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Start-up Wie Lern-App von Byju’s Probleme des indischen Bildungssystems auffängt

Millionen Nutzer nutzen die Anwendung des indischen Start-ups, um sich besser zu bilden. Die Gründer forcieren nun die Expansion ins Ausland.
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Lern-App „Byju’s“: Nachhilfe mit Mogli und Balu Quelle: Hindustan Times/Getty Images
Byju Raveendran

Der Gründer will seinem noch jungen Unternehmen zu neuem Wachstum verhelfen.

(Foto: Hindustan Times/Getty Images)

Bangkok Für seine Arbeit an einem globalen Bildungsimperium holt sich Byju Raveendran prominente Unterstützung: Buchstaben bringt er Grundschulkindern neuerdings mithilfe von Aladdin bei. Wenn es um geometrische Formen geht, dann sind Mogli und Balu aus dem „Dschungelbuch“ mit von der Partie. Arielle hilft beim Thema Hauptwörter aus, Cinderella bei einfachen Mathe-Lektionen.

Die Figuren aus dem Fundus des Unterhaltungskonzerns Disney darf der indische Start-up-Gründer seit einigen Wochen in einer seiner Lern-Apps nutzen. Sie sollen dazu beitragen, dass Raveendrans indischem Start-up der internationale Durchbruch gelingt. Mit den Disney-Figuren könnten sich Kinder an jedem Ort identifizieren, sagt der 38 Jahre alte Gründer. „Sie wecken die Aufmerksamkeit, mit der wir die Kinder zum Lernen bringen können.“

Aufmerksamkeit hat die Arbeit des Inders auch bei Investoren gefunden. Sein Start-up für Onlineunterricht, das unter dem Markennamen Byju’s bekannt ist, gilt als einer der weltweit wertvollsten Anbieter von Bildungstechnologie. Nach einer neuen Investitionsrunde im Juli stieg die Bewertung auf 5,5 Milliarden Dollar. Damit zählt das Unternehmen zu den „Einhörnern“ Indiens, jenen Jungunternehmen, die mit mindestens einer Milliarde Dollar bewertet werden.

Die hohe Bewertung spiegelt die Bedeutung wider, die sich das Unternehmen binnen weniger Jahre auf dem indischen Bildungsmarkt erarbeitet hat: Die Lern-Apps von Byju’s sind bei Schülern auf dem Subkontinent fast so bekannt wie in Deutschland Füller von Lamy oder Taschenrechner von Texas Instruments. Zuletzt verzeichnete das Unternehmen 35 Millionen registrierte Nutzer. Es erreicht damit mehr als dreimal so viele Lernende wie das staatliche Schulsystem in Deutschland.

Byju’s versteht sich als eine Art Online-Nachhilfeschule. Mit Lernvideos und Spielen richtet sich das Start-up per App an Schüler von der ersten bis zur zwölften Klasse. Vor allem Mathematik und Naturwissenschaften stehen auf dem digitalen Stundenplan. Einzelne Lektionen drehen sich – angepasst an den indischen Lehrplan – um Themen wie rechtwinklige Dreiecke, das Periodensystem der Elemente oder die Funktionsweise der Elektrizität.

In den filmischen Unterrichtseinheiten setzt Byju’s auf junge Lehrer, denen man gerne zuhört – und Grafiken, die komplizierte Konzepte anschaulich machen sollen. Zu jedem Kapitel gibt es einen Übungstest. Wenn es noch Nachholbedarf gibt, werden die Schüler zu den Grundlagen zurückgeleitet. Eltern wiederum können über eigene Apps die Lernfortschritte ihrer Kinder verfolgen.

In einem Land mit chronischen Problemen im öffentlichen Bildungssystem stößt Raveendrans Angebot auf reges Interesse. In den indischen Städten gelten zwei Drittel der Schulen als überfüllt mit mehr als 35 Schülern pro Klassenzimmer. Jeder dritten Schule fehlt ein Stromanschluss. 70 Prozent der Schüler schaffen es nicht bis zu einem Abschluss der zwölften Klasse.

Technologie löst Schulprobleme

Raveendran glaubt, dass er viele der Probleme mithilfe von Technologie lösen kann. „Wir müssen bei den Kindern wieder die Neugier wecken“, sagte er Ende August in einem Interview im indischen Fernsehen. Seine Apps präsentiert er als Mittel für mehr Bildungsgerechtigkeit: Technologie könne die Ausgangsvoraussetzungen für die Schüler auf dem Subkontinent angleichen. Um von hochqualifizierten Lehrern unterrichtet zu werden, müsse man nicht länger auf teure Privatschulen gehen. Mit seinen Apps bekäme auch der aufstiegshungrige, ambitionierte Nachwuchs in entlegenen Dörfern eine faire Chance.

Das Interesse ist groß. Eine Untersuchung von KPMG und Google aus dem Jahr 2017 geht davon aus, dass der Markt für Onlineunterricht in Indien bis 2021 auf zwei Milliarden Dollar wachsen wird – von 250 Millionen Dollar im Jahr 2016. Eine Studie der halbstaatlichen Wirtschaftsförderungseinrichtung IBEF schätzt das Segment als noch größer ein: Demnach ist bereits von einem Umsatzvolumen von 5,7 Milliarden Dollar im kommenden Jahr die Rede.

Wie groß die Nachfrage nach Bildungsangeboten ist, von denen sich Schüler und Studenten konkrete Karrierevorteile versprechen, hat Raveendran schon zu Beginn seiner Lehrerkarriere erlebt – lange bevor Unterricht über das Internet in Indien ein Thema war. Raveendran stammt aus dem Küstendorf Azhikode im südindischen Bundesstaat Kerala.

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Er fiel schon früh mit seinem Mathematiktalent auf und studierte später Maschinenbau. Zur Jahrtausendwende bekam er einen Job in Singapur. Der akademischen Welt blieb er aber erhalten, weil Freunde ihn um Nachhilfeunterricht baten. Sie bewarben sich um die Aufnahme bei den Indian Institutes of Management – einer Gruppe renommierter Business-Schools, in die es nur ein Bruchteil der Kandidaten schafft.

Raveendran verhalf seinen Freunden zu einem guten Testergebnis und machte die Aufnahmeprüfung zum Spaß selbst mit: Er schnitt besser ab als 99 Prozent der Teilnehmer und bekam Angebote für MBA-Studienplätze aus dem ganzen Land. Raveendran lehnte jedoch ab und befasste sich mit dem Thema erst zwei Jahre später wieder, als er 2005 zum Urlaub erneut nach Indien zurückkehrte. Seine Qualitäten als Tutor hatten sich inzwischen herumgesprochen. Innerhalb von sechs Wochen gab er in Bangalore mehr als 1000 Studienanwärtern Nachhilfe.

Der Erfolg und der Spaß, den er beim Unterrichten hatte, brachten ihn dazu, einen neuen Karriereweg einzuschlagen. Den Maschinenbaujob gab Raveendran auf und wurde Vollzeittutor. Erst füllte er Auditorien mit mehr als 1 000 Plätzen und pendelte zwischen Metropolen wie Pune, Delhi, Chennai und Mumbai. Dann errichtete er seine Bühne in Sportstadien und hatte dort mehr als 20.000 Zuschauer. Statt mit Sportleistungen oder Popmusik zog Raveendran mit Mathe-Nachhilfe die Massen an.

Weil er nicht überall zugleich auftreten konnte, begann Raveendran vor zehn Jahren damit, Videos seines Unterrichts zu verbreiten. Er legte damit den Grundstein für seine Firma Think and Learn, die Eigentümer von Byju’s ist. Mit einem Team von 30 Mitarbeitern weitete er das Angebot aus.

Statt sich nur mit dem Stoff für Aufnahmeprüfungen zu befassen, kamen Inhalte zum normalen Lehrplan hinzu. 2015 brachte Byju’s seine erste App auf den Markt. Die Inhalte sind nicht günstig: So kostet etwa der Zugang zum Mathe- und Naturwissenschaftskurs für die sechste Klasse umgerechnet mehr als 300 Euro.

Käufer gibt es aber offenbar genug: Die Umsätze im vergangenen Geschäftsjahr verdreifachten sich beinahe auf rund 200 Millionen Dollar und sollen sich in diesem Jahr mehr als verdoppeln. Zugleich kam das Unternehmen 2018 laut Raveendran erstmals in die Gewinnzone. Damit hat sich Byju’s unter Indiens Einhorn-Start-ups ein Alleinstellungsmerkmal erarbeitet.

Profitabilität noch nicht erreicht

Auf dem Subkontinent existieren einige Einhörner. Doch von Profitabilität sind sie zum Teil noch weit entfernt. Der Bezahldienst Paytm etwa, der sowohl mit Tante-Emma-Läden als auch großen E-Commerce-Plattformen zusammenarbeitet, rechnet damit, frühestens 2021 profitabel zu werden.

Auch Start-ups wie der Onlinehändler Flipkart, der 2018 von Walmart übernommen wurde, und der Taxi-App-Dienst Ola stecken nach wie vor tief in den roten Zahlen. Der Grund: Sie liefern sich im Kampf um den 1,3 Milliarden Einwohner großen Markt in Indien eine teure Rabattschlacht mit ihren jeweiligen Konkurrenten – so kämpft Flipkart gegen Amazon, Ola gegen Uber.

Byju’s hat indes keinen vergleichbaren Wettbewerber. Die App dominiert den indischen Online-Bildungsmarkt, auf dem auch kleinere Anbieter wie Toppr, Khan Academy und Vedantu aktiv sind. Die Start-up-Herausforderer wollen aber aufschließen. Toppr-Gründer Zishaan Hayath sprach im Mai davon, seine Nutzerzahlen bis 2020 von derzeit acht Millionen auf 20 Millionen ausbauen zu wollen.

Sein Angebot umfasst mehr Fächer als das von Byju‘s, etwa auch Englisch, Geschichte und Geografie. Zudem glaubt Hayath, die Schüler stärker zu motivieren: „Die durchschnittliche Nutzungsdauer pro Tag dürfte bei Byju’s bei rund 50 Minuten liegen“, erklärte er. „Bei uns sind es 110 Minuten.“

Kapitalgeber bevorzugen jedoch Raveendrans App. Während Toppr Ende vergangenen Jahres 35 Millionen Dollar von einer Private-Equity-Firma erhielt, sammelte Byju’s 540 Millionen Dollar ein – unter anderem von dem südafrikanischen Technologieinvestor Naspers und dem kanadischen Pensionsfonds CPPIB.

Im Juli kamen bei einer von Katars Staatsfonds QIA angeführten Investitionsrunde weitere 150 Millionen Dollar hinzu. Zu den Investoren von Byju’s, das Berichten zufolge zu einem Drittel noch dem Gründer und seiner Familie gehören soll, zählen auch der chinesische Technologiekonzern Tencent und die Chan-Zuckerberg-Initiative, die von Facebook-Chef Mark Zuckerberg gegründet wurde.

Neue Märkte erschließen

Beobachter glauben, dass der Markt im Fokus der Risikokapitalgeber bleiben wird: Investoren zeigten nach wie vor großes Interesse an den Wachstumsmöglichkeiten, kommentierte Ankur Pahwa, Partner beim Beratungsunternehmen EY in Indien: „Bei Bildungstechnologie ist Indien immer noch ein unterversorgter Markt.“

Mit dem Geld der Investoren will Raveendran die internationale Expansion anschieben. Als ersten Schritt kaufte er zu Beginn des Jahres für 120 Millionen Dollar das kalifornische Start-up Osmo, das Augmented-Reality-Lernspiele produziert. Die Osmo-Technologie ist bereits in Byju’s neuer Lern-App integriert: Die Kamera von Tablets oder Smartphones erkennt dabei, wie mitgelieferte Arbeitsblätter ausgefüllt wurden.

Das Produkt ist seit dem Sommer in Indien auf dem Markt und soll laut Raveendran demnächst auch im Ausland erhältlich sein. Die App werde derzeit an den amerikanischen und den britischen Lehrplan angepasst, teilte er mit. Auch andere englischsprachige Länder wie Neuseeland und Australien seien als Expansionsziele interessant, hieß es im Unternehmen.

Bei den Lernvideos, die er bisher in den Apps für ältere Kinder einsetzt, hat Raveendran aber noch viel zu tun – obwohl sie auf Englisch sind: Der indische Akzent gilt im Ausland als schwer verständlich. Raveendran will deshalb Lehrer aus den jeweiligen Märkten engagieren, um mehr als 1000 Unterrichtsstunden neu aufzunehmen. Sein Ziel: „Wir schaffen eine internationale Plattform.“

Die Serie

Als „Einhorn“ bezeichnet die Gründerszene junge Unternehmen, die mit mindestens einer Milliarde Dollar bewertet werden. Weltweit ziehen immer mehr Gründungen Risikokapital an. Die Handelsblatt-Korrespondenten haben Einhörner in ihrem Berichtsgebiet herausgesucht, deren Entwicklung sie besonders beeindruckt. Sie schildern zudem, wie die Bedingungen für aufstrebende Unternehmen und Investoren in ihrem jeweiligen Land sind. Inder kommenden Woche berichtet Korrespondent Klaus Ehringfeld aus Kolumbien über ein Start-up.

Mehr: Der digitale Marktplatz Bukalapak hilft Menschen ohne Internetzugang, Waren online zu bestellen – mithilfe seines Netzwerks an Kiosken.

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