Modellbahn-Hersteller ist insolvent Fleischmann kann Pensionslast nicht mehr stemmen

33 Mitarbeiter mussten beim Modellbahn-Hersteller Fleischmann die Pensionen von über 600 Ehemaligen erwirtschaften. Das verkraftet das Unternehmen nicht mehr. Nun soll in der Insolvenz der Neustart gelingen.
Update: 05.08.2015 - 14:59 Uhr Kommentieren
Der Modellbahn-Hersteller aus dem bayerischen Heilsbronn hat Insolvenz angemeldet. Quelle: PR
Fleischmann-Lokomotive

Der Modellbahn-Hersteller aus dem bayerischen Heilsbronn hat Insolvenz angemeldet.

(Foto: PR)

HeilsbronnIn vielen Kinderzimmern war es lange eine Glaubensfrage: Die einen schworen auf Märklin, für andere kamen nur Eisenbahnmodelle von Fleischmann infrage. Aber trotz der gespaltenen Modelleisenbahn-Szene – beide Hersteller haben lange Zeit von der Faszination der Babyboomer-Generation für die Miniatur-Welten gut gelebt. Dabei stellte sich oft die Frage, wem Väter die oft aufwendig gestalteten Modellbahn-Landschaften eigentlich unter den Tannenbaum legten: ihren Kindern – oder nicht eher sich selbst. Oft hatten allein schon die Hochglanz-Kataloge der beiden Hersteller mit den neuesten Loks und D-Zugwagen Kultstatus.

Die Zeiten sind längst vorbei. Märklin hat in den vergangenen 20 Jahren immer neue Krisen durchlebt, bevor das Unternehmen vor eineinhalb Jahren bei der Fürther Simba-Dickie-Gruppe unterkam. Und auch Fleischmann ist in den vergangenen elf Jahren unter dem Druck hoher Personalkosten immer stärker geschrumpft – von einst 600 Mitarbeitern auf zuletzt 33. Am Standort im bayerischen Landkreis Ansbach sind nur noch Entwickler, Konstrukteure und Marketingfachleute beschäftigt. Produzieren lässt das Unternehmen längst im Ausland. Zuletzt lag der Umsatz bei 15 Millionen Euro.

Jetzt, nachdem viele Fleischmann über den Berg glaubten, blieb dem Unternehmen nun doch ein Insolvenzverfahren nicht erspart. Unter dem Druck hoher Pensionslasten war die im fränkischen Heilsbronn sitzende Gebrüder Fleischmann GmbH Co KG am Dienstag zum Gang zum Konkursrichter gezwungen, wie der Sprecher des Fleischmann-Mutterunternehmens, der Salzburger Modelleisenbahn Gruppe, Michael Prock, am Mittwoch sagte.

Die bisherige Unternehmensführung versucht nun zusammen mit dem vorläufigen Insolvenzverwalter Maximilian Breitling, das 128 Jahre alte Traditionsunternehmen zukunftssicher zu machen. Entlastet von Pensionszahlungen, die in solchen Fällen gewöhnlich vom Pensions-Sicherungs-Verein PSVaG übernommen werden, soll das Unternehmen in die Lage versetzt werden, „seinen Betrieb wirtschaftlich stabil fortzusetzen“. Die Produktion von Loks, Wagen, Gleisen und Zubehör laufe unvermindert weiter, versicherte Prock.

Längst sind aber nicht nur die Modelleisenbahnbauer in Schwierigkeiten geraten. So hat auch das Boomspielzeug der 1960er und 1970er Jahre, die Carrera-Autobahn, turbulente Zeiten durchgemacht. Und erst im Juni musste der Kettcar-Hersteller Kettler Insolvenz anmelden. Firmengründer Heinz Kettler hatte das Unternehmen aus dem sauerländischen Ense nach dem Zweiten Weltkrieg zu einem der führenden Hersteller von Sportgeräten, Fahrrädern und Gartenmöbel ausgebaut. Das bekannteste Produkt ist bis heute das Tretauto Kettcar, bis das Unternehmen im Frühsommer wegen wirtschaftlicher Probleme die Notbremse ziehen musste.

Diese Traditionsfirmen gingen insolvent
Beate Uhse (2017)
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Der Erotik-Händler Beate Uhse setzte auf falsche Strategien und verschlief Trends. Die Folge: 18 Jahre nach seinem Börsengang im Jahr 1999 beantragte das Unternehmen im Dezember 2017 Insolvenz in Eigenregie. Parallel läuft nun der Verkaufsprozess. Beate Uhse wurde 1946 von der früheren Luftwaffenpilotin Beate Rotermund-Uhse gegründet, 1962 eröffnete ihr Unternehmen in Flensburg den ersten Sexshop der Welt.

Air Berlin (2017)
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Selten wurde eine Insolvenz so intensiv öffentlich ausgebreitet wie bei Air Berlin. Seit sich die zweitgrößte deutsche Fluggesellschaft im August 2017 für zahlungsunfähig erklärte, verschwand der Konzern nicht mehr aus den Schlagzeilen. Die Firmenpleite war wohl die spektakulärste des Jahres 2017, dabei kam sie nicht mal überraschend: Es galt als sicher, dass Air Berlin das Jahr nicht in seiner bisherigen Form überleben würde. Die roten Schokoherzen der 1978 gegründeten Fluggesellschaft sind jetzt Sammlerstücke.

Solarworld (2017)
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Die 1988 gegründete Solarworld AG musste nach sechs verlustreichen Jahren im Mai 2017 Insolvenz anmelden. Der Gründer und Chef des Photovoltaikkonzerns, Frank Asbeck, kaufte einige Monate später die beiden deutschen Fabriken und mehrere Tochtergesellschaften im Ausland. Investoren aus Katar unterstützen Asbeck bei dieser Teilrettung.

Alno (2017)
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Für die 410 Mitarbeiter des insolventen Küchenherstellers Alno gab es Ende des Jahres 2017 doch noch eine gute Nachricht. Finanzinvestor River Rock kaufte den Konzern für 20 Millionen Euro und will den Betrieb, der schon längst eingestellt war, weiterlaufen lassen. Damit können fast alle Mitarbeiter mit dem Erhalt ihres Arbeitsplatzes rechnen – obwohl sie zuvor nach Hause geschickt worden waren. Lange Zeit war kein Käufer in Sicht. Alno wurde 1927 als Schreinerei in Wangen bei Göppingen gegründet, der Name stammt von Gründer Albert Nothdurft.

Deutsche Touring (2017)
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Die fast 70 Jahre alte Deutsche Touring musste im April 2017 wegen drohender Zahlungsunfähigkeit den Gang zum Amtsgericht antreten. Das 1948 gegründete Unternehmen wollte sich neu aufstellen, um auch künftig in der von einem aggressiven Preiswettbewerb gekennzeichneten Branche bestehen zu können. Der Fernreisebus-Anbieter aus Eschborn bei Frankfurt betreibt nach eigenen Angaben 260 Linien und Zubringerstrecken in 34 europäischen Ländern. Im August 2017 übernahm der langjährige Partner CroatiaBus/Globtour den Geschäftsbetrieb und führt den Linienverkehr fort.

Mifa (2014 und 2017)
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Der Fahrradhersteller Mifa aus Sachsen-Anhalt meldete im September 2014 Insolvenz in Eigenverwaltung an. Im Dezember 2014 übernahm die Unternehmerfamilie Nathusius den Fahrradhersteller. Im Dezember 2016 wurde ein neues Werk in Sangerhausen eröffnet. Doch schon im Januar 2017 musste Mifa überraschend erneut Insolvenz anmelden. Nach dem Verkauf an den Unternehmer Stefan Zubcic nahm das Unternehmen unter dem neuen Namen Sachsenring Bike Manufaktur im August 2017 die Produktion wieder auf.

Sinn-Leffers (2008 und 2016)
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Die Modekette Sinn-Leffers hat im September 2016 erneut Insolvenzantrag gestellt. Die beiden traditionsreichen Modehändler Sinn und Leffers hatten 1997 fusioniert, von 2001 bis 2005 gehörte das Unternehmen zum Essener Karstadt-Quelle-Konzern, bis es von der Deutschen Industrie Holding (DIH) übernommen wurde. 2008 ging Sinn-Leffers schon einmal in die Insolvenz, bei der rund die Hälfte der Filialen geschlossen wurde. 2013 übernahm der Textilunternehmer Gerhard Wöhrl die Kette. Im Juli 2017 wurde das zweite Insolvenzverfahren aufgehoben.

Bei den Modellbahner-Herstellern beobachten Branchenkenner wie Steffen Kahnt vom Bundesverband des Spielwaren-Einzelhandelsverbandes (BVS) inzwischen eine „Stabilisierungsphase“. Thomas Kohnen vom Händlerverband idee+spiel sieht das zwar ähnlich, glaubt aber auch: „Großes Wachstum ist da aber nicht drin.“ Nach seiner Ansicht hat das drei Gründe: Das Image der Modelleisenbahn sei angestaubt. Zudem sei das Angebot an Modellbahnprodukten zu groß und zu teuer. Eine digitale Lok koste leicht 500 Euro. „Wenn sich ein Kind als Modellliebhaber bekennt, kommt das einem Outing gleich“, berichtet Kohnen. Modellbahnhersteller versuchen daher immer häufiger, das bei Kids beliebte Smartphone ins Spiel zu bringen.

  • dpa
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