer im Markt positioniert.“ Den Amerikanern sei also durch die Übernahme der Schulz-Gruppe kein Schaden entstanden.

    Das sieht PCC anders. Parallel zum Schiedsgerichtsverfahren stellten die Amerikaner eine Strafanzeige. Außerdem verklagte PCC die Verantwortlichen vor dem Landgericht Krefeld auf 800 Millionen Euro, öffentliches Verfahren hin oder her. Merke: Bei so viel Geld hört der Spaß auf. Selbst für Warren Buffett.

    Mehr: Star-Investor Buffett warnt vor dramatischen Folgen der Pandemie – und kauft kaum Aktien

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    1 Kommentar zu "Röhrenspezialist Schulz: Buffetts 800-Millionen-Euro-Kauf in Krefeld gerät zum Desaster"

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    • unglaublich - und da passiert bei einem 800 Millionen € Betrug strafrechtlich erst mal wenig?

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