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Gründer-Studie Hohe Kosten treiben Start-ups an neue Standorte

Eine umfangreichen Studie des Investors Atomico zeigt: Die europäische Start-up-Szene blickt zunehmend auf Standorte jenseits von Metropolen wie Berlin.
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In der deutschen Hauptstadt ist die Konkurrenz um Talente hoch. Quelle: Unsplash
Berlin

In der deutschen Hauptstadt ist die Konkurrenz um Talente hoch.

(Foto: Unsplash)

Hamburg Aachen, Köln, Bremen, München, Konstanz – die Finalisten des Start-up Wettbewerbs „The Spark“ kommen nicht nur aus Berlin. Wenn das Handelsblatt und McKinsey an diesem Donnerstagabend die Preise in Berlin vergeben, haben einige Gründer eine weite Anreise hinter sich.

Dahinter steckt ein größerer Trend: Die Start-up-Szene in ganz Europa konzentriert sich nicht länger nur auf wenige Metropolen. „Tech beeinflusst inzwischen alle Branchen. Daher folgen viele Gründer gewachsenen Branchenschwerpunkten – oder gründen einfach in ihrer Heimat“, sagt Tom Wehmeier vom Londoner Investor Atomico.

Der Risikokapitalgeber, der etwa den Zahlungsdienstleister Klarna und den Flugtaxi-Entwickler Lilium mitfinanziert, gibt jährlich einen der umfangreichsten Reports zum Stand der europäischen Gründerszene heraus. Für die fünfte Ausgabe haben die Londoner Daten aus zwölf Quellen analysiert, befragten 5000 Gründer, Investoren und Tech-Leute und führten mehr als 50 Tiefeninterviews.

„Wir sehen inzwischen eine starke Tech-Community in Deutschland nicht länger nur in Berlin, sondern auch in München und mehreren kleineren Städten wie Darmstadt“, sagt Wehmeier. „Gründer haben mehr Ort-Optionen als je zuvor.“ Daher müsse die lokale Politik umso mehr tun, um ihre jeweilige Stadt attraktiv zu halten.

In Deutschland sind fast alle regionalen Wirtschaftsförderer in dem Bereich aktiv. In Hamburg sammelt der Investor Neuhaus Partners derzeit einen 100 Millionen Euro schweren Fonds in Partnerschaft mit der Förderbank ein. Zudem baut eine Initiative um den Direktor des Hamburger Wirtschaftsinstituts HWWI, Henning Vöpel, aus einem ehemaligen Mailänder Expo-Pavillon den Digitalcampus „Hammerbrooklyn“, damit die Stadt den Anschluss behält.

In Nordrhein-Westfalen wetteifern Rheinland und Ruhrgebiet mit Start-up-Veranstaltungen um die Gunst der Gründer. An klassischen Industriestandorten wie Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz nutzen Gründer zunehmen die Nähe zu etablierten Unternehmen.

London zieht an – und verliert gleichzeitig

Denn die Szene bleibt europaweit in Bewegung: Frankreichs Präsident Emanuel Macron verleiht dem Start-up-Standort Paris mit einem Fünf-Milliarden-Euro-Fonds und verbilligten Büromieten neuen Schwung. London dagegen leidet derzeit unter der Brexit-Unsicherheit. Neue Regeln für Migration und ein Ersatz für die Start-up-Förderprogramme der EU durch die British Business Bank zeichnen sich gerade erst ab.

Vor allem aber schrecke die Diskussion um nationale britische Zuwanderungsregeln IT-Talente aus Osteuropa ab, die nun verstärkt nach Berlin ziehen, beobachtet Oscar Jazdowski, Deutschland-Chef der Silicon Valley Bank. Zudem könnten Berliner Start-ups gut Aufgaben nach Osteuropa auslagern. Einen Engpass sieht er daher eher bei Produktmanagern und Vertrieblern als bei Programmierern.

Berlin ist für europäische Ausländer inzwischen auch laut der Umfrage genauso attraktiv wie London. Für außereuropäische Ausländer bleibt die britische Hauptstadt ein Magnet – wohl auch wegen der fehlenden Sprachbarriere etwa für Amerikaner. Umgekehrt verliert allerdings keine andere europäische Metropole so viele Talente an Standorte in Übersee wie London.

Bei der Frage, wo Gründer morgen ein Start-up ansiedeln würden, büßt Berlin gegenüber dem Vorjahr an Popularität ein, bleibt aber auf Platz zwei. 34 Prozent der befragten würden die Stadt auswählen – sechs Prozentpunkte weniger als im Vorjahr. Vorn liegt trotz leichter Verluste London mit 37 Prozent.

Ein Grund für die insgesamt leicht rückläufige Beliebtheit spielen wohl die Kosten für eine Gründung – im Fall der technologiegetriebenen Start-ups nicht zuerst wegen steigender Mieten, sondern wegen ausufernder Gehälter für Programmierer.

In Berlin trägt dazu bei, dass dort viele Großkonzerne einen Digital-Ableger starten – von Volkswagen über Mondelez bis Roland Berger. Das verschärft die Knappheit an Fachleuten, die schon jetzt etliche Start-ups bremst. Zuletzt hat der US-Elektroautobauer Tesla angekündigt, im Raum Berlin nicht nur ein sein erstes europäisches Werk, sondern auch ein Entwicklungszentrum aufbauen zu wollen. Erste Stellen sind ausgeschrieben.

Ein Start-up mit 25 Mitarbeitern muss laut den Daten in Berlin mit jährlich Kosten von 2,26 Millionen Euro kalkulieren – kaum weniger als in Paris. Darüber liegen in München mit 2,64 Millionen Euro und London mit 2,8 Millionen Euro. Der Abstand zum Silicon Valley mit 3,85 Millionen Euro bleibt groß.

Vergleichsweise günstig sind Madrid und Barcelona mit jeweils gut 1,8 Millionen Euro. Dennoch bleibt Berlin sowohl bei Investitionen als auch beim Image europaweit auf Platz zwei unter den Gründern liegt.

Berlin punktet mit Netzwerkeffekten

Insgesamt seien die Kosten in den Gründermetropolen höher – ein Faktor, der langfristig gegen die Metropolen arbeite und neue Standorte begünstigt, meint Wehmeier. An Attraktivität gewinnt beispielsweise Warschau, wo die Gehälter der Programmierer deutlich niedriger sind als im nahegelegenen Berlin. Dem gegenüber stehen jedoch die Netzwerkeffekte in der deutschen Hauptstadt: Gründer können leichter Kontakte knüpfen, der Talent-Pool insgesamt ist größer, der Zugang zu Kapitalgebern leichter.

Schwächen zeigt Berlin jedoch beim Trendthema derjenigen Unternehmen, deren Geschäftsmodell auf nachhaltige Entwicklungsziele einzahlen. Bei solchen Unternehmen, die etwa in Bereichen wie Gesundheits- und Umwelttechnik aktiv sind, sieht die Studie Deutschland unterdurchschnittlich vertreten, während Schweden – besonders wegen eines großen Batterie-Deals mit dem Start-up Northvolt – stark abschneidet.

Und: Pro Kopf gerechnet liegt Deutschland beim eigesammelten Venture Capital dennoch im europäischen Vergleich nur auf Platz elf. Geld kommt daher oft aus dem Ausland: Deutschland liegt bei den Investitionen weiterhin auf Platz zwei hinter Großbritannien.

„Wir verzeichnen ein Rekord-Niveau an Investments auf dem Kontinent“, sagt Wehmeier. Vor allem das Kapital für spätere Wachstumsphasen, bislang ein Engpass, steht immer üppiger zur Verfügung – was etwa Runden mit dreistelligen Millionenbeträgen für Berliner Unternehmen wie Flixbus und Adjust zeigen.

Mit der stärkeren Internationalisierung einher geht stärkeres Investment aus Amerika und Asien – vor allem bei den zunehmenden großen Runden. „Die internationalen Investoren vertrauen der europäischen Gründerszene zunehmend“, sagt Wehmeier. Einerseits sei das eine gute Nachricht – andererseits drohten europäische Gründungen schleichend nach Asien oder Amerika ausverkauft zu werden. Es kommt also auf den Einzelfall an.

Doch auch aus Europa kommt mehr Geld. Die Risikokapitalgeber erhalten deutlich mehr Zuspruch von Family Offices und Pensionsfonds – neben öffentlichen Geldgebern wie dem European Investors Fund, die die Szene deutlich unterstützen.

„Das ist eine nachhaltige Grundlage in Europa für weitere erfolgreiche Jahre“, sagte Wehmeier. Das Auftauchen der Pensionsfonds zeige, dass auch stark ergebnisorientierte Investoren nach Europa schauten. Dazu tragen erfolgreiche IPOs bei.

Mehr: Frank Thelen sagt im Interview, warum er die TV-Gründershow verlässt, spricht über seine Zukunftspläne – und erklärt, auf welche Technologien Deutschland setzen sollte.

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