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Hall of Fame – Der Dialog Fünf Lektionen, wie Familienunternehmen im Wettbewerb der Innovationen bestehen können

Auch alteingesessene Firmen brauchen disruptive Innovationen. Wie Kooperationen gelingen können und worin die größten Herausforderungen liegen.
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Die Manager der Wagner Group wollen die jahrzehntelange Expertise ihres Unternehmens in einen neuen Markt tragen. Quelle: Bildschön/Uwe Böhm
Bruno Niemeyer (links), Valentin Langen und Judith Dada

Die Manager der Wagner Group wollen die jahrzehntelange Expertise ihres Unternehmens in einen neuen Markt tragen.

(Foto: Bildschön/Uwe Böhm )

HamburgDie Zeit der Gewissheiten ist für mittelständische Unternehmen vorbei. Die Konkurrenten kommen aus der Start-up-Szene oder aus dem Silicon Valley. Es genügt nicht mehr, wenn in den eigenen Forschungs- und Entwicklungsabteilungen die Ingenieure über Produktverbesserungen brüten. Disruptive Innovationen entstehen nur dann, wenn möglichst viele Köpfe über viele Hierarchieebenen hinweg dafür rauchen.

Kurzum, Kooperationen innerhalb und außerhalb der Unternehmen, mit Lieferanten und Kunden, Start-ups und Universitäten, werden inzwischen als überlebenswichtig angesehen.

1. Keine Kooperation ohne Offenheit und Transparenz.

Vera Elter, Vorstand für Personal und Familienunternehmen bei KPMG, sieht einen großen Bedarf an Offenheit und Transparenz für eine gelungene Kooperation, und zwar innerhalb und außerhalb der Unternehmen. „Die Chefs müssen die Innovationen treiben“, fügt der Vorstandschef der Wagner Group, Bruno Niemeyer, hinzu.

Elter und Niemeyer sprachen zum Thema „Mut zur Kooperation“ auf der Handelsblatt Veranstaltung „Hall of Fame - Der Dialog“ in Kooperation mit der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft KPMG.

Die Wagner Group ist ein Hidden Champion aus Markdorf am Bodensee. Bislang bietet das Unternehmen mit 1700 Mitarbeitern und rund 420 Millionen Euro Jahresumsatz Beschichtungstechnologien für den Heimwerkerbedarf, für Handwerker und die Industrie.

Die Vorständin für Personal und Familienunternehmen bei KPMG sieht einen großen Bedarf an Offenheit und Transparenz für eine gelungene Kooperation. Quelle: Bildschön/Uwe Böhm
Vera-Carina Elter

Die Vorständin für Personal und Familienunternehmen bei KPMG sieht einen großen Bedarf an Offenheit und Transparenz für eine gelungene Kooperation.

(Foto: Bildschön/Uwe Böhm )

Bereits 2013 entstanden bei Wagner jedoch ersten Ideen, die jahrzehntelange Expertise zunächst gedanklich in einen neuen Markt zu tragen – von der Autofelge zur menschlichen Haut. Doch erst als Niemeyer Vorstandschef wurde, konnte auf einer breiteren Basis daran gearbeitet werden.

Mit Valentin Langen, der einst als Assistent der Geschäftsführung zu Wagner kam, schickte sich ein Mitarbeiter an, unternehmerisch agieren zu wollen. Sein Antrieb: „Innovationsgeschichte schreiben“ . Er leitet mit Ioniq Skincare ein unternehmenseigenes Start-up. Seit 2017 ist aus dem Projekt ein Unternehmen geworden, an dem rund 20 Mitarbeiter arbeiten.

In Studien haben Langen und seine Mitarbeiter erkannt, dass die menschliche Hand nicht besonders geeignet ist, wirklich gut eine „Beschichtung“ also Creme oder Lotion auf die Haut aufzutragen. Sonnenbrände auf den Füßen oder unter den Augen zeugten davon, erklärt Langen. Ioniq arbeitet nun daran, ein Gerät zu entwickeln, mit dem sich zum Beispiel Sonnenschutz so gleichmäßig auftragen lässt, dass garantiert keine Stelle ohne Schutz bleibt.

2. Wer eine gute Idee hat, braucht nicht unbedingt agile Einheiten fernab des Unternehmens in Berlin, um die richtigen Leute zu finden.

In der Kosmetikindustrie oder vielleicht auch bei der Krebsvorsorge sind Mechanismen am Werk, die für einen Anlagenbauer wie Wagner echtes Neuland sind. Zugleich bekommt der Mittelständler aber auch Bewerbungen aus Japan, weil viele Mitarbeiter aus der Generation Y eben an einem echten Zukunftsprojekt arbeiten wollen.

Nicht nur die Kleidung ist anders beim unternehmenseigenen Start-up. auch die Aufgabenstellungen unterscheiden sich. So gab Langen zum Beispiel das Ziel aus: „Wir brauchen einen Retweet von Jessica Alba.“ Zugleich gibt der Ioniq-Chef aber auch zu, dass er nicht überall gleich offene Türen eingerannt habe mit seinen Ideen, die so weit weg vom Kerngeschäft scheinen. Selbstkritisch gibt er zu, er hätte es vielleicht noch häufiger versuchen sollen.

Die beiden Unternehmen haben den Baumarkt „Horst“ in Hamburg-Bahrenfeld aufgebaut, der vor allem mehr weibliche Kunden und die städtische Bevölkerung locken soll. Quelle: Bildschön/Uwe Böhm
Arne Schultchen (Mitte) und Philipp Möller mit Handelsblatt-Redakteurin Anja Müller

Die beiden Unternehmen haben den Baumarkt „Horst“ in Hamburg-Bahrenfeld aufgebaut, der vor allem mehr weibliche Kunden und die städtische Bevölkerung locken soll.

(Foto: Bildschön/Uwe Böhm )

Viel Offenheit gehörte aber auch dazu, den Baumarkt der Zukunft zu entwickeln, erklärt Philipp Möller, der das Familienunternehmen Möller und Förster aus Hamburg in dritter Generation führt. Rund 60 Millionen Euro setzt das Unternehmen um, dazu zählen auch vier Hagebau-Märkte in Hamburg und vier in Mecklenburg-Vorpommern. Mehr als zwei Jahre ist es her, dass er und Arne Schultchen, Mitgründer von Design for Human Nature, gemeinsam mit der Arbeit begannen.

Auf Augenhöhe haben die beiden Firmenchefs viel recherchiert, Ladenlokale probehalber aufgebaut und komplett neu gestaltet. Seit einem guten halben Jahr gibt es „Horst“ in Hamburg-Bahrenfeld, eine Art Minibaumarkt auf einer Fläche von nur 750 Quadratmetern, der vor allem mehr weibliche Kunden und die städtische Bevölkerung locken soll.

Mit Heimwerkerkursen und kostenloser Ausleihe zum Beispiel von Schleifmaschinen soll die Kundenbindung gelingen. Während in klassischen Baumärkten manchmal 100.000 Produkte auf 20.000 Quadratmetern in langen Hochregalen feilgeboten werden, gibt es bei Horst nur die wirklich gängigsten Produkte, die man für seine Wohnung in der Stadt braucht.

Darunter sind auch Toilettendeckel, die man mit einem hochwertigen Laserdruck individualisieren kann, begehbare Farbfächer, in denen man den eigenen Körper in der gewünschten Wandfarbe anschauen kann, oder bewusst verpackungsarme Produkte, die viele umweltbewusste Stadtmenschen mögen.

In Hamburg diskutierten (von links) Valentin Langen, Bruno Niemeyer, Judith Dada, Lars Ruppel, Vera-Carina Elter, Philipp Möller, Anja Müller und Arne Schultchen. Quelle: Bildschön/Uwe Böhm
Hallo of Fame – Der Dialog

In Hamburg diskutierten (von links) Valentin Langen, Bruno Niemeyer, Judith Dada, Lars Ruppel, Vera-Carina Elter, Philipp Möller, Anja Müller und Arne Schultchen.

(Foto: Bildschön/Uwe Böhm )

Möller betont, dass auch die Zusammenarbeit mit Lieferanten eine völlig neue Qualität bekommen hat. Er und Schultchen gingen auf sie zu und fragten zum Beispiel nach ökologischeren Verpackungen für Lampen oder Nägel und kooperierten bei der Entwicklung. Die jahrzehntelang geübten Beziehungen wurden so auf eine ganz neue und nicht nur preisgetriebene Basis gestellt. Inzwischen wurde das Horst-Ladenkonzept vom Handelsverband Deutschland zum „Store of the Year 2019“ gekürt .

Arne Schultchen sagt, er tauche bei seinen Projekten wirklich tief in die Probleme des anderen ein. Dafür muss man auch Nähe zulassen, gar „ein freundschaftliches Verhältnis“, damit etwas Kreatives entstehen kann, was die Kunden in ihrer Lebenswirklichkeit abholt.

Vertrauen und Transparenz seien dafür sehr wichtig. Für manchen Familienunternehmer ist es ungewohnt, Wissen zu teilen, wenn man bislang nicht mal die Umsatzzahlen freiwillig preisgegeben hat.

3. Gesellschafter von Familienunternehmen müssen sich klar machen, ob sie als Familie oder als Unternehmen investieren. Auch die Gründer müssen das bei Ihrer Investorensuche berücksichtigen.

Judith Dada investiert als Principal des Wagniskapitalgebers La Famiglia mit inzwischen zwei Fonds in hochtechnologische Start-ups, vor allem in solche, die datenbasierte Geschäftsmodelle entwickeln oder durch maschinelles Lernen völlig neue Möglichkeiten im B2B-Geschäft ermöglichen.

Auf der Geldgeberseite der Fonds finden sich etablierte Familienunternehmen wie Viessmann, Miele, Mittal, aber auch bereits etablierte Gründer wie Niklas Zennström, der einst Skype mitentwickelte. Insgesamt hat La Famiglia in 29 Start-ups investiert.

Bei dem Fonds geht es aber um mehr als Geld für jungen Unternehmen, sondern um die Zusammenführung höchst unterschiedlicher Kulturen, um einen Brückenschlag zwischen agiler Gründerszene und etablierter Industrie. La Famiglia versteht sich als Plattform, die Kapital, Kontakte und Kooperationen zwischen beiden Welten bietet.

4. Angehende Gründer sollten ruhig ernsthafter prüfen, ob nicht auch ein Corporate Start-up der richtige Weg ist.

Vera Elter von KPMG wies darauf hin, dass auch Gründer sich die Frage stellen sollten, wer denn ihre Geldgeber sein sollen. Familienunternehmen, von denen inzwischen jedes zweite eine Kooperation mit Start-ups unterhält und die sich auch als erste Kunden und Sparringspartner anbieten für den Knowhow-Transfer, oder eben eine Unternehmerfamilie, die sich dann doch eher als Investor mit einem breiten Investmentfokus agiere.

Ioniq-Chef Langen findet es darüber hinaus wichtig, dass Gründer auch mal näher prüfen sollten, ob es nicht vielleicht sogar der bessere Weg sei, ein Corporate Start-up zu gründen. Neben einem sicheren Investor profitiere man sehr vom Knowhow-Transfer mit einem Marktführer und den etablierten Strukturen für das Back-office.

5. Start-ups und Familienunternehmen brauchen eine Konfliktkultur, damit etwas Gutes entstehen kann.

Risikokapitalgeberin Dada erklärte, dass sie bei ihren Investments auch gern auf die Expertise der etablierten Familienunternehmen zurückgreife, die die Märkte oft jahrzehntelang kennen. Sie selbst reist allerdings viel durch die Welt, weil es eben doch sehr wichtig sei, die Gründerteams wirklich kennen zu lernen. Sie fragt dann immer weiter: „Warum“, „Warum“, „Warum“, alle ihre Fragen müssten die Gründer beantworten können, erzählt sie.

Dabei, aber auch bei den Gesprächen mit den Familienunternehmen ist ihr aufgefallen, dass es vor allem hierzulande keine rechte Konfliktkultur gebe, bei der man auf der Sachebene auch klare Auseinandersetzungen nicht scheut, um wirklich etwas Neues zu schaffen. „Man muss lernen sich auch mal unkomfortabel zu fühlen.“

Mehr: Firmen in Familienbesitz sind für ihre Region oft von existenzieller Bedeutung. Eine exklusive Liste verrät, wer sich besonders lange gehalten hat.

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