Internationale Vorstände Vielfalt ist in Dax-Unternehmen oft Mangelware

Wie international sind die Vorstände der größten deutschen Unternehmen? Eine Studie zeigt: Der Ausländeranteil stagniert seit drei Jahren. Dafür entdeckt überraschend der Mittelstand die Internationalität.
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Anshu Jain, Co-Chef der Deutschen Bank, ist gebürtiger Inder mit britischen Pass. Quelle: dapd

Anshu Jain, Co-Chef der Deutschen Bank, ist gebürtiger Inder mit britischen Pass.

(Foto: dapd)

DüsseldorfAsien ist der Inbegriff für Wachstum. Kein deutscher Konzern, der nicht das Geschäft mit dem bevölkerungsreichsten Kontinent forciert. Doch die Bedeutung Asiens und besonders der aufstrebenden Wirtschaftsmacht China spiegelt sich noch nicht in den Vorstandsetagen der deutschen Dax-Konzerne wider: Lediglich vier von 191 Vorständen der Unternehmen kommen aus Asien. Alle sind Inder, der neue Co-Chef der Deutschen Bank Anshu Jain - ein gebürtiger Inder mit britischem Pass - eingerechnet.

Andere Asiaten sucht man vergeblich, seit der Taiwanese James Wei den Posten des Asien-Vorstands beim Kosmetikkonzern Beiersdorf Ende 2011 räumen musste. Sein Ressort verbuchte Verluste in dreistelliger Millionenhöhe.

Die neue Studie der Bonner Unternehmensberatung Simon-Kucher & Partners zeigt, dass die Anzahl aller internationaler Vorstände bereits im dritten Jahr in Folge stagniert: Knapp 28 Prozent der Dax-Vorstände sind ausländischer Herkunft.

Immerhin aber ist fast jeder dritte Vorstandsvorsitzende in Deutschland ein Ausländer. Internationale Vergleichszahlen gibt es kaum. Lediglich von der Schweiz ist bekannt, dass die 100 größten Unternehmen des Landes bei ihren Vorständen einen Ausländeranteil von 45 Prozent verzeichnen.

Den größten Teil der ausländischen Vorstände in Dax-Unternehmen stellen US-Amerikaner (15) - alleine vier finden sich im Vorstand von Fresenius Medical Care (FMC). Der Dax-Konzern unter der Führung des Amerikaners Ben Lipps hat den höchsten Anteil ausländischer Vorstände im ganzen Aktienindex. Das geht auf die Übernahme des weltweit größten Betreibers von Dialysekliniken, die amerikanische National Medical Care, durch den deutschen Medizintechnik-Hersteller Fresenius im Jahr 1996 zurück. Die zweitstärkste Ausländergruppe bilden die Österreicher (acht).

Mit Antonio Roberto Cortez im erweiterten Management Board bei MAN ist immerhin auch ein Brasilianer im Spitzenmanagement der deutschen Wirtschaft vertreten. Doch sieben Dax-Konzerne sind rein national zusammengesetzt. Davon haben sich Daimler, die Münchener Rück und die Commerzbank von ihren früheren internationalen Vorständen sogar wieder getrennt.

Frustrierende Gespräche in China

Jill Lee stammt aus Singapur und war im Finanzvorstand von Siemens in China. Quelle: Presseforo Siemens

Jill Lee stammt aus Singapur und war im Finanzvorstand von Siemens in China.

(Foto: Presseforo Siemens)

Vielfalt sieht anders aus. Dabei ist der Nutzen gemischter Führungsteams für die Wirtschaft unbestritten. Doch noch immer würden deutsche Unternehmen rund 21 Milliarden Euro jedes Jahr durch mangelhaftes Vielfaltsmanagement verlieren, errechnete die Unternehmensberatung Roland Berger. Damit die Integration in den Unternehmen Früchte trägt, müssen Vorbilder her, idealerweise von ganz oben. Und genau hier scheint die deutsche Wirtschaft auf der Stelle zu treten.

Aus China berichtet ein deutscher Headhunter, der anonym bleiben möchte, von frustrierenden Gesprächen mit chinesischen Topkandidaten für die Automobilbranche. „Sie lassen sich ein Organigramm des Unternehmens vorlegen und fragen dann, warum sie kommen sollen - es gebe doch nur deutsche Chefs und keine Aufstiegsperspektiven.“ Jill Lee zählt zu den Asiatinnen, die genau das ändern wollten. Als sie 2008 bei Siemens von Vorstandschef Peter Löscher, selber Österreicher, zur Beauftragten für Vielfalt berufen wurde, sollte sie Frauen und internationale Herkunft im Management fördern.

Lee, die aus Singapur stammt und Finanzvorstand von Siemens in China war, gab den Posten in München nach nur eineinhalb Jahren wieder auf. „Für Mitarbeiter ist es wichtig zu sehen, dass das Management aktiv eine Unternehmenskultur pflegt, in der jeder die gleichen Chancen hat - nur abhängig von seiner Leistung“, sagt Lee. „Man sollte das auch umsetzen, worüber man spricht.“

Die Frauenquote für Managementpositionen hatten ihre Kollegen während Lees Amtszeit abgelehnt. Heute ist die Asiatin einziges weibliches Mitglied im Verwaltungsrat des Schweizer Konzerns Sulzer. Vielfalt innerhalb der Belegschaft ist ihr weiterhin ein besonderes Anliegen, denn der Maschinenbauer ist weltweit aktiv. „Wenn die Kunden über den ganzen Globus verteilt sind, sollte der Vorstandsvorsitzende nicht nur auf ein homogenes Führungsteam setzen“, meint Lee. Die Zahl asiatischer Manager in den Vorständen europäischer Unternehmen wachse ständig, schneller gehe es wegen geringerer Barrieren allerdings in englischsprachigen Regionen und in Ländern mit niedrigeren arbeitsrechtlichen Auflagen.

Beim Spezialchemiekonzern Evonik - nicht im Deutschen Aktienindex notiert - ist Asien seit 2011 im Vorstand repräsentiert. Dahai Yu teilt mit fünf deutschen Kollegen die Führungsetage des Essener Unternehmens. „Wir arbeiten bestens zusammen, und das nicht erst, seit wir Vorstandskollegen sind.“ Der promovierte Chemiker, stammt aus Schanghai und hat in Deutschland studiert. Der 51-Jährige verantwortet das China-Geschäft der früheren RAG, die den Steinkohle-Bergbau im Ruhrgebiet betreibt. Mehr als eine Milliarde Euro des Evonik-Umsatzes mit Kunststoffen kommen bereits aus China.

Der Mittelstand kommt in Bewegung

Beim Flugzeugbauer Airbus geht es bereits international zu. Im Vorstand finden sich Deutsche, Franzosen, Briten und Spanier. Quelle: dapd

Beim Flugzeugbauer Airbus geht es bereits international zu. Im Vorstand finden sich Deutsche, Franzosen, Briten und Spanier.

(Foto: dapd)

Yu hat den Aufstieg vom Stipendiaten bis zum Präsidenten für das China-Geschäft geschafft. „Ich hatte viele Vorgesetzte, die mir vertraut und die mich gefördert haben“, sagt Yu, „davon will ich dem Unternehmen als Vorstandsmitglied vieles zurückgeben.“

Auch im deutschen Mittelstand kommt Bewegung in die Vorstandszirkel. Das Traditionsunternehmen Freudenberg, das immer noch im Besitz der Gründernachkommen ist, und Dichtungen, Filter und Vliesstoffe herstellt, hat Anfang des Monats erstmals einen iranischstämmigen Amerikaner zum Sprecher der Geschäftsführung gemacht: Mohsen Sohi lenkt jetzt die Geschicke des baden-württembergischen Konzerns, der mit 37.000 Mitarbeitern in 58 Ländern aktiv ist.

„Wir arbeiten daran, unser Unternehmen noch internationaler aufzustellen. Die Besetzungen unserer Führungspositionen sollen unsere Mitarbeiter und Märkte noch deutlicher widerspiegeln, vor allem in Asien“, sagt Sohi, „im Übrigen haben wir seit vielen Jahren zwei Unternehmenssprachen, Deutsch und Englisch.“

Um die Marktchancen in der Welt nutzen zu können, sei es ein Vorteil, selbst für kulturelle Vielfalt zu stehen. Das paneuropäische Unternehmen Airbus lebt es bereits vor. Bei dem Flugzeugbauer steht das weltweite Geschäft mit den Fluglinien im Vordergrund, im Airbus-Vorstand finden sich Deutsche, Franzosen, Briten, Spanier.

Aus dem Management wachsen internationale Kandidaten wie Zuzana Hrnkova nach: Die gebürtige Slovakin ist seit 2011 Chefin des Kabinenmarketings von Airbus, einer wichtigen Schnittstelle im Kampf um internationale Kunden. Die 44-Jährige schätzt den „Schmelztiegel der unterschiedlichen Kulturen“ im Unternehmen. Ihr Ziel: Eine Leitungsfunktion beim Luftfahrtkonzern EADS. Denn Osteuropäer sind wie Asiaten auf den Chefsesseln ebenfalls unterrepräsentiert.

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3 Kommentare zu "Internationale Vorstände: Vielfalt ist in Dax-Unternehmen oft Mangelware"

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  • Gott was sind wir doch übermässig anbiedernd politisch korrekt:

    Haben denn die Chinesen ein festes Streben, DEUTSCHE Manager in die Chefposten zu heben? Oder sonst irgend ein Industriestaat? Mitnichten.

    Wir Luschen sind die einzigen weltweit, die den eigenen Machtanspruch fürchten und wegwerfen. Selbstaufgabe bis zum Erbrechen, alle Welt soll uns bloss NETT finden.

    Mir ist es tatsächlich lieber, wenn ich eine DEUTSCHE Konzernführung habe, dessen Mentalität der 'rechtsrheinischen Konsenskultur' entstammt - anstatt einem amerikanischen Turbokapitalisten, der wahrscheinlich als erste Amtshandlung die Konzernsprache auf Englisch umstellt.

  • kleine anmerkung: das mentale modell eines managers beinhaltet keine gleichberechtigung und ist stark hierachisch...

  • Blödsinn, woher man kommt ist leider noch nicht egal. Dabei spielt die Hautfarbe keine Rolle, aber ein chinesischer/arabischer Manager wird ein anderes Verständnis von sozialen/religösen Normen haben.

    Wenn das mentale Modell des Managers keine Gleichberechtigung und starkes Hierarchie-Denken beinhaltet, haben sie nix in der westlichen CEO Etage zu suchen. Genauso wie radikale Muslime nix in der deutschen Politik zu suchen haben.

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