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Samih Sawiris Dieser Ägypter übernimmt die Mehrheit am Reisekonzern FTI

Samih Sawiris steigt zum mächtigsten Spieler der deutschen Touristikbranche auf. Angesichts seiner notleidenden Geschäfte überrascht der Zukauf.
16.04.2020 Update: 16.04.2020 - 17:02 Uhr Kommentieren
Der Unternehmer hält nun die Mehrheit an FTI Touristik. Quelle: FTI Germany
Samih Sawiris

Der Unternehmer hält nun die Mehrheit an FTI Touristik.

(Foto: FTI Germany)

Düsseldorf Am Roten Meer stampfte er die Kleinstadt El Gouna für 20 000 Einwohner aus dem Wüstensand, ins Andermatter Skigebiet „Swiss Alps“ flossen aus seiner Firmenkasse mehr als eine Milliarde Franken für Hotels und Ferienwohnungen. Und an der Küste Montenegros verwandelte er die Halbinsel Luštica in eine gigantische Luxus-Marina.

Spätestens seit Donnerstag ist der 63-jährige Ägypter Samih Sawiris um einen Superlativ reicher: Durch seine jüngste Investition steigt der in Kairo geborene Kopte zum mächtigsten Spieler in Deutschlands Reiseindustrie auf.

Wie die Münchener FTI Group am Donnerstagmorgen bestätigte, übernimmt Sawiris dort mit 75,1 Prozent die Mehrheit. Das Kartellamt habe dem Plan, über den das Handelsblatt bereits berichtete, zugestimmt.

Mit zuletzt 4,2 Milliarden Euro Jahresumsatz gilt das bayerische Familienunternehmen als drittgrößter Reiseveranstalter Europas. Übertroffen wird die FTI Group, zu der Urlaubsmarken wie 5vorFlug, der Sprachreiseveranstalter LAL oder der Lidl- und Aldi-Zulieferer BigXtra zählen, aktuell nur von der börsennotierten Tui und dem Wettbewerber DER Touristik, hinter dem der Genossenschaftskonzern Rewe steht.

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    Die Größe von FTI hatte zuletzt jedoch ihren Preis: Beim Ringen um Marktanteile blieb der mächtigsten Familienfirma der Branche in den vergangenen Jahren kaum Gewinn. 2019 lag das Eigenkapital bei wenig komfortablen zehn Prozent.

    Gründer verliert die Mehrheit

    Bereits im Oktober 2014 war Sawiris deshalb dem finanzschwachen Unternehmen mit einer Beteiligung von 33,7 Prozent zur Hilfe geeilt. Später kaufte er dem bayerischen Konzern zudem den Münchener Urlaubssender „Sonnenklar.TV“ ab.

    Mit der erneuten Kapitalaufstockung verlieren nun Firmengründer Dietmar Gunz, 61, und dessen Ehefrau Roula Jouny, 45, ihre Mehrheit. Der Geschäftsführung bleiben sie allerdings erhalten, ebenso wie Ralph Schiller, Carsten Becker und Andreas Eickelkamp.

    Auch diesmal gleicht das Finanzengagement des Ägypters, das über eine Kapitalerhöhung läuft, einer Rettung aus höchster Not. Das vor wenigen Tagen eingefädelte Hilfspaket, an dem sich der Bund, das Land Bayern und die Hausbank Unicredit beteiligen, erforderte nämlich ein finanzielles Engagement der Gesellschafter. „Dieses Corona-Finanzierungspaket wäre ohne das finanzielle Engagement unseres Partners Sawiris und der damit verbundenen Erhöhung des Eigenkapitals nicht möglich gewesen“, bestätigte Gunz.

    Zwar sind beide Eigentümerfamilien eng befreundet – die Ehefrauen betreiben in Ägypten sogar eine gemeinsame Textilmanufaktur, um in Not geratene Näherinnen zu unterstützen. Mit der Kontrollübernahme von FTI verfolgt Sawiris jedoch auch eigene strategische Ziele. „Mit der Mehrheitsbeteiligung an einem der größten und breitest aufgestellten Tourismusunternehmen in Europa runde ich mein jetziges Portfolio aus Feriendestinationen, Hotels und Vertrieb ideal ab“, verkündete er am Donnerstag.

    Insbesondere beim Vertrieb hat sich der Ägypter, der an der TU Berlin studierte und dort fließend Deutsch sprechen lernte, fast unbemerkt ein bundesweites Imperium aufgebaut. Über die fast unbekannte RT-Raiffeisen Touristik Group im bayerischen Burghausen, an der er vor gut fünf Jahren 74,9 Prozent der Anteile erwarb, klaubte sich Sawiris nach der Konzernpleite von Thomas Cook die Überreste des deutsche Cook-Vertriebs zusammen. Durch die Übernahme von dessen Franchisesystem fügt er seinem Reich Hunderte Reisebüros hinzu – und baut seine Stellung im Touristikvertrieb weiter vehement aus.

    Ohnehin gilt die von dem Raiffeisen-Manager Wolfgang Altmüller aufgebaute Organisation als mächtiger Drahtzieher im deutschen Urlaubsgeschäft. Rund die Hälfte aller deutschen Reisebüros sind direkt oder indirekt Kooperationsmitglieder der RT-Raiffeisen.

    Hinzu kamen in den vergangenen Jahren Zukäufe von der Otto Group („Reiseland“), die Übernahme des niederländischen Geschäfts von Thomas Cook und anderen etwa 700 konzerneigenen Reisebüros. Gesamtumsatz: drei Milliarden Euro. Geschäftsführer Thomas Bösl wird in Branchenkreisen zudem als kommender Präsident des Deutschen Reiseverbands gehandelt.

    Das straffe Vertriebsnetz ist für Sawiris, der zu Presseterminen gerne schon mal mit offenem Hemd und Sneakers radelt, keineswegs ein Selbstzweck. Über seine börsennotierte Schweizer Orascom Development Holding (ODH) besitzt er 33 Hotels und mehrere Urlaubsdörfer, vorzugsweise in Ägypten, Montenegro, Oman, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Marokko, Großbritannien und in der Schweiz. FTI soll dabei helfen, diese Urlaubskapazitäten auszulasten.

    Kurz nach der Terrorkrise in Ägypten ging für Sawiris zum ersten Mal die Rechnung auf. Obwohl er damals lediglich ein Drittel an FTI hielt, bescherte ihm Geschäftspartner Gunz steil nach oben springende Buchungszahlen.

    Warten auf den Petrodollar

    Beinahe wäre es dem jüngsten Spross der zehn Milliarden Dollar schweren Industriellenfamilie sogar gelungen, FTI ohne eigene Finanzmittel über Wasser zu halten. So fädelte Sawiris im Dezember einen Deal ein, bei dem Abu Dhabis Staatsfonds ADDH dem Münchener Urlaubsveranstalter mit 100 Millionen Euro unter die Arme greifen sollte. Im Gegenzug für die Petrodollars sollte FTI genügend deutsche Urlauber an das reiche Emirat vermitteln. Doch die Verabredung blieb ohne Konsequenz: Auf das Geld wartet man in München bis heute.

    Dass Sawiris mitten in der Coronakrise seine Geldschatulle öffnet und in München einen vermutlich dreistelligen Millionenbetrag investiert – den genauen Betrag hält man geheim –, erstaunt in der Branche dennoch manche. Denn auch bei seiner ODH läuft es derzeit alles andere als rund.

    In Andermatt, wo im Skigebiet die Anlagen seit Mitte März stillstehen, musste Sawiris das Luxushotel „The Chedi“ ebenso schließen wie seine 4-Sterne-Herberge Radisson Blu. Rund 600 Angestellte sollen sich in Kurzarbeit befinden, den dortigen Verlust beziffert das Unternehmen für dieses Jahr mit einem hohen einstelligen Millionenbetrag.

    Schon im vergangenen Jahr blieb der ODH, wie in den meisten Jahren zuvor, aller Wahrscheinlichkeit nur ein Verlust. In den ersten neun Monaten lag der Konzern acht Millionen Schweizer Franken von der Gewinnzone entfernt, weshalb Analysten nun gespannt auf die Veröffentlichung der Jahresergebnisse am 27. April warten.

    Doch der Optimismus ist einer düsteren Vorahnung gewichen. Der Aktienwert der Orascom Development hat sich seit Anfang Februar nahezu halbiert. „Der angestrebte Turnaround dürfte sich weiter verzögern“, sagte Cédric Lang, Analyst bei der Zürcher Kantonalbank, vor wenigen Tagen der Schweizer „Handelszeitung“.

    Auch persönlich ist Samih Sawiris dort in diesen Tagen wieder stärker gefordert. Die Führung der Orascom im schweizerischen Altdorf hat der Ägypter, der knapp 73 Prozent der Aktien hält, zeitweise nun wieder selbst übernommen. Der Grund ist tragischer noch als der voraussichtliche Gewinneinbruch: Ende Januar starb Vorstandschef Khaled Bichara bei einem Autounfall.

    Mehr: Kartellamt ermöglicht Tui weiteren Verkauf von Pauschalreisen.

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