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Melchers Dieser Bremer Mittelständler bleibt China seit Generationen treu

Kein anderes deutsches Unternehmen ist länger in China als der Bremer Mittelständler Melchers. Doch die Herausforderungen haben in den letzten Jahren zugenommen.
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Melchers ist China seit Generationen treu geblieben Quelle: Moment/Getty Images
Handelszentrum Schanghai

Die Firma Melchers organisiert Vertrieb und Marketing für deutsche Mittelständler in China.

(Foto: Moment/Getty Images)

Peking, Schanghai Anton Melchers schaut aus dem Fenster im 12. Stock eines Bürogebäudes in Schanghai. Gegenüber ragt gleich das nächste Hochhaus in die Luft, durch das Glas dringt Autolärm. „Als ich 2005 das erste Mal in Schanghai war, waren dort unten die Bäume noch Setzlinge“, sagt er und zeigt auf einen kleinen Park. Mit den Bäumen sind auch die Hochhäuser drum herum in die Höhe geschossen.

China hat sich in den vergangenen Jahrzehnten in rasantem Tempo entwickelt – davon zeugen nicht nur die riesigen Millionenstädte, die überall im Land entstanden sind. Aus einem abgeschotteten Entwicklungsland ist die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt geworden.

Das Unternehmen Melchers war bei all den Auf und Abs in der Geschichte Chinas vor Ort. Seit etwas über einem Jahr ist der 38-jährige Anton Melchers Chinachef des Unternehmens mit Hauptsitz in Schanghai. Melchers ist nicht irgendeine Firma – es ist das älteste deutsche Unternehmen, das auch heute noch in China aktiv ist.

Das Geschäft von Melchers hat sich im Laufe der Zeit gewandelt. Vom klassischen Exportgeschäft wie in den Anfangsjahren hat sich das Unternehmen in der Volksrepublik in den vergangenen Jahrzehnten weitgehend verabschiedet. Heute konzentrieren sich die Bremer darauf, jene Firmen zu unterstützen, die auf dem Markt aktiv sein, aber kein eigenes Büro unterhalten wollen.

Melchers versteht sich als Dienstleister und kümmert sich etwa um Marketing und Vertrieb von deutschen und schweizerischen Mittelständlern, vor allem im Maschinen- und Anlagenbau. Heute beschäftigt das deutsche Unternehmen in China 220 Mitarbeiter, weltweit sind es 1700. Die Unternehmensgruppe macht 2018 insgesamt rund 600 Millionen Euro Umsatz.

Bereits im 19. Jahrhundert eröffnete Anton Melchers’ Vorfahr Hermann Melchers einen Ableger des Unternehmens in Hongkong. Die Firma ist heute eines der ältesten Mitglieder der Hongkonger Handelskammer. „Wir möchten Sie darüber informieren, dass wir uns heute in diesem Hafen als General- und Auftragskaufleute unter dem Namen der Firma Melchers and Co. etabliert haben“, steht in geschwungener Schreibschrift in einem auf den 1. August 1866 datierten Rundschreiben.

Bewegte Geschichte

Die Geschichte von Melchers ist auch ein Spiegel davon, wie sich der chinesische Markt für westliche Unternehmen entwickelt hat und welchen politischen Verwerfungen die Firmen dabei immer wieder ausgesetzt waren. Mehrfach verließ das Unternehmen das Land, weil sich die politische Situation geändert hatte.

Doch selbst während der Kulturrevolution, mit der Mao Zedong China ins Chaos stürzte, hielten die Bremer ihre Kontakte in das Land. Und immer wieder kam Melchers nach kurzer Zeit wieder ganz zurück. Heute sind rund 5200 deutsche Unternehmen in China vertreten – 67 Prozent von ihnen sind Mittelständler wie Melchers mit weniger als 250 Mitarbeitern in der Volksrepublik.

In den ersten Jahrzehnten exportierte das Unternehmen vor allem Produkte wie Tierhäute, Baumwolle oder Samen. Nur noch ein altes Gemälde eines Handelsschiffs im Büro von Anton Melchers in Schanghai zeugt von dieser Zeit. Anfang der 1980er-Jahre eröffneten die Bremer als zweites deutsches Unternehmen überhaupt ein Verbindungsbüro in Peking. Damals war die Hauptstadt zwar auch schon eine Millionenmetropole, wirkte aber eher wie eine Art großes Dorf.

Seit 1866 ist das deutsche Unternehmen in China aktiv. Quelle: C. Melchers GmbH & Co. KG
Historische Melchers-Niederlassung

Seit 1866 ist das deutsche Unternehmen in China aktiv.

(Foto: C. Melchers GmbH & Co. KG )

„Ab 21 Uhr wurden die Bürgersteige hochgeklappt“, erinnert sich Matthias Claussen, Partner bei Melchers, der damals vor Ort war und das Chinageschäft mit aufgebaut hat. Zu der Zeit gab es so wenige ausländische Unternehmen in China, dass alle Vertreter in ein Hotel in Peking unweit vom Tiananmen-Platz passten. Wer wissen wollte, wer in der Stadt ist, setzte sich in die üppig mit Marmor ausgestattete Hotellobby und wartete, wer mit dem wöchentlichen Flug aus Zürich ankam.

Heute sind laut chinesischem Handelsministerium 960.000 ausländische Unternehmen in der Volksrepublik vertreten. Und auch die Konkurrenz durch chinesische Wettbewerber ist stark gewachsen.

„Früher hatten deutsche Unternehmen einen großen Technologievorsprung, wenn sie auf den chinesischen Markt gegangen sind“, sagt Jens Hildebrandt, Chef der Außenhandelskammer in Peking gegenüber dem Handelsblatt. „Das ist heute nicht mehr so. Heute geht es darum, bei Innovationen mit der chinesischen Konkurrenz mitzuhalten.“

Neue Herausforderungen

Und noch etwas hat sich verändert, hat Stefanie Schmitt von der deutschen Wirtschaftsförderungsgesellschaft GTAI in Peking beobachtet. „Früher wurden auch kleinere Unternehmen von Behörden und Staatsvertretern offener empfangen“, so Schmitt. Heute sei das zumindest in großen Städten wie Peking oder Schanghai nicht mehr so. „Dort will man vor allem die großen deutschen Unternehmen haben“, sagt die China-Expertin.

Auch die Personalsuche sei gerade für mittelständische Unternehmen schwieriger geworden. „Vor ein paar Jahren war es für die meisten chinesischen Arbeitnehmer noch viel attraktiver, bei einem westlichen Unternehmen zu arbeiten“, so Schmitt. Heute stehen in den Rankings der beliebtesten Arbeitgeber in der Volksrepublik größtenteils chinesische Unternehmen.

„Deutsche Unternehmen müssen sich stärker mit lokalen Wettbewerbern auseinandersetzen, um mithalten zu können“, hat auch Anton Melchers beobachtet. „Gleichzeitig wachsen die rechtlichen Anforderungen an die Unternehmen, Stichwort Corporate Social Scoring System.“

Erst kürzlich hatte die Europäische Handelskammer in Peking eine Studie veröffentlicht, in der vor einer Art Ratingsystem gewarnt wird, das die chinesische Regierung derzeit aufbaut. Damit soll die Einhaltung von Gesetzen stärker kontrolliert werden.

Doch viele Unternehmen klagen darüber, dass das System undurchsichtig ist und dass unklar ist, wie die Ratings zustande kommen, und fürchten, dass sie durch Willkür oder Fehler benachteiligt werden könnten. GTAI-Expertin Schmitt macht sich vor allem um mittelständische Unternehmen Sorgen, die weniger Mittel haben, um sich mit den möglichen Auswirkungen des Ratingsystems auseinanderzusetzen.

Und es gibt noch ein weiteres Problem, das auch die deutschen Firmen zu spüren bekommen: Die Wachstumsmaschine China schwächelt. Im dritten Quartal wuchs das Bruttoinlandsprodukt laut chinesischem Statistikamt nur um sechs Prozent – die niedrigste Wachstumsrate seit 27 Jahren. Und derzeit sieht es nicht danach aus, als würde China wieder zu früheren Wachstumsraten zurückkehren.

Die Konkurrenz lokaler Firmen ist in China stärker geworden. Quelle: C. Melchers GmbH & Co. KG
Anton Melchers

Die Konkurrenz lokaler Firmen ist in China stärker geworden.

(Foto: C. Melchers GmbH & Co. KG )

Hinzu kommen die seit Monaten anhaltenden Proteste in Hongkong. Die Menschen dort demonstrieren unter anderem gegen den wachsenden Einfluss Pekings in der chinesischen Sonderverwaltungszone. Im Gegensatz zum chinesischen Festland herrscht in Hongkong Meinungsfreiheit, und es existiert ein funktionierendes Rechtssystem.

Angesichts des immer härteren Vorgehens der von Peking eingesetzten Hongkonger Regierung gegen die Demonstrierenden hatte es in Deutschland Stimmen gegeben, die eine stärkere Positionierung der ausländischen Wirtschaft in dem Konflikt einfordern.

Forderungen aus Deutschland, dass man sich angesichts des Verhaltens von Peking in Hongkong eher aus China zurückziehen sollte, um die Abhängigkeit von dem Markt zu reduzieren, hält man bei Melchers jedoch für nicht richtig. „Es würde nichts bringen, wenn die Wirtschaft als Reaktion auf das Verhalten von Peking in dem Hongkong-Konflikt sich aus China zurückzuziehen würde“, sagt Matthias Claussen. „Damit würde man nur die Bevölkerung treffen.“

Er glaubt nicht, dass Peking so weit gehen und die Armee nach Hongkong schicken würde, um die Proteste gewaltsam niederzuschlagen, wie es die Kommunistische Partei im Juni 1989 auf dem Platz des Himmlischen Friedens tat. Claussen war zu der Zeit bereits zurückgekehrt nach Deutschland und leitete das Asiengeschäft von Bremen aus. Er kann sich noch gut erinnern, wie nach dem brutalen Eingriff China für lange Zeit isoliert war. Auch Melchers schloss sein Büro in Peking vorübergehend.

Heute hält Claussen so ein brutales Vorgehen der chinesischen Staatsmacht für unwahrscheinlich. „Das internationale Umfeld hat sich geändert“, so Claussen. „Peking könnte es sich nicht leisten, danach wieder als Paria dazustehen wie in der Zeit nach dem 4. Juni 1989.“ Zu eng sind die internationalen Verflechtungen der chinesischen Volkswirtschaft inzwischen.

Mehr: Das Peking-Paradox: Chinas unheimlicher Erfolg mit dem Staatskapitalismus

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