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Stephan Schmidheiny Wie ein Familienunternehmer in Italien zur Hassfigur wurde

Seit 18 Jahren versucht die italienische Justiz, den Unternehmer ins Gefängnis zu bringen. Nun spricht er nach langem Schweigen über seine Verfolgung.
20.12.2019 - 04:00 Uhr 1 Kommentar
Seit 2001 geht die italienische Justiz gegen den Unternehmer vor. Quelle: Acorma AG
Stephan Schmidheiny

Seit 2001 geht die italienische Justiz gegen den Unternehmer vor.

(Foto: Acorma AG)

Zürich Als Unmenschen hat man ihn beschimpft, als tausendfachen Mörder. Die italienische Justiz verglich Stephan Schmidheiny schon mit Adolf Hitler, und Hitler kam dabei gut weg. Nicht einmal während des Dritten Reichs hätten Menschen unter solchen Umständen arbeiten müssen wie in den italienischen Eternit-Werken von Schmidheiny, befand ein Staatsanwalt in Turin.

Ein Richter zog eine Parallele zwischen einer Management-Tagung der Eternit im Juni 1976 und der Wannseekonferenz im Januar 1942. Die Nazis planten damals den Holocaust.

Mehr als 18 Jahre sind vergangen, seit ein italienischer Beamter den Namen Stephan Schmidheiny ins Register der Straftaten in Turin schrieb. Fahrlässige Tötung in neun Fällen lautete der erste Eintrag, verglichen mit späteren Vorwürfen fast harmlos. Die Kausalkette der italienischen Justiz war simpel: In den Eternit-Werken wurde Asbest verarbeitet, Asbest war tödlich, Schmidheiny war schuld. Im Laufe der Zeit stieg die Zahl seiner angeblichen Opfer auf mehrere Tausend.

Im Februar 2012 verurteilte ihn das Strafgericht in Turin zu 80 Millionen Euro Schadensersatz und 16 Jahren Haft. Schmidheiny ging in Berufung. Im Juni 2013 erhöhten die Richter die Strafe auf 90 Millionen Euro und 18 Jahre Haft. Sie zeichneten den Schweizer Industriellen als Fratze des Kapitalisten: skrupellos und gierig. Für seinen Profit habe er Leben geopfert.

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    Im November 2014 wurden beide Urteile vom obersten italienischen Gericht aufgehoben, im Mai 2015 begann ein neues Verfahren, im Mai 2019 kam ein neues Urteil. Nun äußert sich Schmidheiny nach langem Schweigen über seine Verfolgung – und über sein Leben.

    In Italien wurde Schmidheiny zum Hassobjekt. Bei Demonstrationen prangte sein Gesicht mit schlimmsten Beleidigungen auf Plakaten. Er musste sich und seine Familie schützen lassen. Schmidheiny war bei den Prozessen, die gegen ihn laufen, nie anwesend – das sieht die italienische Justizordnung auch nicht zwingend vor.

    Die öffentlichen Anschuldigungen hinterließen trotzdem ihre Spuren. „In den ersten Jahren bekam er praktisch eine Italienallergie“, sagt ein Bekannter. „Ich war einmal mit Stephan in einem Fahrstuhl, da stiegen Italiener zu. Er musste aussteigen. Er konnte es nicht ertragen, auch nur ihre Sprache zu hören.“

    Seither ist Schmidheiny ruhiger geworden. Als ihn das Handelsblatt trifft, hat er sich nicht versteckt, ist aber gut gesichert. Schwere Türen öffnen den Weg in das Stadtbüro seiner Avina Stiftung in Zürichs Altstadt, Überwachungskameras zeichnen jede Bewegung auf.

    Schmidheiny hat seit Jahren nicht öffentlich über seinen Kampf mit der italienischen Justiz gesprochen. Bei der Frage, wie er die Verfahren nach jetzt 18 Jahren einschätzt, lässt er keine Gefühlsregung erkennen. Dann sagt der 72-Jährige: „Ich frage mich immer: ‚Gegen wen verhandeln die da eigentlich?‘ Ich bin das nicht.“

    Ein besonderer Lebensweg

    Die Suche nach dem Ursprung von Schmidheinys Problem führt zurück in seine Jugend. Dass er einen besonderen Pfad durchs Leben nehmen würde, merkte er schon als Primaner. Die Schmidheinys wohnten in der Nähe von St. Gallen, mit grandiosem Blick aufs Rheintal. Dort lag die familieneigene Wild Heerbrugg AG. Auf halbem Weg befand sich das Schulhaus. Stephan stieg morgens vom Hügel hinab, um zu lernen, seine Kameraden kamen aus dem Dorf von unten herauf.

    Die Entwicklung der Schmidheinys zu einer der bedeutendsten Schweizer Industriellenfamilien begann mit Jacob Schmidheiny, geboren 1838. Der Sohn eines Dorfschneiders gründete mit 27 eine Firma, ein Jahr später kaufte er per Anzahlung das Schloss Heerbrugg samt dazugehöriger Ziegelei.

    Technisch hochbegabt, entwickelte Schmidheiny neue Produktionsverfahren, mit denen er den Jahresausstoß von Ziegeln auf 25 Millionen Stück trieb. Sein Sohn Ernst baute eine Beteiligung seines Vaters an einer Zementfabrik zu einem eigenen Geschäftsfeld aus. Es war eine schicksalhafte Entscheidung – besonders für seinen Enkelsohn.

    Stephan Schmidheiny war 22, als er jeden Tag Asbeststaub einatmete. Vier Monate dauerte seine Trainee-Station in Brasilien, einem der vielen Länder der Erde, in denen seine Familie inzwischen Zementwerke führte. Eine Woche lang schnitt Schmidheiny Asbestsäcke auf – der Stoff war aus der Produktion nicht mehr fortzudenken. Asbest galt als Wunderfaser.

    Die Wunderfaser ist biegsam, gut mit anderen Stoffen zu mischen und extrem hitzebeständig. Der erste Wissenschaftler, der sich mit Asbest beschäftigte, tat dies schon im alten Griechenland, 300 Jahre vor Christi Geburt. Frühe, mit der Faser verstärkte und deshalb feuerfeste Gefäße in Finnland sind noch 2 000 Jahre älter. Den Durchbruch feierte Asbest zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

    Die Asbestfaser ist um ein Vielfaches dünner als ein menschliches Haar, absorbiert Feuchtigkeit, lässt sich spinnen und ist extrem zugfest. Als Schmidheiny in Brasilien im Staub steht, ist die Asbestose als Krankheitsbild zwar schon bekannt, das tut der Beliebtheit von Asbest aber keinen Abbruch. Es steckt in Schutzkleidung von Feuerwehrleuten, Postsäcken, Getränkefiltern, Dämmstoffen und in den feuerfesten Ziegeln der Eternit-Werke – einer der vielen Beteiligungen seiner Familie.

    Die Faser galt einst als Wunderstoff. Quelle: mauritius images / Science Source
    Asbest

    Die Faser galt einst als Wunderstoff.

    (Foto: mauritius images / Science Source)

    Für Stephans Vater, Max Schmidheiny, ist deshalb unvorstellbar, was ihm seine Führungskräfte vor gut 40 Jahren aus Schweden berichten. Auch dort betreibt die Familie eine Eternit-Fabrik. Erste Todesfälle werden der Faser zugeschrieben. Mediziner finden Lungengewebe, das von Asbestnädelchen zersetzt ist. Fälle dieser Art sind quer über den Erdball verteilt. In Schweden wird die Forderung nach einem totalen Bann des Materials laut.

    „Ich mag nicht mehr, mach du weiter“, lautet der Satz, mit dem Max Schmidheiny die Verantwortung für das Problem in die Hände seines Sohns Stephan legt. Der 28-Jährige fackelt nicht lang: Im Juni 1976 lädt er die Eternit-Direktoren aus allen Ländern zu einem dreitägigen Seminar nach Neuss.

    Die Sicherheitsstandards steigen dramatisch. Säcke werden nur noch im Vakuum geöffnet, Staub wird aus dem Arbeitsalltag verbannt, überall werden Luftfilter eingebaut. Wo immer es geht, so empfiehlt Schmidheiny den Managern, sollen sie Asbest durch ungefährliche Stoffe ersetzen.

    Die Maßnahmen sind richtungweisend, aber preiskritisch. In Italien haben noch zehn Jahre später viele Konkurrenten von Eternit kaum Sicherheitsmaßnahmen eingeführt. Die italienische Eternit geht pleite. Drei Jahre später verkauft Schmidheiny all seine Eternit-Beteiligungen weltweit. Das Kapitel Asbest in seinem Leben ist abgehakt, denkt Schmidheiny. Er irrt.

    Schmidheiny merkt dies erst viele Jahre später. Er ist ziemlich beschäftigt. 1987 organisiert er als Ankeraktionär des Schweizer Elektrotechnikkonzerns Brown, Boveri & Cie. dessen Fusion mit dem Konkurrenten Allmänna Svenska Elektriska Aktiebolaget (ASEA) zur heutigen ABB. Schmidheiny kauft den Leica-Konzern, strukturiert ihn um und verkauft ihn in Einzelteilen.

    Zum Hauptverantwortlichen erklärt
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    1 Kommentar zu "Stephan Schmidheiny: Wie ein Familienunternehmer in Italien zur Hassfigur wurde"

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    • Hut ab vor ihrer Lebensleistung - Herr Schmidheiny.

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