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Freizeitfahrzeuge Milliarden-Übernahme durch Thor bringt schwäbischen Wohnmobilbauer Hymer an die Weltspitze

Die Hymer-Gruppe wird amerikanisch. Der Zwei-Milliarden-Euro-Deal mit Thor macht die Schwaben zur weltweiten Nummer eins für Freizeitfahrzeuge.
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Der Hymer-Chef spricht von einer „freundlichen Übernahme“. Quelle: Philip Kistner / Erwin Hymer Group
Martin Brandt

Der Hymer-Chef spricht von einer „freundlichen Übernahme“.

(Foto: Philip Kistner / Erwin Hymer Group)

Stuttgart, Düsseldorf Die beiden kennen sich schon seit Jahren. Seit Januar haben sie am historisch größten Deal auf dem Wohnmobil- und Caravanmarkt gefeilt. Martin Brandt, Chef der Erwin Hymer Group, und Bob Martin Chef von Thor Industries können ihren Erfolg feiern. „Es ist eine freundliche Übernahme“, sagt Bob Martin, „in jeder Beziehung“, ergänzt Brandt im gemeinsamen Interview.

Und es ist vor allem nicht alltäglich. Der börsennotierte US-Konzern übernimmt das schwäbische Familienunternehmen. „Da geht es viel um Vertrauen“, sagt Brandt, „und das ist gewachsen“.

Denn ursprünglich wollte die Familie des vor fünf Jahren verstorbenen Unternehmensgründers Erwin Hymer gar nicht komplett verkaufen. Zur weltweiten Expansion brauchten und suchten sie einen Investor. Interesse sollen große Private-Equity-Häuser wie Cinven, Cerberus, Triton und KPS haben.

Der Hymer-Chef und die Familie liebäugelten aber alternativ auch mit einem Börsengang. Vor wenigen Wochen verriet Brandt dann auf dem Caravan-Salon in Düsseldorf dem Handelsblatt, dass die Familie nun bereit sei, eine Mehrheit am Familienunternehmen abzugeben. Und jetzt verkauft die Familie, bestehend aus Witwe Gerda Hymer und den Kindern Christian und Carolin, überraschend sogar ihr Unternehmen komplett an die Amerikaner.

Auch weil die Chemie stimmte – und das Geld. Mehr als zwei Milliarden Euro legen die Amerikaner auf den Tisch in Cash und davon 200 Millionen Euro in Aktien. Die Familie wird danach rund vier Prozent der Aktien von Thor halten. Die industrielle Logik des Deals war ohnehin klar. Thor ist mit 48 Prozent Marktanteil unangefochten Marktführer in Nordamerika und die Hymer-Gruppe mit ihren 24 Marken und rund 25 Prozent Marktanteil die Nummer eins in Europa.

Zur Gruppe gehören unter anderem die Marken Bürstner, Dethleffs, Laika, Eriba und Carado. Nun entsteht eine neuer weltweiter Gigant mit zehn Milliarden Dollar Umsatz und einem Marktanteil von mehr als 30 Prozent. „Wir schaffen einen weltweiten Marktführer“, sagte Thor-Chef Martin.

„Hymer ist eine Gelegenheit, wie man sie einmal im Leben bekommt.“ Die Überschneidungen sind denkbar gering. Die Hymer Gruppe erzielt nur rund 300 Millionen Euro Umsatz in den USA. Die Amerikaner dagegen sind in Europa überhaupt nicht aktiv.

Manager Brandt krönte mit dem Deal seine Erfolgsstory bei Hymer, auch wenn das Unternehmen übernommen wird. Der gebürtige Oberschwabe studierte Wirtschaftsingenieurwesen in Karlsruhe. Seine Karriere begann der heute 58-Jährige als Berater zunächst bei Mercer dann bei Baumgartner & Partner in München. Bevor er vor drei Jahren als Branchenfremder zu Hymer kam, war er COO beim österreichischen Leuchttechnik-Hersteller Zumtobel.

Seitdem Brandt an der Spitze steht, hat sich der Umsatz des schwäbischen Mittelständlers auf 2,5 Milliarden Euro mehr als verdoppelt. 7.300 Beschäftigte fertigten im gerade abgelaufenen Geschäftsjahr knapp 624.000 Fahrzeuge. Ein Rekord. Brandt hat die Braut mehr als hübsch gemacht.

Viele Gemeinsamkeiten

„Es war seit Längerem klar, dass die Kinder andere Pläne haben und operativ nicht im Unternehmen tätig sein möchten“, sagt Brandt. Christian Hymer, Sohn von Gründer Erwin Hymer ist als Aufsichtsrat aktiv. Er begründete den Verkauf des Familienerbes so: „Mit Thor Industries hat unsere Familie den idealen neuen Eigentümer für die Erwin Hymer Group gefunden. Thor Industries und die Erwin Hymer Group sind aus demselben Holz geschnitzt und in ihrer Unternehmenskultur von ihren Gründern geprägt.“

Thor-Chef Martin war denn auch fünfmal in diesem Jahr in Deutschland, um Hymer kennenzulernen. „Wir sind für unseren respektvollen Umgang bei Übernahmen bekannt“, betont er. Das zeigten die Beispiele wie Airstream, Heartland und Jayco. Die Familien seien auch nach der Übernahme noch in die Unternehmen involviert, versichert Martin.

Die Amerikaner haben mit den Schwaben mehr gemeinsam als es auf den ersten Blick scheint. Beide Firmen sind trotz ihrer Größe sehr bodenständig geblieben. Thor hat seinen Sitz in der Kleinstadt Elkhart in Indiana. Das passt zum idyllischen Bad Waldsee, der Heimat von Hymer.

Thor Industries wurde 1980 von Wade Thompson und Peter Orthwein gegründet. Der Name ergibt sich aus den ersten beiden Buchstaben der Gründer. Sie kauften die bekannte, aber marode Wohnwagenmarke Airstream auf. Die schrieb Verluste von zwölf Millionen Dollar.

Beide sanierten den Hersteller, indem sie die Produktlinie modernisierten. Schon im ersten Jahr war Thor profitabel. 1984 ging die Firma an die Börse. Es folgte eine Reihe geschickter Übernahmen von bekannten Caravan- und Reisemobilherstellern wie Dutchmen, Four Winds, Heartland und zuletzt Jayco. Heute sind 18 verschiedene Marken unter dem Dach vereint.

„Wirtschaftlich richtiger Schritt“

Im Geschäftsjahr 2016/17 verkaufte Thor 237.000 Fahrzeuge – zu 90 Prozent in den USA. Rund 18.000 Mitarbeiter erwirtschafteten einen Umsatz von 7,3 Milliarden Dollar. Der Nettogewinn lag bei stattlichen 374 Millionen Dollar. Die Anleger begrüßten den Zukauf des deutschen Familienunternehmens. Der Aktienkurs von Thor stieg nach Börsenstart um sieben Prozent auf 85,9 Dollar.

Auch Branchenexperten wie Peter Greischel, Professor für Unternehmensführung und Marketing der Hochschule München, werten den Verkauf als sinnvoll. „Der Zusammenschluss der beiden Marktführer in Europa und USA ist ein betriebswirtschaftlich logischer und richtiger Schritt.“

Die klare industrielle Ausrichtung sei für die Hymer Gruppe sehr gut, ein Finanzinvestor hätte keine realistischen Synergien bieten können, ein Börsengang in Deutschland ebenfalls nicht. Durch die Übernahme werde für die Hymer Gruppe eine weitere Expansion in den angestammten Märkten und insbesondere in den asiatischen Raum leichter möglich. „Zusammen mit Thor können auch beträchtliche Investitionen in die Elektromobilität gestemmt werden, die für Hymer alleine kaum finanzierbar gewesen wären“, meint Greischel.

Denn Hymer-Chef Brandt arbeitet schon länger an seinem Traum – einem elektrischen Reisemobil. Auf dem ist Solarfolie verklebt, die Strom erzeugt – auch fürs Kochen. „Ab 500 Kilometern Reichweite wird unser E-Home marktreif“, verspricht Brandt.
Mit dem Verkauf des Familienunternehmens nach Amerika endet eine Ära.

Vor 60 Jahren entwickelte Maschinenbauer Erwin Hymer mit dem Flugzeugkonstrukteur Erich Bachem den Prototyp des Caravans, den „Ur-Troll“. Mit der Autofirma Borgward bauten beide 1961 dann das erste Reisemobil. Hymer war ein detailversessener Tüftler. Der Patriarch war bei fast jedem Vorstellungsgespräch dabei. Wer vom Bauernhof kam, wurde sofort eingestellt. „Das sind Leute, die können schaffen“, war er überzeugt.

„Erwin Hymer hat mit viel Erfindergeist, Fleiß, Durchsetzungskraft und unternehmerischem Geschick, aber auch mit Menschlichkeit und Humor ein innovatives Weltunternehmen geschaffen“, meint Peter Jany, Hauptgeschäftsführer der IHK Bodensee-Oberschwaben. Der Pionier starb vor fünf Jahren. „Wir kaufen nur gut geführte Unternehmen“, betont Thor-Chef Martin. Brandt bleibt jedenfalls weiter an der Hymer-Spitze. Sein Vertrag läuft noch drei Jahre.

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