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Giesecke & Devrient

Die Banknotendruckerei galt bisher als verschlossen.

(Foto: Pressefoto Giesecke & Devrient)

Giesecke & Devrient Vom Papier zur Kryptowährung: Der Banknotendrucker denkt um

Der Banknotendrucker stellt sich schon seit Jahren auf das virtuelle Bezahlen ein – und legt den Fokus auf die Infrastruktur des digitalen Geldes.
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Der Banknotendrucker Giesecke & Devrient stellt sich schon seit Jahren auf das virtuelle Bezahlen ein – und legt den Fokus auf die Infrastruktur des digitalen Geldes. Quelle: dpa
Banknoten-Produktion

Der Banknotendrucker Giesecke & Devrient stellt sich schon seit Jahren auf das virtuelle Bezahlen ein – und legt den Fokus auf die Infrastruktur des digitalen Geldes.

(Foto: dpa)

München Lang wie ein Sattelschlepper und ebenso hoch: Die gewaltige, gebogene Videowand im Erdgeschoss der Zentrale von Giesecke + Devrient (G+D) würde jedem Kino zur Ehre gereichen. Das Wunderwerk der Unterhaltungselektronik ist das sichtbarste Zeichen des Wandels bei dem traditionsreichen Sicherheitsspezialisten. Wo die Kunden aus aller Welt heute hochemotionale Imagefilme über das Bezahlen der Zukunft anschauen, hat das Familienunternehmen vor ein paar Jahren noch Banknoten bedruckt.

Vom Papier in die virtuelle Welt: Die Münchener stellen sich schon seit Jahren darauf ein. Ralf Wintergerst aber hat erkannt, dass er nun ganz neue Wege gehen muss. Denn der nächste Sprung ist ein großer. „Wir befassen uns heute schon mit Geschäftsmodellen, wie wir eines Tages Infrastrukturen für digitale Währungen bereitstellen könnten“, sagt der Chef des Technologieunternehmens. Es geht um die Bitcoin von G+D sozusagen.

Mit den bisherigen Vorgehensweisen wird dies der 1852 gegründeten Firma nicht gelingen, ist Wintergerst überzeugt. Was bislang undenkbar erschien, soll deshalb bald ganz normal sein. Zum Beispiel Kooperationen. „Es ist ganz klar, dass die eigene Forschung und Entwicklung alleine nicht mehr reicht“, erklärt Wintergerst. „Alles selbst zu machen dauert zu lange und ist zu risikoreich.“ Daher werde sich das Unternehmen mit seinen gut 11.000 Mitarbeitern nach Partnern umschauen.

Oder Übernahmen: Höchst selten hat sich G + D je durch Zukäufe verstärkt. Das wird sich ändern. Zwei Firmen haben die Bayern allein vergangenes Jahr gekauft. Einerseits Transtrack, einen niederländischen Hersteller von Software zur Kontrolle des Bargeldumlaufs. Andererseits einen Bereich der Bank Crédit Agricole, verbunden mit einem Großauftrag der Franzosen zur Personalisierung von Zahlungskarten.

Zu Besuch bei Start-ups in China

Auch Beteiligungen stehen inzwischen auf der Agenda. Es gebe so viele tolle Ideen auf der Welt, meint Wintergerst, die allermeisten davon bei kleinen, jungen Firmen. Deshalb hat er G+D-Ventures gegründet. „Wir sehen uns als strategischen Investor“, sagt der Manager.

Er will sich an Start-ups, die interessante Technologien nutzen, mit Anteilen zwischen 5 und 15 Prozent beteiligen. An IDnow hat er vergangenes Jahr schon zwölf Prozent übernommen. Die Münchener bieten eine Plattform zur Identitätsüberprüfung an. Am Login-Dienst Verimi erwarb er sechs Prozent.

Im August will der Betriebswirt nun nach China reisen, um sich dort in der Start-up-Szene umzuschauen. Ob sich daraus eine Beteiligung ergibt? Das sei völlig offen, meint Wintergerst, aber eben auch nicht ausgeschlossen wie früher.

Das ist noch nicht alles. Mit „Advance 52“ hat Wintergerst einen Brutkasten für Start-ups aus dem eigenen Haus geschaffen. In dem sogenannten Inkubator sollen experimentierfreudige Kollegen an neuen Geschäftsmodellen und Technologien tüfteln.

Eine kleine Firma ist daraus bereits entstanden: Build 38, ein Start-up, das Apps sicher machen möchte. Bislang hält G + D 70 Prozent der Anteile, der Rest gehört den Mitarbeitern. Wintergerst sucht nun einen Investor für den jungen Ableger und ist bereit, die Mehrheit abzugeben.

Der Horizont reicht bis zu den Enkeln

Viel Veränderung für eine Firma mit einer so langen Geschichte. Vor allem aber in einem Betrieb, der kerngesund ist. Die zentrale Frage sei allerdings, wie G+D in einer immer unübersichtlicheren Welt wachsen könne, sagte ein Aufsichtsrat des Konzerns dem Handelsblatt, der nicht namentlich genannt werden wollte. In einer Welt, in der Facebook eine eigene Kryptowährung einführen möchte, in der Apple und Google zu Zahlungsdienstleistern werden und chinesische Konzerne wie Alibaba Banken komplett ersetzen.

Wintergerst hat schon als ehemaliger Judo-Europameister stets versucht, die Bewegungen des Gegners zu erahnen. Genau so will er mit seinem Umbau nun die Voraussetzungen schaffen, dass G+D floriert, wie auch immer sich die Wirtschaft und Technik entwickelt.

Denn das ist der Auftrag, den ihm die Eigentümerin Verena von Mitschke-Collande vom ersten Tag an mitgegeben hat: Die Firma „enkelfähig“ zu machen, also so zu führen, dass auch die übernächste Generation noch ihre Freude daran hat.

Die Besitzerin hat bereits ihre vier Kinder an der Firma beteiligt. Alle zusammen geben sie G+D den nötigen finanziellen Spielraum, um für die Zukunft zu investieren. Für 2018 hat sich die Familie zehn Millionen Euro Dividende genehmigt. Das entspricht einem Fünftel vom Gewinn und liegt damit deutlich unter den Quoten, die viele Konzerne im Dax an ihre Aktionäre ausschütten.

G+D hat einen gewaltigen Vorteil gegenüber vielen anderen Firmen, die in ihrem angestammten Geschäft derzeit massiv unter Druck geraten: Wintergerst operiert von einer stabilen Basis aus.

Die seit jeher größte und mit Abstand wichtigste Sparte, die Banknoten, wächst nach wie vor. Vergangenes Jahr kletterte der Umsatz des Bereichs, den die Firma selbst Currency Technology nennt, um vier Prozent auf gut eine Milliarde Euro.

Natürlich hat sich auch dieses traditionelle Geschäft in den vergangenen Jahren massiv verändert. Früher hat die Firma das Papier geliefert oder die fertigen Scheine, heute übernehmen Wintergersts Leute zudem das Management der Banknotenbestände. In Ägypten etwa baut G + D derzeit für 260 Millionen Euro eine komplette Hochsicherheitsfabrik für Banknoten.

Auch die Sparte mobile Sicherheit legt zu. Sie ist vergangenes Jahr um sieben Prozent auf 868 Millionen Euro Umsatz gewachsen. Und das, obwohl das jahrzehntelang wichtigste Geschäft der Division mit SIM-Karten für Handys zurückgeht.

Zwei weitere Divisionen sind Teil der Gruppe: Veridos, ein Gemeinschaftsunternehmen mit der Bundesdruckerei. G+D gehören 60 Prozent der Anteile. Die Berliner stellen unter anderem Pässe und Ausweise her. Vierter und kleinster Bereich ist die börsennotierte IT-Firma Secunet aus Essen, die zu knapp 80 Prozent in Händen der Münchener liegt.

Was diese unterschiedlichen Bereiche verbindet? „Im Kern geht es immer darum, Transaktionen sicher zu machen. Sei es nun zwischen Menschen wie heute üblich, oder künftig auch zwischen Maschinen“, sagt Manager Wintergerst.

Diese Beziehung zwischen Mensch und Maschine wird immer komplexer. Statt Geheimzahl oder Unterschrift könnten sich neun von zehn Bundesbürgern vorstellen, den Fingerabdruck im Laden beim bargeldlosen Zahlen zu nutzen. Das ergab jüngst eine Umfrage des IT-Verbands Bitkom. Fast jeder Zweite würde auch seine Iris an der Kasse scannen lassen, ein Drittel das eigene Stimmenprofil nutzen und fast eben so viele die Gesichtserkennung. Für G+D ein hochspannendes Feld.

Auch der E-Commerce bietet Chancen für einen Sicherheitsspezialisten wie G + D. Dem Bitkom zufolge wurden im vergangenen Jahr 12 Prozent der Internetnutzer in Deutschland beim privaten Einkauf oder bei Verkaufsgeschäften betrogen. Von Mitte September an gelten daher neue Regeln, wie sich Onlinekäufer ausweisen müssen. Mit sicheren, digitalen Bezahlverfahren kennt sich G + D bestens aus.

Um stets die besten Lösungen zu finden, hat Wintergerst darüber hinaus ein zentrales, übergreifendes Technikbüro eingerichtet, das sogenannte Corporate Technology Office. Die Experten in der Einheit bewerten Technologien und sorgen dafür, dass die bevorzugten Verfahren im ganzen Konzern eingesetzt werden.

Notenbanken gehören seit jeher zu den wichtigsten Kunden von G + D. Mit den Zentralbankern diskutiere er schon lange über digitale Währungen, betont Wintergerst. Seine Leute seien eifrig dabei, geeignete Verfahren und Technologien zu finden, um eines Tages selbst Bitcoin-Alternativen anbieten zu können.

Neubau für Start-ups, Lokale und Läden

Wer sich so mit der Zukunft befasst, der will auch eine inspirierende Arbeitsumgebung. Und so ist es bald vorbei mit der abgeschotteten Zentrale. Den Modernisierungsschub bei G + D werden dann nicht mehr nur die Besucher vor der Videowand erkennen.

Die Eigentümerfamilie hat sich gerade entschlossen, am Stammsitz an der Münchener Prinzregentenstraße einen Neubau zu errichten. Erstmals öffnet sich das bislang so verschlossene Unternehmen: Start-ups sollen einziehen, Partner aus der IT-Branche, im Erdgeschoss werden Lokale und Läden angesiedelt.

Die Eigner können sich das leisten: Das Geschäft läuft offenbar ordentlich. „Wir liegen deutlich über Vorjahr und auch gut über Plan“, sagt Wintergerst.

Mehr: Verschwindet unser Bargeld, weil Regierungen oder Notenbanken es abschaffen wollen? Diese Diskussion wird hitzig geführt. Die Antworten auf die wichtigsten Fragen.

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