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Videochat Wie ein deutsch-indisches Start-up dem Außendienst das Social Distancing ermöglicht

Blinkin punktet während der Coronakrise mit einem Videochat-Kundensupport. Das Start-up half damit auch bei der Errichtung von Notkrankenhäusern in Wuhan.
15.04.2020 - 16:54 Uhr Kommentieren
Für den 35-Jährigen Mitgründer von Blinkin ist der Videodienst für Außendienstmitarbeiter nur der erste Schritt.
Josef Süß

Für den 35-Jährigen Mitgründer von Blinkin ist der Videodienst für Außendienstmitarbeiter nur der erste Schritt.

Bangkok Dass die chinesische Regierung in der Metropole Wuhan, dem ersten Epizentrum der Coronavirus-Pandemie, innerhalb weniger Tage zwei Krankenhäuser mit Tausenden Betten errichten konnten, ist auch der Software von Josef Süß zu verdanken.

Denn ohne ihn wären die Behörden nicht in der Lage gewesen, die Notkliniken mit speziellen Lüftungsgeräten von Huber & Ranner auszustatten. Innerhalb von zwei Tagen sollten diese installiert werden. Doch der bayrische Hersteller konnte aus Sicherheitsgründen so schnell keine Monteure in die Krisenregion schicken. Die Anwendung von Josef Süß half, das Problem zu lösen.

Süß ist einer der Gründer und Geschäftsführer des deutsch-indischen Start-ups Blinkin, das sich zum Ziel gesetzt hat, technische Probleme aller Art aus der Ferne zu lösen. Dafür hat das Unternehmen mit Sitz in Bayern und Bangalore eine Art Videokonferenzsystem für den technischen Kundensupport entwickelt.

Anwender richten dabei ihre Smartphone-Kamera auf die Maschinen und Anlagen, mit denen es Probleme gibt. Am anderen Ende können Techniker damit die Einstellungen der Geräte in Echtzeit überprüfen und auf dem Display der Kunden etwa einzeichnen, welcher Hebel umgelegt sein müsste oder welches Kabel an der falschen Stelle steckt.

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    In Wuhan nutzten Montagespezialisten von Huber & Ranner die Anwendung, um den Mitarbeitern des chinesischen Bauunternehmens aus der Distanz zu zeigen, wie die Lüftungsgeräte installiert werden sollen. Die Anlagen waren für die Sicherheit der Notkliniken von entscheidender Bedeutung. Installiert wurde unter anderem ein sogenanntes Wärmetauschmodul, das die Abluft aus den Krankenhäusern auf 56 Grad erhitzte und damit das Virus tötete. Die Ansteckungsgefahr rund um die Klinik wurde so minimiert.

    „Dass wir mit der Anwendung die Möglichkeit boten, bei technischen Problemen schnell und unkompliziert helfen zu können, war ein Grund, weshalb sich die chinesischen Behörden für unsere Lösung entschieden haben“, sagt Geschäftsführer Dietmar Huber.

    Seit vergangenem Jahr setzt der Mittelständler das Supportwerkzeug von Blinkin ein und vermarktet es bei seinen Kunden unter dem Namen X-Care. Im Gegensatz zu anderen Videochatplattformen müssen Anwender keine Apps auf ihren Smartphones installieren. Sie bekommen von der Supportabteilung lediglich einen Link zugeschickt, die Videoschalte läuft dann über den herkömmlichen Internet-Browser.

    Huber & Ranner war der erste große Kunde, den Süß von der Lösung überzeugen konnte. Doch statt langsam weiter zu wachsen, sieht sich Blinkin nun durch die Coronakrise von der Nachfrage beinahe überrollt. „Die Zeit ist gerade echt verrückt“, sagt Süß. Mit der Arbeit komme seine Firma gerade kaum hinterher.

    „Unternehmen erzählen uns, dass sie ihre Außendienstmitarbeiter oft gar nicht mehr hinaus schicken können, weil sie wegen Ansteckungsrisiken niemand sehen will“, sagt der 35-Jährige. Die Digitalisierung in der Wirtschaft werde um einen Schlag mehrere Jahre nach vorne katapultiert. „Alle suchen nach pragmatischen Lösungen und wollen sie möglichst schnell an den Start bringen.“

    Das Team, das daran arbeitet, ist derzeit noch überschaubar: Blinkin hat vier Mitarbeiter in Deutschland und neun in Indien. Dort lebt Süß‘ Mitgründer Harshwardhan Kumar, der in der Metropole Bangalore die technische Weiterentwicklung des Systems vorantreibt. Kumar und Süß kennen einander seit mehr als sechs Jahren. Damals war Süß IT-Berater und fand über eine Freelancer-Plattform den Kontakt zu Kumar, den er mit einem Programmierprojekt beauftragte. Die beiden blieben in Verbindung. Vor zwei Jahren meldete sich Kumar dann mit einer Idee: „Er wollte eine Art Skype entwickeln, das cleverer wird, je öfter man es benutzt“, erinnert sich Süß.

    Die Videokonferenz zwischen Supportmitarbeitern und Kunden sieht Blinkin nämlich erst als erste Stufe. Im nächsten Schritt will das Unternehmen die Videoberatung Schritt für Schritt automatisieren. Die Anwendung soll dann selbstständig mögliche Ursachen von technischen Problemen erkennen können und den Anwendern Lösungsmöglichkeiten vorschlagen.

    Nur wenn die Künstliche Intelligenz nicht mehr weiter weiß, wird ein Mitarbeiter vom Kundendienst zugeschaltet. „Visual Bot“ nennt das Start-up diesen Entwicklungsschritt. Oder wie Süß sagt: „Wir bauen einen digitalen Helfer für die Hosentasche.“

    Zusammenarbeit mit ADAC

    Nachdem Kumar ihn vor zwei Jahren gefragt hatte, ob er als Co-Gründer an der Idee mitarbeiten wolle, buchte Süß den erstbesten einigermaßen günstigen Flug und brach nach Indien auf. Erfahrungen als Unternehmer hatte der studierte Betriebswirt damals bereits gesammelt: Während seines Studiums in Deggendorf baute er auf eigene Rechnung einen Online-Shop für Regenschirme des Herstellers Knirps auf. Nach fünf Jahren verkaufte er das E-Commerce-Unternehmen. In Indien half er Kumar zunächst dabei, einen Start-up-Wettbewerb zu gewinnen. „Wir haben gemerkt, dass wir gut zusammenarbeiten und auch liefern können“, sagt Süß.

    Von dann ging es Schlag auf Schlag. In Deutschland kam das Start-up über ein Acceleratorprogramm in Kontakt mit der Versicherungswirtschaft. Ein Versicherer in Bayern setzt inzwischen die Blinkin-Anwendung bei der Schadensbegutachtung ein und hat kürzlich seine 20 Lizenzen um 1 000 weitere erhöht.

    Auch der Dortmunder Pumpenhersteller Wilo setzt auf das Blinkin-System: Seit diesem Jahr unterstützt das Unternehmen seine Kunden in 45 Ländern damit. Das Timing hätte angesichts der Coronakrise kaum besser sein können: „Wenn unsere Techniker wegen Ausgangssperren nicht mehr rausdürfen, können wir unseren Kunden trotzdem helfen“, sagt Peter Glauner, der das Service-Geschäft bei Wilo verantwortet.

    Er erhofft sich auch nach dem Ende der Pandemie Vorteile durch die Anwendung: „Wir müssen nicht mehr in jedem Fall einen Techniker hinausschicken. Das spart Kosten und macht den Service effizienter.“

    Bei der Entwicklung des Visual Bots, also dem automatisierten Videosupport, arbeitet Blinkin derzeit mit dem Autoclub ADAC zusammen. Die Anwendung soll dort die Pannenhilfe in das digitale Zeitalter bringen. Sie soll etwa erkennen, wenn die Motorkontrollleuchte blinkt oder eine virtuelle Anleitung zum Ölwechsel geben. Pilotversuche funktionierten bereits unter Laborbedingungen, sagt Süß.

    Im Mai sollten nun eigentlich europaweite Tests im Straßenalltag durchgeführt werden. Wegen der Coronakrise könne es nun aber zu einer Verschiebung kommen.

    Süß plant unterdessen bei Blinkin die erste Investorenrunde zu starten. 1,5 bis zwei Millionen Euro würde er gerne bei Geldgebern einsammeln. Bislang finanzierten die Gründer das Wachstum des Start-ups, das in diesem Jahr die Marke von einer Million Euro Umsatz überspringen will, selbst. Von Geld von außen erhofft sich Süß einen weiteren Schub für sein Geschäft: „Es tun sich momentan so viele Chancen auf“, sagt er. „Mit mehr Kapital könnten wir auch mehr von ihnen ergreifen.“

    Mehr: Konkrete Absprachen, viel Vertrauen und ausreichend Zeit für Small Talk: Damit die Arbeit im Homeoffice gelingt, braucht es die richtige Kultur.

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