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Torsten und Volkmar Wywiol „Heinzelmännchen der Natur“ – Diese Mittelständler machen Lebensmittel stabil

Die Gruppe Stern-Wywiol stellt funktionale Zusatzstoffe für Lebensmittel her. In 40 Jahren hat der Gründer ein globales Unternehmen geschaffen.
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„Chemie raus, Natur rein.“ Quelle: Stern-Wywiol Gruppe
Torsten und Volkmar Wywiol

„Chemie raus, Natur rein.“

(Foto: Stern-Wywiol Gruppe)

AhrensburgBleche mit duftenden Croissants und Muffins stehen im Zukunftslabor von Stern-Wywiol in Ahrensburg – die einen sind frisch aus dem Ofen, die anderen sechs Stunden alt. „Da müsst Ihr noch ein bisschen an der Rezeptur feilen, die müssen frisch und saftig bleiben“, ruft Firmengründer Volkmar Wywiol den Bäckermeistern zu.

Seine Unternehmensgruppe Stern-Wywiol, die aus zwölf Spezialfirmen besteht, stellt funktionale Zusatzstoffe für Lebensmittel her. Die sorgen beispielsweise dafür, dass Mehl beim Backen locker aufgeht, Joghurt und Wurst stabil bleiben oder vegane Burger wie Fleisch schmecken.

„Wir sind die Heinzelmännchen der Natur. Uns sieht keiner, aber wir sind in aller Munde“, scherzt der 84-Jährige, während er voller Elan durch die verschiedenen Labore führt.

In nicht einmal vier Jahrzehnten hat Wywiol einen globalen Mittelständler mit rund 1500 Mitarbeitern in 16 Ländern aufgebaut. 2010 hat er die Führung offiziell an Sohn Torsten abgegeben. Als Marketingleiter mischt der Gründer aber immer noch kräftig mit, denn die Firma soll weiter wachsen.

520 Millionen Euro Umsatz machte Stern-Wywiol 2018. „Unser Ziel ist die Milliardenmarke – in fünf oder in zehn Jahren“, sagt Torsten Wywiol. Die Chancen stehen gut: Schließlich wächst die Weltbevölkerung und muss ernährt werden.

Trend geht zu Convenience Food

Dabei profitiert Stern-Wywiol vom Trend zu Convenience Food. „Verbraucher verlangen, dass ein Produkt immer gleich schmeckt“, konstatiert Torsten Wywiol. Das funktioniert nur mit Zusatzstoffen.

Kritik, dass solche mit E-Nummern gekennzeichneten Stoffe möglicherweise Allergien oder ADHS auslösen, weisen die beiden zurück. „E-Nummern sind für Lebensmittel freigegeben und oft natürlichen Ursprungs. Enzyme etwa sind Biokatalysatoren. Die gehen beim Backen wieder kaputt“, betont Volkmar Wywiol.

„Chemie raus, Natur rein“, beschreibt der Senior sein Credo, während er eine pflanzliche Sahne verkostet. „Schmeckt noch nicht“, sagt er und verzieht das Gesicht. Wywiol entwickelt alles im Kundenauftrag, sei es veganer Frischkäse, Ketchup aus Papaya für die Tropen oder Wursthüllen aus Algen.

Im Labor nebenan tüfteln zwei Lebensmittelchemikerinnen an Formkäse. „Beim Zuschnitt von Käse fallen tonnenweise Reste an. Da ist es doch besser, diese mit Enzymen in Form zu bringen, als sie wegzuwerfen“, ist Torsten Wywiol überzeugt.

Auch an Analogkäse aus Milcheiweiß und Pflanzenfett etwa für Pizza können die Unternehmer nichts Schlechtes finden: „In vielen Regionen der Erde gibt es nur wenig Frischmilch. Analogkäse ist günstiger und nicht ungesünder, weil er auf Basis von Pflanzenöl hergestellt wird.“

Produkte von Wywiol sollen helfen, dass Grundnahrungsmittel mit lokalen Rohstoffen industriell herstellbar, sicher und erschwinglich sind. So wird etwa in Ahrensburg an Pasta aus Weichweizen statt Hartweizen getüftelt. Letzterer ist in Afrika oft nicht verfügbar oder zu teuer.

Mehr als 80 Prozent des Geschäfts im Ausland

Der globale Markt für Lebensmitteladditive lag laut der Marktforscher von Global Market Insights 2017 bei 55 Milliarden Dollar und wächst mit der Weltbevölkerung. „Auch Chinesen leisten sich immer mehr Convenience Food“, so Torsten Wywiol.

Dabei kann sich der norddeutsche Mittelständler gegen mächtige US-Konkurrenten wie Cargill oder Dow-Dupont behaupten. „Food Ingredients sind ein Markt mit Zukunft. Die Anforderungen an Lebensmittel steigen, damit wächst der Bedarf an funktionellen Vorprodukten“, sagt Werner Motyka, Branchenexperte der Beratung Munich Strategy. Stern-Wywiol sei ein sehr innovatives Unternehmen, das als Problemlöser für die Nahrungsmittelhersteller sehr marktnah arbeite.

Vorwärtsdrang, Risikobereitschaft, Kampfgeist. All das zeichnet die Wywiols aus. Peter May, Berater für Familienunternehmen

Wywiol beliefert sowohl Multis als auch große Mittelständler vor Ort. Bevor etwa ein Schiff voll Getreide in New Orleans ablegt, kommt eine Probe per Luftfracht nach Ahrensburg. Dort wird sie im Labor genau analysiert und backtechnisch getestet. Wenn die Ladung Wochen später in Afrika anlandet, sind die passenden Zusatzstoffe schon dort. Je nachdem, ob aus dem Mehl später Kekse oder Toastbrot gebacken wird.

Mehr als 80 Prozent des Geschäfts macht Wywiol heute im Ausland. Produkte der Norddeutschen gelangen sogar bis nach Nordkorea. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sponsert Vitamine und Mineralstoffe zur Anreicherung von Mehl, Öl und Zucker. In Südamerika, Afrika und Russland wächst Wywiol besonders stark. Auch wenn die Geschäfte in Russland, dem Iran oder derzeit Venezuela durch politische Krisen immer mal einbrechen – die Firma war immer profitabel.

Volkmar Wywiol wurde erst in späten Jahren und nur aus Frust Unternehmer. Eigentlich wollte er Künstler werden, hatte bereits ein Stipendium der Landeskunstschule in der Tasche. Doch für seinen Vater, einen Ingenieur, war das zu brotlos. „Recht hatte er. Meine Kreativität konnte ich dann im Handel und in der Produktentwicklung ausleben“, sagt Wywiol. Der Außenhandelskaufmann brachte es im Hamburger Unternehmen Lucas Meyer vom Lehrling zum Geschäftsführer. Die Firma, die heute zu Cargill gehört, baute er zum Weltmarktführer für Lezithine aus. Dann kam die dritte Generation, wollte alles besser machen. „Da bin ich gegangen.“

Gründer mit Mitte 40

Mit 44 Jahren – er hatte Frau und drei Kinder im Teenageralter zu versorgen – entschloss sich Wywiol 1980, seine eigene Firma zu gründen. Er kaufte die Minifirma Sternchemie für 300.000 D-Mark, die er über zehn Jahre abstotterte. Trotzdem mietete er ein Büro an der Alster direkt neben dem Nobelhotel Atlantic. „Ich musste bei Banken und Kunden ja Eindruck schinden.“ Zunächst handelte er mit Lebensmittelrohstoffen, eine eigene Produktion konnte er sich erst später leisten. „Ich hatte so einige schlaflose Nächte“, sagt er heute. Er kaufte diverse Firmen zu und scharte Verkäufertypen um sich. „Ran und dran“ lautet heute noch seine Devise.

„Vorwärtsdrang, Risikobereitschaft, Kampfgeist. Dranbleiben, bis man Erfolg hat. All das zeichnet die Wywiols aus“, charakterisiert Berater Peter May von der Intes Akademie für Familienunternehmen Vater und Sohn. Beide wurden 2018 als „Familienunternehmer des Jahres“ ausgezeichnet.

Sohn Torsten wollte eigentlich nie bei seinem Vater arbeiten: „Wir sind uns viel zu ähnlich. Ich wollte mein eigenes Ding machen.“ Nach Wirtschaftsstudium und neun Jahren im Reemtsma-Konzern kaufte er sich im Jahr 2000 als Partner mit seinem Vater bei Herza Schokolade in Norderstedt ein. Als Inhaber stellte er das Sortiment erfolgreich von Pralinen auf Fitnessriegel und Schokoflocken um. Der Umweg des Sohns über eine eigene Firma in die väterliche Gruppe erwies sich als gut. Denn auch der Vater wollte den Junior seinen anderen Geschäftsführern „nicht einfach vor die Nase setzen“. Das hatte er selbst schmerzlich erlebt.

Mit Mitte 70 überließ der Vater dem Sohn dann endlich den Chefsessel, doch in den Beirat wollte sich der Senior partout nicht zurückziehen: „Ich kann und will meinen Sohn nicht kontrollieren, aber ich muss etwas gestalten. Sonst gehe ich ein.“ Als Marketingleiter ist er weiter mitten im Geschäft. „Mein Vater hat nun den Spaß an der Firma, ich trage die Verantwortung“, scherzt der Sohn.

In seiner Freizeit kann sich der Senior wieder mehr seiner eigentlichen Berufung, der Kunst, widmen. Wywiol betreibt eine Galerie an der Alster und in Wittenburg ein Mehlwelten-Museum mit 3.500 Mehlsäcken aus aller Welt. Im Museum steht auch die Nachbildung des Ötzi. Der hatte zwei Urkörner in der Tasche. „Getreide war auch vor 5.300 Jahren so wichtig für die Menschheit wie heute.“

Mehr: Wie ein Gründer in Israel Steaks im Labor herstellen will.

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