Serie: Die ältesten deutschen Familienunternehmen: Wodka ist der neue Korn: Wie die Brennerei Schwarze & Schlichte den Wandel kultiviert
Die 36-Jährige leitet Schwarze und Schlichte, die älteste familiengeführte Brennerei Deutschlands, seit 2022.
Foto: HandelsblattOelde. „Wenn wir heute noch vom Korn leben müssten, dann gäbe es uns nicht mehr“, sagt Katharina Schwarze, als sie das große blaue Tor zur alten Brennerei aufschließt. Der Brennkessel steht noch, ansonsten ist die Halle leer. Korn wird im westfälischen Oelde seit knapp neun Jahren nicht mehr gebrannt.
Katharina Schwarze stieg 2016 in den Betrieb ein. Seit 2022 leitet sie die Brennerei Schwarze und Schlichte in 13. Generation. Sie will das Stammhaus in Oelde umbauen: Eine neue Fassade anbringen, die Hallen renovieren und einen Veranstaltungsort schaffen – mit dem Charme der alten Brennerei. Nur der Fasskeller soll erhalten bleiben. Dort liegt noch immer der „Alte Schneider“, ein Weizenkorn, im Eichenfass.
„Langlebigkeit kommt durch stetigen Wandel“, sagt Schwarze. Dieser Leitsatz zieht sich durch die 358-jährige Unternehmensgeschichte und entwickelte sich zum Erfolgsrezept von Deutschlands ältester familiengeführter Brennerei. Auch die 36-Jährige befolgt ihn – und nicht nur beim Umbau des Oelder Firmensitzes. Schon heute führt die Brennerei 31 verschiedene Marken, mit und ohne Alkohol, und will sich so für Krisenzeiten absichern.
Mit diesem Rezept hatte die Brennerei Schwarze auch schon in vergangenen Krisen Erfolg und ging gestärkt aus ihnen hervor. Heute ist Schwarze einer von nur noch 40 Spirituosenherstellern in Deutschland – 1960 zählte der Bundesverband der Deutschen Spirituosenindustrie noch 415 Betriebe.
Stolz ist Katharina Schwarze dennoch nicht auf alle Kapitel der Unternehmensgeschichte: So brannte die Brennerei Schwarze als kriegsrelevanter Betrieb auch im Zweiten Weltkrieg Korn – und setzte dafür Zwangsarbeiter ein.
In den wirtschaftlich schwierigen Nachkriegsjahren richtete sich das Unternehmen neu aus. Es setzte sich mit seiner eigenen Geschichte auseinander. Die eingesetzten Zwangsarbeiter erhielten Pensionszahlungen, soviel weiß Schwarze aus Erzählungen. Ihr Großvater Wilhelm Schwarze stellte das Unternehmen 1947 dann neu auf. Fortan vertrieb er die Spirituosen der Brennerei nicht mehr im Direktvertrieb, sondern im Lebensmitteleinzelhandel und beschritt damit einen für damalige Zeiten ungewöhnlichen Weg. So schaffte der Frühstückskorn in der markanten viereckigen Flasche seinen überregionalen Durchbruch. Und so überlebte Schwarze als einzige von einst 40 Kornbrennereien in Oelde.
Ukrainekrieg: Bisher größte Herausforderung
Auch Katharina Schwarze geht neue Wege, seitdem sie das Familienunternehmen leitet. Sie hat Getränke-Start-ups wie Shattlers und Soda Libre übernommen und hauseigene Entwicklungen wie den Aperitif Déjà-vu in den Markt eingeführt. Auch zukünftig will Schwarze den Traditionsbetrieb breiter aufstellen. Denn der Schwarze und Schlichte GmbH setzen die hohe Inflation, der Preisdruck durch den Ukrainekrieg und der Mitarbeitermangel zu. Im Juni, Juli und August haben die Produktionsmitarbeiter der Brennerei sogar zum Streik aufgerufen. Sie fordern zehn Prozent mehr Lohn.
Auf die Forderungen eingegangen ist die Geschäftsführung rund um Katharina Schwarze und Dirk Hasenbein nicht. Bereits in den vergangenen Jahren habe das Unternehmen die Löhne der Produktionsmitarbeitenden um acht Prozent angepasst und zusätzliche Boni gezahlt. Die letzte Lohnanpassung habe im Januar 2022 stattgefunden. Thomas Domke, Sekretär der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten, sagt: „Die Differenz zwischen Brau-Branche und Schwarze summierte sich seit 2015 auf 8,2 Prozent. Zwischen der Obst- und Gemüse-Branche und Schwarze beträgt die Differenz 9,9 Prozent.“ Und das trotz der freiwilligen Lohnanpassungen. Die Ecklöhne der Brennerei lägen brutto sogar 400 Euro beziehungsweise 1000 Euro niedriger je nach Branche.
Schwarze-Geschäftsführer Hasenbein hält die Forderung hingegen für „völlig überzogen“. Auch die Brennerei sei von den Kostensteigerungen durch den Ukrainekrieg „massiv betroffen“. So hätten sich die Kosten für Rohstoffe wie Glas und Weizen teilweise verdoppelt und auch bei den Logistik- und Energiekosten zeichne sich ein ähnliches Bild ab.
Three Sixty: Heute ist der Wodka der Bestseller
Die Schwarze und Schlichte GmbH erwirtschaftet seit Jahren Gewinne. Im Jahr 2020 lag der Gewinn bei einem Umsatz von rund 50 Millionen Euro bei drei Millionen Euro. Und nach eigenen Angaben war das Jahr 2021 „das erfolgreichste der Firmengeschichte“. Konkrete Zahlen nennt das Familienunternehmen noch nicht. Mittlerweile versammelt die älteste familiengeführte Brennerei Deutschlands 31 Marken unter ihrem Dach. Der Bestseller heute? Die Wodkamarke Three Sixty.
Allein 60.000 bis 70.000 Flaschen Three Sixty Vodka können bei Schwarze und Schlichte täglich vom Band laufen. Hinzukommen noch einmal bis zu 40.000 Flaschen Schwarze Frühstückskorn. Auf drei weiteren Abfüllanlagen können je nach Produktionsplan Kräuterliköre oder sogenannte „Kurze“ abgefüllt werden. Die kleinen Schnapsflaschen haben in der Après-Ski-Saison Hochkonjunktur. Damit zählt die einstige Kornbrennerei zu den größten Spirituosenherstellern in Deutschland.
In den 1950er Jahren wurde der Schwarze Fasskorn nicht nur in Oelde gebrannt, sondern auch abgefüllt und gelagert.
Foto: HandelsblattThomas Domke sagt: „Schwarze hat als eines der ältesten inhabergeführten Unternehmen in Deutschland eine große Strahlkraft für die Branche.“ Das hänge natürlich auch mit dem Vertrieb und der Produktion der Marken Three Sixty, Licor 43 und Schwarze Frühstückskorn zusammen.
Erstmals namentlich erwähnt wurde „Swartens Hoff und Brennerei“ 1664 – nicht in einem Handelsregisterauszug, sondern auf einem Bußgeldbescheid der Kirche. Ausgestellt wurde der Bescheid auf den Kornbrenner Joan Schwarze, der ohne die Erlaubnis der Kirche eine Wagenladung Korn vom Bauern abgeholt hatte. Arbeiten am Sonntag ohne Erlaubnis der Kirche wurde damals noch bestraft.
1738 hat Enkel Joan Hermann Schwarze den Firmensitz der Brennerei dann nach Oelde verlegt. Im Fasskeller liegen noch heute die großen Holzfässer. In den alten Brennereigebäuden aber sitzen nur noch die Geschäftsführung, das Marketing, der Vertrieb und die sogenannte Barschule, wo man das Mixen von Cocktails erlernen kann. Der Kern des Unternehmens wanderte mit der Übernahme des Spirituosenherstellers Schlichte 1990 erst nach Steinhagen. 2003 wurde die komplette Produktion von Oelde und Steinhagen nach Rinteln verlegt.
Von der Brennerei zum Getränkehersteller
Große Brennkessel sucht man in Rinteln jedoch vergeblich. Stattdessen lagern Kanister verschiedenster Aromen in meterhohen Regalen. Pfirsich, Sternanis und Kakao sind nur einige der Geschmacksrichtungen. Destillateur Stefan Rühl verblendet die Aromen mit dem zugekauften Rohalkohol. Im eigenen Produktlabor testen seine Mitarbeitenden täglich die Qualität der Rohmaterialien sowie die perfekte Zusammensetzung der Spirituosen. Gebrannt wird in Deutschlands ältester Brennerei kaum noch.
Neben dem klassischen Schwarze Frühstückskorn und dem Three Sixty Vodka produziert und vertreibt der Traditionsbetrieb verschiedenste Liköre und Kräuterbrände sowie Friedrichs Gin. Der Korn macht mittlerweile weniger als zehn Prozent des Umsatzes aus. Denn auch bei den Spirituosen habe eine Internationalisierung stattgefunden. Katharina Schwarze sagt: „Was früher der Wacholder-Schnaps war, ist heute eben der Gin. Der Korn von gestern ist der Wodka von heute.“ Dennoch achtet Schwarze darauf, dass sich die regionalen Einflüsse in den neuen Produkten wiederfinden. „Unser Wodka hat deshalb eine Kornnote“, erklärt Schwarze.
Korn hatte seinen Boom in den Achtzigern, so Schwarze. Damals habe die Brennerei Friedrich Schwarze mehr Korn in Nordrhein-Westfalen verkauft als heute Three Sixty in ganz Deutschland. Doch Schwarze sagt: „Von da an hat die Nachfrage stetig abgenommen.“ Das hat die Familie Schwarze früh erkannt. Zuerst vertrieb die Brennerei neben dem Korn knapp 50 Jahre Coca-Cola, dann wurde das Sortiment um weitere Spirituosen wie den Steinhäger Wacholderschnaps erweitert.
Der Firmensitz der Brennerei Schwarze ist seit 1738 in Oelde. Noch heute sitzen hier die Geschäftsführung, der Vertrieb und das Marketing.
Foto: Handelsblatt2003 öffnete sich das Unternehmen endgültig für andere Produkte und 2012 hat die Wodkamarke Three Sixty den Schwarze Korn als erfolgreichstes Produkt der Firma abgelöst. Zehn Jahre später steht der Traditionsbetrieb wieder vor einem Umbruch: der Wandel der Marke vom Spirituosen- zum Getränkehersteller. Grund dafür sei vor allem das geänderte Konsumverhalten der Verbraucher, so Schwarze. Vor allem das Gesundheitsbewusstsein sei gestiegen und damit der Pro-Kopf-Konsum von Spirituosen gesunken.
Im Januar kaufte die Schwarze und Schlichte GmbH die Getränkemarke Soda Libre. Mit den Sorten Holunderblüte-Zitrone „The Elderflower“ und Basilikum-Zitrone „The Bazil“ will Soda Libre eine Alternative zur handelsüblichen Limonade bieten.
Auch Traditionsbetriebe leiden unter Fachkräftemangel
Katharina Schwarze selbst hat Betriebswirtschaftslehre studiert. Nach dem Studium arbeitete sie bei MediaMarkt/Saturn und anschließend in einer SAP-Beratung. Im Unternehmen verantwortet sie heute vor allem den Bereich Marketing. Das Wissen über das Brennen hat sie sich dank ihres Vaters Friedrich Schwarze und ihrer Kollegen angeeignet.
Katharina Schwarze spricht nur von ihren Kollegen, wenn sie die einzelnen Prozesse der Brennerei erläutert. Das Wort Mitarbeiter finde sie schrecklich. „Wir haben ein Ziel und arbeiten zusammen darauf hin, deshalb sind wir Kollegen“, sagt Schwarze. Viele der 110 Mitarbeitenden sind schon seit Jahrzehnten im Unternehmen tätig.
Eine runtergeschriebene Unternehmenskultur hat das Familienunternehmen nicht. Gewisse Werte würden aber seit Jahren weitergegeben. Zum Beispiel würden alle Kollegen bei Übernahmen von Marken und Produkten Wert darauf legen, dass diese sich langfristig im Betrieb etablieren. Das zeige sich auch auf der Ausgabenseite, sagt Schwarze: „Diese werden von meinen Kollegen genauso streng geprüft wie von mir. Obwohl es nicht deren Geld ist.“
Doch auch Schwarze und Schlichte bekommt den Fachkräftemangel zu spüren. Nicht nur an Technikern fehle es, sondern auch am Nachwuchs. „In Rinteln haben wir noch eine Ausbildungsstelle zum Destillateur ausgeschrieben“, sagt Schwarze. Stefan Rühl würde sein Wissen gern weitergeben.
Der Destillateur ist auch Produktionsleiter. Seit Januar arbeitet er für Schwarze und Schlichte. Mit der Geschäftsführung steht er in engem Austausch. Nicht nur um Wege zu finden, den Nischenberuf des Destillateurs wieder interessant zu machen, sondern auch aufgrund der Lieferengpässe durch den Ukrainekrieg. Drei bis vier Monate könne das Unternehmen noch produzieren, wenn das Gas abgestellt würde.
Der Traditionsbetrieb plane lieber einen Schritt voraus, so Katharina Schwarze. Die 36-Jährige sagt: „Wir haben uns auch deshalb breit aufgestellt, damit die Firma keine Lungenentzündung bekommt, wenn eine Sparte einen Husten hat.“