Ärztefortbildung

Der Fortbildungsmarkt für Mediziner in Deutschland genießt keinen guten Ruf.

(Foto: Taxi/Getty Images)

Medizin Das umstrittene Geschäft mit Ärztefortbildungen

Omniamed ist ein führender Veranstalter von Ärztefortbildungen. Eine Analyse zeigt, wie eng Unternehmen und Referenten mit der Industrie verbandelt sind.
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DüsseldorfEs sind 18 Seiten, und auf jeder tauchen bekannte Namen auf: Pfizer, Lilly, Amgen, Roche, Boehringer Ingelheim, Novartis, Sanofi, Bayer. Wohin man auch blättert, die großen Pharmakonzerne sind in diesem Dokument allgegenwärtig – stets an der Seite von Medizinern und Wissenschaftlern.

Urheber der Analyse ist die unabhängige Ärzteorganisation Mezis („Mein Essen zahl ich selbst“), die sich die Mühe gemacht hat, Personen und Unternehmen in einen Zusammenhang zu bringen – und zwar in einen, der beiden Seiten kaum gefallen dürfte.

Am Beispiel des Fortbildungsveranstalters Omniamed GmbH aus München macht Mezis deutlich, wie eng Pharmaindustrie und Ärzteschaft auf dem Fortbildungsmarkt kooperieren – und wie fragwürdig es dabei zugeht.

Das Papier dürfte aber nicht nur für Omniamed und seine Sponsoren unangenehm sein. Es könnte die gesamte, umstrittene Branche in Bedrängnis bringen, die überwiegend aus Mittelständlern besteht. Denn die Ärztekammern, die jährlich Hunderte von Fortbildungen zertifizieren, scheinen offenbar nicht mehr gewillt, jede Veranstaltung abzunicken.

Die Kammer in Baden-Württemberg hat den Teilnehmern einer Omniamed-Veranstaltung in Stuttgart nun nachträglich die für sie so wichtigen Fortbildungspunkte aberkannt. Nach Informationen des Handelsblatts wurde auch eine Omniamed-Veranstaltung in Leipzig nicht zugelassen. Zu den Gründen schweigen die Kammern „aus datenschutzrechtlichen Gründen“. Andere Veranstaltungen sind aber offenbar ebenfalls unter Beobachtung.

Der Fortbildungsmarkt für die rund 390.000 Mediziner in Deutschland genießt keinen guten Ruf. Seit Jahren zeigt sich immer wieder, dass die Pharmakonzerne viel Geld ausgeben, um auf diejenigen Einfluss zu nehmen, die ihre Medikamente verschreiben. Die Zuwendungen reichen von kostenlosem Essen bis hin zur Übernahme von Flug- und Hotelkosten. Teilweise fließen in einzelnen Kongressen über zwei Millionen Euro.

Oft richten Pharmaunternehmen selbst Seminare aus. Oder sie bedienen sich Firmen wie Omniamed. Mit rund 500 Referenten gehört die GmbH dabei zu den größeren Veranstaltern eines unübersichtlichen, aber reichen Marktes.

200 Millionen Euro für Honorare

Weit mehr als 200 Millionen Euro geben Pharmaunternehmen jährlich für Referentenhonorare und Sponsoring aus. Geschäftsführer von Omniamed ist seit Anfang des Jahres Tom Mühlmann, früher Berater im Digital-Business sowie für Microsoft und Garmin tätig. Zuletzt wies seine Firma einen Umsatz von 8,5 Millionen Euro und 28 Mitarbeiter aus.

Wie zahlreiche Konkurrenten auch, bietet Omniamed Kurse für Mediziner an, bei denen die Ärzte sogenannte CME-Punkte erhalten können. Nur Fachärzte, die innerhalb von fünf Jahren 250 dieser Punkte nachweisen können, behalten ihre Zulassung. Ohne die Vergabe der CME-Punkte funktioniert also das Fortbildungsgeschäft nicht.

Dabei operieren Omniamed, aber auch Unternehmen wie Medupdate, Forum für medizinische Fortbildung oder Medical Tribune mit Sponsoren aus der Pharma- und Medizinprodukte-Industrie, die die Veranstaltungen finanziell tragen – und meist das Unternehmen mitfinanzieren. Für die Ärzte fallen dadurch keine oder nur geringere Teilnahmegebühren an. Der Anbieter Praxisupdate etwa spricht von „sponsor-bereinigten Gebühren“.

Schon das allerdings ist umstritten. Denn diese Bedingungen machen es Anbietern von ausdrücklich pharmaunabhängiger Fortbildung wie etwa Libermed oder HDMed schwerer, auf dem Markt Fuß zu fassen. „Das ist eine eindeutige Wettbewerbsverzerrung“, findet Wolfgang Tonn, ärztlicher Leiter von HDMed.

Aber auch die Höhe der Sponsorengelder sind immer wieder Anlass für Kritik. So auch jetzt im Fall von Omniamed. Der Mezis-Analyse ist zu entnehmen, dass in manche der untersuchten Veranstaltungen mehr als 200.000 Euro fließen – für ein Tagesseminar. In eine Omniamed-Tagesveranstaltung in Münster etwa, die im September stattfinden soll, stecken acht Sponsoren insgesamt über 223.000 Euro.

Auffallend geringer Gegenwert für Sponsoren

Zwar erhalten sie dafür einen Gegenwert. Der aber ist auffallend gering. Neben der Nennung als Sponsor und der kostenlosen Teilnahme von Mitarbeitern wird den Pharmafirmen ein kleiner Stand auf der begleitenden Ausstellung garantiert.

Allein dafür wird außerdem wohl nicht gezahlt. So erhielten die Unternehmen Allmirall und Amgen bei einer Veranstaltung in Hannover nach Angaben auf der Omniamed-Internetseite die genau gleiche Gegenleistung. Allmirall zahlte dafür aber nur 10.300 Euro, Amgen mit 22.500 Euro dagegen mehr als doppelt so viel.

Das Mezis-Papier ist jedoch noch aus einem anderen Grund eine Gefahr für die pharma-gesponserte Fortbildung. Denn es zeigt zugleich detailliert auf, dass bei allen untersuchten sechs Omniamed-Veranstaltungen nahezu alle Referenten mit den Geldgebern finanziell eng verbandelt sind, etwa über Gutachter- und Beratertätigkeiten oder Vortragshonorare.

Dabei dürfen Fortbildungen durch die Ärztekammern nur zertifiziert werden, wenn sie „frei von wirtschaftlichen Interessen“ sind. Laut den Empfehlungen der Bundesärztekammer sind Informationen über konkrete Produkte ebenso verboten wie der direkte oder indirekte Einfluss auf Programmgestaltung, Referentenauswahl oder die Fortbildungsinhalte.

So wird etwa die Berliner Ärztin Petra Sandow auf der Veranstaltung in Münster einen Vortrag zu Migrationsmedizin halten, der auch auf die Diagnostik von HIV und Hepatitis bei Flüchtlingen fokussiert. Sandow hat laut Eigenauskunft allein in den Jahren 2015 und 2016 insgesamt über 50.000 Euro von zahlreichen bekannten Pharmafirmen bekommen, darunter auch Boehringer Ingelheim und Bristol-Myers Squibb.

Diese Firmen produzieren Medikamente gegen HIV und Hepatitis.

Auffällige Verknüpfungen

Oder der Aachener Professor Dirk Müller-Wieland, Präsident der Deutschen Diabetes Gesellschaft: Im Mai in Leipzig stand ein Vortrag von ihm zum Thema Diabetes auf dem Programm. Laut Eigenauskunft erhielt Müller-Wieland allein 2016 etwa 35.000 Euro, unter anderem von MSD und Novartis. Beide Konzerne sind Hersteller von Diabetes-Medikamenten.

Sandow und Müller-Wieland sitzen zudem im wissenschaftlichen Beirat von Omniamed, der laut Unternehmen „zur kontinuierlichen Optimierung der Fortbildungsthemen und -inhalte“ beitragen soll. Nach der Mezis-Untersuchung haben sechs der sieben Mitglieder dieses Gremiums klare finanzielle Verbindungen zu Pharmafirmen durch diverse Tätigkeiten für die Unternehmen.

Bei Omniamed heißt es dazu, man könne die Vorwürfe nicht nachvollziehen. „Vielmehr ist Omniamed der Auffassung, allen Anforderungen zur Bewältigung von Interessenkonflikten gerecht zu werden.“ Insbesondere würden Referenten neutral informieren und, wie von den Ärztekammern gefordert, ihre Interessenkonflikte vor Beginn einer Veranstaltung offenlegen.

Ebenso mache Omniamed das Sponsoring transparent. Man habe deshalb auch Widerspruch gegen die Aberkennung von CME-Punkten durch die Ärztekammer in Baden-Württemberg eingelegt. Sandow und Müller-Wieland fühlen sich trotz ihres finanziellen Kontakts zur Pharmaindustrie ebenfalls weiter unabhängig.

Ärztekammern werden zunehmend skeptisch

„Das Halten eines Vortrages auf einer Veranstaltung, die von der pharmazeutischen Industrie gesponsert ist, bedeutet keineswegs, dass eine Neutralität der Referenten nicht gewährleistet ist“, schreibt Sandow. Müller-Wieland betont, dass er sich „strikt auf aktuell abgesicherte Erkenntnisse“ beziehe. „Integrität, wissenschaftliche Seriosität und Unabhängigkeit sind in diesem Zusammenhang besonders wichtig.“

Und die FSA, das Selbstkontroll-Organ der Pharmabranche? Der Zusammenschluss von rund 55 großen Pharmaunternehmen hat sich auf die Fahne geschrieben, unzulässige Ärztebeeinflussungen durch seine Mitglieder zu unterbinden. Doch dort sieht man sich schon außerstande, auch nur ein Verfahren einzuleiten.

„Auf Basis der bisher bekannten Fakten ist es uns nicht möglich, zu den Vorgängen Stellung zu nehmen“, schreibt FSA-Chef Holger Diener auf Anfrage.

Vielleicht sollte er sich einfach bei Mezis und den Ärztekammern erkundigen. Neben Baden-Württemberg und Leipzig scheinen nun auch andere Kammern gewillt nachzuziehen.

So steht etwa die Veranstaltung im September in Münster auf des Messers Schneide – und die Stellungnahme der zuständigen Kammer verheißt nichts Gutes für Unternehmen und Branche. Derzeit würden dort drei Anträge von Omniamed vorliegen, die man jetzt noch einmal unter die Lupe nehme. Am Mittwoch will das zuständige Gremium seine Entscheidung verkünden.

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