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Fränzi Kühne

„Ich finde es gut, dass es die Frauenquote für Aufsichtsräte gibt, auch wenn es nur eine Krücke ist.“

(Foto: Marko Priske für Handelsblatt)

Fränzi Kühne Deutschlands jüngste Aufsichtsrätin: „Warum sollte ich mir das nicht zutrauen?“

Die Gründerin über ihre wichtigste Erfahrung als Kontrolleurin, ihr erstes Vorstellungsgespräch mit 34 und ihre Vision einer Frauenquote mit Verfallsdatum.
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Berlin Fränzi Kühne kommt zum Gesprächstermin auf den letzten Drücker. Sie war auf einem Kundentermin. Kühne ist die jüngste Aufsichtsrätin eines Dax-Unternehmens. Sie kontrolliert den Freenet-Vorstand und neuerdings die Württembergische Versicherung. Hauptberuflich ist sie Gründerin und Chefin der Digitalagentur Torben, Lucie und die gelbe Gefahr (TLGG). Die Firma hat ihren Sitz in einem Hinterhof am Paul-Linke-Ufer in Berlin-Kreuzberg.

In der Eile landet Kühne mit ihrem BMW schräg auf einem Parkplatz. Reserviert ist er für die „gelbe Gefahr“ – das Pseudonym ihres Geschäftsführerkollegen Boontham Temaismithi. Vorbei an Plexiglas-Schaukeln aus den 70ern, Bällebad, bunten Bretterverschlägen, in die sich Kollegen mit Notebooks zurückziehen, Bürodackel „Willy“, Weihnachtsbaum, Getränkelager sowie diversen Rennrädern geht es dann in den Chat-Room – dem einzigen Konferenzraum mit Tageslicht.

Frau Kühne, jung, weiblich – als Aufsichtsrätin fallen Sie deutlich aus dem klassischen Besetzungsschema des erfahrenen Industrie- oder Finanzmanagers mit den grauen Schläfen heraus. Was können Sie, was die Herren nicht können?
(Kühne lacht) Ich kenne mich mit Digitalisierung sehr gut aus, mir liegt das sozusagen im Blut. Wir waren die erste Social-Media-Agentur in Deutschland. Heute beraten wir auch Konzerne, wie sie außerhalb ihres bestehenden Geschäftsmodells Geld verdienen können und sich dafür verändern und aufstellen sollten. Wir sind eine Unternehmensberatung für Digitales, dieses Know-how ist wohl der Hauptunterschied.

Fühlen Sie sich als Exotin?
Nein, ich nehme mich selbst so nicht wahr. Auf Äußerlichkeiten kommt es für mich gar nicht an, sondern auf die Inhalte. Und darauf, dass ich etwas bewegen kann. Und wenn da einer vielleicht mal schief guckt, ach, das bekomme ich gar nicht mit.

Wie kam es überhaupt dazu, dass Sie Aufsichtsrätin bei Freenet wurden?
Die haben mich angerufen. 

Wer?
Die Mitglieder des Nominierungsausschusses, Marc Tüngler und Sabine Christiansen. Die beiden kamen dann hier in Berlin vorbei, und ich hatte das erste Vorstellungsgespräch meines Lebens.

Wie bitte, mit 34 Jahren? Mussten Sie denn noch nicht mal für einen Studentenjob vorsprechen? 
Nö, damals musste ich nur Personalbögen ausfüllen, und dann hatte ich den Catering-Job auch schon. Als Tüngler und Christiansen vor mir saßen, war es tatsächlich die erste Bewerbungssituation, in der es richtig um etwas ging.

Wie haben Sie sich denn auf diese Premiere vorbereitet?
Ach, nicht groß. Wir haben dann auch mehr über unsere Firma TLGG gesprochen – welche Projekte wir haben, wie wir an Kunden rangehen und mit welchen Methoden wir arbeiten.

Brauchten Sie Bedenkzeit für Ihre Zusage?
Ja, zehn Minuten habe ich schon darüber nachgedacht.

Haben wir uns grad verhört, zehn Minuten?
Doch, stimmt. Und das ist lange für mich, ich entscheide sonst immer aus dem Bauch heraus.

Und was hat dann den Ausschlag gegeben?
Schließlich dachte ich mir, es geht um eine Spitzenposition in einem Konzern. Eine Erfahrung, die mir fehlt. Außerdem finde ich die Mobilfunkbranche spannend. Und dann reden wir doch immer davon, dass die Wirtschaft mehr junge Frauen an der Spitze braucht. Also habe ich das Angebot angenommen.

Zugetraut haben Sie sich den Job als Kontrolleurin eines börsennotierten Unternehmens per se.
Natürlich, klar. Warum sollte ich mir das denn nicht zutrauen? Diese Frage stelle ich mir wirklich nicht.

Na ja, ein Aufsichtsratsmandat ist doch eine große Verantwortung ...
Absolut. 

Freenet hat Aktionäre und Tausende von Mitarbeitern. Sie kontrollieren die Zahlen, vieles, was Sie tun, ist aktienrechtlich relevant.
Klar, aber man kann ja alles lernen und in alles reinwachsen.

Stimmt es, dass Sie anfangs versucht haben, Freenet auf eigene Faust zu erkunden?
Ja. 

Bis der Vorstand gesagt hat, „Liebe Fränzi Kühne, das geht so nicht. Das müssen wir für Sie organisieren“ und Sie dann eine Rundreise zu den Standorten gemacht haben.

Genau, dafür war ich sehr dankbar.

So spontan haben Sie 2008 vermutlich auch Ihr Unternehmen gegründet. Und Ihr zweiter Aufsichtsjob ...?
... bei der Württembergischen Versicherung musste ich für die Finanzaufsicht Bafin eine Schulung absolvieren, um das Versicherungswesen kennen zu lernen und das Mandat annehmen zu dürfen. Das war ja auch wieder etwas völlig Neues für mich. Außerdem arbeite ich jetzt mit Beratern zusammen. 

Wie sieht denn Ihr Beraterstab aus?
Einen auf Corporate-Governance-Themen spezialisierten Anwalt und eine Expertin, die ein Office für Aufsichtsrats-Tätigkeiten betreibt. Mit ihr arbeite ich sehr eng zusammen. Sie bereitet die Sitzungsunterlagen für mich vor, und mit ihr kann ich Themen durchspielen oder fragen, wenn mir etwas komisch vorkommt.

Schauen Sie sich die Quartalsberichte von vorn bis hinten an?
Ich bereite die Unterlagen sehr intensiv vor, bevor Sitzung ist. Natürlich.

Das ist doch eine Qual. 
Muss aber sein.

Zum Einstieg bei Freenet habe ich mich sehr schwer damit getan, dort nicht operativ tätig zu werden.

Aufsichtsräte haften ja unter Umständen auch.
Genau. Wenn ich mir Unterlagen durchlese oder abstimme, steht für mich aber im Vordergrund, ob etwas gut für das Unternehmen ist oder nicht. Eine rote Warnleuchte, die mir ständig ‚Achtung, Haftung‘ signalisiert, habe ich dabei nicht im Kopf.

Ihre Erfahrung nach dem ersten Jahr als Rätin?
Wie läuft Freenet, wie ticken die, und wie funktioniert überhaupt ein Konzern? Das alles zu verstehen war für mich erst mal eine Riesenherausforderung. Wie bekomme ich ein Gefühl für das Unternehmen, ohne operativ drin zu sein? Damit habe ich mich sehr schwergetan. 

Und mussten Sie mal über sich hinauswachsen?
Ja, besonders auf der Freenet-Hauptversammlung, auf der ich gewählt wurde. Ich hatte schon früher Probleme, auch nur vor zehn Leuten bei TLGG zu sprechen. Und dann sitzen auf einmal 600 Aktionäre vor mir und erwarten eine Rede. Da musste ich meine Komfortzone definitiv verlassen.

Die wichtigste Erkenntnis?
Erst mal zu verstehen, dass ich als Aufsichtsrat nicht als Einzelperson handele, sondern im Gremium. Und dann zu verstehen, dass es im Unterschied zu meiner Firma eben nicht um schnelle Entscheidungen geht und in einem Konzern die operative Mitarbeit des Aufsichtsrats nicht gefragt ist. Das war schon eine Umstellung.

Ihr Beruf ist es zu beraten, als Aufsichtsrätin sollen Sie das auch. Wie bekommen Sie diese beiden Funktionen auseinander?
Das ist eine ziemliche Gratwanderung. Gerade zum Einstieg bei Freenet habe ich mich sehr schwer damit getan, dort nicht operativ tätig zu werden. Aber ich glaube trotzdem, dass ein Aufsichtsrat ein Stück mehr Einblick in das operative Geschäft haben sollte. Einfach, um den Vorstand adäquater beraten zu können. 

Zehn Minuten habe sie nachgedacht, ob sie den Kontrollposten bei Freenet annehmen möchte, sagt Fränzi Kühne. Quelle: Marko Priske für Handelsblatt
Entscheidungsfreudig

Zehn Minuten habe sie nachgedacht, ob sie den Kontrollposten bei Freenet annehmen möchte, sagt Fränzi Kühne.

(Foto: Marko Priske für Handelsblatt)

Dann würden Sie die klassische Rollenteilung zwischen Vorstand und Aufsichtsrat, wie es das deutsche Aktienrecht vorsieht, aber auflösen.
Richtig. Mir gefällt das amerikanische Board-System, bei dem viel enger zusammengearbeitet wird zwischen Vorstand und Aufsichtsrat. Diese Gremien treffen sich auch viel häufiger und diskutieren auch mehr miteinander. Ich glaube, diese Form hat viele Vorteile für die Unternehmen. Gerade weil die Digitalisierungsthemen so komplex sind, reicht es nicht, nur eine Sitzung zu haben.

Wenn jetzt einer von der Telekom anriefe, würde Sie das locken?
Nein. Im Moment nicht. Meine Firma und zwei Mandate, damit habe wirklich genug zu tun.

Reizt es Sie, in die „graue Bastion“ einzudringen, wie Sie die Aufsichtsräte deutscher Unternehmen mal genannt haben? Wo die meisten 60 Jahre und älter sind?
Das ist es eigentlich nicht. Ein diverser Aufsichtsrat ist mir wichtig. Bei der Freenet-Zusage hatte ich mir über die Zusammensetzung des Gremiums noch gar keine Gedanken gemacht. Aber das war durchaus ein Grund, warum ich bei der Württembergischen zugesagt habe. Ich würde mich eher scheuen, in einen Aufsichtsrat zu gehen, in dem sich die Mitglieder sehr ähneln. Aber da tut sich mithilfe der Frauenquote für Aufsichtsräte ja schon etwas.

Wenn Sie von der Kodex-Kommission, einer Ansammlung ehrwürdiger Herren, zur traditionellen Jahrestagung eingeladen würden, kämen Sie?
Da wiederum würde ich sehr gern hingehen. Es interessiert mich, wie die Diskussionen zum Corporate Governance Kodex geführt werden und wie ernst es ihnen tatsächlich damit ist, ihn zu verändern.

Deutsche Aufsichtsräte sind doch insgesamt immer noch sehr uniform. Verpassen wir da was?
Auf jeden Fall. Ich verstehe wirklich nicht, warum das weibliche Potenzial nicht ausgeschöpft wird.

Wächst vielleicht jetzt erst eine Generation von Frauen heran, die zielstrebig auf die Top-Führungspositionen zusteuert?
Es gibt doch in Unternehmen längst genügend Frauen, die das Potenzial für Führungspositionen haben. Aber es existiert immer noch eine gläserne Decke.

Was sollten wir tun? 
Ich wäre für eine Frauenquote schon im Mittelmanagement, um die gläserne Decke aufzubrechen und um für genügend weibliches Nachwuchspotenzial zu sorgen, das aus dem Unternehmen heraus Spitzenpositionen besetzen könnte. 

Dass so eine Quote in die unternehmerische Freiheit eingreift, stört Sie nicht?
Da bin ich zwiegespalten. Ich bin ja selbst Unternehmerin und war immer gegen eine Frauenquote. Wieso soll mir ein Gesetz vorschreiben, wie ich mein Unternehmen zu führen habe? Dieses Herz schlägt natürlich in meiner Brust. Aber wenn ich andererseits sehe, wie langsam sich Dinge verändern und Arbeitgeber sich sträuben oder sogar lieber eine Position unbesetzt lassen, als eine Frau dafür zu holen, finde ich das so absurd. Deshalb wäre ich für eine gesetzliche Regelung auf Zeit. 

Eine Frauenquote mit Verfallsdatum?
Ja und mit ein paar Jahren Vorlauf für die Unternehmen, damit die sich bei ihrem Recruiting und der Personalentwicklung darauf einstellen können.

Fränzi Kühne (r.) im Gespräch mit den Handelsblatt-Redakteuren Claudia Obmann und Dieter Fockenbrock. Quelle: Marko Priske für Handelsblatt
Im Interview

Fränzi Kühne (r.) im Gespräch mit den Handelsblatt-Redakteuren Claudia Obmann und Dieter Fockenbrock.

(Foto: Marko Priske für Handelsblatt)

Für Aufsichtsräte gilt bereits die Politik des freien Stuhls, wenn keine Frau gefunden wird, um die 30-Prozent-Quote zu erfüllen. Finden Sie das angemessen?
Total richtig. Ich finde es gut, dass es die Frauenquote für Aufsichtsräte gibt, auch wenn es nur eine Krücke ist.

Einem ersten Unternehmen ist das ja schon passiert, bei Villeroy & Boch kam es zur Zwangsbesetzung per Gericht. 
Das muss man sich mal aus Recruiting-Sicht ansehen: Ich würde mich als qualifizierte Frau niemals dort um eine Stelle bewerben, wenn die ein Problem damit haben, weibliche Aufsichtsräte zu besetzen. Schön wäre es natürlich, wenn das Corporate-Governance-Verhalten eines Unternehmens auch auf das Konsumentenverhalten Einfluss hätte. 

Sie meinen einen Produktboykott oder wenigsten einen Shitstorm? 
Ich meine eine allgemeine kritische Haltung zu diesen Hintergründen. Aber das passiert leider nicht. 

Frau Kühne, vielen Dank für das Interview.

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