Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Stiftung Verantwortungseigentum Der deutsche Mittelstand will sich unverkäuflich machen

Wirtschaftsminister Altmaier begrüßt die Idee: Unternehmen sollen in die Hand von Mitarbeitern und Gesellschaft. Dafür hat sich die Stiftung Verantwortungseigentum gegründet.
Kommentieren
Globus-Eigentümer Thomas Bruch hat bisher ein Viertel des Unternehmens in die gemeinnützige Stiftung eingebracht. Quelle: ddp/interTOPICS/STAR-MEDIA
Globus-Filiale in Leipzig

Globus-Eigentümer Thomas Bruch hat bisher ein Viertel des Unternehmens in die gemeinnützige Stiftung eingebracht.

(Foto: ddp/interTOPICS/STAR-MEDIA)

Düsseldorf Der historische Akt dauerte nur fünf Minuten und zwölf Sekunden. In einem Berliner Café rauschten sieben Unternehmensvertreter aus Start-ups, Mittelstand und Milliardenkonzernen am Montagmittag durch das Protokoll und gründeten die Stiftung Verantwortungseigentum. Ein paar Hundert Meter weiter begannen sie kurz darauf mit einem feierlichen Festakt ihre Mission und warben öffentlich für ihre Forderung: eine Möglichkeit für Unternehmer, sich auf einfachem Weg selbst zu enteignen und ihr Unternehmen nur noch den Mitarbeitern und der Gesellschaft zu verpflichten.

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU), der zum Gründungsfestakt erschien, würdigte die Gründer dafür, dass sie „heute gemeinsam an der Weiterentwicklung unserer Sozialen Marktwirtschaft arbeiten.“ Fakt ist, dass die Unternehmer, die sich für das Verantwortungseigentum entscheiden, tatsächlich das Eigentum an ihren Firmen dauerhaft und unwiderruflich abgeben. Das fällt sicherlich nur solchen Unternehmern leicht, die auch sonst bereit sind, Macht abzugeben und dies auch als Markenzeichen zu sehen.

Ideengeber der Stiftung Verantwortungseigentum sind vier junge Ökonomen, zur Gründung haben sie bereits 32 Unternehmen zusammengebracht, darunter beispielsweise die Handelskette Globus, der Bio-Produzent Alnatura, die GLS Gemeinschaftsbank und der Kondomhersteller Einhorn. Ihr Ziel: Familienunternehmen, die oft als das Rückgrat der deutschen Wirtschaft bezeichnet werden, eine weitere Entwicklungsmöglichkeit zu eröffnen.

Sie wollen, dass die Unternehmen sich selbst gehören können, und nicht einzelnen Personen, damit sie sich glaubhaft nur noch auf den Unternehmenszweck konzentrieren können. Um das zu gewährleisten, müssen sie nach Meinung der Mitgründer unverkäuflich sein. Dazu aber brauche es eine neue Stiftungsform, da alle bisherigen Rechtsformen dafür nicht praktikabel seien.

Auch Minister Altmaier ist wohl bewusst, dass es auch Widerstände gegen eine solche Initiative geben wird: „Nämlich von all denen, die ein solches Markenzeichen im Zweifel eher nicht in Anspruch nehmen möchten und darin unter Umständen eine Abstufung der Wertigkeit oder der Wertschätzung der einzelnen Unternehmen erkennen würden.“

Denn so mancher Familienunternehmervertreter dürfte sich herausgefordert fühlen, wenn mit einem Mal das Eigentum und die Enkeltauglichkeit nicht mehr nur für die eigenen Nachkommen gelten sollen, sondern eben auch für andere, für Werteverwandte. Altmaier nutzte die Veranstaltung daher auch dafür, nochmal deutlich zu machen, wie wichtig er die Familienunternehmen und den Mittelstand findet, zunächst einmal unabhängig von der Rechtsform.

200 Unternehmen wirtschaften in Verantwortungseigentum

Nach Angaben der Initiatoren gibt es bereits 200 Unternehmen hierzulande, die in Verantwortungseigentum wirtschaften - meist ohne das explizit so zu nennen. Sie setzen 270 Milliarden Euro um und beschäftigen 1,2 Millionen Mitarbeiter, haben die Initiatoren errechnet. Vorreiter war vor 130 Jahren Zeiss. Auch die Autozulieferer Bosch und Mahle sind diesen Weg bereits gegangen. Thomas Bruch, der Chef der Globus Warenhäuser mit 45.000 Mitarbeitern und rund acht Milliarden Euro Umsatz, hat sich 2005 für Verantwortungseigentum entschieden, freilich, ohne den Begriff damals bereits gekannt zu haben.

Die Idee ist also nicht ganz neu, aber noch nicht weit verbreitet. Aber jetzt sei die Zeit reif, wie Michael Hüther, Chef des arbeitgebernahen Instituts der Deutschen Wirtschaft und Unterstützer der Initiative, es formulierte. Reif womöglich auch für eine neue gesetzliche Regelungen.

Denn Unternehmer, die sich mit dem Gedanken befassen, ihr Unternehmen generationenfest in einer Werte- statt einer Blutsgemeinschaft zu überführen, stehen vor einem Problem: der fehlenden Rechtsform. CDU-Chefin und Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer kam zu später Stunde zum Festakt. Ihr sei gar nicht bewusst gewesen, dass es eine solche Stiftung nicht gibt, erklärte sie und deshalb sei es nun „allerhöchste Zeit“.

Verantwortungseigentum ist in Deutschland bisher nur mit einer aufwändigen Doppelstiftungslösung möglich. Dabei gehört das Unternehmen fortan einer gemeinnützigen Stiftung und einer Familienstiftung. Globus-Eigentümer Thomas Bruch hat bisher ein Viertel des Unternehmens in die gemeinnützige Stiftung eingebracht, bei Alnatura-Gründer Götz Rehn sind es schon 99 Prozent der Unternehmensanteile.

„Man kann sicherstellen, dass die Kultur und der Sinnauftrag des Unternehmens über die Generation hinweg sichergestellt wird“, begründet Rehn den Schritt. Vor allem sei das Unternehmensmodell Basis für das Vertrauen bei Mitarbeitern, Kunden und Gesellschaft. „Vertrauen ist die Währung der Zukunft, um nachhaltig und erfolgreich zu sein“, sagt er.

Änderung ist aufwendig, aber machbar

Und er stellt klar: Die Schritte, die Bruch und Rehn gegangen sind, sind selbst für große Familienunternehmen schon sehr aufwändig. Er sie seien machbar. Rehn betonte auch, dass jeder Unternehmer seine maßgeschneiderte eigene Lösung finden könne und müsse. Für kleinere Mittelständler oder Start-ups aber sei dieser Weg „prohibitiv teuer“, erklärt Armin Steuernagel, einer der vier Initiatoren der Stiftung. Daher drängen er und seine Mitstreiter so stark auf eine neue Rechtform.

Statt Gewinnerzielung soll der Unternehmenszweck in den Mittelpunkt rücken. Dabei geht es keineswegs nur um das gute Gewissen. Unternehmer Eduard Appelhans sieht die Gesellschaftsform des Verantwortungseigentum als einzige Möglichkeit für viele Unternehmen, um erhalten zu bleiben. „Im Bereich des unteren Mittelstands in Deutschland gibt es abertausende ungeklärte Nachfolgen“, sagt der Chef von Sorpetaler Fensterbau, eines der Gründungsmitglieder der Stiftung Verantwortungseigentum. Wenn es keine Erben gäbe oder die Kinder der Unternehmerfamilie lieber Ärzte werden wollten, stünde die Firma häufig vor dem Aus.

Dass sich Verantwortungseigentum und Familientradition aber auch nicht ausschließen, zeigt er mit Sorpetaler Fensterbau, das derzeit von der vierten an die fünfte Generation übergeben wird. Sohn Stefan Appelhans (35) steht voll hinter der Idee des Verantwortungseigentums. Er erbt die Verantwortung seines Ururgroßvaters, kann das 1880 gegründete Familienunternehmen aber nicht mehr versilbern, da es in eine Stiftung eingebracht wurde.

Auf Nachfrage erklärte Altmaier, dass er sich einer neuen Rechtsform nicht in den Weg stellen würde und das sei schon viel. Schließlich sei er ja gar nicht zuständig, sondern das Justizministerium. Wenn man bedenke, dass die Initiatoren mit zwei Mann vor rund einem Jahr bei ihm angeklopft hätten und Ende September bereits mit 80 Unternehmern bei ihm vorstellig geworden seien und er nun vor mehr als 300 Unternehmern spreche, dann sei er doch vergleichsweise optimistisch., was den Weg zu einer neuen Rechtsform angehe. Initiator Steuernagel umreißt den Zeithorizont: „Ich würde mir wünschen, dass wir noch mit der großen Koalition eine Rechtsform für Verantwortungseigentum auf den Weg bringen.“

Noch am Montag schlossen sich eine weitere Organisation der Stiftung an. Als Mitgründer Steuernagel bei der Gründungssitzung schnell seine Mails checkt, muss er kurz das Protokoll korrigieren, in dem noch von 31 Mitgliedern die Rede war. „Mit diesem Moment sind wir 32 Gründungsmitglieder“, sagt er in die Runde. „Die BMW-Stiftung ist dabei.“

Mehr: Nachhaltiges Wirtschaften ist für ein Stiftungsunternehmen einfacher. meint Handelsblatt-Reporter Martin-W. Buchenau.

Der Handelsblatt Expertencall
Startseite

Mehr zu: Stiftung Verantwortungseigentum - Der deutsche Mittelstand will sich unverkäuflich machen

0 Kommentare zu "Stiftung Verantwortungseigentum: Der deutsche Mittelstand will sich unverkäuflich machen"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.