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Start-up The Ocean Cleanup Solarschiffe sollen den Plastikmüll aus den Flüssen holen

Plastikmüll im Meer wird oft durch Flüsse angespült. Ein Start-up will die Plastikflut mit Solarschiffen bekämpfen. Doch es gibt auch Kritik an dem Vorhaben.
10.12.2020 - 15:03 Uhr Kommentieren
Die Maschinen bezahlt Ocean Cleanup nach eigenen Angaben mit Spendengeldern, aus denen die Firma auch bislang ihre Arbeit finanziert hat. Quelle: PR
Interceptor im Einsatz

Die Maschinen bezahlt Ocean Cleanup nach eigenen Angaben mit Spendengeldern, aus denen die Firma auch bislang ihre Arbeit finanziert hat.

(Foto: PR)

Köln Flüsse, sagt Boyan Slat, seien „die Arterien, durch die das Plastik fließt“. Der Niederländer will sie von dem Unrat befreien. Mit seiner Stiftung The Ocean Cleanup hat er ein solarbetriebenes Schiff entworfen, das Plastikmüll aus Flüssen holt. Um möglichst schnell möglichst viele produzieren zu können, ist Ocean Cleanup nun eine Partnerschaft eingegangen. Der finnische Maschinenbauer Konecranes übernimmt den Bau und die Wartung der Schiffe, wie Slat und Konecranes-CEO Rob Smith am Donnerstag verkündeten.

Das autonom fahrende Boot hat Ocean Cleanup „Interceptor“ getauft, Abfangjäger. Eine längliche Barriere, die der Interceptor vor sich her schiebt, lenkt den Müll in Richtung einer Öffnung in der Mitte. Dort nimmt ein Rollband wie auf einem Flughafen das Plastik auf und befördert es in Container an Bord. Das Computersystem erkennt, wenn die Behälter voll sind, und steuert das Boot zur Abladestelle.

In fünf Jahren wollen Konecranes und Ocean Cleanup so jeden der 1000 am meisten mit Plastik belasteten Flüsse mit einem Interceptor ausstatten.

Das Problem, das die Firmen angehen, ist groß und global. Laut der Naturschutzorganisation WWF gelangen jedes Jahr fünf bis 13 Millionen Tonnen davon in die Meere. Drei Viertel des gesamten Abfalls in den Gewässern bestehen aus Plastik. Eine Wegwerfwindel oder eine Plastikflasche ist erst nach rund 450 Jahren zersetzt. Bis dahin nehmen Tiere die Mikropartikel auf. Zehntausende sterben jährlich daran, sagt der WWF.

Der Niederländer Slat setzte sich schon als Teenager für die Meere ein. Heute ist er 26. Er hält Vorträge auf der ganzen Welt und hat große Ambitionen: Ocean Cleanup werde das Meer gänzlich von Plastik befreien, so das hehre Ziel des Gründers. Manche Meeresexperten halten das für vermessen.

„Riesenbeitrag für den Umweltschutz“

Trotz der Kritik ist die Liste von Slats Auszeichnungen schon jetzt lang: Die Vereinten Nationen etwa kürten ihn 2015 zum „Champion of the Earth“. Ein Jahr später nahm das Magazin „Forbes“ ihn unter die 30 Menschen unter 30 auf, die Besonderes leisten. Mit der Hilfe eines börsennotierten Weltkonzerns will er seine ambitionierten Pläne nun in die Realität umsetzen. Doch ob das gelingt, hängt nicht nur von ihm ab. Noch ist die langfristige Finanzierung ungewiss. Das Projekt ist auf die Hilfe der Regierungen angewiesen.

Konecranes-CEO Rob Smith betont dennoch, wie stolz er sei, Teil dieser Partnerschaft zu sein. „Drei Maschinen sind nicht mehr als eine nette Idee“, mit 1000 werde daraus „ein Riesenbeitrag für den Umweltschutz“. Das Projekt setze an der Quelle an. Dort, „wo das Plastik herkommt, nämlich aus verschmutzten Flüssen“, sagt Smith.

Konecranes stattet Werften, Häfen und Terminals mit Kranen und Hebemaschinen aus. 2019 machte der an der finnischen Börse notierte Konzern 3,3 Milliarden Euro Umsatz. Die Servicesparte verfügt nach Unternehmensangaben über 600 Standorte für Wartung und Instandhaltung.

Für das Projekt mit Ocean Cleanup sei diese internationale Präsenz ein Vorteil. Die Servicestellen der Finnen kümmerten sich weltweit darum, dass die Interceptors immer gut gewartet seien, ergänzt Smith. Wenn die Maschinen jederzeit einsatzbereit seien, fließe kein Plastik ungehindert flussabwärts. Aktuell baut Konecranes in Malaysia zwei Schiffe gleichzeitig. Die Fertigungszeit will das Unternehmen von drei auf zwei Monate reduzieren.

Kritik an Ocean Cleanup

Ocean Cleanup hat große Pläne – und verkauft Erfolge mit aufwendig produziertem Videomaterial. Doch es gibt Zweifel daran, wie viel die Stiftung bislang wirklich erreicht hat. Konkrete Angaben über die aufgefangenen Plastikmengen macht sie nicht. Eben Schwartz von der kalifornischen Umweltbehörde hält die Ankündigungen von Ocean Cleanup für „unaufrichtig und irreführend“. Die Maschinen könnten höchstens wenige Prozent des gesamten Plastiks aus Flüssen und Meeren holen.

Die US-Ozeanografin Kim Martini begleitet Ocean Cleanup von Beginn kritisch. Die Interceptor seien als technologische Lösung besser geeignet als die Versuche auf dem Meer. Eine „langfristige Lösung“ seien aber auch sie nicht. Wichtiger sei es, schlicht weniger Plastik zu benutzen. Dann müsse man die Flüsse auch nicht säubern.

Slat hält dagegen: Er glaube nicht, dass Plastik verschwinde, „dafür hat es zu viele Vorteile“. Es aus den Flüssen zu entfernen sei „sicher nicht die optimale Lösung. Aber im Moment ist das der schnellste und leichteste Weg.“ Auf gesellschaftlichen Wandel zu warten, dafür sei keine Zeit.

Der Gründer an Bord eines Interceptors: Eine längliche Barriere vorne lenkt den Müll in Richtung einer Öffnung in der Mitte. Streng genommen sind die Interceptor keine Schiffe, weil sie keinen Motor haben. Quelle: PR
Boyan Slat

Der Gründer an Bord eines Interceptors: Eine längliche Barriere vorne lenkt den Müll in Richtung einer Öffnung in der Mitte. Streng genommen sind die Interceptor keine Schiffe, weil sie keinen Motor haben.

(Foto: PR)

Wie alle Visionäre hat Slat eine Entdeckungsgeschichte. Als Teenager erblickte er beim Tauchen in Griechenland mehr Müll als Fische. 2013 gründete er deswegen Ocean Cleanup. Im Jahr darauf überwiesen 40.000 Unterstützer dem Projekt insgesamt zwei Millionen US-Dollar, mit denen Slat ein an der TU Delft entwickeltes Fangsystem startete. Mit dem Design, sagt der Gründer, könne man innerhalb von zehn Jahren die Meere von Plastik befreien.

Kritiker bemängelten schon damals, dass die Maschine zu stark in die Ökosysteme eingreife und als Beifang auch lebende Organismen aus dem Meer hole. Kim Martini und eine Kollegin schrieben in einer langen technischen Analyse des Projekts, es gebe viele technische und umweltbelastende Probleme.

Länder wie Venezuela schwierig für den Einstieg

Slat ließ sich jedoch nicht aufhalten. Das Zehnjahresziel wird er zwar nicht erreichen, dafür widmet er sich jetzt in erster Linie den Flüssen. Anders als auf dem offenen Meer schwimmt das Plastik hier häufiger an der Oberfläche – wichtiger noch: Die Zuständigkeiten sind geklärt. Flüsse gehören anders als Ozeane geografisch zu Staaten, sie sind von Ländergrenzen eingefasst.

Mit den Behörden in Indonesien und Malaysia hätten sie gute Erfahrungen gemacht, erklärt Slat. In „jungen Demokratien“ gebe es aber immer wieder Verzögerungen im Genehmigungsverfahren.

Am liebsten würde Slat mit den schmutzigsten Flüssen anfangen und dann die Liste nach und nach abarbeiten. Doch das geht nicht so einfach. Mancherorts mangele es an Müll- und Recyclinganlagen. Wenn der Müll nach dem Auflesen wieder in den Fluss gekippt werde, sei die Arbeit sinnlos. „Wir müssen garantieren können, dass das Plastik nicht wieder im Fluss landet.“ Vorher käme der Inceptor nicht zum Einsatz.

Ein weiterer Faktor für die Entscheidung, wo Ocean Cleanup und Konecranes die ersten Geräte der Serie einsetzen, ist für Slat die politische Lage. Einer der verseuchtesten Flüsse liege in Venezuela. Angesichts der humanitären und politischen Krise in dem Land sei ein Start dort momentan ausgeschlossen.

Die Maschinen bezahlt Ocean Cleanup nach eigenen Angaben mit Spendengeldern, aus denen die Firma auch bislang geschöpft hat. Slats Ziel ist es, dass sich nach und nach die öffentliche Hand an den Investitionen beteilige und die Infrastruktur verbessere. Denn Regierungen hätten ein klares ökonomisches Interesse daran: Dreckige Flüsse würden dem Tourismus und der lokalen Wirtschaft schaden.

Mehr: Diese zehn Start-ups werden privat gefördert, weil sie grün sind.

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