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Martin Brandt, Chef der Erwin Hymer Group

„China entdeckt erst das Camping. Aber das wird ein riesiger Markt, und wir werden dabei sein.“

(Foto: Philip Kistner / Erwin Hymer Group)

Martin Brandt Hymer Group vor dem Börsengang – „Sorgfalt und Qualität sind die entscheidenden Kriterien“

Der Hymer-Chef Martin Brandt spricht im Interview über die Börsenpläne der Gruppe, Übernahmegerüchte und neuartige Roboter-Wohnmobile.
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Das ältere Ehepaar auf dem Caravan Salon ahnt nicht, dass es sich gerade Tipps vom Chef höchstpersönlich holt. Freundlich wie ein einfacher Verkäufer erklärt Martin Brandt dem Paar, wo es die gewünschten Modelle findet, fast so, wie wenn ein Camper im Urlaub den Neuankömmlingen zeigt, wo die Waschhäuser sind.

Der Hymer-Chef liebt diesen zufälligen Undercover-Kontakt mit dem Kunden. Seit drei Jahren hat der branchenfremde Manager den europäischen Marktführer zurück in die Erfolgsspur gebracht. Jetzt sucht er für die Eigentümerfamilie neue Besitzer. Auf dem Messestand gibt er sein einziges Interview dazu dem Handelsblatt.

Herr Brandt, Sie wollten bis Ende August einen Investor für die Hymer-Gruppe gefunden haben oder sich für einen Börsengang entscheiden. Wie weit sind Sie?
Zeit ist nicht das entscheidende Kriterium – sondern Sorgfalt und Qualität.

Warum die Verzögerung?
Die Familie Hymer sucht nach der besten Lösung. Es geht darum, das Unternehmen erfolgreich in die Zukunft zu überführen und die Grundlage für weiteres Wachstum zu schaffen. Daher der zweigleisige Prozess. Dazu zählen Gespräche mit strategischen Investoren. Parallel sind Banken mandatiert für einen Börsengang.

Damit wollen Sie doch nur zusätzlichen Druck erzeugen?
Ganz und gar nicht. Der Börsengang ist eine ernsthafte Option. Es geht um eine optimale Lösung.

Es sollen sich ja große Private-Equity-Häuser interessieren. Sind Finanzinvestoren ausgeschlossen?
Nein, sicherlich nicht.

Es ist schwer vorstellbar, dass die Gründerfamilie das Schicksal ihres Unternehmens Finanzinvestoren überlassen wird.
Investoren können einem Unternehmen guttun und es zum Beispiel noch effizienter machen. Auch können deren internationalen Kontakte hilfreich sein.

Wie viele und welche Interessenten gibt es denn?
Dazu kann ich nichts sagen. Es kommt auf Qualität und nicht Quantität an.

Wenn die Hymer-Gruppe als europäischer Marktführer bei Wohnmobilen und Caravans so attraktiv ist, warum dauert der Prozess denn dann so lange?
In einem zweigleisigen Prozess ist es üblich, verschiedene Kriterien zu durchdenken und bewerten. Das ist Teil der unternehmerischen Verantwortung.

In welchem Stadium sind Sie denn?
Beim Durchdenken und Bewerten.

Für einen Börsengang bis zum Jahresende wird es aber langsam ein bisschen knapp.
Unser Geschäftsjahr endete erst Ende August. Wir haben keinen Druck.

Wollen die Eigentümer jetzt auch die Mehrheit abgeben?
Ja, das hat sich im Prozessverlauf geändert.

Wie kam es zum Sinneswandel?
Es hat sich in den bisherigen Gesprächen gezeigt, dass Interesse an einem Mehrheitsanteil an der Gruppe besteht.

Mit dem Nebeneffekt, dass Sie einen höheren Preis erzielen können. Was ist denn Hymer wert, zwei Milliarden, wie es in der Branche heißt? Oder drei Milliarden, die die Eigentümer laut Finanzkreisen haben wollen?
Dazu haben wir uns nicht geäußert und werden das auch jetzt nicht tun.

Erwin Hymer, der Pionier der Reisefahrzeugbranche, ist vor fünf Jahren gestorben. Wollen die Erben nur Kasse machen?
Es ist seit Längerem klar, dass die Kinder andere Pläne haben und operativ nicht im Unternehmen tätig sein möchten. Sie nehmen stattdessen Aufgaben im Aufsichtsrat wahr. Die Familie Hymer ist sehr bodenständig und am Stammsitz in Bad Waldsee präsent. Sie will die beste Lösung für das Unternehmen und die Mitarbeiter.

Aber wenn sie ihre Anteile verkaufen, fließt ja kein Geld ans Unternehmen.
Die Gruppe hat eine gute finanzielle Basis und kann ihren Wachstums- und Internationalisierungskurs finanzieren. Zusätzliche Mittel wären ein Beschleuniger.

Wofür braucht denn Hymer noch mehr Geld? Die Krisenzeiten sind jetzt länger her, und Sie verdienen doch zur Zeit prächtig.
Wenn wir ein Unternehmen mit 300 bis 500 Millionen Euro Umsatz kaufen wollen, dann brauchen wir zusätzliche Mittel.

Steht denn ein Zukauf an?
Wir haben vor zwei Jahren die kanadische Roadtrek gekauft. Deren Umsatz hat sich seither auf 100 Millionen Euro verdoppelt. Aber unser Marktanteil in Nordamerika ist noch winzig. Wir bräuchten wegen der Entfernung und der Transportkosten dort eine eigene Fertigung oder eben einen passenden größeren Zukauf.

Sie haben vor einem Jahr gesagt, Sie wollen den Gruppenumsatz von zwei Milliarden Euro innerhalb von vier Jahren verdoppeln. Schaffen Sie das ohne Zukäufe?
Wir haben mit einem Umsatzplus von 20 Prozent auf 2,5 Milliarden Euro im gerade abgelaufenen Geschäftsjahr ein sehr gutes organisches Wachstum. Eine Verdopplung in vier Jahren würde aber auch Zukäufe vorsehen.

Wie sieht Ihre Wachstumsprognose aktuell aus?
Wegen des möglichen Börsengangs dürfen wir dazu zum jetzigen Zeitpunkt nichts sagen. Aber die aktuelle Auftragslage ist sehr gut.

Finanzkreise schreiben Hymer eine Rendite (Ebit) von 250 Millionen Euro zu. Stimmt die Größenordnung?
Wir sind mit der Profitabilität zufrieden. Mehr sagen wir dazu nicht. Unsere Eigenkapitalquote liegt über 40 Prozent.

Und die Verschuldung?
Die ist nicht nennenswert. Fremdkapital dient zum saisonalen Ausgleich. Unsere Hauptumsätze sind ja im Frühjahr, wenn die Kunden unsere Wohnmobile und Caravans kaufen. Wir sind für die nächsten zehn Jahre gut durchfinanziert und haben vor einem Jahr ein Schuldscheindarlehen über 100 Millionen Euro zu sehr günstigen Konditionen platziert.

Für weiteres Wachstum könnten Sie auch diversifizieren. Stimmt es, dass es Interesse am Jachtenbauer Bavaria gibt?
Da war und ist absolut nichts dran. Die Bootsbranche hat komplett andere Vertriebswege. Wir haben noch genug Potenzial in unserem Kerngeschäft. 80 Prozent unseres Geschäfts erzielen wir in europäischen Märkten. Außerhalb machen wir erst knapp 20 Prozent. Die USA sind noch ausbaufähig. Und den chinesischen Markt entwickeln wir künftig mit unserem neuen Joint-Venture-Partner Lingyu. China entdeckt erst das Camping. Aber das wird ein riesiger Markt, und wir werden dabei sein.

Zur Gruppe gehören jetzt 24 Marken. Das wirkt inzwischen etwas unübersichtlich. Brauchen Sie so viele Marken?
Die Vielzahl ergibt sich auch durch die Zukäufe in den vergangenen Jahren. Die einzelnen Marken sind jeweils in ihren Märkten etabliert, und hierzulande bedienen sie eine sehr unterschiedliche Klientel.

Naja, wenn man sich auf den Campingplätzen umschaut, dann scheint die Kundschaft zwar kaufkräftig, aber doch eher über 60.
Das gilt vielleicht für die größeren Wohnmobile, aber bei den kleineren Campervans sieht das schon ganz anders aus. Da werden die Kunden immer jünger. Wer will heute in der jüngeren Generation noch von einer Pauschalreise erzählen? Der Generation geht es um Unabhängigkeit, Aktivurlaub und darum, ein Land zu entdecken.

Aber das Geld für ein Wohnmobil haben die meisten eher noch nicht.
Dafür ist die Generation wesentlich offener für Sharing-Economy, und dafür haben wir unsere Vermietungstochter.

Ist die Vielzahl der Marken denn überhaupt noch zu managen?
Ja, wir haben auf Plattformdenken umgestellt und legen im Einkauf Wert auf gemeinsames Vorgehen, etwa bei Matratzen oder bei den Fahrzeugen. Und natürlich kümmern wir uns um die großen Entwicklungsthemen autonomes Fahren und Elektrifizierung zentral. Das könnten die einzelnen Marken nicht allein stemmen.

Aber Sie brauchen doch nur das zu verbauen, was Ihnen Daimler, Fiat und VW liefern.
Ganz so einfach ist es nicht. Die Anwendungen und Möglichkeiten von Wohnmobilen und Gespannen sind komplex. Da müssen wir schon zusätzlich viel tun. Hybridantriebe sind für uns weniger geeignet.

Warum?
Weil die zusätzliche Batterie zu schwer ist und wir da bei einem zulässigen Gesamtgewicht in der Klasse bis 3,5 Tonnen Gewichtsprobleme bekommen. Bei den reinen Elektroantrieben fehlt noch die Reichweite. Wir testen neben reinen Elektroantrieben auch die Brennstoffzelle, und wir sind der einzige Hersteller, der in Nordamerika autonom fahrende Wohnmobile entwickelt.

Was investieren Sie denn in Forschung und Entwicklung?
Rund 100 Millionen Euro.

Einsteigen, schlafen und am Urlaubsziel aufwachen, das klingt verlockend. Ist es auch realistisch?
Es wird noch einige Jahre Entwicklung dauern. Aber es wird schrittweise und eines Tages ganz kommen. Und wir wollen und werden auf diesen Tag vorbereitet sein.

Sie testen häufig die neuesten Hymer-Modelle bei eigenen Ausfahrten. Wohin geht es in Ihrem nächsten Urlaub?
Ich plane mit meiner Familie eine Reisemobiltour durch Skandinavien. Gebucht ist allerdings noch nichts.

Und zum Abschluss: Bleiben Sie bei Hymer auch an Bord, wenn es einen neuen Eigentümer gibt?
Mein zweiter Dreijahresvertrag beginnt gerade, und ich halte meine Verträge ein.

Herr Brandt, vielen Dank für das Interview.

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