Susanne Puello Neustart mit 56 – Diese Unternehmerin hat mit E-Bikes große Pläne

Vor einem Jahr kündigte Susanne Puello bei der Fahrraddynastie Winora. Jetzt mischt sie mit ihrer eigenen Firma Pexco den Markt für E-Bikes auf.
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„Wir sind das älteste Start-up der Welt.“
Pexco-Gründerin Susanne Puello

„Wir sind das älteste Start-up der Welt.“

SchweinfurtAußen stehen noch Baugerüste, drinnen hatte Fahrradunternehmerin Susanne Puello zum „Grand Opening“ ihrer Firma Pexco geladen. Alles, was in der Radbranche Rang und Namen hat, pilgerte kurz vor der Messe Eurobike am Samstag nach Schweinfurt.

Aus gutem Grund: „Der Name Puello hat einen exzellenten Ruf in der Branche“, sagt Bernhard Lange vom Präsidium des Zweirad-Industrieverbands ZIV. Rund 400 Händler und Zulieferer bestaunten zwei Rad-Kollektionen samt innovativer E-Bikes, die Familie Puello in nur einem halben Jahr auf die Beine gestellt hat.

Vor einem Jahr noch war Susanne Puello arbeitslos. Nach 20 Jahren als angestellte Geschäftsführerin von Winora, ihrem ehemaligen Familienunternehmen, hatten sie und ihr Mann Felix frustriert gekündigt. Nun schickt sich die E-Bike-Visionärin an, die Branche mit Pexco aufzurollen.

Die energiegeladene blonde Fränkin entstammt einer Fahrraddynastie. Die 56-Jährige ist Urenkelin von Engelbert Wiener. Der deutsche Radrennmeister und Testfahrer von Fichtel & Sachs gründete in einer Schweinfurter Garage 1921 eine Radfirma mit Teile-Großhandel. Daraus entstand die Firma Winora, die Wieners Enkel Bernd Seuffert mit rund 400 Mitarbeitern groß machte.

„Winora war kerngesund, dann kam die Wiedervereinigung“, erinnert sich Susanne Puello, die ihre Familie warnte, im Osten zu investieren. „Ostdeutsche brauchten damals alles, nur kein neues Fahrrad.“

Doch Winora kaufte die Ifa Fahrradbau in Nordhausen mit 400 Mitarbeitern. „Damit haben wir uns – wie viele Mittelständler damals – komplett verhoben.“ Die Insolvenz konnte umschifft werden, weil sich mit Derby Cycle ein Käufer fand. „Das waren stürmische Jahre“, sagt Susanne Puello, die eigentlich Landwirtschaft studieren wollte.

Doch während ihrer kaufmännischen Lehre bei Winora fing sie Feuer für die Radbranche. 1996 übernahm sie als angestellte Geschäftsführerin mit ihrem zweiten Mann Felix die Führung im einstigen Familienunternehmen Winora. „Schon drei Jahre später waren wir wieder profitabel.“

Dann kam der nächste Schock. 2001 hatte Derby Cycle Gläubigerschutz in den USA angemeldet. Über Nacht wurde Winora an die Accell Group aus den Niederlanden verkauft. Anfangs ließ Accell das Team unternehmerisch ungestört gewähren. In der Zeit kamen E-Bikes auf, die hatten damals aber ein Oma-Image. „Wir waren die Ersten weltweit, die E-Bikes sportiv und sexy gemacht haben“, sagt sie.

2009 entwickelten sie das erste geländetaugliche E-Mountainbike mit Motor im Rahmeninneren. „Puellos haben als Erste mit der Marke Haibike E-Mountainbikes in Großserie gefertigt“, sagt Bernhard Lange, Chef und Inhaber der Radfirma Paul Lange & Co. „Susanne und Felix Puello haben den Markt für E-Mobilität nachhaltig verändert“, konstatiert das Branchenblatt „Radmarkt“.

In 20 Jahren hatte Puello die Winora Group von 45 Millionen D-Mark zu mehr als 400 Millionen Euro Umsatz gepusht. Trotzdem kündigten sie und ihr Mann im März 2017 schweren Herzens fristlos.

Statt Verwaltung – ein Neustart

Ein Paukenschlag in der Branche. „Unüberbrückbare Differenzen wegen eines Strategiewechsels bei Accell“ nannten die Puellos als Grund. Der klare Fokus auf den Fachhandel sei immer mehr einer Omni-Channel-Strategie gewichen. Accell hätte die Satelliten immer mehr entmachtet.

„Obwohl uns an Winora nichts mehr gehörte, haben wir immer wie Unternehmer agiert. Als Manager nur noch zu verwalten war nicht unser Ding“, sagt sie.

Doch beide fühlten sich zu jung, um aufzuhören. „Drei Monate haben wir den Markt sondiert, es gab viele Enttäuschungen, aber eine große Loyalität vom Fahrradhandel und den Zulieferern.“ Die Puellos überlegten, den insolventen ostdeutschen Radbauer Mifa zu einer gläsernen Erlebnismanufaktur für Markenräder und E-Bikes umzubauen. Doch mit Alteigentümer Heinrich von Nathusius fand sich kein gemeinsamer Nenner. Lieber wollten die Puellos selbst eine innovative Radfirma aufbauen.

Ein Produktdesigner vermittelte Kontakt zu Stefan Pierer. Dem österreichischen Unternehmer gehört KTM Industries in Mattighofen, zu der auch Motorräder der Marken Husqvarna und KTM zählen – nicht zu verwechseln mit der ebenfalls österreichischen Firma KTM Fahrrad.

Das E-Bike erobert alle Nischen
Rotwild AMG R.S2 Limited Edition
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Getrieben von einer anhaltend großen Nachfrage nach Pedelecs darf sich die Fahrradindustrie wohl auch 2018 auf ein weiteres Jahr auf hohem Umsatzniveau freuen. Fahrräder bleiben gefragt und begehrt, besonders wenn sie hochwertig sind und elektrisch angetrieben werden...

Stromer ST5
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Vor allem das Angebot an E-Bikes wird massiv wachsen. Bei den Alltags-Bikes sind vor allem elektrisch unterstützte Falt- und Lastenräder in den Fokus der Zweiradhersteller gerückt..

Puristisches Coboc One Brooklyn mit Akku im Rahmenunterzug und mit Riemenantrieb
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Bosch sei Dank, beschert uns das Modelljahr 2018 aber auch bei den besonders beliebten City-, Touren- und Trekking-Bikes eine gewaltige Flut neuer oder zumindest deutlich überarbeiteter Typen. Das Zauberwort heißt Powertube. Marktführer Bosch hat neuerdings einen Akkutypen im Angebot, der sich gut in den Rahmen integrieren lässt...

Winora Sinus ix11
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Anders als bei den sonst am Unter- oder Sattelrohr befestigen Batterieklötzen bleibt der Powertube-Akku unsichtbar. Unter anderem Branchengrößen wie Stevens, Corratec, Simplon, Flyer, Riese & Müller, Haibike oder Kalkhoff setzen bereits auf das neue Batterieformat mit einer Vielzahl sehenswerter, schlanker Modelle. Ein schönes Beispiel für die neue Ästhetik bietet das rund 3.000 Euro teure Sinus iX11 von Winora.

Stevens E-Triton 45
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Der Fahrradhersteller Stevens hat zum Modelljahr 2018 gleich drei Pedelec-Baureihen auf die im Rahmen vollintegrierten Power-Tube-Akkus von Bosch umgestellt. Zentrales Element ist eine Rahmenkonstruktion, bei der das wuchtige Unterrohr den 35 x 8 x 7 Zentimeter 500-Wh-Batterie von Bosch vollständig integriert.

Der Akku ist dank einer abschließbaren Klappe auch herausnehmbar. Entsprechend kann man entweder über eine Buchse direkt am Fahrrad ein Ladegerät anschließen, oder alternativ die Batterie herausnehmen und zum Beispiel zum Laden mit in die Wohnung nehmen...

Stevens E-Lavena PT5
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Dank der kompakten Abmessungen lässt sich ein Akku auch leicht im Rucksack mitnehmen. Wer also längere Touren plant, kann mit einem Zweit-Akku seine Reichweite verdoppeln. Als weitere Besonderheit haben alle neuen Power-Tube-Pedelecs eine kleine Strebe überm Mittelmotor zwischen Unter- und Sitzrohr, die als Tragegriff konzipiert wurde.

Einstiegsmodell ist das rund 3.000 Euro teure Tourenrad E-Lavena, das in drei Rahmenvarianten angeboten wird. Als Antrieb verfügt das Modell über einen 63 Newtonmeter starken Performance-Line-Motor von Bosch. Zur Ausstattung gehören Schutzbleche, Gepäckträger, Shimano-Scheibenbremsen (BR-M315), Suntour-Federgabel, Intuvia-Display, LED-Lichtanlage von B+M und eine Zehngang-Deore-Kettenschaltung.

Ebenfalls auf einen im Rahmen integrierten Akku setzt Continental mit einem völlig neuen 48-Volt-Antrieb
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In der Revolution-Version integriert der Antrieb als weitere Besonderheit gleich noch ein im Mittelmotor Automatikgetriebe.

Vorläufig hat allerdings nur die E-Bike Manufaktur ein halbes Dutzend Modelle mit dem neuen Antriebssystem im Portfolio. Die Preise starten hier bei rund 3.500 Euro. Die spannende Frage ist, ob weitere Fahrradhersteller diesem Beispiel folgen werden und ebenfalls auf die neue Conti-Technik setzen...

Vor einem Jahr trafen sich Pierer und Susanne Puello erstmals. Der unternehmerische Funke sprang sofort über. „Ich war sehr beeindruckt, was die beiden vorhaben“, sagt Pierer. „Er schlug vor, Elektroräder unter der Marke Husqvarna zu bauen“, sagt Puello. Einen Monat später präsentierten beide auf der wohl bestbesuchten Pressekonferenz auf der Messe Eurobike die neue Firma Pexco, an der Pierer 49,9 Prozent hält.

„Als Europas größter Hersteller von Sport-Motorrädern beobachten wir den E-Mobility-Markt seit Langem sehr genau“, erzählt Pierer. „Der Markt für Räder mit Elektroantrieb wächst rapide. Da sind ordentliche Margen drin.“

Schon jedes zweite hierzulande verkaufte Fahrrad war 2017 ein E-Bike. „Ab 2019 wird eine Million E-Bikes pro Jahr verkauft werden“, schätzt Lange vom ZIV. Der Markt ist umkämpft. Es gibt zahllose Anbieter wie Trekk, Scott, Bergamont, Focus, Kalkhoff bis Pegasus.

Innerhalb von nur sechs Monaten stampfte Pexco zwei komplette Radkollektionen samt E-Bikes der Marken Husqvarna und Raymon in 350 Varianten aus dem Boden. Sonst dauert das doppelt so lange. „Das war ein steiniger Weg“, sagt Puello. „Und nur machbar, weil wir seit 30 Jahren enge Bande zu Zulieferern aus Asien und Fachhandel haben.“ Entwickelt wird in Schweinfurt, designt auch in Salzburg, gefertigt in Taiwan und in Bulgarien.

Ehrgeizige Pläne

Die Puellos haben mit noch 39 Mitarbeitern ehrgeizige Pläne. Bis 2022 will Pexco 100.000 Räder im Jahr bauen. Pierer erwartet einen Umsatz von mindestens 200.000 Euro: „Wir wollen mit Pexco kräftig Gas geben und global eine Nummer werden, dabei hilft meine internationale Erfahrung.“

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Zunächst steht der Sprung nach Südeuropa und Skandinavien an, wo die 1689 entstandene Marke Husqvarna sehr bekannt ist. „Wir sind das älteste Start-up der Welt“, scherzt Puello.

Lange zufolge ist Susanne Puello erfolgreich, weil sie hartnäckig, ausdauernd und extrem kundenorientiert sei. Für Geschäftspartner Pierer ist sie eine handschlagfähige Powerfrau. „Bei Vertrieb und Produkt kann man ihr nichts vormachen. Ihr Mann Felix ist ein exzellenter Produktentwickler und Lieferkettenexperte.“

Susannes Tochter Christina, 30, die bereits bei Winora den US-Markt aufbaute, und Felix Puellos Sohn Rafael, 26, arbeiten ebenfalls im Familien-Start-up mit. Eigentlich wollte Susanne Puello mit ihrem Mann Ende Juni die TransAlp, das härteste Mountainbike-Etappenrennen über die Alpen fahren, aber der Kollektionsstart ließ keine Zeit. „Manchmal muss man eigene Wege gehen, um Großes zu erreichen.“

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