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Signavio Berliner Software-Start-up gelingt große Finanzierungsrunde – und will jetzt SAP nacheifern

Der Londoner Investor Apax Digital bewertet Signavio mit 350 Millionen Euro. Das Unternehmen ist die nächste deutsche Hoffnung bei Business-Programmen.
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Signavio gelingt große Finanzierungsrunde und will SAP nacheifern Quelle:  Gero Decker, Signavio
Gero Decker

Aus dem zögerlichen Gründer des B2B-Softwareunternehmens Signavio ist ein wagemutiger Unternehmer geworden.

(Foto:  Gero Decker, Signavio)

HamburgEs war ein ganz eigener Stolz, der die Gründer des Softwareunternehmens Signavio noch 2015 erfüllte: „Alles, was wir besitzen, haben wir selbst geschaffen und selbst verdient“, gaben die Gründer damals einem Reporter mit auf den Weg. Weder Business Angels noch Risikokapitalgeber hätten das Unternehmen unterstützt.

Heute, vier Jahre später, meldet das zehn Jahre alte Unternehmen dagegen bereits die zweite große Finanzierungsrunde: Mit 157 Millionen Euro gehört die vom Londoner Wachstumskapitalgeber Apax Digital angeführte Runde zu den größten Geldspritzen für ein aufstrebendes Unternehmen in Deutschland im laufenden Jahr.

Signavio ist bereits mit gut 350 Millionen Euro bewertet – und wächst kräftig. Doch dafür musste Mitgründer Gero Decker kräftig umdenken. Ganz oben auf seiner Agenda steht nicht mehr die Unabhängigkeit von Investoren, sondern rasches Wachstum.

„Wir wollen mit dem Geld unser internationales Geschäft mit neuen Vertriebsbüros vor allem in Amerika und Asien ausbauen. Zudem stärken wir die Produktentwicklung in Berlin“, sagt Decker dem Handelsblatt. Die Zuversicht kommt nicht von ungefähr: Sein Unternehmen vertreibt gefragte Software, mit der Unternehmen ihre internen Abläufe besser verstehen und optimieren können. Zu den Kunden gehören bekannte Namen wie der Telekomanbieter 1&1, Zalando und die Sparda-Bank.

Deckers aktuelle These: Signavio kann sich global einen Platz in der lukrativen Softwarewelt für Unternehmen sichern, wenn es entschlossen handelt. Der Gründer steht mit seiner Einschätzung nicht allein. Die Investorenplattform „Tech Tour“ zählte Signavio Anfang 2019 zu denjenigen deutschen Unternehmen, die absehbar eine Bewertung von über einer Milliarde Euro erreichen könnten, und die Beratung Deloitte zeichnete Signavio schon 2014 als eines der wachstumsstärksten deutschen Unternehmen aus.

Software hat gute Chancen

Selbstredend teilen die Geldgeber diese Sicht: „Wir investieren in Unternehmen, die bereits erfolgreich sind und deren Wachstum wir beschleunigen können“, sagt Daniel O’Keefe, Managing Partner bei Apax Digital, dem Handelsblatt. Signavio habe mit seiner Software gute Chancen, weil die Konzerne weltweit mit immer größerer Komplexität zurechtkommen müssten und daher klassische Tools zur Unternehmenslenkung nicht mehr ausreichten. Im Geleitzug von Apax steigt zudem der von der Deutschen Telekom gestützte Investor DTCP ein.

Für Decker war es dennoch lange kaum denkbar, Geld für das Wachstum anzunehmen. Aus Erfahrungen mit unternehmerischem Scheitern in der eigenen Familie sei er „eher vorsichtig, was die Finanzierung angeht“, sagte er noch in einem 2016 veröffentlichten Interview. Schließlich solle das Unternehmen vor allem ein Mittel zur Selbstverwirklichung sein – und finanzielle Unabhängigkeit sei ein Weg, nicht aus dem Unternehmen gedrängt werden zu können.

Doch das Vorbild, das Decker sich ausgesucht hat, ist zu groß, um es mit eigener Kraft zu erreichen: SAP-Gründer Hasso Plattner. Decker hat an Plattners 1998 in Potsdam gegründetem Institut studiert und den Unternehmer dort als Professor erlebt. Seine Verbindungen zu SAP sind vielgestaltig: Decker selbst arbeitete vor der Gründung von Signavio kurzzeitig bei SAP. Plattners Softwarekonzern war zudem einer der ersten Kunden für die Software. Ex-SAP-Chef Leo Apotheker ist Chef des Signavio-Aufsichtsrats. Dazu kommt eine familiäre Verbindung: Deckers Vater, ehemaliger Professor und Unternehmer im Bereich Laserschweißen, kennt den Ex-SAP-Manager Henning Kagermann aus seiner Promotionszeit.

Es waren nicht nur große Ambitionen, die Decker zum Umdenken brachten. Vor einigen Jahren kamen er und seine Mitstreiter an einen Wendepunkt. „Für uns als Gründer war Signavio gleich der erste richtige Job“, sagte Decker. Mit dem Wachstum wuchs die Komplexität – die Gründer suchten Hilfe und fanden einen Investor. Ende 2015 kam Summit Partners an Bord.

In zwei Runden steckte der Kapitalgeber zusammen 46,5 Millionen Euro ins Unternehmen – und half mit Know-how. „Der Investor im Rücken hat uns auch dabei geholfen, deutlich erfahrenere Leute für unser Team zu gewinnen“, sagt Decker. „Er war außerdem ein guter Sparringspartner bei dem Prozess, herauszufinden, wie unser Unternehmen mit einigen Hundert Mitarbeitern aussehen kann.“ Zugleich verteilten die Gründer ihre Rollen neu – einer zog sich etwa als Berater aus der Chefetage zurück. Den Einstieg von Apax hat Summit nur zum Teil zum Ausstieg genutzt.

Auf dem Weg zum Weltkonzern

Auch mit Apax bekommt Decker neuen Zugang zu Expertenwissen: Neben O’Keefe soll noch ein weiterer Apax-Manager, Mark Beith, in den Aufsichtsrat einziehen. Sie können Erfahrungen aus dem Investment in andere Business-Software-Unternehmen einbringen – werden aber wohl auch verlangen, dass Decker seine Wachstumsversprechen umsetzt. „Wir hätten alles verkaufen können, glauben aber weiter an das Wachstum“, sagte Summit-Chef Matthias Allgaier.

Wie das große Vorbild SAP soll nämlich auch Signavio ein Weltkonzern werden: Zusätzlich zu den bisherigen 340 Mitarbeitern will Decker bis zum Jahresende 60 weitere einstellen, zu den bestehenden neun Auslandsvertretungen kommen neue Büros etwa in Frankreich, der Schweiz, den USA und Japan. Erste Vertriebsleute nehmen auch in Indien die Arbeit auf. Beim Start auf dem komplexen chinesischen Markt will der neue Investor Apax helfen. Dafür will Decker ordentlich Geld ausgeben. Denn – so seine Erfahrung mit einem ersten Versuch vor sieben Jahren, die USA zu erobern – erst mit den richtigen Investitionen lässt sich ein neuer, großer Markt tatsächlich nachhaltig bearbeiten.

Dazu musste der einstige Sicherheitsfanatiker Decker finanziell viel ändern: Nach einigen Jahren mit kleinem Gewinn investiert sein Unternehmen nun stark. Laut „Bundesanzeiger“ lag der Umsatz 2017 bei 12,4 Millionen Euro, der Jahresfehlbetrag bei 9,6 Millionen Euro nach nur einer halben Million im Jahr davor. Aktuellere Zahlen sind nicht veröffentlicht. Laut Decker nähern sich die jährlichen vereinbarten Lizenzeinnahmen (ARR) derzeit 50 Millionen Dollar an, in den vergangenen zwölf Monaten sei der Umsatz um 70 Prozent gestiegen.

Mit den Investitionen will der 37-jährige promovierte Software-Ingenieur vor allem gegen zwei deutsche Konkurrenten auf dem Weltmarkt bestehen: gegen die schon 1969 gegründete Darmstädter Software AG und gegen das 2011 von Absolventen der TU München gegründete Start-up Celonis. Alle drei bieten Software für die Prozessanalyse an.

Die Finanzierungsrunde wirft auch ein Schlaglicht auf eine Entwicklung in der deutschen Tech-Szene: Nachdem sich Gründer noch vor einigen Jahren vor allem auf Endkunden gestürzt haben, gibt es heute immer häufiger Geld für B2B-Lösungen. Selbst Rocket Internet, groß geworden mit klassischen B2C-E-Commerce-Geschäftsmodellen wie Zalando, baut inzwischen zunehmend Angebote für die Industrie. Das passt zur Strategie großer deutscher Konzerne wie Siemens, die die Standards im Internet der Dinge setzen wollen, das Endkundengeschäft aber weitgehend an US-Anbieter wie Google und Apple verloren geben.

Derzeit haben deutsche Start-ups einen Lauf bei den Investoren: In diesem Sommer sammelte der Reiseanbieter Get Your Guide aus Berlin ambitionierte 484 Millionen Euro ein. Ein Anbieter von Minigewächshäusern für Supermärkte, Infarm, bekam 89 Millionen Euro. Zuvor sammelte die Onlinebank N26 rund 226 Millionen Euro ein. Nun ergänzt Signavio diese Liste.

Mehr: Der Gewinn des Schmierstoffherstellers sackt deutlich ab. Schuld waren Probleme bei der Softwareumstellung. Firmenchef Ernst Prost macht seinem Ärger Luft.

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