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Zuwanderer als Unternehmer Warum Migranten mehr Mut zur Selbstständigkeit haben

Immer weniger Menschen gründen in Deutschland – doch der Anteil der Migranten unter ihnen wächst. Was Zuwanderer in die Selbstständigkeit treibt.
Update: 23.04.2018 - 02:03 Uhr 6 Kommentare
Jacek Wasylskowski (links) hat eine polnische Supermarktkette in Nordrhein-Westfalen gegründet.
Unternehmergeist

Jacek Wasylskowski (links) hat eine polnische Supermarktkette in Nordrhein-Westfalen gegründet.

DüsseldorfDas traditionell türkische Heißgetränk Mokka dampft noch in der Tasse, als Hilmi Selcuk davon erzählt, wie er 1961 als Gastarbeiter von Istanbul nach Hamburg kam. Nach seinem ersten Schluck schaut der 84-Jährige auf die mit Preisen geschmückte Wand des Konferenzraumes seines Unternehmens Mond-Star-Pastirma GmbH, richtet seine Brille und sagt: „Ich musste bisher viele Niederlagen hinnehmen, aber ich wollte nie nur Angestellter sein.“

Sein Unternehmen, das Rinderschinken herstellt, soll weiterwachsen und sich zu einer etablierten Marke entwickeln, das ist sein größter Traum. „Wenn ich mir deutsche Traditionskonzerne anschaue“, sagt er, „reichen ihre Gründungen manchmal Jahrhunderte zurück. Ich will, dass auch mein Unternehmen noch in 100 Jahren relevant ist.“

Jacek Wasylkowski ist der einzige in der Duisburger Filiale des Promo Supermarkts, der einen Anzug trägt: Grau melierter Stoff, blank geputzte schwarze Schuhe und die blonde Kurzhaarfrisur sitzt.

Hilmi Selcuk ist 84 Jahre alt und Geschäftsführer von Mond-Start-Pastirma Schinkenproduktions GmbH.
Hilmi Selcuk

Hilmi Selcuk ist 84 Jahre alt und Geschäftsführer von Mond-Start-Pastirma Schinkenproduktions GmbH.

Der gebürtige Pole läuft zwischen den Warenregalen und kontrolliert die Bestände. Das Sortiment ist mit polnischen Marken- und Produktnamen bedruckt. Der 58-Jährige gibt auf Polnisch Anweisungen an die Filialmitarbeiter, denn das ist die Muttersprache seiner Gegenüber und auch die Voraussetzung, um im Promo Supermarkt eine Stelle zu bekommen.

Meine Kundschaft besteht zu 75 Prozent aus polnischen Migranten“, sagt Wasylkowski, „wenn meine Mitarbeiter nur Deutsch sprächen, wäre das polnische Ambiente dahin.“

Der Co-Gründer des Startups Green City Solutions, Zhengliang Wu, hat der urbanen Luftverschmutzung den Kampf angesagt: Mooswände gegen Feinstaub und Stickoxide. Der 32-Jährige fällt auf dem Euref-Campus in Berlin-Schönefeld inmitten der Studenten und Jungunternehmer kaum auf – dort befindet sich Wus Hauptgeschäftsstelle.

Der gebürtige Chinese hat seine Partner im Osten kennengelernt, denn sie haben alle zusammen an der Technischen Universität in Dresden studiert. „Wir haben unsere Privatvermögen aufs Spiel gesetzt“, sagt der Medieninformatiker, „so sehr haben wir an unser Projekt geglaubt.“ Seine Wurzeln liegen im fernöstlichen Shanghai.

Zhengliang Wu ist Co-Gründer des Start-ups Green City Solutions.
Liang Wu

Zhengliang Wu ist Co-Gründer des Start-ups Green City Solutions.

Ein ehemals türkischer Gastarbeiter, ein Migrant mit polnischen Wurzeln und ein Uni-Absolvent, der in Shanghai geboren wurde. Die Männer eint: Sie sind alle Gründer von Unternehmen mit Hauptsitz in Deutschland und alle drei haben einen Migrationshintergrund.

Unternehmensgründungen in Deutschland gehen zwar seit einigen Jahren zurück, aber die Zahl der Gründungen durch Menschen mit Migrationshintergrund steigt. Verglichen mit deutschen Unternehmern gründen Migranten nicht nur viel öfter, sondern auch größer und investieren viel mehr Arbeitszeit in ihr Unternehmen.

Das geht aus einer Studie der Förderbank KfW hervor. In Deutschland waren dem Mikrozensus des Statistischen Bundesamtes zufolge zwischen den Jahren 2005 und 2016 rund 4,1 Millionen Menschen als Selbstständige tätig. Die KfW-Studie besagt, dass jeder fünfte dieser Gründer, also etwa 800.000, einen Migrationshintergrund hat.

Der deutsche Arbeitsmarkt ist für Migranten immer noch schwierig. Oftmals verhindern Sprachbarrieren und nicht anerkannte Schulabschlüsse einen Arbeitsplatz in Festanstellung. Wenn die Alternative die Erwerbslosigkeit ist, wagen viele den Schritt in die Selbstständigkeit.

Aber Menschen, die bewusst ihr Herkunftsland verlassen, um ein neues Leben in Deutschland anzufangen, bringen von vorneherein die Risikobereitschaft mit – das Risiko in allen Lebensbereichen einen neuen Weg einzuschlagen. Doch was unterscheidet Gründer mit ausländischen Wurzeln von einheimischen Unternehmern?

„Der Aufwand, der für die Gründung betrieben wird, ist bei Migranten höher“, erklärt Georg Metzger von der KfW-Bank. In vielen Herkunftsländern habe die Selbstständigkeit eine deutlich höhere Verbreitung als in Deutschland.

Demzufolge seien diese Personen schon mit Rollenvorbildern hergekommen, die dann letztlich die Einstellung zur Selbstständigkeit in einem positiven Sinne geprägt hätten. So wagten im Jahre 2016 139.000 Migranten den Schritt in die Selbstständigkeit.

Ein Drittel der Unternehmen haben dem KfW-Gründungsmonitor zufolge Gründer mit türkischem, polnischem oder russischem Migrationshintergrund. Bei Gründern mit akademischem Bildungsabschluss bilden die Herkunftsländer Russland und Türkei die größte Gruppe.

Diese Zahlen erwecken den Eindruck, Deutschland sei ein gründerfreundliches Land und ein attraktiver Standort für Unternehmer mit Migrationshintergrund. Doch das Gegenteil ist der Fall.

Nadine Förster vom Förderprogramm „Integration durch Qualifizierung“ sagt: „Migranten sind überrascht, wie schwerfällig es in Deutschland ist, ein Unternehmen zu gründen.“

Im Vergleich gebe es in den USA ein völlig anderes Gründungsklima, erklärt Förster weiter, dort existierten weniger Hürden, um an ein Risikokapital zu kommen. In Deutschland sei dieser Prozess viel konservativer. Das Silicon Valley sei nicht grundlos in den USA und nicht in Europa, geschweige denn in Deutschland.

In den 1960er Jahren hatten Migranten auch viele verschiedenen Geschäftsideen wie auch heute. Doch der deutsche Wirtschaftsmarkt und die geltenden Bundesgesetze waren den meisten Gastarbeitern unbekannt.

So erwarb Selcuk erst einen Gewerbeschein, als ein umliegender Lebensmittelladen offiziell Beschwerde beim Ordnungsamt einreichte. Vorher wusste der gebürtige Türke nicht, dass es illegal war, mediterrane Lebensmittel aus dem Kofferraum seines Wagens zu verkaufen: schwarze Oliven, eingelegter Schafskäse oder rote Linsen.

Das waren die Produkte, die dem 84-Jährigen damals gefehlt hatten – die seine Sehnsucht auf die Heimat lindern sollten. Selcuk begann größer zu denken, er sprach mit Großmarkthändlern, inspizierte den Markt: Wo lebten die meisten Gastarbeiter?

Er war zwischen 1969 und 1972 jeweils in der Großmarkthalle in Frankfurt, in Salzgitter, in Duisburg und in Hamburg vertreten. Selcuks Jahresumsatz lag eigenen Angaben zufolge bis 1976 durchschnittlich bei etwa 16 Millionen Deutscher Mark.

Aber die Konkurrenz wuchs. „Auch meine eigenen Mitarbeiter wagten den Schritt in die Selbstständigkeit, nachdem sie das Know-how bei mir lernten“, sagt Selcuk. „Für mich wurde der Markt immer schwieriger, der Überlebenskampf war hart.“

Nachdem Selcuk den Konkurrenzkampf verlor, funktionierte er sein Frankfurter Depot 1982 zu einem der typischen Lebensmittelläden um: Draußen stand die frische Ware, drinnen gab es eine Fleischtheke, Antipasti und türkische Gewürze.

Selcuk betrachtet diesen Schritt bis heute als Niederlage. Nun musste er an der Kasse sitzen oder Gemüse abwiegen, von den einstigen achtstelligen Umsätzen war auf den Kontoauszügen nichts mehr zu sehen.

Der Lebensmittelladen sicherte das Leben seiner vierköpfigen Familie, dennoch machte Selcuk 1995 einen harten Schnitt: Er verkaufte den Laden und gründete Mond-Star-Pastirma – um Rinderschinken nach türkischem Traditionsrezept zu produzieren.

Die Konkurrenz stelle lediglich Rinderformschinken her, der nicht dem Originalrezept entspräche, sagt Selcuk. Das sei das Alleinstellungsmerkmal seines Familienunternehmens, in dem seine Tochter und sein Sohn ebenso arbeiten, wie sein 20-jähriger Enkelsohn.

Doch der 84-Jährige fährt jeden Tag von seinem Wohnort Frankfurt nach Wiesbaden und sieht persönlich nach dem Rechten. Aufhören? „Ehrlicherweise weiß ich nicht, was genau unter Urlaub zu verstehen ist“, gibt Selcuk zu, „aber wer nicht stagnieren will, muss viel Energie in sein Geschäft stecken.“

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6 Kommentare zu "Zuwanderer als Unternehmer: Warum Migranten mehr Mut zur Selbstständigkeit haben"

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  • @ F.Gessw.: Nicht so aufgeregt sein, es ist ganz einfach: Ich bin einfach nicht so rassistisch zu sagen, alle Migranten wollten andere nur ausbeuten und ausnutzen. Es gibt nämlich viele, die ehrliche Arbeit verrichten und Steuern zahlen usw., aber denen wird es eben in Deutschland - wie auch deutschen Kleinunternehmern - extrem schwer gemacht.

  • @Herbert Maier, dass das, was Sie schreiben, völlig widersprüchlich ist, fällt Ihnen gar nicht auf, oder?

    Die Leute, die hier gründen und "aktiv beitragen(!) wollen", aber doch bitte nicht beitragen zu ordentlichen Löhnen (ob der Mindestlohn darunter fällt, ist diskussionsfähig), nicht beitragen per Sozialabgaben, nicht mit Steuern... Nichts für ungut, aber wenn diese Leute nur für sich selbst "beitragen", indem sie andere ausbeuten und das am besten noch "schwarz" - das ist kein Geschäftsmodell und das brauchen wir auch nicht.

    Ihr Beitrag sagt viel über Sie und Ihre (wenig lobenswerte) Einstellung aus - und weniger über "die Dummen", die sich für Sie stressen; schönen Gruß von einem von diesen ;P.

  • Die betreffenden Migranten sind noch nicht so lange hier und denken noch, in Deutschland wäre es wie in jedem vernünftigen Staat möglich, selbständig etwas aufzubauen und zu leisten. Leider werden die meisten auch bald realisieren, dass Deutschland ein sehr sehr feindliches Klima für kleine Unternehmen stellt. Sie werden mit der deutschen Bürokratie erschlagen werden, Vorschriften, Formulare, Untersuchungen, Sozialabgaben, Berufsgenossenschaft, Handwerkskammer, Gewerbesteuer, Steuererklärung, Mindestlohn, usw. usw. Irgendwann werde sie das verstehen und sich dann wie so viele andere sagen: Warum soll ich mir das antun, in Deutschland werden diejenigen bestraft, die aktiv beitragen wollen. Geh auf Harz 4, hab Deine Ruhe und meist auch nicht weniger Geld, bekomme Miete, Führerschein und die Zahnbehandlung vom Staat bezahlt und lass die anderen dafür stressen - solange es noch andere Dumme gibt.

  • Wie üblich: Traue keiner Statistik, die Du nicht selbst gefälscht hast!

    Wer bereit ist, zum Arbeiten auszuwandern, ist sicher nicht mit einem Hartz-IV-Empfänger zu vergleichen. Die erste Gruppe ist bereit, ohne Netz und doppelten Boden hart zu arbeiten, während letztere sich oft genug jeglicher Arbeit verweigert, weil sie vom Lohn zu viel abgeben müsse Typische dumme Ausrede: "Das ist völlig unwirtschaftlich!"

    Aus anderer Perspektive: Man wächst an Herausforderungen - womöglich bis zu der Schwelle an der man entdeckt, dass man aus dem Holz gemacht ist, aus dem sich Unternehmer schnitzen.

    Ganz offensichtlich ist das Schröder'sche "fördern und fordern" völlig unzureichend umgesetzt worden.

  • Äh noch was:

    "„wenn meine Mitarbeiter nur Deutsch sprächen, wäre das polnische Ambiente dahin.“"

    Herr Selcuk hat jetzt ein Problem! Mit dieser Aussage muss man sich nur bei ihm bewerben und wenn man dann abgelehnt wird, dann kann man wegen Diskriminierung klagen. Mal ganz abgesehen von dem Shit-Storm wenn sich ein deutscher Laden um das deutsche Ambiente kümmern würde!!! Ach stimmt, dass mit der Diskriminierung wird natürlich nur einem deutschen Laden vor Gericht zur Last gelegt...

  • Guten Morgen,

    ich habe bei solchen Artikeln immer das Gefühl, jetzt sollte mal richtig was "rausgehauen" werden. Schließlich macht ja "Wir zusammen" auch Werbung beim Handelsblatt. Ich bin ja auch ganz positiv für Unternehmer die nach Deutschland kommen und da investieren oder gründen. Nur bleibt da immer ein schlechtes Gefühl übrig, wenn ich die nach dem Artikel persönlich kenne (vielleicht sind es dann doch nicht so viele!!!)

    Aber im Einzelnen: wenn man bei den Leuten mit Mirgrationshintergrund auch die ganzen Osteuropäer oder Russland-Deutschen mitzählt, dann kommt man doch auf einen Bevölkerungsanteil von ca. 20 %? Damit wäre ein Gründeranteil von 20 % also ganz normal, und gar nicht hoch.

    Und jetzt zum Problem: bei den 20% ist jede Pizzeria oder Dönerbude mitgezählt. Ich denke ja auch, dass das für Deutschland nicht schlecht war. Aber jetzt doch mal ganz ehrlich: die Restaurants funktionieren deshalb, weil da eine Familie zusammen rund um die Uhr arbeitet. Sobald die Arbeit da mit Mindestlohn und Sozialabgaben bezahlt werden müsste, wäre der Laden zu! (und eigentlich sind es prekäre Beschäftigungsverhältnisse).

    Zudem wird an anderer Stelle immer diskutiert, dass Deutschland das Rückzuggebiet der Mafia-Clans ist, die hier das Geld von Südeuropa waschen (ohne das hier jemand was dagegen tut). Ich glaube in einen solchen Artikel sollten auch mal die Probleme der Gründungen mit Migrationshintergrund angesprochen werden und nicht nur rosarote Brille!

    Und noch was: bei der Auswahl an Personen waren die Russlanddeutschen dabei. Für die Profis in dem Bereich ist das klar: es gibt Gruppen die klar underperformen und wenn man die mit Russlanddeutschen mixt, dann kommt man wieder beim Durchschnitt raus. Darum werden die RD oft gerne bei der Situation von Migranten in Deutschland nicht betrachtet, weil man mit denen keine Bedürftigkeit nachweisen kann.

    Also gerne Gründung mit schlauen Leuten aus der Welt, aber bitte gute Artikel mit positivem UND dem Problematischem!