Mittelstand Der schweigsame Pionier aus dem Norden

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Mit bescheidenen finanziellen Mitteln, aber einer gehörigen Portion Idealismus fertigte Wobben ähnlich wie andere Windkraft-Pioniere seinerzeit 1986 seine erste 55 Kilowatt-Windkraft-Anlage. Der Kunde: Ein Möbelhändler. Es trudelten weitere Aufträge herein. Die Stadtwerke der Stadt Norden bestellten gleich fünf Windräder. "Wobben überzeugte früh als begnadeter Ingenieur und findiger Unternehmer – zwei Fähigkeiten, die sich selten in einer Person verbinden", sagt Scheer.

Doch die Anfänge waren mühsam. Industrie- und Handelskammern bekämpften Windkraftanlagen hartnäckig, Genehmigungen wurden verweigert, Anfragen ignoriert. Die Regierung Kohl blieb auf Distanz zur Windenergie, garantierte erst 1990 mit dem Stromeinspeisegesetz den Betreibern von Windkraftanlagen eine auskömmliche Mindestvergütung. "Dieses Gesetz eröffnete Unternehmen der noch jungen Windbranche die Chance, sich mit dem Markt zu entwickeln", erinnert sich Windverband-Vize Hermann Albers.

"Trotz des steilen Aufstiegs ist es Wobben gelungen, das Profil eines mittelständischen Unternehmens zu bewahren", sagt er. Als Ende der neunziger Jahre zahlreiche Unternehmen den Gang zur Börse forcierten, sei Enercon nicht auf diesen Zug aufgesprungen. "Das war eine mutige und selbständig orientierte Entscheidung", sagt Albers: "Viele haben sich damals in der Branche gewundert – auch ich". Im Nachhinein habe sich aber gezeigt, dass einige Hersteller von Windkraft-Anlagen durch den Gang zur Börse litten. "Es wurde sehr viel Geld verbrannt", erinnert sich Albers. Mit einer weitreichenden Perspektive habe Querdenker Wobben "auf Sicherheit gesetzt". Er repräsentiere eben "den absoluten Gegentyp zum Shareholder Value", pflichtet Scheer bei.

Ein Geheimnis des Erfolgs von Enercon sieht Albers darin, dass Wobben den Akzent so deutlich auf Forschung und Entwicklung legt. Den entscheidenden Sprung nach vorne habe 1991 die Entwicklung von getriebelosen Windkraft-Anlagen gebracht – damals eine Weltneuheit. Bis heute sei sie ein Markenzeichen des Unternehmens. "Er hat immer einen Riecher dafür gehabt, wohin sich der Markt entwickelt", sagt Albers. Wobei Wobbens Aktivitäten selbst Kenner der Branche häufig vor Rätsel stellten. "Als die Konkurrenz Türme aus Stahl baute, setzte Wobben auf Beton", wundert sich Albers. Doch auch hier habe Wobben Recht behalten: "Denn die Stahlpreise schnellten in den letzten Jahren enorm in die Höhe."

Auch den ausländischen Markt hat der verschwiegene Riese Enercon längst anvisiert. In der südlichsten Region von Spanien, in der Nähe der Hafenstadt Tarifa, wo der Wind das ganze Jahr über kräftig weht, hat Enercon zuletzt einen Windpark errichtet. Weitere Anlagen finden sich vor allem in Europa, aber auch in Kanada, Marokko, Taiwan oder Japan. "Überall dort, wo Service und Wartung zu gewährleisten ist, das gehört zum Konzept des Unternehmens", sagt Hanno Fecke, der sich als Geschäftsführer der Messe Husumwind in der Branche der Windenergie bestens auskennt.

Ein Land genießt Wobben allerdings mit Vorsicht: die USA. Denn hier erlitt Enercon 1994 erheblichen Schaden durch Industriespionage. Beteiligt soll auch der US-amerikanische Geheimdienst NSA gewesen sein. Spione brachen ins Auricher Forschungszentrum ein, reichten Unterlagen der Windanlage E-40 an den damaligen Konkurrenten Kinetech weiter.

"Seitdem lassen wir unsere wichtigen Neuerungen doch lieber gleich patentieren", sagte Wobben damals in einem seiner wenigen Interviews. Zudem soll der Unternehmer kilometerweise Strippen durch Aurich verlegt haben, um sich vor künftigen Lauschangriffen zu schützen. Auch darüber möchte man in Aurich nicht sprechen. Aber Schweigsamkeit ist wohl ein Schlüssel zum Erfolg.

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