Solebox-Gründer Handgenähtes statt Massenware – Sneaker-Pionier Hikmet Sugoer ist jetzt Schuhfabrikant

Der Berliner machte Sneakers hierzulande zu Sammlerobjekten. Nun produziert er selbst – und warnt Laien vor Edel-Sneakern als Anlageobjekt.
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„Sneakers sind wie Bitcoins. Hochspekulativ.“ Quelle: ullstein bild - Lengemann/WELT
Hikmet Sugoer

„Sneakers sind wie Bitcoins. Hochspekulativ.“

(Foto: ullstein bild - Lengemann/WELT)

BerlinAls Justin Timberlake im August auf Tour in Berlin weilte, ließ er sich in einem Maybach extra in den Sneaker-Laden Solebox nahe am Ku‘damm chauffieren. Dort kaufte der US-Popstar gleich mehrere Paar Turnschuhe, signierte eines mit dem Spruch: „Stress is cruel“ und postete dies auf Instagram. Nicht nur Timberlake, auch andere Stars von Bruno Mars bis Adel Tawil kaufen angesagte Sneakers in dem Berliner Kult-Laden.

Gegründet wurde Solebox von Hikmet Sugoer: „Bruno Mars habe ich damals gar nicht erkannt, aber er mich“, lacht er. Nicht nur in Deutschland gilt der 45-Jährige mit angegrautem Hipsterbart als Pionier der Sneaker-Szene.

Inzwischen hat Sugoer Solebox verkauft an die Streetwear- und Sneaker-Kette Snipes. Die gehört zum Günstigschuh-Imperium Deichmann. Das wissen die wenigsten, auch Justin Timberlake wahrscheinlich nicht.

„So mancher hat den Verkauf von Solebox damals belächelt. Aber für mich war es eine Ehre, meine Firma an ein so großes Familienunternehmen zu übergeben“, resümiert Sugoer. Der Massenhype um Edel-Sneaker, den Sugoer selbst befeuert hat, ist ihm am Ende zu viel geworden. Mit seiner neuen Firma Sonra ist er nun unter die Schuhproduzenten gegangen. Seine jetzt handgenähten Sneakers sind alle „made in Münchweiler“.

Dort, im Pfälzer Wald, lässt er sie produzieren. „Handgegerbtes Leder vom Weiderind“, schwärmt der Unternehmer. Er verkauft die Schuhe für 270 Euro pro Paar in ausgewählten Läden in Europa und im Internet in limitierter Stückzahl bis 300 Paar. Nach wenigen Sekunden sind sie jeweils ausverkauft. Das ist sein Gegenentwurf zur gleichförmigen Massenware einerseits und den Speedfactories andererseits.

Bei Adidas etwa fertigen bereits 3D-Drucker blitzschnell maßgeschneiderte Sneakers. Sugoer stammt aus einer Berliner Arbeiterfamilie. Der Vater, ein Schneider aus Ostanatolien, arbeitete als Medikamentenfahrer in einem Krankenhaus, die Mutter in der krankenhauseigenen Wäscherei. „Uns drei Jungs fehlte es an nichts, aber Marken-Sneakers waren nicht immer drin“, erinnert sich Sugoer.

So jobbte er in einem Kinderschuhladen, in dem auch Promis wie Tina Turner einkauften. Auf dem Gymnasium in Charlottenburg wollte er sich – wohl aus Komplexen heraus, wie er einräumt – durch coole Schuhe von den Manager- und Beamtenkindern abheben. Früh hatte er das Selbstbewusstsein, gegen den Mainstream zu schwimmen. Er trug damals Sneakers der Marke Superstars mit Plastikkappen und wurde dafür anfangs belächelt.

„Zwei Jahre später trug sie die halbe Schule.“ Die Mitschüler baten Hikmet, ihnen coole Sneakers zu besorgen – sein Einstieg in den Schuhhandel. Den ersten Solebox-Laden eröffnete er 2001 in Mitte. Dort verkaufte er Original-Sportschuhe aus den 70ern – Ladenhüter, die er bundesweit aufspürte. Später flog er nach New York und holte seesackweise Modelle nach Berlin, die es nur in den USA gab. Doch das störte die Markenhersteller.

Sie drohten mit Klagen. Hikmet schloss einen „Pakt mit dem Teufel“, scherzt er, und kooperierte fortan – auch als Berater. Für alle Großen von Adidas bis Nike und Puma hat er Sondermodelle designt. New Balance war die erste Marke, die an ihn glaubte. Damals arbeitete dort Michael Schmitz, heute Vertriebsleiter Europa von Birkenstock. Er schätzt Sugoer als „kreativen Kopf mit klaren Prinzipien“.

In der Sneaker-Szene ist Hikmet eine Institution und ein Trendsetter. Andy Chiu, Adidas-Manager

„Hikmet ist ein Pionier, der einen der ersten Sneakerläden weltweit hatte. In Europa hat er Meilensteine gesetzt“, meint Andy Chiu, verantwortlich für Originals und Actionsports bei Adidas. Durch seine große Fangemeinde und gute Vernetzung habe er auch für Adidas viele Türen geöffnet. Nicht nur Schuhe hat der Design-Autodidakt mit Vordiplom in BWL und Informatik inzwischen gestylt.

Limitierte Sugoer-Editionen gab es auch für Uhren der Manufaktur Sinn und sogar einen Smart. Dessen Außenspiegelkappen färbten sich bei Regen von Grau in Hellblau. Mit dem 100 Jahre alten Schuhpflegehersteller Collonil aus Berlin entwickelte Sugoer eine Sneaker-Pflege.

Heute kostet das Paar 1.000 Euro

Sugoers Fangemeinde ist groß. Für Asics-Sneakers mit Hikmet-Design kampierten 2008 etliche Fans drei Tage vor seinem Laden. Das kannte man damals nur vom iPhone. Tatsache ist: Die meisten Schuhe von Sugoer werden von den Sneaker-Kennern nicht getragen, sondern mit hohen Margen weiterverkauft. Seine New-Balance-Edition „One of 150“ kostete 2005 genau 150 Euro, heute wird das Paar für 1000 Euro gehandelt.

Die Webseite StockX zeigt den Marktwert von Sneakers in Echtzeit. Schon Schüler machen als Reseller riesige Umsätze. „Mit welcher Anlage kann man heute noch so viel Gewinn machen?“, fragt Sugoer. Es gebe Leute, die zahlen 30.000 Euro für ein Paar Turnschuhe. „Absurd“, findet der Unternehmer das. Er selbst besitzt mehr als 1.000 Paar.

Doch er warnt: „Sneakers sind wie Bitcoins. Hochspekulativ.“ Ohnehin sei der Markt überhitzt. Jedes Wochenende kämen „Limitierte Editionen“ in die Läden, gehypt von Stars wie Kanye West. Joschka Fischer entfesselte 1985 als „Turnschuhminister“ noch einen Eklat. Heute sind Sneakers selbst bei Topmanagern nicht nur salonfähig, sondern Accessoires für Kreativdenker.

Turnschuhe sind der Wachstumstreiber der Modebranche. 2017 produzierten allein Nike, Puma und Adidas Sportschuhe für rund 33 Milliarden Dollar, 2010 waren es erst rund 20 Milliarden Dollar. Sugoer hat für seinen Erfolg hart gearbeitet. „Es gab Zeiten, da musste ich zurück ins elterliche Kinderzimmer“, erzählt er. Und: „Um Mitarbeiter und Rechnungen zu zahlen, musste ich meinen geliebten Oldtimer verkaufen.

“ Sugoer lebt mit Frau und zwei Töchtern in Berlin. Als seine Jüngste geboren wurde und gleichzeitig sein Vater schwer erkrankte, kam ihm 2013 das Kaufangebot für Solebox gerade recht. „Hikmet ist ein Vollblutunternehmer mit vielen Emotionen. Es ist ihm sicher nicht leichtgefallen, sein Baby Solebox zu verkaufen“, glaubt Sneaker-Experte Schmitz.

Erst arbeitete Sugoer als Angestellter weiter, doch das passte nicht zu ihm. „Als Designer und Hersteller kann er jetzt seine Kreativität voll ausleben“, so Schmitz von Birkenstock. Sugoer habe ein Gespür für den Geschmack der Leute, deshalb sei seine Marke Sonra so erfolgreich. Der große Erfolg von Sonra hat Chiu von Adidas überrascht. Das zeige: „In der Sneaker-Szene ist Hikmet eine Institution und ein Trendsetter.“

Sonra bedeutet auf Türkisch „Next“. So nannte Steve Jobs seine Firma, als er bei Apple zwischenzeitlich ausstieg. Sugoer, der stets schwarzes T-Shirt und Jeans trägt, hat Angebote von Investoren, die seine Marke groß aufziehen wollen. Er träumt von einer eigenen Edel-Manufaktur irgendwann mal. „Keine Massenware. Ein Maßschuh ‚made by Hikmet‘, den ich persönlich liefere.“

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