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E-Bike-Fertigung bei Riese & Müller

2013 stellten die Odenwälder die Produktion ganz auf Elektroräder um.

(Foto: Riese & Müller )

Mittelstand Deutsche Radbauer erleben dank E-Bikes eine Renaissance

200 Jahre nach der Erfindung des Fahrrads in Deutschland wird die Produktion hierzulande wieder lukrativ. Möglich macht es der Boom bei E-Bikes.
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DüsseldorfmitBei Riese & Müller läuft es rund. Gerade ist der Radbauer in ein großes neues Werk am Rand des Odenwalds gezogen. In Mühltal entwickeln und montieren nun 450 Fachkräfte Premium-E-Bikes und E-Lastenräder. In nur einem Jahr wurden 100 Mitarbeiter eingestellt. Je 35 Kollegen montieren in Rondellen im Team.

„Selbst die Speichen werden von Hand gesteckt“, sagt Gründer Heiko Müller. Bis zu 80.000 Räder lassen sich im Jahr fertigen. 2018 baute Riese & Müller 45.000 Räder – ausschließlich E-Bikes.

Die Gründer Markus Riese und Heiko Müller lernten sich am ersten Tag ihres Maschinenbaustudiums in Darmstadt kennen. Vor rund 25 Jahren setzen sie eine Schnapsidee um und konstruierten ein vollgefedertes Faltrad. Birdy wurde ein Bestseller. Es folgten diverse andere Räder, 2013 stellte Riese & Müller abgesehen von Birdy ganz auf E-Bikes um.

Etwa 2900 Euro kostet das günstigste E-Bike „Swing city“, rund 10.000 Euro das teuerste Touren-Bike „Delite GTS“. „Die Produktion von hochwertigen Fahrrädern – vor allem E-Bikes – lohnt sich auch, weil die Kunden bereit sind, in Qualität aus Deutschland zu investieren“, sagt Müller.

Riese & Müller ist nicht der einzige deutsche Radhersteller, für den die Produktion in der Heimat heute lukrativ ist – der E-Bike-Boom macht es möglich. Hatten Räder mit Elektroantrieb lange ein Oma-Image, sind sie heute Statussymbol. Es gibt sogar elektrische Renn- und Mountainbikes.

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Bereits jedes fünfte hierzulande verkaufte Fahrrad ist ein E-Bike. Langfristig rechnet der Zweirad-Industrie-Verband (ZIV) mit 35 Prozent Marktanteil. „E-Bikes sind der Wachstums- und Innovationstreiber der deutschen Fahrradbranche“, sagt ZIV-Geschäftsführer Siegfried Neuberger. Die machte 2017 einen Umsatz von 2,7 Milliarden Euro.

1817 fuhr Karl von Drais erstmals mit seiner zweirädrigen Laufmaschine von Mannheim nach Schwetzingen. Gut 200 Jahre nach der Erfindung des Fahrrads in Deutschland kehrt die Produktion wieder verstärkt zurück. Nach dem Krieg war die Radbranche immer mehr ins günstigere Ausland abgewandert. Drei Viertel der hierzulande verkauften Fahrräder sind importiert. Sie stammen vor allem aus Kambodscha, Polen, Bulgarien, den Niederlanden und Taiwan.

Zölle auf China-E-Bikes

Aus China kommen zwar viele der Teile, aber kaum mehr Importe. Denn die EU hat die Einfuhren seit Jahren mit Anti-Dumping-Zöllen von 48,5 Prozent belegt. Um dem zu entgehen, dürfen maximal 60 Prozent der Teile eines Fahrrads aus dem Reich der Mitte stammen.

Die EU-Kommission hat nun am Freitag offiziell auch E-Bikes aus China mit Anti-Dumping-Zöllen bis zu 79,3 Prozent belegt. 16 Prozent alles E-Bike-Importe kamen 2017 von dort. „Dieser Schritt war überfällig und wird den deutschen und europäischen Radbauern noch mehr Rückenwind geben“, sagt Neuberger. „Durch staatliche Subventionen und Exportförderung in China, gab es bisher keinen fairen Wettbewerb.“

In Deutschland gibt es um die 40 Fahrradproduzenten, daneben etliche kleine Manufakturen. Dabei ähnelt die Fahrradbranche der Bierbranche – mit ein paar großen Produzenten und kleinen lokalen Einmarken-Spezialisten. Der typische deutsche Markenhersteller entwickelt und designt seine Räder selbst. Der Rahmen wird allerdings meist im Ausland gefertigt und importiert, dann lackiert und konfektioniert.

Zu den Branchengrößen zählen Cube Bikes, 1993 im oberpfälzischen Waldershof von Marcus Pürner gegründet. Dort bauen rund 500 Mitarbeiter mehr als eine halbe Million Räder im Jahr. Die Hälfte der neuen Modelle fährt elektrisch. Die Traditionsfirma Winora aus Schweinfurt hatte früh mit E-Mountainbikes neue Standards gesetzt. Der Umsatz der zur Accell Group aus den Niederlanden gehörenden Firma liegt bei schätzungsweise rund 400 Millionen Euro.

Derby Cycle aus Cloppenburg produziert im Jahr eine knappe halbe Million Räder, darunter 100.000 E-Bikes. Tendenz steigend. Die Firma mit fünf Marken, darunter Kalkhoff, beschäftigt etwa 1 000 Mitarbeiter, 700 davon in der Produktion. Die Cloppenburger, die seit 2013 zum niederländischen Familienunternehmen Pon gehören, waren 2011 nach eigenen Angaben der erste Hersteller, der einen eigenen E-Bike-Motor mit Rücktritt baute. Kalkhoff sieht sich bei E-Bikes als ein Marktführer in Deutschland.

Kaum noch Margenvorteile bei Produktion in Asien

Immer mehr Teile wie Unterrohre kann Derby Cycle heute per 3-D-Druck für Testzwecke bereits vor Ort herstellen. Dadurch werde sich auf Dauer immer mehr Produktion der Branche aus dem Ausland nach Deutschland zurückverlagern. „Die Automatisierung in den Fabriken nimmt spürbar zu“, beobachtet auch Georg Honkomp, Chef der ZEG-Gruppe.

Addiere man zu den Arbeitskosten in Asien die Transport- und Zollkosten, gebe es kaum noch einen erkennbaren Margenvorteil. „Fahrräder im oberen Preisbereich oder E-Bikes können wir deswegen in Europa genauso leistungsstark produzieren wie in Asien“, sagt Honkomp.

Die ZEG ist als Einkaufsgenossenschaft nicht nur Europas größter Fahrrad-Fachhändler, sondern mit den Eigenmarken wie Wanderer, Kettler, Pegasus oder Bull einer der bedeutenden Produzenten für E-Bikes. 2017 hat die ZEG den Schweizer Hersteller Biketech übernommen, mit seiner Marke Flyer einer der Pioniere im E-Bike-Markt. Biketech produziert ausschließlich in der Eidgenossenschaft. Selbst im Hochlohnland Schweiz lohnt also der Bau von elektrifizierten Rädern.

Damit hat die Genossenschaft zugleich ihr Angebot an Edel-E-Bikes vergrößert – ein Segment, das sie auch mit der Marke Wanderer besetzt hat. Das Modell E700 gibt es ab 3300 Euro. Günstigere E-Bikes produziert die ZEG unter der Marke Kettler in Deutschland. Die Fahrradsparte der insolventen Firma Kettler war 2015 übernommen worden.

Zweimal in die Insolvenz schlitterte der traditionsreiche ostdeutsche Radbauer Mifa aus Sangerhausen. Nach der Wende gehörte er zu den größten Herstellern mit Stückzahlen von 700.000 Rädern im Jahr, ein Großteil davon für Discounter. Das Billigkonzept ging im Hochlohnland Deutschland nicht mehr auf. 2017 übernahm Ex-Automanager Stefan Zubcic die Reste des Radbauers und benannte Mifa in Sachsenring Bike um.

Zubcics Firma profitiert von den neuen Strafzöllen auf chinesische E-Bikes. Denn so einige Importeure und chinesische Produzenten suchten Alternativen und lassen nun bei Sachsenring produzieren. „Es ist das erste Mal, dass es gelingt, Arbeitsplätze aus China nach Deutschland zurückzuholen“, freut sich Zubcic.

Mit 135 von einst 520 Mitarbeitern war Zubcic nach der Insolvenz ohne bestehende Aufträge gestartet. Zur Jahresmitte will er mehr als 200 Leute beschäftigen. „Wir haben noch freie Kapazitäten“, sagt er.

Ende September wurde in der Fachpresse bekannt, dass Sachsenring einen Großauftrag von der Schweizer E-Bike-Firma My Stromer bekommt. Die Modelle ST3 und ST5 (Preis 9 500 Euro) werden in Europa und den USA verkauft. Es ist der größte Einzelauftrag in der Geschichte von Mifa/Sachsenring. 2019 sollen rund 200 000 Räder in Sangerhausen montiert werden, 70 bis 80 Prozent davon E-Bikes, hofft Zubcic.

Auch im Ausland immer begehrter

2018 sind in Deutschland so viele Elektroräder verkauft worden wie nie: knapp 900 000, im Vorjahr waren es 720 000. Angetrieben vom E-Bike-Boom wurde in Deutschland 2018 die magische Vier-Millionen-Grenze verkaufter Fahrräder und E-Bikes nach einigen Jahren wieder überschritten, schätzt Neuberger.

E-Bikes „Made in Germany“ sind auch im Ausland immer begehrter, vor allem in Europa. Der Export machte bereits 2017 einen Sprung um 25 Prozent auf 291 000 Räder, so der ZIV. Tendenz steigend.

E-Bike-Bauer Riese & Müller aus dem Odenwald schaut jedenfalls optimistisch in die Zukunft. Die Lieferzeiten von vier bis sechs Wochen will der Mittelständler weiter verkürzen, etwa indem er Rahmen nicht nur aus Taiwan, sondern auch aus Portugal bezieht.

Der neue Lieferant ist zudem ein wichtiger Baustein, um noch mehr Komponenten in Europa zu kaufen. Rund 105 Millionen Euro Umsatz machte Riese & Müller zuletzt, 150 Millionen Euro sind mittelfristig anvisiert. „Wir wollen die Mobilität von morgen mitgestalten und ein globaler Marktführer für Premium-E-Bikes werden“, sagt Heiko Müller selbstbewusst.

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