Gründerflaute Der Pioniergeist in Deutschland schwächelt

Das Klima für Unternehmensgründungen bleibt schlecht. Der deutschen Wirtschaft gehen die Gründer aus. Außerdem gebe es zu viele Existenzgründungen, die ohne Perspektive nur aus der Not geboren werden.
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Ein Schild des Berliner Start-Ups „Soundcloud“. In Deutschland bleiben Gründer zurückhaltend. Quelle: dpa

Ein Schild des Berliner Start-Ups „Soundcloud“. In Deutschland bleiben Gründer zurückhaltend.

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München/BerlinDer deutschen Wirtschaft gehen die Gründer aus. Konjunktursorgen und Euro-Schuldenkrise machen das Klima für Unternehmensgründungen auch zum Start ins Frühjahr frostig. Weil zudem die Chancen auf dem Arbeitsmarkt noch immer gut sind, verlassen immer weniger Menschen ausgetretene Pfade und wagen den Schritt in die Selbstständigkeit. Experten bereitet die Entwicklung zunehmend Sorgen: „Wenn wir in Zukunft einen starken Mittelstand haben wollen, dann brauchen wir Existenzgründungen, die nicht nur aus der Not geboren sind, sondern auch aus Pioniergeist“, sagt Marc Evers vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK).

Nur noch 346 400 gewerbliche Existenzgründungen zählte das Institut für Mittelstandsforschung in Bonn im vergangenen Jahr, das waren fast 14 Prozent weniger als 2011 und zugleich der tiefste Stand seit der Wiedervereinigung. Dabei beschleunigte sich der Abwärtstrend noch in der zweiten Jahreshälfte. Auch unter dem Strich führte das zu einem kräftigen Minus: 2012 wurden rund 24 100 Firmen mehr aufgelöst, als neu an den Start gingen. Seit Mitte der 1970er Jahre war das erst der zweite Negativsaldo, heißt es bei dem Institut.

Problematischer noch als die nackten Zahlen sehen die Experten aber die mangelnden Perspektiven vieler Existenzgründungen. Vor allem viele Solo-Gründer aus dem Dienstleistungssektor kommen ohne klare Geschäftsidee und Zielgruppe zu den Beratungsstellen der Industrie- und Handelskammern, sagt Experte Evers. Das Scheitern ist dann häufig vorprogrammiert. Zwar gelte: „Auch ein Nagelstudio ist innovativ, wenn es am Ort noch kein Nagelstudio gibt. Aber das dritte Nagelstudio in der Straße ist dann eben nur noch begrenzt innovativ.“ Vielversprechende Ideen aus Zukunftsbranchen wie Biotechnologie, Medizintechnik oder IT seien dagegen rar gesät: „Gerade einmal sechs Prozent aller Existenzgründungen sind dem Hightech-Bereich zuzuordnen. Das ist sehr wenig.“

Ein Grund für die Flaute dürfte auch sein, dass Arbeitslose seit Anfang 2012 keinen Rechtsanspruch mehr auf einen Gründerzuschuss von der Bundesagentur für Arbeit haben. Zu spüren bekam das beispielsweise auch Existenzgründer-Coach Harald Dill aus München, der in der Vergangenheit viele Arbeitsuchende auf dem Weg in die Selbstständigkeit beraten hat. „Das ist bei Null gerade“, sagt Dill, der sich nach einer Tätigkeit in einer Unternehmensberatung selbst vor zwölf Jahren mit der eigenen Firma an den Markt gewagt hatte. Nun ist er froh, dass er sich mit Coaching für Führungskräfte ein zweites Standbein geschaffen und kürzlich einen größeren Auftrag an Land gezogen hat.

Generell braucht Mut, wer mit einem eigenen Unternehmen an den Start geht - auch den Mut zum Scheitern, und damit ist es im sicherheitsverliebten Deutschland nicht unbedingt weit her. Laut Global Entrepreneurship Monitor belegt die deutsche Wirtschaft in puncto Gründungsneigung im Vergleich der Industrienationen einen der hinteren Ränge. Im Zusammenspiel mit dem Altern der Bevölkerung könnte das der deutschen Wettbewerbsfähigkeit mittelfristig empfindlichen Schaden zufügen, mahnt DIHK-Experte Evers. Deshalb müsse der Unternehmergeist auch jungen Leuten stärker nahegebracht werden. „Wir müssen wirklich in ganz Deutschland flächendeckend ökonomische Bildung in den Schulen bekommen.“ Nur dann könne Deutschland zu einem echten Gründerland werden.

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12 Kommentare zu "Gründerflaute: Der Pioniergeist in Deutschland schwächelt"

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  • Bei dieser Regulierungswut und Bevormundung kann ich es keinem verdenken, daß er/sie den Gedanken an Selbständigkeit fallen läßt.

    Ich habe schon vor Jahren die Brocken hingeschmissen und bin glücklich über diese Entscheidung.

  • Naja, die Erbschaftssteuer ist ja von der Partei der Besserverdienenden weit gesenkt wurden. Zumindest für vermögen > 1Mio.
    Also, nicht jammern!

  • Ach da hätte ich noch was vergessen: Hat man dann wider alle Umstände tatsächlich ein Unternehmen aufgebaut und möchte es an seine Kinder weitergeben, kommt die Erbschaftssteuer (die gerade mal wieder in der Diskussion steht verschärft zu werden).

    Und die Vermögenssteuer schaut auch schon wieder um die Ecke.

  • Erstaunlich, dass 'Pioniergeist' überhaupt noch vorhanden ist.

    Schon die mitunter horrenden Krankenkassenbeiträge für Selbständige (denen bei der Bemessung generell und unterbrechungslos ein Minimumeinkommen von 2000 EUR/Monat unterstellt wird) dürften abschrecken.

    Dazu gesellt sich eine inzwischen unsägliche, von Politikern auch noch beförderte, Stigmatisierung von Risikobereitschaft und risikobereiten (Eigen-)Kapitalgebern, mit der Konsequenz schwierigerer Gründungsfinanzierung resp. stärkerer Bankabhängigkeit.

    Last not least dräuende Steuer- und Abgabenverschärfungen; letztendlich wegen fragwürdiger 'Rettung' Dritter, deren Landsleute in diametralen Steuer- und Besitzverhältnissen belassen werden.

  • Ich kann jeden jungen Menschen nur von der Gründung eines Unternehmens in Deutschland abraten:

    Vor allem ist man Melkkuh: Finanzamt, IHK, GEZ, VBG - alle wollen Geld und gefütternt werden. Dazu eine enorme Bürokratie im Steuer- und Sozialversicherungsbereich.

    Wenn Unternehmensgründung, dann dort wo man als Unternehmer willkommen ist: Singapur, Dubai vielleicht auch Kanada.

    In Deutschland wird man am besten Ethikrat, Migrationsexperte, Genderforscher oder Waldorfkindergärtner.

  • "...die volle einbeziehung von selbstständigen in die sozialversicherung, mindestens in die rentenversicherung, kommt, wird sich auch das letzte grüppchen gründungswilliger dreimal überlegen, ob gründungen und selbstständigkeit hierzulande überhaupt gewollt sind."
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    Es ist doch nicht nur das. Zwangsbeiträge an allen Ecken und Kanten für irgendwelche Organisationen, die außer zu kassieren nichts leisten, eine ausufernde Bürokratie, die einem die Lust nimmt, überhaupt was anzufangen, Steuern ohne Ende, um Pleiteländer zu alimentieren, ein gründerfeinliches Kündigungsrecht, bei dem man sich zehnmal überlegt, überhaupt jemanden einzustellen, weil man ihn bei veränderter Umsatzlage oder auch nur mangelnder Leistungsbereitschaft (nach dem Motto: Wenn Du gerade nichts zu tun hast, dann steh nicht rum, sondern frag gefälligst nach Arbeit! Du bringst es nicht, brauchst morgen nicht mehr wiederzukommen!) nicht wieder loswerden kann, ohne gleich einen Arbeitsprozeß am Hals zu haben, und wenn dann wirklich mal eine geschäftsbedingte Kündigung möglich ist, dann muß eine Sozialauswahl getroffen werden, anstatt einfach den zu entlassen, der am wenigsten Leistung bringt (das muß keinesfalls immer der älteste sein. Es gibt genug "Luschen" unter den Jüngeren). Usw. usf.
    Sorry, aber wer noch eine zukunftsträchtige Firma aufbauen, dabei flexibel bleiben und obendrein noch uneingeschränkt Leistung von den Mitarbeitern verlangen will, der wandert besser in ein Land aus, in dem Engagement noch geschätzt wird und weniger Steine im Weg liegen!

  • Sie sind doch schon längst da,die neuen
    Unternehmer..400 angemeldete Gewerbe in einem
    Haus,wie Buschkowsky feststellte.
    Alle im Schrottgewerbe:-)
    Seit Ende der achtziger,gab es dann vermehrt die
    Dönerbuden.
    Borsig-Grundig usw.die alten Patriarchen,das war einmal.
    Klangvolle Gründernamen,die es heute so nicht mehr gibt.
    Auch ein Überbleibsel der 68er,die diesen Geist,aus
    der deutschen Agenda tilgten.
    Spielhallen und Rotlichtgewerbe florieren noch,aber
    auch nicht mehr unter deutschen Namen.


  • Volle Zustimmung!!!

  • Die bei den Unternehmern beschäftigten Leiharbeiter werden zum Schluß noch für die "Unternehmer" sammeln müssen! Von Ihrem unendlichen Lohn.

  • und wenn nach den wahlen die volle einbeziehung von selbstständigen in die sozialversicherung, mindestens in die rentenversicherung, kommt, wird sich auch das letzte grüppchen gründungswilliger dreimal überlegen, ob gründungen und selbstständigkeit hierzulande überhaupt gewollt sind.

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