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Hymer-Chef Martin Brandt

Der Ärger mit der Nordamerika-Tochter wird teuer.

(Foto: Philip Kistner / Erwin Hymer Group)

Wohnwagen-Hersteller Bilanzskandal bringt Hymer-Chef Martin Brandt in Bedrängnis

In den geplanten Verkauf des Unternehmens platzen die Probleme bei der Nordamerika-Tochter. Firmenchef Brandt muss sich unangenehmen Fragen stellen.
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Stuttgart, FrankfurtBis kurz vor Weihnachten war die Welt von Martin Brandt noch völlig in Ordnung. Der Wirtschaftsingenieur war als Branchenfremder vor gut drei Jahren zum Reisemobil- und Wohnwagenhersteller Hymer gekommen. Sein damals noch nicht bekannter Auftrag: die Braut schön zu machen für einen späteren Börsengang oder Teilverkauf an einen Investor.

Das klappte wie im Bilderbuch. Seit seinem Amtsantritt hat sich der Umsatz des europäischen Marktführers in der Hochkonjunktur auf 2,5 Milliarden Euro mehr als verdoppelt. Darüber hinaus gelang es ihm, die Erben des Unternehmensgründers Erwin Hymer im vergangenen Herbst zu einem Komplettverkauf zu bewegen.

Der US-Marktführer Thor Industries wollte alles oder nichts. Heraus kam im vergangenen September der Megadeal der Branche: 2,1 Milliarden Euro wollten die Amerikaner auf den Tisch legen. Die Zustimmung der Behörden war nur noch eine Formsache. Bis zum 30. April sollte alles über die Bühne gehen.

Brandt und sein Gegenüber Bob Martin feierten die Hochzeit zum weltgrößten Freizeitkonzern mit über zehn Milliarden Dollar Umsatz und einem Weltmarktanteil von 30 Prozent im gemeinsamen Interview. „Es ist eine freundliche Übernahme“, sagt Bob Martin, „in jeder Beziehung“, ergänzte Brandt.

Und es war vor allem nicht alltäglich. Ein börsennotierter US-Konzern übernimmt das schwäbische Familienunternehmen. „Da geht es viel um Vertrauen“, sagte Brandt.

Doch jetzt platzte ein Bilanzskandal der Nordamerikatochter von Hymer mitten in die Übernahme, und das Vertrauen von einst dürfte auf eine sehr harte Probe gestellt werden. Die Geschichte ist nahezu unglaublich.

„Erste Untersuchungen haben Unregelmäßigkeiten im Berichtswesen des Unternehmens ergeben“, teilte der Konzern mit Zentrale im schwäbischen Bad Waldsee am Montagabend mit. Hymer hat schon gehandelt: Das gesamte Topmanagement der Nordamerikatochter wurde suspendiert.

Dort erzielt die Hymer-Gruppe rund 300 Millionen Euro Umsatz. Dieser Umsatz ist aber nach Angaben des US-Onlinemagazins „RV Daily Report“ wohl in Wirklichkeit deutlich geringer ausgefallen. Das Management soll rund 1700 Rechnungen im Gesamtwert von mehr als 100 Millionen Dollar manipuliert und damit den Nordamerikaumsatz in die Höhe getrieben haben.

Es dreht sich vor allem laut informierten Kreisen um die Kanadatochter Roadtrek Motorhome, die vor rund zwei Jahren gekauft worden ist. Obwohl die Fahrzeuge offenbar noch auf dem Hof der Niederlassungen standen, wurden sie als Umsatz gebucht. Auf diese Weise sollen Umsatz- und Ertragszahlen gefälscht worden sein.

Der Hymer-Chef lässt Detailfragen unbeantwortet

Dem Wirtschaftsprüfer war das nicht aufgefallen. Aber ein Mitarbeiter hat offenbar darauf aufmerksam gemacht. Jetzt untersuchen vier externe Prüfer, neben EY jetzt auch noch KPMG und die kanadische Anwaltskanzlei Stikeman, den Fall.

Brandt kündigte eine vollständige und umfassende Aufklärung an. Genaue Zahlen gibt es noch nicht, da die Untersuchungen noch nicht abgeschlossen sind. Was mit der Tochter passiert und ob sie überhaupt noch eine Zukunft hat, ist offen.

Aber es drohen dem Hymer-Chef in jedem Fall sehr unangenehme Fragen. Warum wurden die Missstände erst jetzt entdeckt? Ab wann wusste Brandt davon. Und hätte er vielleicht schon beim Kauf von Roadtrek vor zwei Jahren selbst genauer hinschauen müssen? Fragen nach Details ließ der Hymer-Chef am Dienstag weitgehend unbeantwortet.

Der gebürtige Oberschwabe verfügt eigentlich über sehr viel Erfahrung: Der heute 59-jährige Wirtschaftsingenieur begann seine Karriere als Berater bei Mercer, dann bei Baumgartner & Partner in München. Brandt arbeitete in der Folge für das Unternehmen Effeff, das 2000 vom schwedisch-finnischen Schließtechnik-Konzern Assa Abloy übernommen wurde. Seine letzte Station vor Hymer war der COO-Posten beim österreichischen Leuchttechnik-Hersteller Zumtobel.

Nun wird Brandt ganz neue Erfahrungen sammeln. Thor Industries ist börsennotiert. Und Thor-Chef Martin teilte schon mal mit, dass über den Verkaufspreis und die Schuldenübernahme jetzt noch einmal intensiv gesprochen werde. „Thor Industries und die Gesellschafter der Erwin Hymer Group verhandeln über den Abschluss des Kaufs der Erwin Hymer Group ohne das Nordamerikageschäft“, bestätigt auch Hymer.

Brandt steht unter Druck und wird Preiszugeständnisse machen müssen. In Verhandlungskreisen ist von bis zu 15 Prozent die Rede. Brandt gibt sich aber zuversichtlich. Sein Trumpf: Die Amerikaner haben kein eigenes Europageschäft und wollen den europäischen Marktführer unbedingt haben. Ihr Interesse an den US-Gesellschaften von Hymer war ohnehin eher gering. Denn hier gibt es die einzigen nennenswerten Überschneidungen beider Unternehmen.

Familie hält sich bedeckt

Die industrielle Logik bleibt bestehen: Thor ist mit 48 Prozent Marktanteil unangefochtener Marktführer in Nordamerika und die Hymer-Gruppe mit ihren 24 Marken – darunter Bürstner, Dethleffs, Laika, Eriba und Carado – und 25 Prozent Marktanteil die Nummer eins in Europa.

Offiziell wird nur das Nordamerikageschäft jetzt durchleuchtet. „Darüber hinaus sind keine Untersuchungen weiterer Geschäftsbereiche geplant“, teilte ein Sprecher mit. Aber es liegt nahe, dass die Amerikaner jetzt noch einmal auch den Rest des Konzerns genau anschauen, ob nicht irgendwo noch weitere Unregelmäßigkeiten versteckt sind.

Und wenn US-Wirtschaftsprüfer und Anwälte genau hinsehen, ist das zumindest immer eines: unangenehm, selbst wenn das Problem tatsächlich nur auf Nordamerika begrenzt sein sollte.

Die Familie Hymer bestehend aus Witwe Gerda Hymer und den Kindern Christian und Carolin, hält sich wie immer völlig bedeckt. Mehr als zwei Milliarden Euro wollten die Amerikaner bezahlen, davon 200 Millionen Euro in Aktien. Die Familie sollte nach den ursprünglichen Planungen danach etwa vier Prozent der Aktien von Thor halten.

Sollte es zu einer Preisreduktion um 15 Prozent kommen, ist das für die Familie wohl verschmerzbar. Wie es jetzt am Ende aussehen wird, ist aber noch offen. Das Verhältnis zum Käufer scheint trotz des Skandals noch gut. Die Übernahme selbst gerät laut Unternehmen nicht in Gefahr.

Dass der Deal noch nicht abgeschlossen war, könnte sich als Glücksfall erweisen. Denn andernfalls hätte Thor als börsennotiertes Unternehmen im Interesse der eigenen Aktionäre Klage einreichen müssen. Brandt könnte am Ende also mit einem blauen Auge davonkommen und seinen noch drei Jahre laufenden Vertrag erfüllen.

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