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Werbebranche Der einstige Topwerber Amir Kassaei gründet jetzt Unternehmen

Der frühere Kreativchef der Agentur DDB sieht einen grundlegenden Wandel im Verhalten der Konsumenten. Mit eigenen Firmen will er davon profitieren.
28.05.2020 - 04:06 Uhr Kommentieren
Der frühere DDB-Kreativchef hat sich nach Jahrzehnten aus der Branche verabschiedet. Quelle: DDB
Amir Kassaei

Der frühere DDB-Kreativchef hat sich nach Jahrzehnten aus der Branche verabschiedet.

(Foto: DDB)

Düsseldorf Amir Kassaei ist ein Freund großer Worte: „Ich werde die Werbung nicht vermissen. Die Werbung wird mich vermissen.“ Seit einem Monat ist für ihn Schluss mit der Werbewelt.

Kassaei hat seinen Posten bei der amerikanischen Werbeagentur DDB aufgegeben und wendet der Branche damit nach knapp drei Jahrzehnten den Rücken zu. Ein Abschied für immer, wie Kassaei, der zu Deutschlands wichtigsten Werbern zählte, sagt.

Der Rückzug steht allerdings nicht für den Beginn von Kassaeis Rentnerdasein. Der gebürtige Iraner hat viele neue Ideen. Das neueste Kapitel in seinem Leben heißt: Kassaei, der Unternehmensgründer.

Der 51-Jährige hat gleich mehrere Projekte in Planung: So hat er einerseits BuresQ, eine Architektur- und Designfirma gegründet. Außerdem arbeitet er an einer Modemarke, die nach der Coronakrise gelauncht und H4H heißen soll. Und schließlich baut er „The Maniacs“ auf, eine Firma für Inhalteproduktion, die unter anderem Streamingdienste beliefern soll.

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    Die Pläne des Kreativen, der seiner Branche einst gern mal die Leviten las, um ihr mehr Tiefgang abzuverlangen, sind hochfliegend. Groß denken, das ist seine Devise. „Jetzt ist die spannendste Zeit, um neue Dinge auszuprobieren“, sagt Kassaei.

    In der Coronakrise ist er in seine Finca auf Ibiza gezogen, wo er ein angenehmeres Leben führen kann als in der städtischen Enge Barcelonas, von wo aus er in seinem Leben als Werber für den Kunden Seat gearbeitet und dafür die DDB-Tochter C14torce aufgebaut hat.

    Die Pandemie, die die ganze Welt lähmt, wird auch am Verhalten der Menschen einiges ändern, ist Kassaei überzeugt. „Die Menschen haben viel Zeit gehabt, darüber nachzudenken, was die wirklich wichtigen Dinge im Leben sind“, sagt er. Kassaei glaubt an ein neues Unternehmertum. „Vielleicht werden sich wieder mehr Firmen bilden, die einen substanziellen Wert schaffen.“

    Neue Definition von Kapitalismus

    Werte, an denen auch er auf der spanischen Urlaubsinsel arbeitet. Dabei hat Kassaei eine neue Definition von Kapitalismus im Sinn: Der Fokus liege beispielsweise nicht auf Quantität und Gewinnmaximierung, sondern auf Qualität und Innovation.

    Erfolgreich werden seiner Ansicht nach diejenigen Firmen sein, die alles daransetzen, mit ihrem Handeln das Leben der Menschen qualitativ besser zu machen. „Wir werden mehr darüber nachdenken, was wir wirklich brauchen. Unser Fokus wird sich ändern, in der Folge verändert sich der Markt, die Mechanismen des Konsums, die Markenwahrnehmung und die Beurteilung von Unternehmen.“

    Zuletzt hat sich Kassaei bereits in mehreren Bereichen als Anbieter von Dienstleistungen geübt. Beispiel Architektur und Design: Schon seit Jahren arbeitet er an unterschiedlichen Bauprojekten in Metropolen wie New York, Barcelona oder Berlin. Mit dem Unternehmen BuresQ will er seine Aktivitäten auf ein solides Fundament stellen.

    Kassaei sieht verschiedene Trends, die durch die Coronazeit befeuert werden. Einer davon ist die Landflucht: Viele Menschen haben in der Zeit der Ausgangsbeschränkungen gemerkt, wie unkomfortabel das Leben in der Großstadt geworden ist. Es zieht sie aufs Land. Dafür braucht es Konzepte, die Kassaei liefern will.

    Beispiel Mode: Die Kollektion seiner neuen Marke ist bereits fertig, etwas darüber verraten möchte der Unternehmer aber nicht. Nur so viel: Dabei handele es sich um „High-End-Streetware“. Und: „Viele Leute werden schreien, weil die Marke eine klare Message hat“, sagt er.

    Beispiel Inhalteproduktion: Als Lieferant von Filmen will er sich auf dem Streamingmarkt etablieren. „Es gibt einen Riesenmarkt für qualitativ hochwertigen Content“, ist er überzeugt. „Ich will meine Kreativität nicht nur bei Marken und Marketing ausleben“, sagt er. Kassaei, der Tausendsassa.

    Sein Lebenslauf taugt für eine Verfilmung. Geboren im Iran flüchtete er als Jugendlicher nach Österreich und ließ sich später in Frankreich ausbilden. Seit 1997 arbeitete Kassaei als Werber in Deutschland, prägend waren seine Jahre bei Springer & Jacoby.

    Dort traf er Tonio Kröger, mit ihm baute er ab 2003 DDB Deutschland radikal um. Vor allem seine Kampagnen für Volkswagen sorgten für Aufsehen. Später verließ er Deutschland, um von New York aus als globaler Kreativchef für die Agentur DDB, die zum US-Konzern Omnicom gehört, zu arbeiten.

    So lange er in der Werbung war, so unsentimental geht der Unternehmer jetzt mit ihr um. „Ich bin zum richtigen Zeitpunkt aus der Werbung ausgestiegen“, sagt er. Die Industrie werde nie wieder das Niveau von 2019 erreichen.

    Schlimmer noch: „Seit zehn Jahren sehen wir den Trend, dass Unternehmen Kreativleistungen nur noch über den Preis einkaufen. Das wird sich nach der Coronakrise weiter verschärfen.“ Nach Kassaeis Ansicht haben es Agenturen versäumt, ein nachhaltiges Geschäftsmodell zu entwickeln.

    Hunderte Auszeichnungen

    Für Kassaei ist klar: Werber müssen sich neu erfinden. Sie sollten dichter an Firmen dran sein und als Berater deren Probleme ein Stück weit mit lösen.

    Das Anfertigen bloßer Werbekampagnen sei nicht mehr das Geschäft, mit dem sich eine Agentur allein abgeben sollte. „Ideen kann jeder auf dieser Welt liefern – damit kann man nicht überleben.“

    Werber als Berater – mit dieser Idee hatte Kassaei schon für Furore gesorgt, als er noch bei DDB in Deutschland war. Hubble hieß das Projekt, das allerdings nie die gewünschte Kraft entfaltet hatte.

    Mit 51 Jahren sei der Zeitpunkt des Ausstiegs genau richtig, findet Kassaei. Schließlich handele es sich um eine junge Branche, die junge Köpfe brauche. Seine Zeit in der Werbung habe er geliebt, sagt Kassaei. Er heimste Hunderte Auszeichnungen ein.

    „Ich war ganz sicher nicht immer seiner Meinung“, sagt seine frühere Branchenkollegin Britta Poetzsch, Kreativchefin der Agentur Track. „Er ist der Gegenentwurf zum Duckmäusertum. Oft zu laut und zu rechthaberisch. Aber Leute, die sich trauen, aus der Masse herauszuragen, gibt es ja viel zu wenige.“ Wer gehe heute schon gern noch das Risiko ein, öffentlichen Widerspruch zu erregen, sagt die Werberin.

    Einen Kämpfer für die Sache, so beschreibt ihn auch sein früherer Compagnon Kröger, der inzwischen eine eigene Agentur namens Antoni gegründet hat. Die Zeit bei DDB habe sie zusammengeschweißt, sagt er. „Wir haben gemeinsam viel erreicht.“

    Kassaei will sich nun auf seine eigenen Projekte konzentrieren. „Ich arbeite gern an mehreren Dingen gleichzeitig“, sagt er. Mode, Bauen, Filmen – und das Beste daran ist nach Ansicht von Kassaei: „Ich muss mir nichts mehr beweisen.“

    Mehr: Medwing-Gründer erhalten Millionenfinanzierung inmitten der Krise.

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