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Tatjana Bakaltschuk Wie eine Nachhilfelehrerin zu Russlands zweiter Dollar-Milliardärin wurde

Tatjana Bakaltschuk feiert mit ihrem Online-Modehandel Erfolge. Das verdankt sie Otto und Quelle – und einer Idee, die besser einschlug als erwartet.
27.05.2019 - 06:43 Uhr Kommentieren
Die Gründerin will mit ihrem Online-Kleiderhandel Wildberries nach Polen expandieren. Quelle: imago/ITAR-TASS
Tatjana Bakaltschuk

Die Gründerin will mit ihrem Online-Kleiderhandel Wildberries nach Polen expandieren.

(Foto: imago/ITAR-TASS)

Moskau Nein, so konnte es nicht weitergehen! Seit der Geburt ihrer Tochter waren die Englischstunden Tatjana Bakaltschuk ein Graus: Der Säugling weinte, die Schüler waren genervt und der jungen Nachhilfelehrerin und Mutter gingen Aufträge verloren. Da Bakaltschuk niemanden hatte, der sich um die Tochter kümmern konnte, musste sie sich um einen neuen Job kümmern.

Warum also nicht etwas mit Internet wagen, dachte die junge Frau – und gründete 2004 einen Online-Kleiderhändler. Aus eigener Erfahrung wusste sie, wie wenig Zeit Mütter und berufstätige Frauen für Shopping haben. Sie habe es zudem selbst nie geliebt, ins Geschäft zu gehen, um sich ein neues Kleid zu kaufen, gestand sie einmal: „Gleich kleben [die Verkäufer – Red.] an dir, fragen, ob sie dir helfen können und du fühlst dich verpflichtet, etwas zu kaufen. Das ist nicht richtig“, sagte sie in einem ihrer seltenen Interviews.

Doch Bekannte rieten ihr ab. Ein Diplom als Englischlehrerin am keineswegs renommierten Pädagogik-Institut der Moskauer Vorstadt Kolomna ersetze keine kaufmännische Ausbildung. Wichtiger aber noch: Niemand kauft im Internet Sachen zum Anziehen. Kleidung müsse man vor dem Kauf anprobieren, so ihr schlagendes Argument.

Das wiederum brachte Bakaltschuk auf eine überwältigende Idee: Wenige Monate später fuhr sie bereits kreuz und quer durch Moskau, um Klamotten an den Mann – oder eigentlich öfter – an die Frau zu bringen.

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    Der Trick: Die Kundinnen konnten vor dem Kauf die Ware anprobieren und bei Nichtgefallen zurückgeben. Diese Kulanz gab es bei anderen russischen Onlinehändlern nicht. Der Erfolg war gewaltig. In der Wohnung der Bakaltschuks stapelten sich die Kartons mit Lieferungen der Kleiderkataloge Otto und Quelle. Ursprünglich wollte sie die Sachen für ihren Onlineshop „Wildberries“ direkt bei den russischen Vertretungen ausländischer Modelabel kaufen, doch die forderten volle Vorauszahlung.

    Otto und Quelle hingegen nicht. Die Kataloge arbeiteten mit Vertretern, aber nicht über das Internet. Die Vertreter kassierten zehn Prozent Vorauszahlung bei den Kunden und bekamen einen Bonus von 15 Prozent. „Wir haben gleich unseren Vertreterbonus auf zehn Prozent gemäß Wechselkurs herabgesetzt und von unseren Klienten keine Vorauszahlung genommen“, erinnert sich Bakaltschuk an die Anfänge.

    Mehr als 20.000 Mitarbeiter

    Bald reichte die Wohnung der Bakaltschuks als Lagerraum nicht mehr aus. Schon nach einem Jahr mieteten sie ein Büro mit Lagerraum, heuerten Kuriere, Telefonisten für das Callcenter und Programmierer für die Site an.

    An der ersten Version hatte noch Tatjanas Ehemann Wladislaw, ein studierter Physiker, der sich vor Wildberries mit dem Verkauf von Computern herumschlug, mitgebastelt. Heute hat Wildberries mehr als 20.000 Mitarbeiter, die täglich mehr als 400.000 Bestellungen bearbeiten.

    Längst geht das Angebot über Kleidung hinaus. Auf der Website gibt es von Modeartikeln über Schmuck und Bücher bis hin zu Haushaltswaren und Einrichtungsgegenständen alles. Den kostenlosen Lieferservice hat Wildberries beibehalten, zudem baute das Unternehmen ab 2010 ein Netz von Abholstationen mit Umkleidekabinen auf – für Kundinnen, die die Sachen nicht zu Hause vor dem Kurier anprobieren wollten.

    Auch die Maßnahme war ein Erfolg. 2018 lag der Umsatz bei 1,6 Milliarden Euro, ein Plus von 72 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Im ersten Quartal 2019 beschleunigte Wildberries das Wachstum sogar auf 85 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum auf mehr als 500 Millionen Euro. Die Internetseite des Unternehmens wurde im März zur weltweit meistbesuchten Onlineplattform in der Bekleidungsbranche – vor H&M, Asos und Zara. „Ich und mein Mann, wir hätten selbst damals nicht gedacht, dass das so ein Superprojekt wird“, erinnerte sich die 43-jährige Mutter von inzwischen drei Kindern.

    Expansion nach Polen geplant

    Ehemann Wladislaw ist bis heute Kompagnon, kümmert sich um An- und Verkäufe sowie das Marketing. Doch die Chefin, genauer gesagt Generaldirektorin, und laut Firmenregister einzige Inhaberin ist Tatjana. Die koreanischstämmige Russin ist die treibende Kraft hinter Wildberries und so ist es nur logisch, dass Forbes nun sie und nicht ihn in den Kreis der Dollarmilliardäre aufgenommen hat. In Russland hat Bakaltschuk damit etwas ganz Besonderes geschafft, denn vor ihr hatte nur Jelena Baturina diesen Status inne.

    Doch der Vergleich mit der Baulöwin hinkt: Baturinas Ehemann war Moskaus Oberbürgermeister Juri Luschkow – und auch wenn Baturina während der Amtszeit Luschkows erfolgreich jeden Journalisten vor Moskauer Gerichten verklagte, der behauptete, ihr unternehmerischer Erfolg sei auf das politische Gewicht ihres Gatten zurückzuführen, so bleibt unbestreitbar, dass ihr Baukonzern Inteko ausgerechnet in der russischen Hauptstadt Moskau seine größten Geschäfte einfädelte. Solche Protektion hatte Bakaltschuk nie.

    Und so ist ihr trotz der steigenden Konkurrenz aus China auch um die Zukunft nicht bange. Ein IPO sei so wenig geplant wie der Einstieg eines großen Investors, verriet sie. Sie wolle vielmehr stetig den Service verbessern, um konkurrenzfähig zu bleiben. Ihr nächster Schritt: Wildberries, bisher nur auf dem Gebiet der Ex-Sowjetunion aktiv, wagt sich nach Polen.

    Offiziell gibt sich der Konzern zwar noch bedeckt. Ein Sprecher sagte: „Polen ist nur eine Variante“, doch offenbar ist Wildberries schon auf der Suche nach Zulieferern. Polen gilt als attraktiver Markt für Onlinehändler, weil er stark wächst: Laut Experten wird er 2020 ein Volumen von 17 Milliarden Dollar haben, ein Plus von mehr als 50 Prozent gegenüber dem Jahr 2017. Zudem bietet Polen eine gute Einstiegsmöglichkeit, um auf dem gesamten EU-Gebiet tätig zu werden. Damit könnte Bakaltschuk künftig sogar Amazon-Chef Jeff Bezos Konkurrenz machen.

    Mehr: Das Online-Luxusgeschäft ist umkämpft. Umso genauer verfolgt die Branche, wie der deutsche Marktführer Mytheresa expandieren will – während gleichzeitig über dessen Verkauf verhandelt wird.

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