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Textilbranche Hut-Fabrikantin Theresa Wegener will durch Crowdfunding die Krise überstehen

Die erste Frau an der Spitze des Traditionshutmachers Wegener wagt sich an die Öffentlichkeit. Sie sieht den Mittelstand durch die Coronakrise bedroht.
08.08.2020 - 11:57 Uhr Kommentieren
„Ich wende mich heute an Euch, um das Unsichtbare sichtbar zu machen“, Quelle: R. & M. Wegener GmbH & Co. KG
Theresa Wegener

„Ich wende mich heute an Euch, um das Unsichtbare sichtbar zu machen“,

(Foto: R. & M. Wegener GmbH & Co. KG)

Düsseldorf Am Telefon klingt ihre Stimme noch optimistisch. Theresa Wegener aber schläft oft schlecht, berichtet sie. Mit ihrem Vater, der den Huthersteller Wegener aus dem hessischen Lauterbach 40 Jahre lang führte, ist sie in engem Austausch. Doch als sie vor einigen Tagen ein Video für die Crowdfunding-Plattform Gofundme aufnahm, fragte die 32-Jährige ihn vorher nicht.

Es ist ein Appell einer jungen Unternehmerin, die möchte, dass viel mehr Menschen erfahren, wie bedroht auch gesunde deutsche Mittelständler durch die Coronakrise sind. Sie treibt um, dass „auch Unternehmen, die nach außen hin von der Krise unberührt erscheinen“, betroffen sein können.

„Ich wende mich heute an Euch, um das Unsichtbare sichtbar zu machen“, sagt sie in dem Video. „Als Außenstehender erfährt man oft erst durch die in der Presse dokumentierten Insolvenzen von als gesund und solvent wahrgenommenen Unternehmen, da wir als Mittelglied der Warenkette für den Verbraucher selbst kaum präsent sind.“

Wie dem 1817 gegründeten Traditionsunternehmen R. & M. Wegener geht es vielen Mittelständlern, die bislang eben fast unsichtbar als Business-to-Business-Anbieter (B2B), aber erfolgreich hierzulande wirtschafteten.

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    Die Bundes- und Landesregierungen haben Hilfspakete geschnürt, die alles bisher Dagewesene übersteigen. Und dennoch, so zeigt das Beispiel Wegener, ist alles andere als klar, wie es nach dem Lockdown in der anhalten schwachen Phase vor allem im Modehandel weitergeht.

    Auch Wegener mit ihren 51 Mitarbeitern hat Soforthilfe erhalten sowie einen KfW-Kredit. Auch Kurzarbeit hatte sie beantragt, doch zunächst mussten Überstunden und noch nicht genommene Urlaubstage genommen werden, Man war immer großzügig damit bei Wegener. Das müsse künftig anders werden, fürchtet sie. Derzeit sind noch Mitarbeiter in Kurzarbeit, andere werden in diesem Monat wieder in Kurzarbeit gehen, denn das Geschäft lahmt nach wie vor.

    Wegeners wichtigste Aufgabe: mit Lieferanten und Kunden in stetem Kontakt bleiben. Die eine wollen Vorkasse, die anderen die Waren lieber erst im kommenden Jahr ordern, und die Kunden bekommen Valuta. „Wir haben einen großen Teil vorfinanziert“, sagt sie. Ein Balanceakt.

    Produktion ins Ausland verlagert

    Zugleich muss sie die Mitarbeiter beruhigen und motivieren weiterzumachen. Denn gemeinsam hatten sie bis zum Lockdown große Pläne: Der Einstieg ins Endkunden-Geschäft mit eigenem Online-Shop sollte längst geklappt haben. Durch Corona verschiebt sich das bis in den Herbst. Die Crowdfunding-Kampagne soll auch dabei helfen.

    Im Jahr 2019 hat Wegener 7,6 Millionen Euro umgesetzt und ein, wie sie sagt, „zufriedenstellendes Ergebnis“ erzielt, mehr ist ihr nicht zu entlocken. In diesem Jahr sollten es wieder neun Millionen werden, rund 1,5 Millionen Mützen und Hüte verkauft das Unternehmen pro Jahr. Zu den Kunden zählen die großen Mode- und Warenhäuser und auch die Polizei.

    Seit 2018 produziert Wegener nicht mehr in Lauterbach. Die Herstellung von Mützen, Kappen und Hüten findet heute vor allem in Polen, Italien, der Türkei und in China statt, aber Design, Ideen und Vertrieb entstehen am Firmensitz. Die Rohwaren kommen aus Italien und Indien.

    Vor der Pandemie sei alles okay gewesen, sagt Wegener: „Wir waren auch mit der Auftragslage zufrieden.“ Seit 2018 hatte die Firma keine Kredite mehr bei Banken, man hatte in ein neues Warenwirtschaftssystem investiert, eine neue Webseite und ein neues Corporate Design erarbeitet sowie den Online-Shop konzipiert.

    Auf den ersten Blick erscheint es ziemlich spät, erst 2020 mit dem Online-Handel zu starten. Aber zuvor war Wegener ein reiner B2B-Anbieter und der Kundenstamm über Jahrzehnte gewachsen. Über ihren Video-Aufruf bei Gofundme hatte sie auch ihre Hausbank, die Commerzbank, informiert, die sich in der Krise kooperativ gezeigt habe. „Wir haben extrem Glück mit unserer Bank“, sagt Wegener. Das kann nicht jeder Mittelständler sagen, schon gar nicht in Corona-Zeiten.

    Das Familienunternehmen blickt auf eine lange Geschichte zurück. 1817 wurde es in Hamburg-Altona unter dem Namen N. H. Dubbers gegründet, 1885 zog man nach Lauterbach, weil die Löhne in Hamburg rapide gestiegen waren. 1888 wurde es in R. & M. Wegener umbenannt. Theresas Vater Hans führt das Unternehmen seit 1974, hat zahlreiche Unternehmerpreise erhalten, und etwa die deutsche Olympia-Mannschaft „behütet“.

    In Lizenz fertigt Wegener für Marken wie Bruno Banani, Bugatti und Tamaris. Neben dem Heimatmarkt sorgen Russland, Irland und Frankreich für starke Nachfrage. 

    Kampagne als ungewöhnlicher Weg

    Anders als ihr älterer Bruder wusste Theresa Wegener immer, dass sie ins Unternehmen einsteigen will. Der Bruder, dessen Firma Caseable individuelle Laptoptaschen, Tablet- und Handyhüllen produziert , lässt ihr komplett freie Hand, obwohl er der Mehrheitseigner ist.

    Vor gut einem halben Jahr, als Wegener die Zukunft klar vor Augen hatte, war sie auch sehr optimistisch. Tatsächlich hatte die Branche für das laufende Jahr zwar nicht mit hohem Wachstum, aber mit einem guten Geschäft gerechnet, bestätigen Brancheninsider. Treiber seien vor allem Influencer.

    Wie Alexander Breiter, Geschäftsführer des Traditionshutgeschäfts Breiter in München, ergänzt, sind Kopfbedeckungen immer stärker als Sonnenschutz gefragt. Breiter betreibt insgesamt fünf Filialen, wo er auch Wegener-Hüte verkauft. Doch auch ihm fehlen derzeit Kunden, der Einbruch sei „katastrophal“. „Es gibt praktisch keine Touristen in München.“

    Theresa Wegener, die so dynamisch wirkt, bereut ihren Einstieg ins Familienunternehmen aber nicht. Dabei hätte sie sicher überall einen guten Job bekommen. Sie studierte Volkswirtschaftslehre in Münster, absolvierte Praktika bei Zalando und Ogilvy, machte ihren Master an der ISM in Hamburg in Wirtschaftspsychologie. Danach arbeitete sie für Zooplus als Shopmanagerin in München, bis sie Ende 2018 ins Familienunternehmen einstieg. Vor gut einem Jahr zog sich ihr Vater zurück, seitdem ist sie Allein-Geschäftsführerin.

    Dass sie mit der Video-Kampagne einen ungewöhnlichen Weg gegangen ist, der für so manchen Familienunternehmer sicher nicht infrage käme, ist ihr bewusst. Auch Alexander Breiter hätte diesen Weg nicht gewählt und findet ihn unkonventionell. Tom Rüsen, geschäftsführender Direktor des Wittener Instituts für Familienunternehmen, erklärt, das Selbstverständnis der Unternehmer sei immer so gewesen, dass man keine Hilfe von außen brauche.

    In den letzten beiden Jahrzehnten hätten Familienunternehmer Unterstützung zumindest in Form von Beratern angenommen. „Theresa Wegener geht nun einen Weg, der vielleicht für ihre Generation der passende ist. In jedem Fall ist es ein sehr mutiger Versuch, der anerkennenswert ist“, sagt er.

    Rüsen kennt viele Mittelständler, denen es nicht gut geht. „Gerade Familienunternehmen schaffen es aber, mit Innovationen am Leben zu bleiben“, sagt er. „Bei Wegener ist es es die Finanzierungsinnovation.“ Wegeners Vater jedenfalls, ein Familienunternehmer alter Schule, war zunächst schockiert, als er das Video sah, das inzwischen auch bei LinkedIn eifrig geteilt wird.

    Dann aber stellte er sich hinter seine Tochter. Inzwischen sind knapp 43.000 Euro zusammengekommen.

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