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Mohsen Sohi

Der Freudenberg-Chef setzt auf eine offene Gesprächskultur.

(Foto: Markus Hintzen/laif)

Vileda-Hersteller Wie Mohsen Sohi das Traditionsunternehmen Freudenberg auf Kurs hält

Der im Iran geborene Vorstandssprecher steht nur ungern in der ersten Reihe. Behutsam, aber konsequent modernisiert er das Familienunternehmen.
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Weinheim Wer zum ersten Mal in die große Halle kommt, hat das Gefühl, ein Industriemuseum zu betreten. Die Maschinen hier erinnern an große Webstühle. Sie sind laut, der Boden vibriert leicht. Beim Familienunternehmen Freudenberg in Weinheim wird unter anderem Vlies gefertigt. Und der wird tatsächlich gewebt – zumindest bestimmte Arten.

Doch der erste Eindruck täuscht: Vlies ist Hochtechnologie pur. Mit gewaltigem Tempo und eindrucksvoller Präzision werden die Fasern zu einem Stoff verbunden. Eigenschaften wie etwa die Dehnbarkeit des Materials lassen sich exakt programmieren.

Hightech sind auch manche Anwendungen für Vlies: Im Auto etwa kommt das Material beim Unterboden und im Radkasten zum Einsatz, spart Gewicht und damit Treibstoff. Auch die Filter in vielen Hightech-Industrien bauen auf Vlies auf.

Der Stoff steht beispielhaft für das, was Freudenberg ausmacht: Traditionelle Materialien werden mit pfiffigen Ideen und modernster Technologie für neue Anwendungen weiterentwickelt. Es ist dieser Brückenbau zwischen Historie und Zukunft, auf den Mohsen Sohi, Vorstandssprecher der Unternehmensgruppe Freudenberg, setzt. So hält er das Traditionsunternehmen fit.

Als Modernisierer würde sich Sohi selbst wahrscheinlich nur ungern bezeichnen, zumindest nicht in der Öffentlichkeit. Dazu ist der 59-Jährige, der im Iran geboren wurde, aber in den USA aufwuchs, dort studierte und promovierte und die Staatsbürgerschaft annahm, viel zu zurückhaltend. Vielmehr sieht er die kontinuierliche Weiterentwicklung des Unternehmens als klaren Auftrag an, ist doch im Gesellschaftervertrag die Sicherung des Bestands des Unternehmens fest verankert.

Seit dem Jahr 2012 ist der Ingenieur für Maschinenbau, Luft- und Raumtechnik der Chef bei Freudenberg. Die Berufung war ein Experiment, Sohi ist der erste Ausländer an der Spitze der Familiengruppe, die unter anderem Produkte für die Autoindustrie, den Bergbau oder die Medizin herstellt.

Nicht jeder in der weitverzweigten Unternehmensgruppe, zu der auch das Haushaltsprodukt Vileda gehört, war anfangs überzeugt, dass er der Richtige ist. Sohi ließ sich nicht beirren. Eifrig lernte er Deutsch, spricht und versteht die Sprache mittlerweile gut. Mit seiner Familie zog er ins nahegelegene Frankfurt – nicht, weil er das beschauliche Weinheim nicht mag. In Frankfurt gibt es internationale Schulen für den Nachwuchs.

Megathema Elektromobilität

Nur ungern stellt sich der Manager in die erste Reihe. Den Erfolg der Freudenberg-Gruppe seit seinem Amtsantritt sozialisiert Sohi lieber mit Sätzen wie diesen: „Wir sind auf einem guten Weg, eines der innovativsten, breit diversifizierten und global aufgestellten Technologieunternehmen zu sein.“ Es sind die Megatrends, die die Welt verändern und anhand derer Sohi auch Freudenberg weiterentwickeln will – behutsam, aber konsequent.

Beispiel Mobilität: 40 Prozent des Umsatzes, der 2017 stolze 9,4 Milliarden Euro (plus 18,3 Prozent) betrug, stammen aus dem Zuliefergeschäft für die Autohersteller. Freudenberg ist spezialisiert auf Dämmstoffe, Schwingungstechnologie und Dichtungen. Der Simmerring, der erste Dichtring für sich drehende Wellen, ist eine Erfindung des Unternehmens. Doch der Vormarsch der Elektromobilität verändert die Branche. „Das trifft auch Freudenberg“, wird Sohi nicht müde zu betonen.

Wir sind auf einem guten Weg, eines der innovativsten, breit diversifizierten und global aufgestellten Unternehmen zu sein. Mohsen Sohi, Vorstandssprecher Freudenberg-Gruppe

Schon früh setzte der Manager deshalb ein Team ein, das fragt, welche Folgen die Elektromobilität und die sinkende Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen für Freudenberg haben werden. Erste Antworten sind gefunden. So fertigt Freudenberg jetzt Separatoren, die in Batteriezellen gebraucht werden. 2017 stammte ein Drittel des Umsatzes von Produkten, die nicht älter als vier Jahre waren.

Es ist das Team, auf das Sohi bei der Modernisierung baut. Das zeigt sich am Beispiel der IT-Tochter Freudenberg IT, kurz FIT. Der Ableger setzte 2017 mit fast 900 Mitarbeitern 173 Millionen Euro um und hat sich als Berater im SAP-Umfeld einen Namen gemacht, auch extern. Dennoch werden seit Monaten Optionen geprüft: Ein Verkauf oder Teilverkauf steht im Raum, üblicherweise ein Szenario, das für Unruhe sorgt.

Doch nach Informationen des Handelsblatts war es nicht Sohi, sondern das FIT-Management selbst, das die Frage aufbrachte. Angesichts der stärkeren Ausrichtung der Unternehmens-IT auf die Cloud sei es sinnvoll, offen über die Anbindung an einen starken Partner zu diskutieren, sagen Unternehmenskenner.

Börsengang von Vibracoustic ist noch offen

Gespräche offen führen, das ist es, was Sohi ausmacht. Es gehe nicht um Macht, sondern um „die gute Entscheidung und das Ergebnis“, sagte er selbst einmal. „Sohi hört zu, analysiert stets sachlich und ist unprätentiös“, sagt ein Wegbegleiter. „Er verzichtet auf Eigen-PR, das zeichnet ihn aus.“

Sachlich und nüchtern – das sind auch die Kriterien bei einem anderen wichtigen Thema: Überlegungen, wie es mit dem Schwingungs- und Dämpfungsspezialisten Vibracoustic, einer Freudenberg-Tochter, weitergeht. Obwohl das Geschäft ein Wachstumsbereich ist, lässt Sohi die Möglichkeiten eines Börsengangs ausloten. Mit Morgan Stanley, JP Morgan und Lazard wurden kürzlich schon Konsortialbanken beauftragt.

Ob in den kommenden Monaten ein Börsengang stattfinden werde, hänge von den Rahmenbedingungen ab, etwa von der Bewertung, betont Sohi. Auch wolle man Ankeraktionär bleiben. Der Ableger aus Darmstadt kam 2017 auf einen Umsatz von 2,1 Milliarden Euro und ein Betriebsergebnis von 288 Millionen Euro – ein relevantes Geschäft für die Gruppe.

Vibracoustic und FIT zeigen: In Weinheim ist man bereit, auch ein erfolgreiches Geschäft ganz oder teilweise abzugeben, wenn das neue Möglichkeiten für die Sparte eröffnet. Dabei weiß Sohi bei seiner Strategie die rund 320 Familiengesellschafter hinter sich.

Sie vertrauen seiner Erfahrung und seinem Gespür. Auch bei Zukäufen: So stieg Freudenberg Mitte Dezember bei dem chinesischen Filter-Experten Apollo Air-Cleaner ein. Bescheidene 96 Millionen Euro Umsatz macht das Unternehmen, das Freudenberg Mitte Dezember mehrheitlich übernommen hat.

Ein eher kleiner Deal, aber einer mit einer Botschaft: „Mit dem Erwerb stärken wir unsere Position im schnell wachsenden chinesischen Markt für Filtrationslösungen“, ist Sohi überzeugt. Er sieht noch viel Potenzial im Thema Filtration und Vlies, die bei Freudenberg zu einem Unternehmensbereich zusammengefasst sind. Ein altes Material – aber eines mit Zukunft.

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