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Sandro Parisotto „Ferrari unter den Bergschuhen“: Scarpa feiert Erfolge in der Nische

Das Familienunternehmen aus dem Veneto will mit einem externen CEO wachsen. Der Klimawandel hat Folgen für die Produktion der Outdoor-Schuhe.
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Die Eigentümer des italienischen Schuhherstellers zahlten zwei Vettern aus. Quelle: SCARPA
Sandro, Cristina und Vetter Davide Parisotto (v.l.)

Die Eigentümer des italienischen Schuhherstellers zahlten zwei Vettern aus.

(Foto: SCARPA)

AsoloDie Firmenzentrale in der malerischen Kleinstadt Asolo in der Provinz Treviso ist eine einzige Baustelle. Alles voller Gerüste und Baukräne, selbst das Firmenlogo „Scarpa“ ist vorübergehend abgeschraubt. „Im Juli sind wir fertig“, sagt Sandro Parisotto, „wir mussten anbauen, denn wir brauchten mehr Platz.“

Der Scarpa-Chef hält die Tür zur Fertigungshalle auf. In vier Produktionsstraßen werden an diesem Tag kompakte Wanderstiefel und leichte Treckingschuhe gefertigt, pro Tag sind es im Schnitt 1500 Paar Schuhe. Nach dem automatisierten Teil wird jedes Paar zum Schluss von Hand verfeinert und abgenommen.

In der Halle nebenan lagern in großen Rollen Leder und Hightech-Stoffe. „Wir wollen die Kontrolle über alle Phasen der Produktion haben, in der noch viel Handarbeit steckt, dafür braucht man qualifiziertes Personal“, sagt Parisotto.

Um Massenware geht es nicht bei diesem Familienunternehmen, das in der zweiten Generation geführt wird. Eher um einen Weltmarktführer in der Nische. „Vom Wandern übers Skifahren bis zum hochspezialisierten Free-Climbing oder Extrem-Bergsteigen haben wir alles für die Füße, das sind rund 180 Modelle, da sind die Farben nicht mal mit eingerechnet“, sagt der 60-jährige Chef.

Er war bis vor Kurzem der Vorstandschef im Familienclan. Im vergangenen Jahr stellte er das Unternehmen aber neu auf. Zwei Vettern stiegen aus. Sie wurden ausgezahlt, und die Geschwister Sandro und Cristina und ihr Vetter Davide steckten das Familienvermögen in die Holding Cornaro.

Und Sandro, der jetzt Vorsitzender des Verwaltungsrats ist, holte einen Vorstandschef von außen. „Ein Qualitätssprung war nötig, wir sind gewachsen und mussten die Organisation anpassen“, erklärt er.

2018 knackte der Bergschuh-Spezialist die 100-Millionen-Euro-Marke mit einem Plus von zehn Prozent zum Vorjahr. Mit dem neuen CEO Diego Bolzonello will das Unternehmen in fünf Jahren 150 Millionen Euro umsetzen. „Dieses Jahr sind wir im Übergang, 2020 werden wir die ersten Resultate sehen“, sagt Parisotto.

Bolzonello, der durch das Fenster des Containers grüßt, in dem die Verwaltung während des Umbaus untergebracht ist, kommt vom Schuhersteller Geox, dessen Zentrale nicht weit ist. Hier im Veneto ist der italienische Industriedistrikt für Sportschuhe. Benedetto Sironi, Chefredakteur der Fachzeitschrift „Outdoor Magazine“, der den Markt genau kennt, hält die Verpflichtung von Bolzonello für eine „gute Entscheidung“ und Scarpa für „gut strukturiert“ und mit „Wachstumspotenzial“.

Wie alle Italiener sind die Parisottos eng mit ihrer Region verbunden. Mehr als 60 Prozent der Schuhe werden dort gefertigt, wo 300 Angestellte arbeiten, außerdem hat Scarpa Produktionsstätten in Rumänien, Serbien und China. Es war Sandros Onkel Luigi, der 1956 das Unternehmen kaufte, in dem er zuvor gelernt und gearbeitet hatte.

Gründung durch Guinness

Scarpa ist das italienische Wort für Schuh, doch der Firmenname ist die Abkürzung für „Società Calzaturieri Asolani Riuniti Pedemontana Anonima“, also frei übersetzt die Gesellschaft von Schuhmachern in Asolo. Der komplizierte Name stammt vom Gründer, Lord Rupert Edward Cecil Guinness, dem zweiten Earl of Iveagh.

Der irische Adlige aus der Familie des dunklen Biers und des Weltrekordsbuchs lebte in Asolo, besaß Ländereien und bewohnte die Villa der berühmten Schauspielerin Eleonora Duse. Er gründete 1938 die Firma für luxuriöse Wanderschuhe und verkaufte nach dem Krieg, als er finanziell ins Schlingern geriet.

Sandro Parisotto stieg nach dem Militärdienst in den 80er-Jahren ins Unternehmen ein. Seine Schwester und sein Vetter etwas später. Für sie alle drei sei es selbstverständlich gewesen, schon in den Schulferien hätten sie in der Fabrik geholfen. Die nächste Generation der Parisotto – Sandro hat eine Tochter, sein Vetter Davide zwei Söhne – sei noch jung, es sei zu früh, zu sagen, ob sie einmal einsteigen wollen. „Ich hoffe es, aber sie müssen es wollen“, sagt er.

Sandro schaut erst einmal auf seine wichtigsten Kunden, die Outdoor-Fans und Kletterer zwischen 17 und 45 Jahre. Und darunter seien immer mehr Frauen. Denen würden auch die Farben der vielen Modelle gefallen, die hinzukamen, seit neben Leder auch Hightech-Materialien zum Einsatz kommen. „Dafür ist meine Schwester zuständig“, sagt er.

Cristina hatte auch die Idee für die Entwicklung des Topsellers. „Vor zehn Jahren kam der Lifestyle hinzu. Wir haben ein neues Segment erfunden, die Lifestyle-Schuhe mit dem Look von Bergschuhen.“ Seitdem ist das Modell Mojito ein Selbstläufer.

85 Prozent der Schuhe werden exportiert, allein zwölf Prozent gehen nach Deutschland. „Der Anteil am Umsatz liegt dort bei 20 Prozent“, sagt Sandro. „Aber es gibt einen Unterschied“, sagt der Chef, der regelmäßig Messen wie die ISPO in München besucht: „Früher lief der Verkauf nur in den ersten Monaten, jetzt das ganze Jahr.“ Dafür sieht er mehrere Gründe: Es gebe immer weniger Schnee, und statt des alpinen Skilaufens sei es heute ebenso in, auch im Winter in den Bergen zu wandern. So hat der Klimawandel auch Einfluss auf die Produktion.

„Natürlich haben wir auch Spezialschuhe, mit denen man einen 8000er erklimmt“, so der Chef. Die Familie holt die Expertise von Alpinisten und Extremsportlern ein, „aber wir selbst gehen bei uns im Grappa-Gebiet bergsteigen“.

Start des Onlinehandels

In den USA, in der Schweiz und in China betreibt Scarpa Handelsniederlassungen, „wir wollen auch dort die direkte Kontrolle über unsere Produkte“. An eigene Geschäfte denkt er nicht, auch nicht an eine Ausweitung der Produktpalette auf Rucksäcke oder Jacken und Hosen. „Es gibt bei den Outdoorschuhen genug Wachstumsmöglichkeiten. Und neue Märkte wie Osteuropa.“

In diesem Jahr startet der Onlinehandel. In der Branche ist der Schuhfabrikant aus dem Veneto hochangesehen. „Das sind die Ferraris unter den Bergschuhen“, sagt ein Analyst in Mailand. „Ihre vermeintliche Schwäche ist ihre Stärke“, meint Experte Sironi, „alle anderen machen alles an Outdoor-Produkten, Scarpa dagegen bleibt bei Schuhen.“ Der Outdoor-Sektor würde weiter wachsen und Scarpa sei vor allem mit den Freeclimbing- und den Lifestylemodellen gut aufgestellt. „Das ,New urban outdoor‘-Segment hat am meisten Wachstumspotenzial.“

Der nächste Strategieschritt ist es, den neuen Bedürfnissen der Kunden nachzukommen. „Sie wollen nachhaltige, umweltfreundliche Materialien und Technologien“, sagt Parisotto. Und die Schuhe sollten leicht sein. Deshalb wird bei Scarpa viel geforscht und entwickelt, und die Materialen werden bei Rennen und Climbing-Wettbewerben getestet.

Erwartungsvoll blickt der Unternehmer schon auf das kommende Jahr. 2020 wird Climbing in Tokio erstmals zur olympischen Disziplin.

Mehr: Ein weiterer Trend in der Modebranche geht zur Individualisierung. Wie das Familienunternehmen von BVB-Chef Hans-Joachim Watzke damit umgeht, lesen Sie hier.

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