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Spanischer Zughersteller Talgo soll die Deutsche Bahn ausstatten – Hinter dem Konzern steckt eine mächtige Familie

Ein Großauftrag der Deutschen Bahn rückt den spanischen Zughersteller Talgo ins Rampenlicht. Dahinter steht eine mächtige Familie.
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Die Form der Lokomotive brachte den Spitznamen ein. Quelle: Talgo
Schnabelzug von Talgo

Die Form der Lokomotive brachte den Spitznamen ein.

(Foto: Talgo)

Berlin, MadridAuf einen solchen Ansturm war der spanische Zughersteller Talgo nicht vorbereitet: Nachdem er am Dienstagabend einen Großauftrag der Deutschen Bahn bekanntgegeben hatte, kollabierte am Mittwochmorgen die Webseite.

Das verschwiegene und in Deutschland kaum bekannte spanische Unternehmen wurde überrannt von Suchanfragen. Talgo mit Sitz in Madrid soll die künftige Eurocity-Flotte der Bahn liefern, 23 Fernverkehrszüge inklusive Lokomotiven. Auftragswert: 550 Millionen Euro.

Ab 2023 will die Bahn die Talgo-Züge vor allem auf grenzüberschreitenden Strecken einsetzen, zum Beispiel von Berlin nach Amsterdam oder von Hamburg in die Schweiz. Und es könnte noch besser kommen für Talgo, denn der Rahmenvertrag sieht die Lieferung von bis zu 100 Zügen dieser Art vor. Ein ungewöhnlich großer Auftrag.

Für die Spanier ist es im Schnellzuggeschäft mit einer Geschwindigkeit bis zu 230 Stundenkilometern einer der wichtigsten Aufträge, die sie je bekommen haben. „Der Vertrag mit der Deutschen Bahn ist ohne Zweifel eine gute Nachricht für den gesamten Zugsektor in Spanien“, sagt Pedro Fortea, Generaldirektor des spanischen Eisenbahnverbands Mafex. Der deutsche Markt sei sehr anspruchsvoll und habe hohe Standards in Bezug auf Qualität oder Technologie.

Talgo, im Jahr 1942 von dem Unternehmer José Luis Oriol und dem Ingenieur Alejando Goicoechea gegründet, hat früher vor allem für die spanische Staatsbahn Renfe produziert und ist Marktführer in Spanien. Über die Grenzen hinaus bekannt sind vor allem die markanten Höchstgeschwindigkeitszüge mit der Schnabelform an beiden Zugenden.

Seit 2002 ist Palacio de Oriol Chef des Familienunternehmens Talgo. Quelle: Irekia
Carlos Palacio de Oriol

Seit 2002 ist Palacio de Oriol Chef des Familienunternehmens Talgo.

(Foto: Irekia)

Die sind zwar nicht besonders hübsch, sollen aber ausgewöhnlich leicht und energiesparend sein. Im Jahr 2002 übernahm der Enkel des Gründers, Carlos de Palacio Oriol, heute 66, die Leitung des Unternehmens und überzeugte die Familie davon, dass sich Talgo aus der Abhängigkeit von Renfe befreien und internationalisieren sollte.

Die Entscheidung war ganz offensichtlich richtig: Einer der bemerkenswertesten Aufträge war die Lieferung von Schnabelzügen an Saudi-Arabien. Dort durchqueren sie nun mit Höchstgeschwindigkeit die Wüste auf dem Weg zwischen den Pilgerstätten Mekka und Medina. Inzwischen hat Talgo auch Fahrzeuge in verschiedene europäische Länder, in die USA, nach Kasachstan, Usbekistan und Russland verkauft. Es gab Jahre, in denen schon 95 Prozent aller neuen Aufträge aus dem Ausland kamen.

Gelungene Internationalisierung

Neben der gelungenen Internationalisierung weist Experte Fortea auf die Dienstleistungen von Talgo hin. „Bemerkenswert ist auch die intensive Arbeit in der Instandhaltung und Überholung von Fahrzeugen, die dazu führt, dass Talgo-Teams in Dutzenden von Ländern auf vier Kontinenten präsent sind.“

Die Deutsche Bahn macht bereits zum zweiten Mal Geschäfte mit den Spaniern: In den 90er-Jahren lieferte Talgo den Deutschen mehrere Schlafwagenzüge, die zwischen 1994 und 2009 bei der Deutschen Bahn im Einsatz waren, die allerdings wegen ihrer Bauweise immer Exoten blieben. Die Waggons ließen sich nicht mit anderen Fahrzeugen koppeln und waren vergleichsweise klein.

2015 brachte Carlos de Palacio Oriol den Konzern an die Börse. Vor Bekanntgabe des Großauftrags der Deutschen Bahn wurde Talgo am Dienstag mit 730 Millionen Euro bewertet. Danach schoss der Aktienkurs um sechs Prozent in die Höhe. Die Familie hält noch elf Prozent der Anteile, 40 Prozent sind im freien Handel, den Rest halten Private-Equity-Fonds und eine Versicherung. Gemessen an den Branchengrößen wie Alstom, Bombardier oder Siemens sind die Spanier mit einem Umsatz von 384 Millionen Euro im Jahr 2017 ein kleiner Fisch.

Der Weltmarktführer, der chinesische Zuggigant CRRC, kommt gar auf einen Umsatz von 18 Milliarden Euro Umsatz mit der Bahntechnik. Aber Talgo ist auf Wachstumskurs: Das Auftragsvolumen lag im dritten Quartal 2018 bei 2,7 Milliarden Euro. Der Großauftrag der Deutschen Bahn lässt das Orderbuch der Spanier in diesem Jahr noch einmal in die Höhe schnellen.

Dem Chef des spanischen Zugherstellers eilt der Ruf voraus, ebenso verschlossen wie brillant zu sein. Nach einem Jurastudium in Madrid absolvierte Carlos de Palacio Oriol das Europakolleg in Brügge. Daraufhin arbeitete er zwei Jahrzehnte lang bei der Europäischen Union – als erster spanischer EU-Beamter – und wurde zum Experten für Institutionen, Wettbewerbs- und Agrarpolitik sowie Außenbeziehungen.

1997 trat er in den Verwaltungsrat von Talgo ein, den er seit 2002 leitet. Mehr ist über den Manager selbst in Spanien nicht bekannt. „Die Familie ist sehr diskret“, heißt es bei Talgo. „Sie wollen keine mediale Aufmerksamkeit, auch nicht, wenn die Geschäfte gut laufen.“

Eine traditionsreiche Familie

Die Familie Oriol gehört zu den 200 reichsten in Spanien. Die sechs großen Familienstämme besitzen mehrere Ländereien, zu denen etwa eine Finca mit 800 Hektar Fläche in der Nähe von Madrid gehört. Die Oriols waren schon zu Zeiten des Diktators Franco sowohl in der spanischen Politik als auch in Unternehmen vertreten. Ein Sohn des Talgo-Gründers war Bürgermeister von Bilbao, ein anderer Justizminister unter Franco. Iñigo de Oriol war Chef des Energiekonzerns Iberdrola, sein Sohn Iñigo Víctor de Oriol Ibarra sitzt im Verwaltungsrat des Energieriesen.

Zu den wenigen öffentlichen Äußerungen von Carlos de Palacio Oriol gehört eine Erklärung von 2016. „Mit der Liberalisierung des europäischen Marktes werden die Bahnbetreiber gezwungen sein, ihre Betriebskosten und die Investitionskosten pro Fahrgastquote zu senken“, sagte er damals. „Talgo wird weiterhin auf seine Internationalisierungs- und Diversifizierungsstrategie setzen und neue Transportlösungen für neue Marktsegmente entwickeln.“ Die Strategie ist offenbar aufgegangen.

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