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Russischer Unternehmer Jewgeni Prigoschin – Putins Koch und milliardenschwerer Agitator

Der wichtigste Caterer der Streitkräfte verdankt seinen Aufstieg der Nähe zum Präsidenten. Nun gerät er ins Visier kritischer Medien – und umgekehrt.
18.11.2018 - 20:14 Uhr Kommentieren
Trotz der kritischen Berichte über Prigoschin bleiben die russischen Behörden passiv. Quelle: imago/ITAR-TASS
Jewgeni Prigoschin

Trotz der kritischen Berichte über Prigoschin bleiben die russischen Behörden passiv.

(Foto: imago/ITAR-TASS)

Moskau Erst ein Grabkranz, dann ein abgeschnittener Hammelkopf und zuletzt mehrere im Käfig eingepferchte Schafe, auf denen „Presse“ stand. Vor der Redaktion der kremlkritischen Zeitung „Nowaja Gaseta“ häufen sich die makaberen „Geschenke“. Die beiliegenden Drohungen sind eindeutig. Der Redaktion wird physische Gewalt angekündigt, Reporter Dennis Korotkow als „Vaterlandsverräter“ beschimpft.

Der Vorwurf der unbekannten Täter wird im Netz tausendfach wiederholt. Die Zeitung habe die Namen russischer Piloten in Syrien veröffentlicht und damit nicht nur sie, sondern auch ihre Familien in Lebensgefahr gebracht. Eine Lüge, so die Zeitung. „Wir hatten überhaupt keine Publikation zu dem Thema, weder im Blatt noch auf der Seite“, teilte die „Nowaja Gaseta“ mit.

Stattdessen hatte Korotkow aber gerade höchst brisantes Material über einen auch in Syrien tätigen Unternehmer, der einst als „Koch Wladimir Putins“ Bekanntheit erlangte: Jewgeni Prigoschin. Der Chefredakteur der „Nowaja Gaseta“, Dmitri Muratow, kommentierte die Drohungen daher sarkastisch: „Wir wissen, in welchem Restaurant der Rest des Hammels aufgegessen wurde.“

Trotz der offensichtlichen Einschüchterungsversuche bleiben die russischen Ermittlungsbehörden bisher ziemlich passiv. Das habe auch mit dem russischen Herrschaftssystem zu tun, das politische Institutionen vernichtet habe und dafür immer mehr auf Konglomerate wie das Prigoschin-Imperium setze, sagt der Moskauer Historiker Sergej Medwedew, der Prigoschin selbst mit dem berüchtigten Papstsohn Cesare Borgia vergleicht.

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    Wenn die beiden auch von ihrer Herkunft wenig Ähnlichkeit besitzen, sind zumindest, was die Skrupellosigkeit des Handelns angeht, Parallelen nicht von der Hand zu weisen. Geboren wurde Prigoschin am 1. Juni 1961 im sowjetischen Leningrad.

    Er ist der wichtigste Mann für die russische Armee nach dem Verteidigungsminister. Alexej Nawalny – russischer Oppositioneller

    Trotz Sportinternat wurde aus der angestrebten Karriere als Skiläufer nichts, da Prigoschin schon in jungen Jahren mit dem Gesetz in Konflikt kam: Erst gab es eine Bewährungsstrafe wegen Diebstahls, 1981 folgte wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung, Betrugs und Zuhälterei Minderjähriger eine reale Haftstrafe: zwölf Jahre, wovon er neun absaß. 1990 kam er wieder frei. Gerade rechtzeitig für die neue Zeit.

    Prigoschin entdeckte seine Geschäftsader und eröffnete zunächst eine Kette von Hotdog-Ständen in der Millionenstadt, die nun wieder Sankt Petersburg hieß. „Den Senf haben wir bei mir in der Wohnung gemischt – in der Küche, dort hat Mama auch die Einnahmen gezählt. Im Monat habe ich 1000 Dollar verdient, das war ein ganzer Berg an Rubel“, erinnerte sich der Geschäftsmann später in dem einzigen von ihm bekannten Interview.

    Dort sprach er aber auch von den in den 90er-Jahren allgegenwärtigen Schutzgelderpressern. Ob er deswegen hinwarf und als Geschäftsführer der Supermarktkette eines ehemaligen Klassenkameraden anheuerte, ist unklar.

    Zumindest hielt es ihn auch dort nicht lange: Als die Einnahmen zurückgingen, machte sich Prigoschin Mitte der 90er wieder selbstständig und gründete direkt gegenüber der Kunstkammer für rund 300.000 Dollar das erste Edel-Restaurant der Newa-Metropole, Staraja Tamoschnja: die Alte Zollstation.

    Ein Restaurantbesuch war für die meisten Russen unerschwinglich, doch die Alte Zollstation wurde zum Treffpunkt für die „neuen Russen“ – zwielichtige Geschäftsleute, kriminelle Autoritäten und hohe Beamte.

    Seine Bekanntschaft mit Wladimir Putin, der in den 90er-Jahren Vizebürgermeister Petersburgs war, datiert Prigoschin selbst auf das Jahr 2000, als Putin mit dem damaligen japanischen Premier Yoshiro Mori zum Essen vorbeikam. „Er hat gesehen, dass ich mich nicht scheue, den hohen Gästen persönlich die Teller zu reichen, waren sie doch bei mir zu Gast“, erzählte Prigoschin später stolz.

    Von da an ging es mit der Karriere des zweifachen Familienvaters steil bergauf: Er bewirtete nicht nur weitere hohe Staatsgäste Putins wie Jacques Chirac und George W. Bush, sondern durfte später sogar die Geburtstagsparty für den Kremlchef selbst schmeißen.

    Und seine Concorde AG bekam immer mehr lukrative Cateringaufträge von staatlichen Einrichtungen: erst vom von Putin ins Leben gerufenen Petersburger Wirtschaftsforum, dann von Schulen und Kasernen. „Ich kenne ihn, aber er steht nicht auf der Liste meiner Freunde“, sagte Putin zuletzt dem US-Sender NBC. Doch die Bande sind eng: Prigoschin ist inzwischen quasi der Proviantmeister der russischen Streitkräfte.

    Milliardenaufträge von Kasernen

    Mehr als 90 Prozent der Verpflegung in den Kasernen stemmen Concorde Catering und mit ihr liierte Firmen. Pro Jahr sind das Aufträge im Wert von umgerechnet weit über einer Milliarde Euro. Damit nicht genug: Putins Koch bekommt weitere Milliardenaufträge – zur Verpflegung des Katastrophenschutzes oder auch der kommunalen Wohnungsverwaltung von Garnisonsstädten. Davon gibt es in Russland Hunderte.

    Nach Angaben des Oppositionellen Alexej Nawalny landen selbst die Aufträge zum Bau neuer Garnisonsstädte ausschließlich bei Prigoschin. „In gewissem Sinne kann man sagen, er ist der wichtigste Mann für die russische Armee nach dem Verteidigungsminister“, resümiert Nawalny.

    Weder Klagen von Mitkonkurrenten noch die von Nawalnys Antikorruptionsfonds zusammengetragenen Dokumente, die Prigoschins Unternehmen Kartellbildung nachweisen, haben Wirkung. Seit Jahren verköstigt Prigoschin nicht nur den Kreml und dessen Sicherheitsapparat, sondern stopft auch den Gegnern Putins den Mund.

    Die Petersburger „Troll-Fabrik“, mit der Prigoschin im Internet über Foreneinträge oder Likes massiv Meinungsmache für die Kremlpolitik betreibt, und die Söldnereinheit „Wagner“, die in der Ukraine wie auch in Syrien aktiv ist, sind bereits seit Längerem bekannt. Sie haben Prigoschin auch auf westliche Sanktionslisten gebracht.

    Doch die Recherchen der „Nowaja Gaseta“ erwecken den Verdacht, dass die Aktivitäten seiner Untergebenen sich auch auf die Einschüchterung und sogar Tötung Unliebsamer in Russland und darüber hinaus erstrecken. Die Zeitung berichtet so über den Überfall auf einen Blogger in Sotschi, die Erschießung eines Warlords in Luhansk und einen tödlichen Spritzenanschlag auf einen Oppositionellen.

    Prigoschin selbst hat keine Stellung zu den Vorwürfen genommen. Lediglich die ihm nahestehende „Föderale Agentur für Nachrichten“ beschimpfte den Autor als Lügner. Doch wenn der Artikel stimmt, dürfte der blutige Hammelkopf erst die Vorspeise gewesen sein.

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