Mittelstand Wer am Sessel klebt, bremst die Familienfirma

Wenn in Familienunternehmen nur einer das Sagen hat oder zu viele Gesellschafter mitmischen, wachsen diese in der Regel langsamer. Große Stücke setzen Familienbetriebe mittlerweile auf China – die USA verlieren an Fans.
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Kanzlerin Angela Merkel zu Gast bei Familienunternehmern (Archiv): Zu viele Gesellschafter erschweren dei Firmenführung. Quelle: pr

Kanzlerin Angela Merkel zu Gast bei Familienunternehmern (Archiv): Zu viele Gesellschafter erschweren dei Firmenführung.

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DüsseldorfEigentümerstruktur und Wachstumsperspektiven hängen in Familienunternehmen offenbar eng zusammen: Unternehmen wachsen langsamer, wenn nur einer das Sagen hat oder wenn sehr viele Gesellschafter Einfluss haben. Das ist das Ergebnis einer Studie unter 461 geschäftsführenden Gesellschaftern des Wittener Instituts für Familienunternehmen (Wifu) und der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PWC, die dem Handelsblatt vorliegt (Montagausgabe).

„Für die befragten Familienunternehmen gilt: je höher der Anteil familienfremder Geschäftsführer und je kürzer die Amtszeit der Geschäftsführer ist, desto eher nimmt das Wachstumstempo zu“, erklärt PWC-Vorstand Peter Bartels. Wifu-Direktor Tom Rüsen warnt aber vor voreiligen Schlüssen: „Eine optimale Anzahl der Familiengesellschafter gibt es nicht.“ Denn Unternehmen wie Merck und Freudenberg mit 200 oder noch mehr Gesellschaftern organisieren ihre Entscheidungen sehr effizient, indem sie nur einen kleinen Beirat als entscheidungsfähig entsenden.

Rüsen prophezeit, dass bald Bewegung in das Thema Unternehmensanteile kommen wird: „Wir stellen gerade fest, dass zurzeit die Anteile wieder früher übergeben werden – wegen der anhaltenden Diskussion über die Erbschaftssteuer.“ Mehr als die Hälfte der Firmenchefs halten mindestens 40 Prozent der Anteile am Unternehmen, zeigt die Studie.

Streit in Familienunternehmen
Fischer Dübel
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Fischer Dübel

Zwischen Jörg Fischer (36, Foto) und seinem Vater Klaus Fischer (61) krachte es so sehr, dass der Sohnemann im April 2012 hinschmiss und das Unternehmen verließ. Man habe festgestellt, dass die Vorstellung im Hinblick auf Ausrichtung und Führung des Unternehmens "gravierend unterschiedlich" seien, teilte Klaus Fischer mit. Jörg Fischer hatte die Leitung der Geschäfte erst Anfang 2011 übernommen. Jetzt führt Vater Klaus wieder das Unternehmen. Es ist nicht der erste Schlagabtausch im Hause Fischer. 2007 prozessierte Firmenpatriarch Artur Fischer erfolgreich gegen Tochter Margot Fischer-Weber. Ihr wurde gerichtlich untersagt, Vater und Bruder auf ihrer Website als „Haie, Wölfe, Schweine“ oder „Idioten" zu bezeichnen. Dem Urteil ging ein jahrelanger Rechtsstreit um das Erbe der Dübel-Dynastie voraus.

Berentzen
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Berentzen

Der Spirituosenhersteller im Emsland wurde vom Dauerclinch der Gesellschafter regelrecht zerfressen. Die Widersacher: Die Nachfahren des namensgebenden Gründers und die Pabst-Richarz-Nachfahren. Letztere kamen in das Unternehmen, als die Kornbrennerei Pabst & Richarz 1988 mit Berentzen fusionierte. 2008 endete der Streit mit dem plötzlichen Verkauf der Apfelkornlegende an den Münchener Finanzinvestor Aurelius. Und damit auch die 250-jährige Familienära.

Joop
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Joop

Jette Joop hatte fest damit gerechnet, nach dem Studium das Modeunternehmen ihres Vaters zu übernehmen. Doch Wolfgang Joop und sein damaliger Geschäftspartner Herbert Frommen sind sich über die Zukunft der Firma uneins: Verkaufen oder an die Tochter übergeben? Jette verlangte Klarheit – und zerstritt sich mit dem Geschäftspartner des Vaters so heftig, dass sie in der Firma Hausverbot bekam. Inzwischen hat sie unter eigenem Namen Designer-Karriere gemacht. Jüngst sorgten Vater und Tochter mit Rangeleien um ihren alten Familiensitz für Schlagzeilen. Nach dem Tod der Großmutter beanspruche Jette das Anwesen in Potsdam-Bornstedt für sich allein. Die Tochter weist den Vorwurf zurück.

Porsche und Piëch
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Porsche und Piëch

Zwei Cousins wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten. Gemeinsam ist ihnen der Großvater Ferdinand Porsche, Erfinder des VW-Käfers. Ferdinand Piëch (links) lenkt als Aufsichtsratsvorsitzender von Volkswagen die Geschicke des Piëch-Zweigs der Familie. Er gilt als stiller, aber harter Manager - ein nüchterner Zahlenmensch. Daneben Wolfgang Porsche, Aufsichtsratsvorsitzender von Porsche. Er gilt als Familienmensch, schöngeistig, weich. Der Kampf der Familien gipfelt 2009 als Porsche versucht, VW zu übernehmen.

ElectronicPartner EP
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ElectronicPartner EP

Zwei Jahre lang stritten die Gesellschafter des Elektronikfachhändlers aus Düsseldorf. Grund: Unternehmensnestor Harmut Haubrich hatte die Firmenleitung an seinen Neffen Oliver Haubrich (rechts im Bild - neben ihm Unternehmens-Sprecher Jörg Ehmer) abgetreten. Der hatte sie jedoch nach kurzer Zeit einem familienfremden Manager übertragen. Hartmut Haubrich hielt mit der Kritik an seinem Neffen nicht hinterm Berg. "Erbfolge ist keine Tüchtigkeitsfolge", sagte er auf einer Tagung. Ende 2012 einigte sich die Familie. Oliver Haubrich und seine Schwester Marion Wenske schieden aus der Dachgesellschaft der EP-Unternehmensgruppe aus.

Haribo
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Haribo

Die Brüder Hans und Paul Riegel (links) bauten das von ihrem Vater Hans 1920 in Bonn gegründete Unternehmen zu einem der größten Süßwarenhersteller Europas aus. Friedlich ging es dabei nie zu: Hans Riegel gilt als machtversessen. So wie er dem Bruder keinen unternehmerischen Raum gewährte, führe er sich heute mit 87 Jahren gegenüber den im Unternehmen tätigen Neffen wie ein Alleinherrscher auf, heißt es. Der kinderlose Hans sowie die vier Kinder seines 2009 verstorbenen Bruders Paul halten zu je 50 Prozent Firmenanteile.

Aldi
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Aldi

Karl und Theo Albrecht, die aus dem Lebensmittelladen der Mutter das Aldi-Imperium machten, konnten sich nicht darüber einigen, ob Tabakwaren und Tiefkühlkost ins Sortiment passen. Ohne viel Federlesens teilten sie ihr Reich 1960 auf: Theo bekam die Nordhälfte, Karl den Süden. Der Schachzug hat funktioniert: Karl zählt in diesem Jahr mit 17,3 Milliarden Euro zu den reichsten Menschen der Welt. Theo, der im Juli 2010 starb, belegte hinter seinem Bruder lange Platz zwei der deutschen Rangliste.

Mehr als zwei Drittel der befragten Firmen investieren Geld in China und damit hat das Land den USA den Spitzenrang knapp abgejagt, stellt Bartels fest. Wifu-Direktor Rüsen, hat noch etwas anderes beobachtet: „Die aktuellen Nachfolger müssen sich nun häufiger in China bewähren, bevor sie Führungsverantwortung übernehmen.“ Die Väter seien in die USA gegangen, die Kinder sollen nun das Geschäft in Asien aufbauen. Familienunternehmen mit Aktivitäten in China, Indien und Südamerika wachsen schneller als Familienunternehmen, die nur in einem oder keinem dieser Länder aktiv sind.

Mit fast 40 Prozent wachsen immer mehr Familienunternehmen auch durch Akquisitionen. Die Studie belegt: Fast ein Fünftel der Befragten gründen und kaufen Konkurrenten im In- und Ausland, einem Drittel der Unternehmer sind ausländische Übernahmen zu heikel und ein Viertel schließt Übernahmen ohnehin komplett aus, sie wachsen nur organisch und in der Heimat.

Insgesamt blicken die Familienunternehmen auf erfolgreiche Geschäftsjahre zurück. Drei Viertel der befragten 461 Familienunternehmen konnten ihre Umsätze in den letzten fünf Jahren steigern, ein Viertel sogar stark. Parallel dazu bauten 63 % der Unternehmen ihre Mitarbeiteranzahl aus, 67 % steigerten ihr Anlage- und Umlaufvermögen. Auch im Hinblick auf die Profitabilität blicken die befragten Familienunternehmen durchaus auf erfolgreiche fünf Jahre zurück: Knapp die Hälfte der Gesellschaften konnte ihre Profitabilität steigern, 16 % mussten dagegen Einbußen in Kauf nehmen.

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