Traditionsverlag Carel Halff muss Bastei Lübbe aus den roten Zahlen führen

Manager Carel Halff steht vor einer Mammutaufgabe: Beim defizitären Kölner Verlag Bastei Lübbe soll er die vielen Fehler seiner Vorgänger ausbügeln.
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Carel Halff ist ein erfahrener Krisenmanager. Quelle: Bernd Auers/WirtschaftsWoche
Carel Halff

Carel Halff ist ein erfahrener Krisenmanager.

(Foto: Bernd Auers/WirtschaftsWoche)

KölnDer Termin lädt nicht zu einem breiten Grinsen ein. Noch nicht einmal zu einem leichten Lächeln. Carel Halff, seit November 2017 Vorstandsvorsitzender des Kölner Medienhauses Bastei Lübbe verzieht bei der Bilanzpresskonferenz am Donnerstag in Köln kaum eine Miene.

Ungerührt verkündet er Details zu dem Scherbenhaufen, den er zusammenkehren und entsorgen muss: Umsatzschwund im Jahr 2017/18 auf 140 Millionen Euro, ein Verlust von 16,2 Millionen Euro, die Mitarbeiterzahl fast halbiert auf 330. Für dieses Jahr wird sogar ein Umsatzrückgang auf 95 Millionen Euro geschätzt.

Halff, der 40 Jahre lang bei der Verlagsgruppe Weltbild arbeitete, davon die letzten 13 Jahre als Vorsitzender der Geschäftsführung, hatte zunächst gezögert, als ihn ein Headhunter auf den vakanten Chefposten bei Bastei Lübbe ansprach. Es war klar: Das krisengebeutelte Unternehmen brauchte schnell eine neue Führungspersönlichkeit, nicht irgendeine, sondern einen Vollprofi aus eine Verlag. Schließlich gilt die Firma als das Sanierungsprojekt schlechthin in der Branche.

Der Niederländer Halff kannte das Unternehmen seit vielen Jahrzehnten, war mit führenden Personen gut bekannt, darunter auch mit dem inzwischen verstorbenen Verleger Stefan Lübbe. Halff, der zum Zeitpunkt der Chefposten-Anfrage eigentlich etwas ruhiger treten wollte, willigte ein und unterschrieb einen Dreijahresvertrag. Der hochgewachsene schlanke Manager, der im September 67 Jahre alt wird, erinnert an den „großen Bellheim“ aus der Verfilmung von Dieter Wedel: Der Alte muss retten, was die Jungen verbockt haben.

Die Jungen, das ist vor allem der frühere Vorstandsvorsitzende Thomas Schierack. Vier Jahre war er bei dem Unternehmen, bis er es im September 2017 mit sofortiger Wirkung verließ. Der ambitionierte Manager hatte die Digitalisierung des Geschäfts forciert. Zudem sollen unter seiner Ägide Beteiligungsverkäufe an eine britische Briefkastenfirma abgeschlossen worden sein. Die schönten zwar den Gewinn, mussten später aber rückabgewickelt werden – und sorgten für einen immensen Reputationsschaden bei dem Traditionsverlag.

Managementdesaster im Bestsellerformat

Das Kapitel Schierack ist aber noch nicht beendet: Bastei Lübbe hat Klage gegen „ehemalige Organe“ erhoben, wie es in einem Brief an die Aktionäre heißt. Das Gesamtvolumen belaufe sich auf 1,3 Millionen Euro. Details zu der Klage wollte Halff am Donnerstag nicht mitteilen, es sei ein „schwebendes Verfahren“, daher keine weiteren Auskünfte.

Eines ist aber klar: Das Managementdesaster bei Bastei Lübbe könnte durchaus als Vorlage für jenen Erzählstoff dienen, mit denen ihre Stammautoren Dan Brown und Ken Follet regelmäßig reüssieren.

Halff steht seit Monaten „auf einer Baustelle“, wie er es nennt. So hat er zusammen mit den beiden Vorständen Klaus Kluge (Vertrieb) und Ulrich Zimmermann (Finanzen) die 51-prozentige Beteiligung an dem Handelsspezialisten Buchpartner, der Bücher in Supermärkten und Kaufhäusern vertreibt, verkauft. Die Mehrheitsbeteiligung hatten die Kölner erst 2016 erworben.

Auch fast alle Digitalprojekte, die sein Vorgänger angestoßen hat, kassiert Halff wieder ein. Darunter befindet sich die Streaming-Plattform Oolipo, die in den wenigen Jahren ihrer Existenz „keinen nennenswerten Umsatz brachte“, wie Zimmermann sagte. Sechs Millionen Euro investierte Bastei Lübbe in das Vorzeigeprojekt, das beweisen sollte, wie man Buchtexte auf kleinen Smartphone-Bildschirmen präsentieren kann. In der Theorie eine schöne Idee, in der Praxis ein Reinfall.

Jetzt sucht der Verlag einen Käufer für Oolipo. Aber auch die Self-Publishing-Plattform Book-Rix soll abgestoßen werden, ebenso wie die Vertriebsplattform Beam. Allein der Spieleentwickler Daedalic könnte im Verlagshaus verbleiben – nach sorgfältiger Prüfung.

Als Halff zu dem Tagesordnungspunkt „Was ist schief gelaufen?“ kommt, beugt er sich nach vorne, setzt seine Lesebrille auf und wird nachdenklich. Er spricht von „zu großen Ambitionen“, die vom Kerngeschäft ablenkten, von „erheblichen Fehlallokationen von Ressourcen“. Das Jackett hat er längst über seine Stuhllehne gehängt, die Krawatte gar nicht erst umgebunden. Seine beiden Vorstandskollegen tun es ihm nach, sie alle sitzen krawattenfrei in blütenweißen Hemden am Podiumstisch.

Halff weiß: Zu diesem Zeitpunkt der Unternehmensgeschichte ist es am wichtigsten, Vertrauen wiederherzustellen. Er kennt sich aus mit schwierigen Fällen: So formte er auch Weltbild von einem schläfrigen kirchlichen Zeitschiftenverlag, der er Mitte der 70er-Jahre war, in ein multimediales Medienhaus. Doch auch dort ging nicht alles glatt: Halff verließ das Augsburger Unternehmen, als es 2014 Insolvenz anmeldete.

Nach seiner Zeit bei Weltbild ging Halff 2015 zum Hemdenhersteller Walbusch und räumte dort als Generalbevollmächtigter das Unternehmen auf. Nach einem Jahr war sein Auftrag erfüllt. Walbusch-Chef Christian Busch: „Carel Halff war der richtige Mann im richtigen Moment.“

Fokussierung auf das Kerngeschäft

Jetzt muss der „große Bellheim“ Halff zeigen, dass er auch bei Bastei Lübbe Erfolg haben wird. Sein Rezept lautet: Fokussierung auf das Kerngeschäft. Im Mittelpunkt steht das Buchgeschäft mit Marken wie Lübbe, Lyx und Eichborn. Auf die beiden Erfolgsautoren Dan Brown und Ken Follet wird Halff dieses Jahr allerdings nicht bauen können.

Beide haben 2017 ein Buch geliefert und dem Verlag dadurch einen Umsatz von zusammen 16,5 Millionen Euro gebracht. Dieses Jahr heißt der Hoffnungsträger Timur Vermes. Der Autor von „Er ist wieder da“ hat ein zweites Buch unter seinem Namen geschrieben, bislang kennt die Verlagswelt nur den Titel, „Die Hungrigen und die Satten“, nicht aber den Inhalt. Die Buchhändler mussten das Buch ungesehen ordern – und taten dies auch.

Doch die Aufgabe eines Sanierers erschöpft sich nicht im Lektorat. Halff hat ein Effizienzprogramm aufgesetzt, für das er zwei Millionen Euro eingeplant hat, die er vor allem für Abfindungen verwendet. Er hält für Bastei Lübbe eine Mitarbeiterzahl von 200 für angemessen. Die Kosten müssen sinken, schließlich peilt er eine Marge von sechs bis acht Prozent an. Aktuell liegt sie bei 4,2 Prozent.

Halff prüft jedes Geschäft auf seine Wirtschaftlichkeit – und macht auch nicht vor Liebesromanen für junge Frauen halt, ein Genre, das für Vorbehalte in dem Verlag gesorgt haben soll. Solche Bedenken seien ihm „persönlich völlig wesensfremd“, sagt Halff mit leichtem niederländischen Dialekt, schließlich müsste der Verlag doch all das anbieten, was die Kunden nachfragen würden. Denn um die gehe es doch am Ende.

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